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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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102

Am andern Tage erschien Fürst Andree wieder bei Rostows zu Tisch, da ihn der alte Graf dringend eingeladen hatte, und brachte den ganzen Tag dort zu. Alle im Hause wußten, warum der Fürst kam, und er suchte auch unverhohlen Natalies Gesellschaft. Die Gräfin blickte besorgt und mit ernster Miene den Fürsten an, wenn er mit Natalie sprach, und machte schüchtern einige undeutliche Bemerkungen, sowie er sich nach ihr umsah. Sonja fürchtete sich, Natalie zu verlassen, fürchtete aber auch, überflüssig zu sein, wenn sie bei ihr blieb. Natalie erbleichte in freudiger Erwartung, wenn sie auf einen Augenblick mit ihm allein blieb. Sie war erstaunt über Andrees Schüchternheit und fühlte, daß er ihr etwas sagen wollte, sich aber nicht dazu entschließen konnte.

Als der Fürst abends nach Hause fuhr, rief die Gräfin Natalie zu sich und fragte sie flüsternd: »Nun, was?«

»Mama, ich bitte Sie, fragen Sie mich jetzt nicht; ich kann nicht sprechen«, sagte Natalie.

Aber an diesem Abend lag Natalie bald aufgeregt, bald erschrocken mit starren Augen lang auf dem Bette der Mutter. Sie erzählte, wie er sie belobt habe, wie er ihr erzählt hatte, er werde ins Ausland reisen, und gefragt habe, wo sie diesen Sommer zubringen werden. Dann habe er sie nach Boris gefragt. »Aber solch ein Gefühl habe ich niemals gehabt«, sagte sie. »Ich fürchte mich immer in seiner Gegenwart! Was bedeutet das? Mama, schlafen Sie?«

»Nein, mein Kind. Ich bin selbst in Angst«, erwiderte sie.

»Nun, ich werde schlafen. Was ist das für eine Dummheit, zu schlafen! Mama, Mama, konnten wir das denken! Er mußte auch jetzt gerade nach Petersburg kommen, wo wir hier leben! Und dann mußten wir ihn auf dem Ball treffen. Das ist Schicksalsfügung! Schon damals, als ich ihn sah, hatte ich ein eigentümliches Gefühl.«

»Was hat er dir noch gesagt? Lies die Gedichte vor, die er in dein Album geschrieben hat!« sagte die Mama gedankenvoll.

»Mama, das ist doch keine Schande, daß er Witwer ist?«

»Unsinn, Natalie! Ehen werden im Himmel geschlossen«, sagte die Mutter.

Zu derselben Zeit saß Fürst Andree bei Peter und sprach von seiner Liebe und von seinem festen Entschluß, Natalie zu heiraten.

An diesem Abend war bei der Gräfin Helene eine Abendgesellschaft, welche von dem französischen Gesandten, von dem Prinzen, der in letzter Zeit häufiger Besucher der Gräfin war, und einer glänzenden Gesellschaft vornehmer Herren und Damen besucht war. Peter war unten, ging durch die Säle und fiel allen Gästen auf durch sein zerstreutes, düsteres Wesen. Zu dieser Zeit wurde Peter häufig von Hypochondrie befallen, die er verzweifelt bekämpfte. Seitdem der Prinz sich seiner Frau genähert hatte, war Peter ganz unerwartet zum Kammerherrn ernannt worden, und seit dieser Zeit empfand er eine peinliche Beschämung in der großen Welt, und immer häufiger stiegen Gedanken über die Eitelkeit der ganzen Menschheit in ihm auf. Um zwölf Uhr verließ er die Gemächer der Gräfin, setzte sich oben, in einem vollgerauchten, niedrigen Zimmer an den Tisch in einem abgetragenen Schlafrock und vertiefte sich in freimaurerische Studien, als jemand in das Zimmer trat. Es war Fürst Andree mit strahlender, entzückter Miene.

Im Egoismus seines Glücks sah er nicht die schwermütige Miene Peters.

»Nun, Freund«, sagte er, »gestern wollte ich dir etwas sagen, und deshalb bin ich heute gekommen. Ich habe niemals etwas Ähnliches empfunden, Ich bin verliebt, mein Freund!«

Peter ließ sich mit einem schweren Seufzer auf dem Diwan nieder, neben dem Fürsten Andree.

»In Natalie Rostow?« fragte er.

»Ja, ja, in wen sonst? Ich hätte es niemals geglaubt, daß dieses Gefühl stärker ist als ich. Erst jetzt fange ich an zu leben! Aber ich kann nicht ohne sie leben! Wird sie mich lieben können? Bin ich nicht zu alt für sie? Was meinst du?«

»Ich, ich?« sagte Peter, »Ich habe das immer gedacht. Dieses Mädchen ist solch ein Kleinod . . . ein seltenes Mädchen . . . Lieber Freund, ich bitte Sie, überlegen Sie nicht länger, werfen Sie alle Zweifel beiseite! Sie müssen heiraten! Heiraten! Heiraten! Und ich bin überzeugt, daß es keinen glücklicheren Menschen als Sie geben wird.«

»Aber sie?«

»Sie liebt Sie«, sagte Peter, »das weiß ich.«

»Nein, höre mich an!« sagte Fürst Andree. »Begreifst du meinen Zustand? Ich möchte jemand alles sagen.«

»Nun, nun sprechen Sie! Ich freue mich sehr!« sagte Peter, und wirklich veränderte sich seine Miene. Auch Fürst Andree schien ein ganz neuer Mensch zu sein. Wo war diese Schwermut, diese Verachtung des Lebens? Peter war der einzige Mensch, dem er sich entschließen konnte, alles anzuvertrauen und deshalb sagte er ihm auch alles, was er auf dem Herzen hatte. Er machte Pläne für die Zukunft, sprach davon, wie er sein Glück nicht der Laune seines Vaters opfern könne, wie er den Vater zur Einwilligung zu dieser Heirat bringen wolle.

»Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so lieben könne«, sagte Fürst Andree. »Die ganze Welt ist für mich in zwei Hälften geteilt, die eine ist sie, und dort herrscht Glück, Hoffnung und Licht, die andere Hälfte ist – alles, wo sie nicht ist, und dort herrscht Jammer und Finsternis.«

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