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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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7

Jemand zupfte ihn am Ärmel. »He!« sagte dieser Jemand. »Jetzt wird nicht mehr geschlafen!« Prokop öffnete die Augen und sah einen alten Herrn vor sich mit einer rosigen Glatze, weißem Spitzbart, goldener Brille auf der Stirn und ungemein lebhaften Augen. »Schlafen Sie jetzt nicht mehr weiter, Verehrtester«, sagte der alte Herr, »es ist übergenug; sonst erwachen Sie erst im Jenseits.«

Prokop musterte den alten Herrn mürrisch; er wollte lieber weiterschlafen. »Was soll ich?« fragte er unwillig. »Mit . . . mit wem habe ich überhaupt die Ehre?«

Der alte Herr begann zu lachen. »Bitte, Doktor Tomesch. Sie haben mich ja bisher nicht zur Kenntnis genommen. Tut nichts. Wie fühlen Sie sich?«

»Prokop«, brummte der Kranke unfreundlich.

»So, so«, meinte der Doktor zufrieden. »Und ich hätte Sie fast schon für das Dornröschen gehalten. Nun, Herr Ingenieur, ich muß Sie mir jetzt ansehen. Bitte, nur keine Grimassen!« Er zauberte unter Prokops Achsel ein Thermometer hervor und knurrte behaglich. »Fünfunddreißig acht. Sie sind wie eine Fliege. Wir müssen Sie auffüttern. Rühren Sie sich nicht!«

Prokop spürte auf der Brust eine kalte Glatze und ein kaltes Ohr, das von einer Schulter zur andern, vom Bauch zum Hals glitt, während ein aufmunterndes Brummen zu hören war.

»Ausgezeichnet«, sagte der Doktor schließlich und schob seine Brille herunter. »Rechts rasselt es noch ein wenig, und das Herz – na, das werden wir schon in Ordnung bringen.« Er beugte sich über Prokop, hob ihm mit beiden Daumen die Augenlider und drückte sie wieder hinunter. »Jetzt wird nicht mehr geschlafen«, sagte er und prüfte dabei die Pupillen. »Sie bekommen Bücher und werden lesen. Sie werden etwas essen, ein Gläschen Wein trinken und – rühren Sie sich nicht, ich beiße nicht.«

»Was fehlt mir?« fragte Prokop zaghaft.

Der Doktor richtete sich auf. »Jetzt nichts mehr. Sagen Sie, wie sind Sie eigentlich hierhergekommen?«

»Wohin hierher?«

»Hierher nach Teinitz. Wir haben Sie vom Fußboden aufgehoben und . . . Woher sind Sie denn gekommen?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, aus der Stadt«, besann sich Prokop.

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Per Bahn aus der Stadt! Mit einer Gehirnhautentzündung! Waren Sie bei Verstande? Wissen Sie überhaupt, was es war?«

»Nein.«

»Meningitis. Eine Schlafform von Meningitis. Und dazu noch Lungenentzündung. Vierzig Grad Fieber. In einem solchen Zustand macht man keine Ausflüge! Wissen Sie, daß Sie – zeigen Sie die rechte Hand her!«

»Das . . . das war bloß ein Kratzer«, wehrte Prokop ab.

»Ein schöner Kratzer! Blutvergiftung! Wenn Sie wieder gesund sind, will ich Ihnen sagen, daß Sie – daß Sie eine Mordseselei begangen haben. Entschuldigen Sie«, meinte er in würdevoller Entrüstung, »fast wäre mir was Gröberes entschlüpft. Ein gebildeter Mensch und weiß nicht, daß er genug für einen dreifachen Exitus in sich hat! Wie konnten Sie sich überhaupt auf den Beinen halten?«

»Ich weiß nicht«, flüsterte Prokop beschämt.

Der Doktor wollte weiterschimpfen, brummte aber nur und winkte ab. »Und wie fühlen Sie sich?« fragte er streng. »Etwas dumpf im Kopf, nicht wahr? Kein Gedächtnis. Und da, da«, er tippte an die Stirn, »irgendwie schwach, stimmt's?«

Prokop schwieg.

»Nun, Herr Ingenieur«, redete der Doktor eifrig weiter, »Sie brauchen sich das nicht sehr zu Herzen zu nehmen. Einige Zeit wird's schon noch dauern. Sie dürfen den Kopf nicht anstrengen. Nicht nachdenken. Es kommt wieder . . . Stück für Stück kommt's wieder. Vorübergehende Störung, eine schwache Amentia, verstanden?«

Der Doktor redete so laut, schwitzte und ereiferte sich derart, als gelte es, einen Taubstummen zu überzeugen. Prokop betrachtete ihn gespannt und fragte dann leise: »Ich bleibe also schwachsinnig?«

»Davon kann gar keine Rede sein«, widersprach der Doktor heftig. »Ganz ausgeschlossen! Bloß . . . zeitweise Gedächtnistrübung, Zerstreutheit, Mattigkeit und ähnliche Symptome. Störungen in der Koordination. Jetzt heißt es nur ausruhen. Vollkommene Ruhe. Nichts tun. Mein lieber Herr Ingenieur, danken Sie Gott, daß Sie es überhaupt überstanden haben.«

»Ja, überstanden!« wiederholte er nach einer Weile und blies freudig erregt in sein Taschentuch. »Einen solchen Fall habe ich noch nicht erlebt. Sie kamen im Delirium hier an, brachen zusammen, und aus war's! Was sollte ich mit Ihnen anfangen? Das Krankenhaus ist weit, das Mädel war außer sich . . . und dann, Sie waren doch als Gast zu . . . Georg, zum Sohn, gekommen. Wir haben Sie also hierbehalten, das ist doch selbstverständlich. Uns macht es nichts aus. Aber einen so unterhaltsamen Gast hatten wir noch nicht im Haus. Zwanzig Tage verschlafen, ganz schön! Als Ihnen mein Kollege, der Oberarzt, die Hand schnitt, wachten Sie erst gar nicht auf, wozu auch? Ein stiller Patient, das muß man sagen! Na, ist ja einerlei. Wenn Sie es nur überstanden haben.« Der Doktor klatschte sich heftig auf die Schenkel. »Aber, zum Teufel, schlafen Sie nicht mehr! Heda, Herr, jetzt wird nicht mehr geschlafen, sonst ist es für immer. Trachten Sie, es ein wenig zu überwinden! Wach bleiben, hören Sie!«

Prokop nickte matt; er fühlte, wie sich zwischen ihm und der Wirklichkeit Schleier spannten, wie alles verhüllt und trübe wurde und verstummte.

»Anni«, hörte er aus weiter Ferne eine aufgeregte Stimme, »bring Wein!« Rasche Schritte, ein Gespräch wie unter Wasser und der kühle Geschmack des Weines, der ihm die Kehle hinunterrann. Er öffnete die Augen und sah das Mädchen über sich gebeugt. »Sie dürfen nicht schlafen!« sagte sie angstvoll.

»Ich werde nicht schlafen«, entschuldigte sich Prokop kleinlaut.

»Das möchte ich mir auch ausgebeten haben«, polterte der Doktor am Bettrand. »Der Professor kommt eigens aus der Stadt zur Konsultation herüber; er soll sehen, daß wir Bader auf dem Lande auch etwas können. Sie müssen sich zusammennehmen.« Mit ungewöhnlicher Gewandtheit hob er Prokop hoch und ordnete die Kissen hinter seinem Rücken. »So, jetzt können Sie sitzen. Den Schlaf heben Sie sich bis nach dem Mittagessen auf. Ich muß in die Sprechstunde. Und du, Anni, setz dich hierher und plaudere ein wenig. Dein Mundwerk steht sonst auch nicht still. Wenn er wieder einschlafen sollte, ruf mich an. Ich werde ihm schon meine Meinung sagen.« In der Tür drehte er sich um und knurrte: »Aber – ich freue mich. Also, mach's gut!«

Prokops Blicke glitten zu dem Mädchen hin. Sie saß etwas abseits, die Hände im Schoß, und wußte beim besten Willen nicht, worüber sie reden sollte. Jetzt hob sie den Kopf und öffnete leicht die Lippen; gleich wird Prokop etwas zu hören bekommen. Aber noch schämte sie sich, verschluckte, was sie sagen wollte, und ließ den Kopf noch tiefer sinken. Man sah nur die langen Wimpern, die sich auf den zarten Wangen bewegten.

»Der Vater ist immer so heftig«, begann sie endlich zaghaft. »Er ist das . . . Herumschreien gewohnt . . . von den Patienten her.« Schon war ihr wieder der Faden ausgegangen. Da tauchte – wie gerufen – die Schürze zwischen den Fingern auf und ließ sich lange und vielfältig zusammenlegen.

»Was ist das für ein Geräusch?« fragte Prokop nach einer Weile.

Sie wandte den Kopf zum Fenster; sie hatte schönes, blondes Haar, das die Stirn erhellte; ein Lichtschimmer spielte auf den feuchten Lippen. »Das sind die Kühe«, erklärte sie. »Drüben liegt das Gut der Herrschaft. Dieses Haus gehört auch der Herrschaft. Der Vater hat ein Pferd und einen Wagen . . . Fritz heißt es.«

Prokop nickte und lauschte.

»Waren Sie noch nie in Teinitz? Hier gibt es nur Alleen und Felder . . . Solange die Mutter noch lebte, da war Leben im Haus. – Da kam auch Georg öfter . . . Jetzt war er schon über ein Jahr nicht mehr bei uns. Man darf nicht einmal seinen Namen nennen. – Sehen Sie ihn oft?«

Prokop verneinte entschieden.

Das Mädchen seufzte und überlegte. »Er ist so . . . ich weiß nicht – so merkwürdig. Zu Hause ging er mit den Händen in den Hosentaschen herum und langweilte sich immer nur . . . Gewiß, es ist nichts los hier, aber . . . Der Vater ist froh, daß Sie dageblieben sind«, beendete sie rasch und ein wenig unzusammenhängend das Gespräch.

Auf dem Hofe draußen begann heiser und komisch ein junger Hahn zu krähen. Plötzlich schienen die Hühner in Aufruhr geraten zu sein, man hörte ihr aufgeregtes »Ko-ko-ko« und das triumphierend kläffende Bellen des Hundes. Das Mädchen sprang auf. »Hansi jagt die Hühner!« Aber sie setzte sich gleich wieder, entschlossen, die Hühner ihrem Schicksal zu überlassen. Es herrschte eine angenehme, klare Stille.

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen soll«, sagte sie nach einer Weile mit schöner Offenherzigkeit. »Ich werde Ihnen aus der Zeitung vorlesen, wollen Sie?«

Prokop lächelte. Und schon war sie mit der Zeitung da und begann mutig mit dem Leitartikel. Finanzielles Gleichgewicht, Staatsbudget, ungedeckte Kredite . . . Die liebliche, unsichere Stimme las ruhig die ernsthaftesten Dinge vor. Prokop, der gar nicht zuhörte, fühlte sich wohler, als wenn er tief geschlafen hätte.

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