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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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101

Am andern Tage machte Fürst Andree Besuche in verschiedenen Häusern, wo er noch nie gewesen war und darunter auch bei Rostows. Es waren nicht nur die Gesetze der Höflichkeit, die in ihm den Wunsch rege machten, dieses lebhafte, eigentümliche Mädchen zu Hause zu sehen.

Natalie begegnete ihm zuerst. Sie trug ein blaues Hauskleid, in dem sie Fürst Andree noch vorteilhafter erschien als im Ballstaat. Fürst Andree wurde wie ein alter Freund, einfach und herzlich empfangen. Die ganze Familie, welche Fürst Andree früher so streng beurteilt hatte, erschien ihm jetzt in vorteilhaftem Licht. Der alte Graf lud ihn so herzlich zu Tisch ein, daß er nicht ablehnen konnte.

»Ja, es sind gute, vortreffliche Menschen«, dachte er. »Natürlich haben sie keine Ahnung davon, welchen Schatz sie in Natalie besitzen.«

Nach Tisch ging Natalie auf Fürst Andrees Bitte zum Klavier und sang. Fürst Andree stand beim Fenster und sprach mit den Damen, während er zuhörte. Plötzlich verstummte er und fühlte, wie Tränen in seine Kehle traten. Etwas Neues, Glückseliges ging beim Anblick Natalies in ihm vor. Er hatte durchaus keine Ursache zu weinen; war aber nahe daran. Warum? Um seine frühere Liebe? Um die kleine Fürstin? Um seine Enttäuschungen oder wegen seiner Hoffnungen für die Zukunft? . . . Ja und nein.

Als Natalie aufgehört hatte, zu singen, fragte sie ihn, wie ihm ihre Stimme gefalle und wurde darauf selbst verlegen über ihre Frage. Er lächelte und sagte, ihr Gesang gefalle ihm ebensogut wie alles, was sie tue. Spät am Abend kam Fürst Andree nach Hause und legte sich schlafen, sah aber bald ein, daß er nicht schlafen konnte. So freudig war ihm zumute als ob er aus einem dumpfen Zimmer in das freie Tageslicht gekommen wäre. Er dachte nicht an sie, er dachte nicht, daß er verliebt sei. Zum erstenmal nach langer Zeit begann er glückselige Pläne für die Zukunft zu machen. Er wollte sich der Erziehung seines Sohnes widmen und ihm einen Erzieher suchen, dann Urlaub nehmen und ins Ausland reisen, nach England, Italien und der Schweiz.

»Ich muß meine Freiheit benutzen, solange ich noch so viel Jugendkraft in mir fühle«, sagte er zu sich selbst. »Peter hatte recht, als er sagte, man müsse an die Möglichkeit des Glückes glauben, um glücklich zu sein, und jetzt glaube ich daran. Lasset die Toten ihre Toten begraben; solange man lebt, muß man leben und glücklich sein.«

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