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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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5

Er mußte zweieinhalb Stunden auf dem Bahnhof warten und setzte sich, zitternd vor Kälte, in die Vorhalle. Als er die Augen schloß, war ihm, als ob die schmerzende Hand wachse, immer größer werde, nun war sie so groß wie ein Kopf, wie ein Kürbis; in ihrer ganzen Ausdehnung zuckte und zwackte glühend das wunde Fleisch. Dabei war ihm übel bis zum Erbrechen; unaufhörlich trat ihm der kalte Angstschweiß auf die Stirn. Er konnte nicht auf die schmutzigen, angespuckten Steinkacheln hinuntersehen, ohne daß sich ihm der Magen hob. Er stellte den Kragen hoch und verfiel in Halbschlaf, allmählich von grenzenloser Gleichgültigkeit bezwungen. Er träumte, er sei wieder Soldat und liege verwundet irgendwo im weiten Feld; wo – wo kämpft man denn immer noch? Da tönte ihm eine schrille Glocke in die Ohren und jemand rief: »Teinitz, Dux, einsteigen!«

Nun saß er im Abteil beim Fenster und fühlte eine unbändige Fröhlichkeit, als hätte er jemand überlistet, als wäre er irgendwo entkommen: Jetzt fahre ich nach Teinitz, und nichts kann mich mehr davon abhalten! Er kicherte fast vor Freude und machte es sich auf seinem Eckplatz bequem. Er durfte nicht zum Fenster hinaussehen, sonst schwindelte ihn. Ratata, Ratata, Ratata stampfte der Zug; alles ratterte, trommelte, dröhnte in fiebriger Hast. Fahre nur, fahre nur, fahre nur, skandierte Prokop mit dem Stoßen der Räder; rascher noch, rascher noch. Der Zug erwärmte sich durch seine eigene Geschwindigkeit; es wurde drückend heiß. Prokop schwitzte.

Er wandte sich zum Fenster; darin tauchte plötzlich ein menschliches Gesicht auf. Er wußte erst nicht, was ihn daran so stutzig machte; er starrte es an und erkannte einen zweiten Prokop, der ihn mit erschreckender Aufmerksamkeit musterte. Was will er? fragte sich Prokop entsetzt. Mein Gott, ich habe doch nicht das Päckchen in Tomeschs Wohnung vergessen? Rasch tastete er den Rock ab und fand es in der Brusttasche. Da begann das Gesicht im Fenster zu lächeln, und Prokop atmete erleichtert auf. Er hätte am liebsten den Mantel über den Kopf gezogen und geschlafen, aber er fürchtete, jemand könnte ihm den versiegelten Umschlag aus der Tasche ziehen. Dann übermannte ihn doch der Schlaf, er war unsäglich müde; nie hätte er gedacht, daß ein Mensch so müde sein kann. Er schlief ein, schreckte auf und schlief wieder ein. Plötzlich fuhr er hoch, emporgerissen von der fiebrigen Gewißheit, in Teinitz zu sein. Vielleicht hatte draußen jemand die Station ausgerufen, denn der Zug hielt.

Er lief hinaus und sah, daß es schon Abend war. Zwei, drei Leute stiegen auf dem kleinen Bahnhof mit den blinzelnden Laternen aus, hinter denen sich unbekannte, neblige Finsternis breitete. Prokop erfuhr, daß er mit der Post nach Teinitz fahren könne, falls noch ein Platz frei sei. Der Postwagen bestand aus einem Bock, und dahinter war ein Kasten für die Postsendungen. Auf dem Bock saßen bereits der Postkutscher und ein Fahrgast.

»Kann ich nach Teinitz mitfahren?« fragte Prokop.

Der Postkutscher schüttelte unendlich traurig den Kopf. »Geht nicht«, sagte er nach einer Weile.

»Warum nicht?«

»Weil kein Platz ist«, erwiderte der Mann nach reiflicher Überlegung.

Prokop fühlte sich vom Trübsal übermannt. »Wie weit ist es . . . zu Fuß?«

Der Postkutscher überlegte teilnahmsvoll. »Eine gute Stunde«, antwortete er.

»Aber ich – ich kann nicht zu Fuß gehen! Ich muß zu Doktor Tomesch!« wandte Prokop niedergeschlagen ein.

Der Postkutscher zögerte. »Kommen Sie . . . als . . . Patient?«

»Mir ist elend«, murmelte Prokop; er zitterte wirklich vor Schwäche und Kälte.

Der Postkutscher grübelte eine Weile und schüttelte dann den Kopf. »Es geht leider nicht«, meinte er schließlich.

»Ich werde schon noch Platz finden . . . ein winziges Plätzchen genügt, ich . . .«

Auf dem Kutschbock blieb es still. Der Postkutscher fuhr sich durch den Bart, daß man es knistern hörte; dann stieg er wortlos herunter, machte sich am Strang zu schaffen und ging schweigend in das Bahnhofsgebäude. Der Fahrgast oben auf dem Bock rührte sich nicht.

Prokop war so erschöpft, daß er sich auf den Randstein setzen mußte. Ich werde mein Ziel nie erreichen, fühlte er verzweifelt; ich werde hierbleiben bis – bis –

Der Postkutscher kehrte mit einer leeren Kiste zurück. Auf irgendeine Weise brachte er sie oben neben dem Bock unter und betrachtete sie dann bedächtig. »So, nun setzen Sie sich hinauf«, sagte er endlich.

»Wohin?« fragte Prokop.

»Auf den Bock.«

Prokop gelangte auf so merkwürdige Weise auf den Kutschbock, als hätten ihn überirdische Kräfte emporgehoben. Der Postkutscher machte sich wieder am Riemenzeug zu schaffen, und dann saß er oben auf der Kiste, ließ die Beine herunterbaumeln, faßte die Zügel und sagte: »Hü!«

Das Pferd rührte sich nicht. Es zitterte nur.

Der Postkutscher stimmte ein dünnes, kehliges »Hrrr« an. Der Gaul bewegte den Schweif, und die Postkutsche fuhr langsam los.

Prokop klammerte sich krampfhaft an dem niedrigen Geländer des Bockes an; er fühlte, es werde seine Kräfte übersteigen, sich auf dem Bock aufrecht zu halten.

»Hrrr!« Dieser hohe, schnurrende Gesang schien den alten Klepper zu elektrisieren. Er lief hinkend dahin, bewegte den Schweif hin und her und ließ bei jedem Schritt hörbare Winde entweichen.

»Hrrrrrr.« Es ging durch eine Allee kahler Bäume; ringsum pechschwarze Finsternis; nur ein flimmernder Lichtstreif aus der Laterne huschte über die Straße. Prokop umklammerte mit erstarrten Fingern das Geländer. Er beherrschte seinen Körper nicht mehr, aber er durfte nicht nachgeben, obwohl er sich schwach und elend fühlte. Ein beleuchtetes Fenster glitt vorbei, eine Allee, ein dunkles Feld. »Hrrr.« Das Pferd trabte unermüdlich weiter und bewegte dabei die Beine so steif und unnatürlich, als wäre es längst tot.

Prokop blickte seinen Mitreisenden von der Seite an. Es war ein alter Mann mit einem dicken Schal um den Hals. Er kaute ständig an etwas, schob es von einem Mundwinkel in den andern und spuckte es dann wieder aus. Da erinnerte sich Prokop, diese Gestalt schon einmal gesehen zu haben. Sie hatte dasselbe scheußliche Gesicht wie damals im Traum, als sie mit den hohlen Zähnen knirschte, bis sie splitterten, und sie dann stückweise ausspie. Es war merkwürdig und gräßlich zugleich.

»Hrrrr.« Die Straße bildete eine Kehre, wand sich einen Hügel hinauf und wieder hinab. Dann tauchte ein Gutshof auf, ein Hund bellte, ein Mann kam die Landstraße daher und grüßte »Guten Abend«. Nun ging es bergan; immer mehr kleine Häuser tauchten auf. Der Postwagen bog ein, das hohe »Hrrr« brach plötzlich ab, und das Pferd blieb stehen.

»Hier wohnt Doktor Tomesch«, sagte der Postkutscher.

Prokop wollte etwas erwidern, war aber außerstande. Er bemühte sich, das niedrige Geländer loszulassen, doch die Finger waren verkrampft und klamm.

»Wir sind da«, wiederholte der Postkutscher. Langsam ließ der Krampf nach; Prokop kletterte vom Bock herunter, er zitterte am ganzen Körper. Wie im Traum öffnete er eine Gartenpforte und klingelte an der Haustür. Drin erscholl wütendes Bellen; eine junge Stimme rief: »Ruhe, Hansi!« Die Türe öffnete sich, und Prokop fragte, kaum daß er die Zunge bewegen konnte: »Ist der Herr Doktor zu Hause?«

Eine Weile blieb es still; dann sagte die junge Stimme: »Treten Sie ein!«

Prokop befand sich in einer warmen Stube. Auf dem Tisch stand eine Lampe; es war zum Abendessen gedeckt; Buchenholz duftete. Ein alter Herr, die Brille auf der Stirn, erhob sich vom Tisch, ging auf Prokop zu und fragte: »Nun, wo fehlt's denn?«

Prokop entsann sich nur trübe, weshalb er eigentlich hier war. »Ich . . . nämlich . . .«, begann er verwirrt, »ist Ihr Sohn daheim?«

Der alte Herr sah Prokop aufmerksam an. »Nein. Was ist Ihnen?«

»Georg . . . Georg«, murmelte Prokop, »ich . . . ich bin sein Freund und bringe ihm . . . ich soll ihm etwas übergeben . . .« Er suchte in den Taschen nach dem versiegelten Umschlag. »Es handelt sich um . . . eine wichtige Sache, ich – ich –«

»Georg ist nicht da«, unterbrach ihn der alte Herr. »Setzen Sie sich doch!«

Prokop war sehr erstaunt. »Aber er hat doch . . . er hat mir doch gesagt, daß er hierher fährt. Ich muß mit ihm sprechen . . .« Der Fußboden unter ihm begann zu schwanken und zu weichen.

»Anni, einen Stuhl!« rief der alte Herr mit merkwürdiger Stimme.

Prokop vernahm noch einen gedämpften Aufschrei und brach zusammen. Unendliches Dunkel hüllte ihn ein. Dann war nichts mehr.

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