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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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108

Die erste Zeit nach seiner Ankunft war Nikolai ernst und sogar verdrießlich. Die Notwendigkeit, sich in diese einfältigen Wirtschaftsangelegenheiten zu mischen, war ihm peinlich. Um sich die Sache schnell vom Halse zu schaffen, ging er am dritten Tage zornig und ohne auf die Frage, wohin er gehe, zu antworten, mit finsterer Miene in das Nebengebäude zu Mitenka und verlangte die Bücher und Rechnungen zu sehen. Aber die Abrechnung dauerte nicht lange. Der Aufseher und der Schreiber, welche im Vorhaus warteten, hörten mit einem Gemisch von Schrecken und Vergnügen, wie der junge Graf lärmte. Sie vernahmen schreckliche Schimpfworte in rascher Folge.

»Räuber! Undankbares Pack! . . . Ich schlage den Hund nieder! . . . Hat geraubt und gestohlen! . . .« Und so weiter. Dann sahen die Leute mit demselben Schrecken und Vergnügen, wie der junge Graf mit rotem Gesicht Mitenka am Kragen hinauszog, ihn mit den Füßen und dem Knie stieß und schrie: »Hinaus! Lasse dich nicht wieder sehen, Schurke!« Mitenka flog die sechs Stufen hinab und lief in ein Gebüsch, in dem er sich immer verbarg, wenn er betrunken aus der Stadt kam und welches vielen Bewohnern von Otradno als Zuflucht vor Mitenkas Zorn bekannt war. Die Frau Mitenkas und ihre Schwester kamen aus dem Wohnzimmer erschrocken auf den Flur hinausgelaufen. Nikolai lief wutschnaubend an ihnen vorüber, ohne auf sie zu achten.

Die Gräfin erfuhr sogleich durch ihre Zofe, was im Nebengebäude vorgegangen war. Einerseits war sie nun darüber beruhigt, daß jetzt ihre Vermögensumstände sich bessern werden, andererseits aber war sie besorgt, daß der Zorn ihrem Sohn schaden könne. Sie ging mehrmals auf den Zehenspitzen nach seinem Zimmer und horchte.

Am andern Tag rief der alte Graf seinen Sohn zu sich und sagte ihm mit schüchternem Lächeln: »Weißt du, mein Seelchen, du hast dich unnütz geärgert. Mitenka hat mir alles aufgeklärt.«

»Ich weiß«, dachte Nikolai, »daß ich in dieser einfältigen Welt niemals etwas begreifen werde.«

»Du bist zornig darüber geworden, daß er diese siebenhundert Rubel nicht einschrieb, aber er hat sie im Transport mit aufgeführt, und du hast die andere Seite nicht angesehen.«

»Papa, er ist ein Schurke und Räuber, das weiß ich, und was ich getan habe, das habe ich getan, aber wenn Sie wollen, werde ich ihm nichts weiter darüber sagen.«

»Nein, mein Seelchen«, erwiderte der alte Graf verwirrt und verlegen, weil er fühlte, daß er ein schlechter Verwalter und Frau und Kindern gegenüber nicht vorwurfsfrei war, »nein, ich bitte dich, nimm dich der Geschäfte an! Ich bin schon alt, ich . . . ich . . .«

»Nein, Papachen, entschuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten verursacht habe, aber ich verstehe noch weniger als Sie davon.«

»Zum Teufel mit diesem Bauernvolk, diesen Geldsachen und Büchern«, dachte er, »ich verstehe nichts davon!« Von dieser Zeit an mischte er sich nicht mehr in die Geschäfte ein. Nur einmal berief die Gräfin ihren Sohn zu sich und teilte ihm mit, daß sie einen Wechsel von Anna Michailowna über zweitausend Rubel besitze, und fragte Nikolai, wie sie damit verfahren solle.

»Das ist einfach«, erwiderte Nikolai. »Sie sagen mir, das hänge von mir ab? Nun, ich liebe weder Anna Michailowna noch Boris, aber sie sind mit uns befreundet und arm, also sehen Sie!« Er zerriß den Wechsel, und die alte Gräfin vergoß Freudentränen darüber. Für die Folge aber kümmerte er sich durchaus nicht mehr um irgendwelche Geschäftsangelegenheiten und überließ sich mit Leidenschaft dem ihm noch neuen Vergnügen der Jagd, welche der alte Graf auf großem Fuß unterhielt.

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