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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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103

Zur Hochzeit war die Einwilligung des Vaters nötig, und deshalb reiste Fürst Andree am folgenden Tage ab zu seinem Vater.

Der alte Fürst nahm die Mitteilung seines Sohnes mit äußerlicher Ruhe, aber innerlicher Wut auf. Er konnte nicht begreifen, daß jemand sein Leben ändern, ein neues Element in dasselbe einführen wollte, während sein Leben schon zu Ende ging.

»Wenn man mich nur leben lassen wollte, wie ich will, bis an mein Ende, nachher können sie machen, was sie wollen«, sagte der Alte zu sich selbst. Seinem Sohn gegenüber wandte er jedoch die Diplomatie an, die er in wichtigen Fällen beobachtete, er besprach die ganze Sache in ruhigem Ton. Erstens sei die Heirat nicht glänzend in bezug auf Reichtum und Vornehmheit, sagte er, zweitens sei Fürst Andree nicht mehr in der ersten Jugend und von schwacher Gesundheit, was er besonders betonte, sie aber sei noch sehr jung, drittens habe er einen Sohn, den man nicht den Weibsleuten überlassen könne. »Viertens endlich«, sagte der Alte, indem er seinen Sohn spöttisch anblickte, »muß ich dich bitten, die Sache noch ein Jahr aufzuschieben. Fahre ins Ausland, stärke deine Gesundheit, suche einen passenden Deutschen für den Fürsten Nikolai, und dann, wenn die Liebe, die Leidenschaft und was noch alles so groß sind, dann heirate. Und das ist mein letztes Wort, hörst du, mein letztes!« schloß der Fürst in einem Ton, mit dem er ausdrückte, daß ihn nichts von seinem Entschluß abbringen könne.

Fürst Andree sah klar, daß der Alte hoffte, seine Gefühle für seine zukünftige Braut werden die Probe eines Jahres nicht aushalten, oder er selbst, der alte Fürst, werde während dieser Zeit sterben, deshalb beschloß er, den Willen seines Vaters zu erfüllen, seinen Antrag zu machen und die Hochzeit auf ein Jahr aufzuschieben.

Drei Wochen nach seinem letzten Besuch bei Rostows kehrte Fürst Andree nach Petersburg zurück.

Den ganzen Tag nach dem letzten Besuch des Fürsten erwartete ihn Natalie vergebens, der zweite und dritte Tag vermehrte die Spannung. Auch Peter kam nicht, und da Natalie nicht wußte, daß Fürst Andree zu seinem Vater gereist war, konnte sie sich sein Ausbleiben nicht erklären.

So vergingen drei Wochen, Natalie wollte nicht ausgehen und ging wie ein Schatten in den Zimmern umher. Am Abend weinte sie heimlich und ging nicht mehr zu ihrer Mutter. Sie wurde sehr reizbar, sie glaubte, alle wüßten von ihrer Enttäuschung, würden sie verlachen und bedauern, und ihr verwundeter Stolz vermehrte noch ihren Kummer.

Eines Abends ging sie zur Gräfin, und noch ehe sie sprechen konnte, brach sie in Tränen aus. Es waren Tränen eines beleidigten Kindes, das nicht weiß, warum es bestraft wurde.

Die Gräfin suchte Natalie zu beruhigen, und diese hörte anfangs ruhig zu, plötzlich aber unterbrach sie ihre Mutter.

»Hören Sie auf, Mama, ich will an nichts mehr denken! Er ist davongefahren und ausgeblieben!« . . . Ihre Stimme zitterte, aber sie fuhr fort: »Und ich will überhaupt nicht heiraten! Ich fürchte mich vor ihm, und jetzt habe ich mich ganz beruhigt.«

Am andern Tage legte Natalie ihr altes Kleid an und nahm wieder ihre frühere Lebensweise auf, von der sie nach dem Ball abgewichen war. Nach dem Tee ging sie in den Saal und begann ihre Gesangsübungen.

»Es ist auch gut so! Wozu noch daran denken?« sagte sie zu sich selbst, stand auf und ging im Saale auf und ab. Vor dem Spiegel blieb sie stehen und betrachtete sich selbst.

»Das bin ich«, sagte ihre Miene. »Nun, es ist gut, und ich habe niemand nötig.«

Ein Diener wollte eintreten, um etwas im Saale zu ordnen, aber sie ließ ihn nicht ein, schloß wieder die Tür hinter ihm und setzte ihren Spaziergang fort.

»Entzückend, diese Natalie!« wiederholte sie sich die Worte, die sie gehört hatte. »Schön, hübsche Stimme, jung, und sie stört niemand, man muß sie nur in Ruhe lassen!« Aber so sehr man sie auch in Ruhe ließ, sie konnte nicht ruhig sein und empfand dies sogleich selbst.

Im Vorzimmer wurde ein Tür geöffnet, jemand fragte: »Zu Hause?« Und dann vernahm sie Schritte.

Natalie blickte in den Spiegel, ihr Gesicht war bleich, sie hörte Geräusch im Vorzimmer. Das war er, sie wußte es, obgleich seine Stimme durch die verschlossene Tür kaum vernehmlich war.

Natalie eilte bleich und aufgeregt zur Tür.

»Mama, Bolkonsky ist gekommen!« rief sie. »Mama! Es ist schrecklich! Ich kann es nicht ertragen! Was soll ich tun?«

Noch ehe die Gräfin ihr antworten konnte, trat Fürst Andree mit besorgter, ernster Miene in den Salon. Sobald er Natalie erblickte, strahlte sein Gesicht, er küßte der Gräfin und Natalie die Hände und setzte sich neben den Diwan.

»Wir hatten lange nicht das Vergnügen«, begann die Gräfin, aber Fürst Andree unterbrach sie.

»Ich bin diese ganze Zeit über nicht gekommen, weil ich bei meinem Vater war. Ich hatte mit ihm eine sehr wichtige Sache zu besprechen, erst heute nacht bin ich zurückgekehrt«; sagte er, Natalie anblickend. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Gräfin« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.

Die Gräfin seufzte schwer und schlug die Augen nieder.

»Ich stehe zu Diensten«, sagte sie.

Natalie wußte, daß sie das Zimmer verlassen sollte, konnte sich aber nicht dazu entschließen, ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie blickte den Fürsten starr an.

»Jetzt, diesen Augenblick. Nein, das kann nicht sein!« dachte sie.

»Geh, Natalie, ich werde dich rufen!« flüsterte die Gräfin.

Natalie blickte mit erschreckten, bittenden Augen den Fürsten Andree und ihre Mutter an und ging.

»Ich bin gekommen, Frau Gräfin, um die Hand Ihrer Tochter zu bitten«, sagte Fürst Andree.

Die Gräfin fuhr zusammen. »Ihr Antrag . . .« begann sie mit Würde.

Er schwieg und sah sie erwartend an.

»Ihr Antrag . . .« sie wurde verwirrt . . . »ist uns angenehm! . . . Ich nehme Ihren Antrag an und freue mich sehr, und mein Mann, hoffe ich . . . Aber es hängt von ihr selbst ab . . .«

»Ich werde sogleich mit ihr sprechen, sobald ich Ihre Einwilligung habe. Werden Sie sie mir geben?« fragte Fürst Andree.

»Ja«, erwiderte die Gräfin, streckte ihm die Hand entgegen und mit einem gemischten Gefühl der Entfremdung und Zärtlichkeit drückte sie ihre Lippen auf seine Stirn, während er sich auf ihre Hand herabbeugte. Sie wünschte, ihn wie einen Sohn lieben zu können, aber sie konnte ein Gefühl des Zweifels und der Kälte nicht unterdrücken.

»Ich bin überzeugt, mein Mann wird einwilligen«, sagte die Gräfin. »Aber Ihr Vater?«

»Mein Vater, dem ich meine Absicht mitgeteilt habe, hat zur Bedingung gemacht, daß die Hochzeit nicht früher als in einem Jahr stattfinden soll, und das wollte ich Ihnen mitteilen«, sagte Fürst Andree.

»Es ist wahr, Natalie ist noch sehr jung, aber – so lange?«

»Es ist nicht anders möglich«, sagte Fürst Andree seufzend.

»Ich werde sie zu Ihnen senden«, sagte die Gräfin und verließ das Zimmer. Natalie saß bleich und mit trockenen Augen auf ihrem Bett, blickte nach dem Heiligenbild und bekreuzigte sich.

»Komm! Komm zu ihm!« sagte die Mutter. »Er hat um deine Hand angehalten.

Natalie fiel ihre Kälte auf. Später konnte sich Natalie nicht erinnern, wie sie in den Saal getreten war. Als sie ihn anblickte, blieb sie stehen. »Soll wirklich dieser Mann mir alles sein?« fragte sie sich selbst. »Ja, er allein ist mir teurer als alles auf der Welt!«

Fürst Andree kam ihr entgegen.

»Ich liebe Sie seit dem Augenblick, wo ich Sie zuerst gesehen habe! Darf ich hoffen?«

Er blickte sie an mit ernster Leidenschaft. Ihre Miene antwortete: Wozu fragen und zweifeln? Wozu sprechen, wenn man mit Worten nicht ausdrücken kann, was man empfindet. Sie näherte sich ihm. Er ergriff ihre Hand und küßte sie.

»Lieben Sie mich?«

»Ja«, erwiderte Natalie schluchzend und weinte.

»Warum? Was ist Ihnen?«

»Ach, ich bin so glücklich!« erwiderte sie durch Tränen lächelnd. Dann trat sie näher, überlegte einen Augenblick, als ob sie sich selbst fragte, ob sie dürfe – und küßte ihn.

Fürst Andree hielt ihre Hände und blickte ihr in die Augen und fand aber in seinem Herzen nicht mehr die frühere Liebe zu ihr. In seinem Innern hatte sich plötzlich etwas umgewandt, es war nicht mehr das frühere poetische Geheimnis voll Entzücken, sondern Mitleid mit ihrer Weiblichkeit und kindlichen Schwachheit, ein drohendes und zugleich freudiges Bewußtsein der Pflicht, die ihn auf immer mit ihr verband. Das jetzige Gefühl war nicht so hell und poetisch wie das frühere, aber ernster und stärker.

»Hat Ihnen Mama gesagt, daß es nicht früher als in einem Jahr sein kann?« fragte er.

»Ist es möglich, daß ich jetzt in dieser Minute Frau geworden bin, und diesem fremden, liebenswürdigen, klugen Mann, den selbst der Vater verehrt, gleichstehe? Ist es wahr, daß ich jetzt für jede Handlung und jedes Wort verantwortlich bin? Aber was hat er gefragt?«

»Nein«, antwortete sie, ohne sich zu erinnern, was er gefragt hatte.

»Vergeben Sie mir«, sagte Fürst Andree, »aber Sie sind so jung, und ich habe so viel im Leben gesehen, ich fürchte für Sie! Sie erkennen sich selbst noch nicht.«

Natalie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit auf seine Worte, bemühte sich aber vergeblich, ihren Sinn zu fassen.

»Wie schwer wird mir dieses Jahr sein, das mein Glück aufschiebt«, fuhr er fort. »Während dieser Zeit werden Sie sich selbst kennen lernen. Ich bitte Sie, nach einem Jahr mein Glück zu machen, aber Sie sind frei, unsere Verlobung bleibt geheim, und wenn Sie sich überzeugen sollten, daß Sie mich nicht lieben . . . oder . . .« sagte der Fürst mit gezwungenem Lächeln.

»Warum sagen Sie das?« unterbrach ihn Natalie.

»In einem Jahr werden Sie sich selbst kennen lernen.«

»Ein ganzes Jahr . . .?« rief plötzlich Natalie, welche jetzt erst begriff, daß die Hochzeit auf ein Jahr aufgeschoben werden solle. »Aber warum das?«

Er erklärte ihr den Grund dieses Aufschubs.

»Es ist schrecklich! Es ist schrecklich!« rief Natalie und brach in Tränen aus. »Ich werde sterben, wenn ich ein Jahr warten soll! Es ist unmöglich! Es ist entsetzlich!«

Sie blickte ihren Bräutigam an und las in seiner Miene Mitleid und Verwunderung.

»Nein, es ist gut«, sagte sie, ihre Tränen trocknend. »Ich bin so glücklich!« Der alte Graf und die Mutter traten ins Zimmer und segneten Braut und Bräutigam. Von diesem Tage an verkehrte Fürst Andree als Bräutigam bei ihnen.

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