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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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10

Der Fürst Wassil hatte das Versprechen, das er der Fürstin Drubezkoi gegeben hatte, nicht vergessen. Die Bitte wurde dem Kaiser vorgetragen und der Sohn der Fürstin ausnahmsweise als Leutnant in die Garde, in das Semenowsche Regiment aufgenommen. Aber trotz aller Anstrengungen seiner Mutter wurde Boris nicht Adjutant von Kutusow. Einige Zeit nach der Soiree kehrte die Fürstin nach Moskau, zu Rostows, ihren reichen Verwandten, zurück, wo sie sich immer aufhielt. Hier hatte ihr kleiner angebeteter Boris den größten Teil seiner Kindheit verlebt. Die Garde hatte Petersburg am 10. August verlassen, und der junge Mann, der in Moskau durch die Equipierung aufgehalten wurde, sollte sie in Radsiwilow einholen.

Es war ein Fest bei Rostow, man feierte den Namenstag der Mutter und der jüngsten Tochter Natalie. Eine lange Reihe Wagen brachte eine Menge Besucher nach dem Hause in der Pawarskajastraße. Die Gräfin empfing sie mit ihrer älteren Tochter, einem hübschen Mädchen, im Salon.

Die Mutter war eine Frau von fünfundvierzig Jahren, mit orientalischem Typus, magerem Gesicht und augenscheinlich etwas erschöpft durch die zwölf Kinder, die sie ihrem Manne geschenkt hatte. Ihre lässigen Bewegungen und langsames Sprechen, welche von ihrer Schwachheit herkamen, verliehen ihr ein imposantes Wesen. Die Fürstin Drubezkoi war bei ihr und half als Familienmitglied die Gäste zu empfangen und das Gespräch zu unterhalten. Die jungen Leute, denen nichts daran lag, an dem Empfang teilzunehmen, hielten sich in den inneren Zimmern auf. Der Graf ging den Ankommenden entgegen und lud sie alle zu Tisch ein.

»Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar, ma chère oder mon cher«, sagte er unabänderlich zu jedem, zu Niedrigstehenden so gut wie zu Höherstehenden, »ich sage Ihnen meinen Dank im Namen derjenigen, deren Namensfest wir feiern. Sie werden unfehlbar zum Diner kommen, nicht wahr? Sonst würden Sie mich beleidigen, mon cher. Ich bitte Sie, mit Ihrer ganzen Familie zu kommen, ma chère.« Er wiederholte genau dieselben Worte bei jeder Einladung und begleitete sie genau mit demselben Gesichtsausdruck. Darauf folgte dann Händedrücken und wiederholte Begrüßung. Nachdem er von den Abfahrenden sich verabschiedet, kam er zu denen zurück, die noch blieben, schob sich einen Lehnstuhl herbei, stellte die Beine vor sich und stützte die Hände auf die Knie. Bald wandte er sich rechts, bald links, wie ein Mann, der Lebensart zu besitzen glaubt. Der Diener der Gräfin erschien an der Tür und meldete mit seiner Baßstimme: »Maria Lwowna Karagin!«

Die Gräfin überlegte einen Augenblick, indem sie aus einer goldenen Tabaksdose eine Prise nahm.

»Mein Gott, wie diese Besuche mich erschöpft haben! Und nun noch diese, sie ist so langweilig! Ich lasse bitten, einzutreten!« rief sie traurig dem Diener zu, als ob sie sagen wollte: »Oh, das wird mein Ende sein!«

Eine große, starke Dame mit hochmütiger Miene trat in den Salon, in Begleitung eines jungen Mädchens mit rundem und lachendem Gesicht. Man hörte das Rauschen ihrer Schleppkleider.

»Teuerste Gräfin! . . . Wie lange schon! . . . . Sie hat zu Bett gelegen, das arme Kind . . . auf dem Ball bei Rasumow und der Gräfin Apraxin . . . ich war so glücklich!«

Diese Höflichkeiten in abgebrochenen Sätzen mischten sich mit dem Rauschen der Kleider und dem Geräusch der herbeigerückten Stühle. Dann ging die Unterhaltung wohl oder übel vor sich, bis zu dem Augenblick, wo man bei einer ersten Pause sich mit Anstand erlauben konnte, die Sitzung aufzuheben und Abschied zu nehmen mit den stereotypen Redensarten: »Je suis bien charmée«, – »la santé de maman«, – »la comtesse Apraxine.«

Die Krankheit des alten Grafen Besuchow, eines der schönsten Männer der Zeit Katharinas, diente zum Stoff der Unterhaltung. Man sprach sogar auch von seinem natürlichen Sohne Peter, demselben, der sich auf der Soiree von Fräulein Scherer so ungeschickt benommen hatte.

»Ich beklage wirklich den armen Grafen«, sagte Madame Karagin, »seine Gesundheit ist so schwach, und einen Sohn zu haben, der ihm solchen Kummer macht!«

»Was für einen Kummer?« fragte die Gräfin, als ob sie nichts wüßte, während sie doch die Geschichte wenigstens schon fünfzehnmal gehört hatte.

»Das sind die Früchte der heutigen Erziehung! Der junge Mann ist sich ganz selbst überlassen gewesen, als er im Ausland war, und jetzt erzählt man schreckliche Geschichten, die er in Petersburg gemacht hatte, so daß er auf Befehl der Polizei die Stadt verlassen mußte.«

»Wirklich?« fragte die Gräfin.

»Er ist in schlechte Gesellschaft geraten«, fügte die Fürstin Drubezkoi hinzu, »und mit dem Sohn des Grafen Wassil und einem gewissen Dolochow zusammen haben sie Gräßlichkeiten begangen. Dolochow hat man zum Soldaten gemacht und den Sohn Besuchows nach Moskau verwiesen. Anatols Vater, Fürst Wassil Kuragin, ist es gelungen, den Skandal zu vertuschen, aber man hat ihn auch aus Petersburg verwiesen.

»Aber was haben sie denn gemacht?« fragte die Gräfin.

»Es sind wirkliche Räuber, besonders Dolochow«, erzählte Madame Karagin. »Stellen Sie sich vor, sie haben, ich weiß nicht wo, sich eines jungen Bären bemächtigt, ihn in ihrem Wagen zu Aktricen mitgenommen. Die Polizei wollte sie verhaften, aber denken Sie sich, sie haben den Polizeioffizier ergriffen, dem Bären auf den Rücken gebunden und ihn mit dem Polizisten auf dem Rücken in die Moika gejagt.«

»Ach, ma chère, wie spaßhaft muß der Mensch ausgesehen haben!« rief der Graf, laut auflachend.

»Aber das ist ganz abscheulich, dabei gibt es nichts zu lachen, cher comte!« rief Madame Karagin, und wider Willen platzte sie ebenso heraus wie der Graf.

»Es hat viel Mühe gekostet, den Unglücklichen zu retten, und wenn man bedenkt, daß der Sohn des Grafen Besuchow sich auf so unsinnige Weise amüsiert! Er galt doch für einen intelligenten, gut erzogenen Menschen! Nun, ich hoffe, man wird ihn nirgends empfangen, trotz seines Vermögens. Man hat ihn mir vorstellen wollen, aber ich habe diese Ehre sogleich abgelehnt; ich habe Töchter!«

»Wo haben Sie denn erfahren, daß er so reich ist?« fragte die Gräfin, indem sie den Fräulein den Rücken wandte, die sich sogleich anstellten, als ob sie nichts hörten. »Der alte Graf hat nur natürliche Kinder, und Peter ist eins davon, glaube ich.«

Madame Karagin machte eine Handbewegung. »Ich glaube, es sind ihrer zwanzig.«

Die Fürstin Drubezkoi, welche vor Verlangen glühte, mit ihren Beziehungen zu prahlen, ergriff das Wort und sagte leise mit wichtiger Miene: »Das will ich Ihnen sagen. Der Ruf des Grafen Besuchow ist bekannt. Er hat so viele Kinder, daß er selbst nicht die Zahl weiß, aber Peter ist sein Liebling.«

»Was für ein schöner Greis war er noch vor einem Jahr«, sagte die Gräfin. »Oh, er hat sich seitdem sehr verändert. Apropos, ich wollte Ihnen sagen, daß der nächste Erbe seines ganzen Vermögens der Fürst Wassil ist, durch seine Frau, aber der Alte hatte eine Vorliebe für Peter, hat sich viel mit seiner Erziehung beschäftigt und an den Kaiser über ihn geschrieben. Deshalb kann niemand sagen, wem von beiden die Erbschaft zufällt nach seinem Tod, den man in jedem Augenblick erwartet, Peter oder dem Fürsten Wassil. Das Vermögen ist kolossal, vierzigtausend Seelen und Millionen an barem Kapital. Ich weiß es aus sicherer Quelle, nämlich vom Fürsten Wassil selbst. Der alte Besuchow ist auch ein bißchen verwandt mit mir durch seine Mutter, und er ist der Taufpate von Boris«, fügte sie hinzu.

»Fürst Wassil ist seit gestern abend in Moskau. Er hat einen dienstlichen Auftrag erhalten.«

»Ja, aber unter uns gesagt, das ist nur ein Vorwand, er ist nur gekommen, weil er erfuhr, daß das Befinden des Grafen Besuchow schlimmer ist als je.«

»Aber die Geschichte ist doch sehr gut«, wiederholte der Graf lachend. »Sie kommen doch zu Tisch, nicht wahr, ma chère?«

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