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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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8

Prokop durfte nun täglich ein Stündchen das Bett verlassen. Noch schleppte er die Füße so sonderbar und war nicht eben redselig. Was immer man ihn fragte, er antwortete meist nur kurz und entschuldigte sich dabei mit einem scheuen Lächeln.

Zur Mittagsstunde – es war erst Anfang April – saß er meist im Hausgarten auf der Bank; neben ihm hockte der struppige Terrier Hansi, grinste breit unter seinem stets feuchten Schnauzbart, sichtlich stolz darauf, Gesellschaft leisten zu dürfen, und blinzelte vergnügt, wenn ihm Prokops narbige Linke den zottigen Kopf kraulte. Um diese Zeit kam der Doktor zumeist aus der Sprechstunde geeilt, so daß das Käppchen auf der blanken Glatze hin und her rutschte, hockte sich nieder und pflanzte Gemüsesetzlinge. Mit den dicken, kurzen Fingern zerbröckelte er die Erdbrocken, um den jungen Keimen sorgsam ein Lager zu bereiten. Jeden Augenblick suchte er etwas, wobei er ärgerlich brummte: Er habe irgendwo seine Tabakspfeife in ein Beet gesteckt und wisse nicht, wo. Da erhob sich Prokop und schritt mit dem Spürsinn eines Detektivs (er las jetzt im Bett immer Detektivgeschichten) auf die verschwundene Pfeife zu. Diesen Augenblick benutzte Hansi immer, um sich geräuschvoll zu schütteln.

Jetzt kam auch Anni, um Vaters Beete zu begießen. In der rechten Hand schleppte sie die volle Kanne, die linke hielt sie ausgestreckt von sich, um das Gleichgewicht zu halten. Ein silbriger Wasserschauer brauste über den lehmigen Boden, und wenn Hansi zufällig in der Nähe auftauchte, bekam er sein Teil ab, entweder auf die Hinterbacken oder auf seinen dummen lustigen Kopf. Dann quiekte er entsetzt auf und suchte bei Prokop Schutz.

Während des ganzen Morgens strömten Patienten in die Sprechstunde. Sie saßen im Wartezimmer, räusperten sich und starrten schweigend vor sich hin, jeder nur mit seiner Krankheit beschäftigt. Manchmal ertönte aus dem Ordinationszimmer ein durchdringender Schrei, wenn der Doktor einem Jungen einen Zahn zog. Dann flüchtete Anni in panischer Angst zu Prokop, zuckte aufgeregt mit den langen Wimpern und wartete so das Ende der gräßlichen Operation ab.

Anders war es, wenn vor dem Doktorhaus ein mit Stroh ausgepolsterter Wagen hielt und zwei Männer einen Schwerverletzten behutsam die Treppe hinauftrugen. Er hat eine zerquetschte Hand, ein gebrochenes Bein oder eine Schädelwunde von einem Hufschlag. Kalter Schweiß läuft dem Verwundeten über die bleiche Stirn herab, und er stöhnt in heldenhafter Selbstüberwindung. Tragische Stille lastete dann über dem ganzen Hause. Die dicke, fröhliche Magd ging auf den Zehenspitzen umher, Anni hatte verweinte Augen, und ihre Finger zitterten. Der Doktor kam in die Küche gestürzt, verlangte barschen Tones Rum, Wein oder Wasser und verbarg so das quälende Mitleid unter betonter Grobheit. Noch den ganzen nächsten Tag über war er schweigsam, ging mürrisch umher und knallte die Türen zu.

Aber es gab auch große Festtage, zum Beispiel die berühmte Kirmes jedes Landarztes: das Kinderimpfen. Hunderte von Müttern wiegten ihre plärrenden, quäkenden, schlafenden Bündel und belegten Wartezimmer, Flur, Küche und Garten. Anni war außer sich; sie hätte am liebsten alle die zahnlosen, vom vielen Schreien erschöpften, flaumhaarigen Säuglinge in einem Anfall begeisterter Mütterlichkeit in die Arme genommen, gewiegt und gewickelt. Auch die Glatze des alten Doktors strahlte festlicher denn je. Seit dem frühen Morgen ging er ohne Brille umher, um die Kleinen nicht zu erschrecken, und seine Augen verschwammen vor Müdigkeit und Freude.

Ein andermal wieder schrillte mitten in der Nacht die Glocke. Dann hörte man brummende Stimmen in der Tür, der Doktor schimpfte, der Kutscher Josef mußte einspannen. Irgendwo hinter einem erleuchteten Fenster des Dorfes kam dann ein neuer Mensch zur Welt. Erst gegen Morgen kehrte der Doktor todmüde, aber zufrieden heim, zehn Schritte weit nach Karbol riechend. So hatte ihn Anni am liebsten.

Es gab auch noch andere Geschöpfe im Haus. Da war die dicke, lachlustige Nanni in der Küche, die den ganzen Tag sang und lärmte oder sich vor Lachen bog. Der Kutscher Josef dagegen, der einen Hängeschnauzbart trug, galt als sehr ernsthaft. Man nannte ihn den Historiker, weil er gern Geschichtsbücher las und von allerlei historischen Geheimnissen der Gegend zu erzählen wußte. Ferner war da der Herrschaftsgärtner, ein großer Schürzenjäger, der täglich in den Garten des Doktors kam, um die Rosen zu okulieren, die Sträucher zu stutzen und die Köchin zu gefährlichen Lachkrämpfen zu verleiten. Nicht zu vergessen der schon erwähnte stichelhaarige, quietschlebendige Hansi, der nicht von Prokops Seite wich, Flöhe und Hühner jagte und besonders gern auf dem Bock des Wagens mitfuhr. Fritz, der alte, schon etwas ergraute Rappe, Freund der Kaninchen, ein rechtschaffenes, gutmütiges Pferd; seine warmen, empfindlichen Nüstern zu streicheln, war der Gipfel des Angenehmen. Der brünette Wirtschaftsadjunkt, über beide Ohren in Anni verliebt, die ihn, gemeinsam mit der Köchin, herzlos zum Narren hielt. Der Gutsdirektor, ein verschlagener Fuchs und alter Dieb, der gern mit dem Doktor eine Partie Schach spielte, wobei sich der Doktor ständig aufregte und immer verlor.

Prokop las viel oder tat, als wolle er lesen. Sein narbiges, schweres Gesicht drückte nur wenig aus, schon gar nichts über den verzweifelten und heimlichen Kampf mit dem gestörten Gedächtnis. Die Erinnerung an die letzten Arbeitsjahre hatte besonders arg gelitten, die einfachsten Formeln und Prozesse waren vergessen. Prokop notierte dann und wann an den Rand des Buches eine knappe Formel, die ihm gerade einfiel, wenn er am wenigsten daran dachte. Manchmal spielte er mit Anni Billard; das war ein Spiel, bei dem nicht viel gesprochen wurde. Auch Anni nahm etwas von seinem ledernen, undurchdringlichen Ernst an. Sie spielte konzentriert, die Brauen streng gefaltet, zog und traf die Kugel; aber wenn diese wider Erwarten anderswohin rollte, öffnete sie erstaunt den Mund und wies ihr mit der feuchten Zunge den rechten Weg.

Dann gab es die Abende bei Lampenschein. Wie immer redete der Doktor am meisten. Er war Naturwissenschaftler ohne jede Kenntnisse. Besonders die Welträtsel hatten es ihm angetan: Radioaktivität, Unendlichkeit des Raumes, Elektrizität, Relativität, Ursprung der Materie und das Alter der Menschheit. Er war ein geschworener Materialist und empfand ebendarum ein geheimnisvolles, süßes Gruseln vor den unlösbaren Welträtseln. Manchmal konnte Prokop nicht an sich halten und korrigierte die naiven Ansichten. Dann lauschte der alte Herr geradezu andächtig und begann Hochachtung für Prokop zu empfinden, besonders, wenn es für ihn unverständlich wurde, also etwa beim Resonanzpotential oder der Quantentheorie. Anni saß dabei, das Kinn auf die Tischplatte gestützt; sie war zwar schon ein wenig zu erwachsen dafür, aber offenbar hatte sie seit Mutters Tod zu reifen vergessen. Sie hielt ganz still und blickte nur mit großen Augen bald auf den Vater, bald auf Prokop.

Die Nächte waren still und weit wie überall auf dem Lande. Hin und wieder klirrten die Ketten im Kuhstall, schlugen nah oder fern die Hunde an; ein fallender Stern glitt über den Himmel, der Frühlingsregen rauschte im Garten, und der einsame Brunnen ließ silbrig klingende Tropfen fallen. Aus den Tiefen der Nacht wehte die reine Kühle durch das offene Fenster, und der Mensch versank in gesegneten, traumlosen Schlaf.

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