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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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107

Die biblische Überlieferung sagt, daß die Freiheit von aller Arbeit, der Müßiggang, die Vorbedingung des wonnigen Zustandes des ersten Menschen vor dem Sündenfall gewesen sei. Die Liebe zum Müßiggang blieb dann auch dem gefallenen Menschen, aber der Fluch lastet noch immer auf ihm, nicht nur deshalb, weil wir im Schweiße unseres Angesichts unser Brot essen sollen, sondern auch deshalb, weil wir nach unseren Charaktereigenschaften nicht ruhig und müßig sein können. Eine geheime Stimme klagt uns an, wenn wir müßig sind. Wenn der Mensch einen Zustand finden könnte, in dem er müßig sein und zugleich sich für nutzbringend und pflichtgetreu anerkennen könnte, so hätte er die eine Seite der Grundlage des Wohls gewonnen. Einen solchen Zustand des gebotenen und vorwurfsfreien Müßiggangs genießt ein Stand – der Kriegerstand. In diesem gebotenen und vorwurfsfreien Müßiggang besteht und wird bestehen die hauptsächlichste Anziehungskraft des Kriegsdienstes. Nikolai Rostow genoß diese Wonne, während er im Pawlogradschen Regiment noch 1807 weiterdiente. Er befehligte schon eine Schwadron, die er von Denissow übernommen hatte. Rostow war ein kräftiger, guter Junge geworden, dessen Ton die Moskauer Bekannten vielleicht etwas rauh gefunden hätten, der aber von seinen Kameraden und Vorgesetzten geliebt und geachtet wurde, und mit seinem Leben zufrieden war. In den Briefen aus der Heimat fand er mehr und mehr Klagen der Mutter darüber, daß die Verhältnisse schlechter und schlechter wurden und es Zeit sei, nach Hause zu kommen, zur Freude seiner alten Eltern.

Beim Lesen dieser Briefe empfand Nikolai die Befürchtung, daß man ihn aus dieser Mitte, in der er so ruhig lebte, entführen wollte. Er fühlte, daß er früher oder später wieder zurückkehren müsse in dieses alte Leben mit den zerrütteten und notdürftig wieder aufgebesserten Umständen, mit den Abrechnungen der Verwalter, mit Streit, Intrigen, Freundschaften, Gesellschaften, mit der Liebe zu Sonja und dem Verlöbnis mit ihr. Alles war voll Verwirrung und Schwierigkeiten, und er antwortete auf die Briefe der Mutter kühl, in klassischem Französisch. Die Briefe fingen an mit »liebe Mutter« und schlossen »Ihr gehorsamer Sohn«, darüber aber schwieg er, wann er zurückkehren wolle. Im Jahre 1810 erhielt er einen Brief aus der Heimat mit der Nachricht von der Verlobung Natalies mit Bolkonsky und von dem Aufschub der Hochzeit auf ein Jahr, weil der alte Fürst nicht einwilligen wolle. Nikolai las das mit Zorn. Er dachte mit Trauer daran, Natalie zu verlieren, die er von allen Familienmitgliedern am meisten liebte. Von seinem Husarenstandpunkt aus bedauerte er, daß er nicht dabei zugegen war, denn er hätte diesem Bolkonsky klargemacht, daß die Verwandtschaft mit ihm durchaus keine so große Ehre sei, und wenn er Natalie liebe, so könne er auch die Erlaubnis seines halb verrückten Vaters entbehren. Er schwankte, ob er nicht Urlaub erbitten sollte, um Natalie als Braut zu sehen. Aber es standen Manöver bevor, er dachte auch an Sonja und schob die Sache wieder auf.

Im Frühjahr dieses Jahres erhielt er einen Brief von seiner Mutter, der ihn zum Entschluß brachte. Sie schrieb ohne Wissen des Grafen, wenn Nikolai nicht komme und sich der Geschäfte annehme, so werde das ganze Gut unter den Hammer kommen. Der Graf sei so schwach und gutmütig und verlasse sich auf Mitenka und werde so sehr bestohlen, daß es immer schlimmer und schlimmer gehe. »Um Gottes willen, komme schnell, wenn Du nicht mich und Deine ganze Familie unglücklich machen willst!« schrieb die Gräfin.

Dieser Brief war entscheidend. Jetzt mußte er fahren, und wenn er deshalb seinen Abschied nehmen sollte. Seinem Burschen sowie den Kameraden, die ihn abends besuchten, kündigte er an, er werde Urlaub erbitten und nach Hause fahren. Gern hätte er sich noch beim Stab erkundigt, ob er zum Rittmeister befördert worden sei, ob er den Annenorden für das letzte Manöver erhalten habe; gern hätte er auch zuvor noch dem Grafen Goluchowsky ein Dreigespann verkauft, das der polnische Graf von ihm haben wollte, und es fiel ihm sehr schwer, nicht mit auf dem Ball sein zu können, den die Husaren geben wollten, den Ulanen zum Trotz. Aber er wußte, daß er aus dieser schönen, hellen Welt fort mußte, dahin, wo nur Unsinn und Konfusion herrschte. Nach einer Woche erhielt er Urlaub. Die Kameraden gaben ihm ein Abschiedsdiner zu fünfzehn Rubel das Kuvert, wobei zwei Musikkorps spielten und zwei Sängerchöre sangen. Rostow tanzte Trepak mit dem Major Bassow. Die betrunkenen Offiziere umarmten schwankend Rostow und warfen ihn um, die Soldaten der dritten Schwadron hoben ihn auf die Arme und schrien Hurra. Dann wurde Rostow in den Schlitten gelegt und bis zur nächsten Station begleitet. Bis zur Hälfte des Wegs von Krementschug bis Kiew weilten alle Gedanken Rostows noch an dem Ort, den er verlassen hatte. Aber nachdem er die Hälfte überschritten hatte, vergaß er, was hinter ihm lag, und dachte nur mit Unruhe daran, was er auf dem elterlichen Gut Otradno vorfinden sollte, wo seine Eltern sich aufhielten. Auf der letzten Station vor Otradno gab er dem Kutscher drei Rubel Trinkgeld, und bald lief er keuchend die Stufen vor dem elterlichen Hause hinauf.

Nach dem ersten Entzücken und nach jenem seltsamen Gefühl der Enttäuschung im Vergleich mit dem, was man erwartet hatte, lebte sich Nikolai in die alte Welt wieder ein. Vater und Mutter waren dieselben, nur etwas gealtert. Neu war ihm an ihnen nur eine gewisse Unruhe und zuweilen eine Meinungsverschiedenheit, wie er sie früher nicht gekannt hatte, und die von den schlechten Umständen verursacht wurde, wie Nikolai bald erkannte. Sonja war zwanzig Jahre alt, sie wurde nicht mehr hübscher und versprach nicht mehr, als was schon in ihr war, aber auch das war genug. Sie war voll Glück und Liebe, als Nikolai ankam, und die treue, unerschütterliche Liebe dieses Mädchens wirkte freudig auf ihn ein. Der kleine Peter war schon ein großer, dreizehnjähriger, hübscher, vergnügter und mutwilliger Junge, dessen Stimme schon brach. Über Natalie wunderte sich Nikolai am meisten.

»Ganz verändert!« sagte er lachend.

»Wie? Bin ich häßlich geworden?«

»Im Gegenteil, aber ich bemerke eine gewisse Würde – Fürstin«, flüsterte er.

»Ja, ja, ja«, erwiderte Natalie freudig. Sie erzählte ihm ihren Roman mit dem Fürsten Andree und zeigte ihm seinen letzten Brief.

»Bist du erfreut darüber?« fragte Natalie. »Ich bin jetzt so ruhig und glücklich.«

»Ich freue mich sehr«, erwiderte Nikolai, »er ist ein vortrefflicher Mensch. Liebst du ihn sehr?«

»Wie soll ich es dir sagen?« erwiderte Natalie. »Ich war verliebt in Boris, in den Lehrer, in Denissow, aber das war alles nicht das Richtige. Jetzt bin ich ruhig und zuversichtlich, ich weiß, daß es keinen besseren Menschen gibt.«

Nikolai sprach Natalie sein Mißfallen darüber aus, daß die Hochzeit auf ein Jahr aufgeschoben war, aber sie bewies ihm mit Eifer, daß das nicht anders sein könne, daß es nicht angehe, in die Familie einzutreten gegen den Willen des Vaters. Nikolai stimmte ihr bei. Er war verwundert über ihre ruhige Heiterkeit, glaubte aber nicht, daß ihr Schicksal schon entschieden sei.

»Wozu dieser Aufschub, und warum keine kirchliche Verlobung?« dachte er. Zu seiner Verwunderung bemerkte er, daß auch die Mutter zuweilen dieselben Gedanken hatte. »Lies, was er schreibt«, sagte die Gräfin mit jenem verborgenen Gefühl der Mißgunst, das die Mütter immer gegen das zukünftige Eheglück ihrer Töchter hegen. »Er schreibt, er könne vor Dezember nicht kommen. Was kann ihn dort zurückhalten? Wahrscheinlich Krankheit, seine Gesundheit ist sehr schwach. Gott gebe, daß alles noch gut wird!« schloß sie jedesmal. »Er ist ein vortrefflicher Mensch.«

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