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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 54
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
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53

Prokop war es, als führen sie durch die stille Landschaft seiner Kindheit. Doch der Nebel war zu dicht, und das kleine Licht am Wagen erreichte mit seinem schwankenden Schein kaum den Straßenrand. Dahinter lag zu beiden Seiten eine unbekannte, eine verschlossene Welt.

»Hohohot«, rief der Alte, und das Pferd trabte von der Straße geradewegs in diese verhüllte, stumme Welt hinein. Die Räder versanken im weichen Gras. Prokop unterschied ein niederes Tal, zu beiden Seiten entlaubte Haine und dazwischen eine liebliche Wiese. »Prrr«, rief der Alte und kroch langsam vom Bock. »Steh auf«, sagte er zu Prokop, »wir sind da.« Er lockerte die Seitenriemen. »Weißt du, hier findet uns niemand.«

»Wer sollte uns finden?«

»Die Gendarmen zum Beispiel. Ordnung muß sein . . . aber sie verlangen gleich immer alle möglichen Ausweise . . . und Bewilligungen und fragen des langen und breiten. Ich kenne mich darin nicht aus.« Er spannte das Pferd los und redete ihm gut zu: »Still, Grauer, bekommst dann ein Stück Brot.«

Prokop, der von der Fahrt ganz steif war, stieg vom Bock. »Wo sind wir da?«

»Dort ist die Hütte«, antwortete der Alte unbestimmt. »Du mußt ausschlafen, dann wird dir besser sein.« Er nahm die Laterne von der Deichsel und beleuchtete eine Holzhütte. Es war eine Scheune, jedoch altersschwach, verfallen und windschief. »Ich mache ein Feuer an«, sagte er singend, »und koche Tee. Wenn du dich ausgeschwitzt hast, wird dir besser sein.« Er hüllte Prokop in den Sack und stellte die Laterne vor ihn hin. »Warte, ich bringe Holz. Setz dich hierher.« Er wollte schon gehen, da fiel ihm etwas ein. Er fuhr mit der Hand in die Tasche und blickte Prokop fragend an.

»Was denn, Alter?«

»Wenn . . . wenn du wolltest . . . Ich bin auch ein Planetenmann.« Er zog die Hand heraus und zeigte sie ihm: Zwischen seinen Fingern lugte ein weißes Mäuschen mit rubinroten Äuglein hervor. »Ich weiß«, plapperte er rasch, »du glaubst nicht daran, aber . . . das Mäuschen ist doch hübsch – Willst du?«

»Ja.«

»Das ist gut«, freute sich der Alte. »Sch-sch-sch, Kleine, hopp!« Er öffnete die Hand, und das Mäuslein lief flink an seinem Ärmel zur Schulter hinauf, schnupperte zart an seinem buschigen Ohr und verbarg sich in seinem Kragen.

»Das ist reizend!« rief Prokop.

Der Alte strahlte. »Aber warte nur, was es alles kann!« Und schon trippelte er zum Wagen, kramte darin und kehrte mit einer Schachtel wieder, die voll war von hintereinandergeschichteten kleinen Zettelchen. Er schüttelte die Schachtel und starrte mit großen Augen ins Leere. »Zeig ihm, Mäuschen, zeig ihm seine Liebe!« Er pfiff zwischen den Zähnen wie eine Fledermaus. Das Mäuslein sprang hervor, rutschte den Ärmel hinab und hopste auf die Schachtel. Prokop verfolgte atemlos die rosigen Pfötchen, mit denen es einen Zettel aussuchte. Dann faßte es ihn mit den Zähnchen und wollte ihn herausziehen. Aber irgendwie ging es nicht. Da schüttelte es den Kopf und packte den nächsten Zettel. Es zog ihn heraus, setzte sich auf die Hinterpfoten und knabberte an den kleinen Krallen.

»Das ist deine Liebe«, flüsterte der Alte begeistert. »Nimm sie dir.«

Prokop nahm den Zettel und beugte sich rasch zum Licht. Es war die Fotografie des Mädchens – mit den zerzausten Haaren. Sie hatte eine ihrer schönen Brüste enthüllt. Prokop erkannte sie gleich wieder an den leidenschaftlichen, abgründigen Augen. »Alter, das ist sie nicht!«

»Zeig!« brummte er verwundert und nahm ihm das Bild aus der Hand. »Aha – das ist schade«, bedauerte er. »So ein Fräulein! La-la, Li-li, das ist sie nicht, na, na, na, ks, ks, Klei-ne!« Er steckte das Bild wieder hinein und pfiff leise. Das Mäuslein blickte aus rubinroten Äuglein, packte wieder denselben Zettel mit den Zähnen und zupfte daran; nein, es ging nicht. Da zog es den nächsten heraus und begann sich zu putzen.

Prokop nahm das Bild: Es war Anni, aufgenommen von einem Dorffotografen. Sie weiß nicht recht, was sie mit ihren Händen anfangen soll, trägt das Sonntagskleid und steht da, recht hübsch und dumm – »Das ist sie nicht«, flüsterte Prokop. Der Alte nahm ihm das Bild aus der Hand, streichelte es und brummte dabei etwas vor sich hin. Er blickte Prokop unzufrieden, traurig an und ließ wieder seinen dünnen Pfiff ertönen.

»Sind Sie mir böse?« fragte Prokop schüchtern.

Der Alte antwortete nicht und blickte nur nachdenklich auf das Mäuschen. Wieder versuchte es, den eingeklemmten Zettel herauszuziehen, und wieder ging es nicht. Es schüttelte sich und holte den nächsten hervor. Das war das Bild der Prinzessin. Prokop stöhnte auf und ließ es zu Boden fallen.

Der Alte bückte sich schweigend und hob es auf.

»Ich will es selbst versuchen«, rief Prokop heiser und streckte rasch die Hand nach der Schachtel aus. Der Alte hielt ihn zurück: »Das ist nicht erlaubt!«

»Aber dort . . . dort ist sie«, sagte Prokop fiebernd, »dort ist die Richtige!«

»Ja, ja, alle Menschen sind dort«, sagte der Alte, seine Schachtel streichelnd. »Jetzt bekommst du einen Planeten.« Er pfiff wieder leise, das Mäuslein schlüpfte aus seinem Ärmel hervor, zog einen grünen Zettel heraus und verschwand blitzschnell. Prokop schien es erschreckt zu haben. »Lies!« sagte der Alte und schloß sorgfältig die Schachtel. »Ich bringe inzwischen Brennholz; und gräme dich nicht mehr.« Er streichelte den Schimmel, verstaute die Schachtel auf dem Boden seines Wagens und ging dem Hain zu. Sein heller, derber Rock leuchtete in der Dunkelheit. Der Wallach folgte ihm mit den Augen, warf den Kopf zurück und trottete ihm nach. »Ihaha«, hörte man den Alten singen, »du willst mit mir gehen? A-ha, sieh da! Hotte, hotte – hü!«

Sie verschwanden im Nebel. Prokop entsann sich des grünen Zettels. »Ihr Planet!« las er bei dem blinkenden Flämmchen. »Sie sind ein edelmütiger, gutherziger und in Ihrem Beruf überaus tüchtiger Mensch. Sie werden viele Widerwärtigkeiten zu überstehen haben. Aber wenn Sie sich vor Heftigkeit und Hochmut in acht nehmen, werden Sie Ansehen bei Ihren Mitmenschen erwerben und eine hervorragende Stellung erobern. Sie werden viel verlieren, später aber belohnt werden. Ihre Unglückstage sind der Dienstag und der Freitag. Saturn conj. b. b. Martis. DEO gratias.«

Der Alte tauchte aus der Dunkelheit auf mit einem Armvoll trockener Zweige und hinter ihm her der weiße Pferdekopf. »Nun«, fragte er gespannt und mit einer Art Autorenscheu, »hast du's gelesen? Ist das ein guter Planet?«

»Ja, Alter.«

»Siehst du«, sagte der Greis und seufzte zufrieden auf. »Es wird alles wieder gut werden.« Er legte die Zweige hin und entfachte, freudig vor sich hin murmelnd, ein kleines Feuer vor der Hütte. Dann ging er zum Wagen, kramte darin herum, holte einen Kessel hervor und trippelte um Wasser. »Gleich, gleich wird es fertig sein«, brummte er eifrig. »Koche, koche, wir haben einen Gast!« Er lief wie eine aufgeregte Hausmutter umher. Schon war er mit Brot da und wickelte, verzückt schnuppernd, ein Stück Bauernspeck aus. »Ach, das Salz, das Salz!« rief er, sich an die Stirn schlagend, und lief wieder zum Wagen. Endlich ließ er sich am Feuer nieder, gab Prokop das größere Teil und kaute selbst bedächtig jeden Bissen. Der Rauch des offenen Feuers, oder was es sonst war, biß Prokop in die Augen, so daß ihm während des Essens die Tränen kamen. Der Alte reichte jeden zweiten Bissen seinem Pferd, das den hellen Stern an der Stirn über ihn neigte. Jetzt erkannte ihn Prokop durch den Schleier der Tränen hindurch: das war das alte, runzlige Gesicht, das er immer an der Holzdecke seines Laboratoriums gesehen hatte! Wie oft war sein Blick vor dem Einschlafen und am Morgen beim Erwachen darauf gefallen! Später konnte man es kaum mehr unterscheiden, da waren es nur noch Astknorren, Jahre, Feuchtigkeit und Staub –

Der Alte lachte. »Hat es dir geschmeckt?« Er beugte sich über den Kessel. »Es kocht schon!« Mühsam erhob er sich und humpelte zum Wagen. Nach einer Weile kam er mit zwei Schalen wieder. »Halte das!« Prokop nahm die eine Schale: Vergißmeinnicht waren darauf gemalt, die einen Namen in Goldbuchstaben umkränzten: ›Agathe.‹ Er las ihn vielleicht zwanzigmal. »Alter«, flüsterte er, »ist . . . das . . . ihr Name?«

Der Alte sah ihn mit traurigen, gütigen Augen an. »Wenn du's wissen willst«, sagte er leise, »– ja.«

»Und – finde ich sie je?«

Der Alte sagte nichts, sondern bewegte nur rasch die Lider.

»Reich mir die Schale«, sagte er mit zittriger Stimme, »ich schenke dir ein.«

Prokop hielt ihm mit unsicherer Hand die Schale hin, und der Alte goß ihm vorsichtig dunklen Tee ein. »Trink«, sagte er weich, »solange er warm ist.«

»Dan-ke«, sagte Prokop leise und trank den bitteren Absud.

Nachdenklich strich sich der Alte über die langen Haare. »Er ist bitter«, sagte er langsam, »zu bitter für dich? Möchtest du nicht ein Stückchen Zucker?«

Prokop schüttelte den Kopf. Im Mund verspürte er die Bitterkeit, aber in der Brust breitete sich wohltuende Wärme aus.

Der Alte schlürfte laut aus seiner Schale. »Sieh dir an«, sagte er, um irgendwas zu reden, »was ich auf meiner Schale habe.« Er hielt sie ihm hin: ein Anker, ein Herz und ein Kreuz waren darauf gemalt. »Das sind Glaube, Liebe und Hoffnung.« Er stand nun mit gefalteten Händen überm Feuer, »Lieber, Lieber«, redete er leise, »du wirst nicht mehr das Höchste vollbringen und dich nicht ausgeben. Vor lauter Kraft hättest du dich in Stücke reißen mögen. Aber du bleibst heil und wirst die Welt weder erlösen noch vernichten. Viel wird in dir verschlossen sein wie Feuer im Ofen; nun gut, das sei geopfert. Du wolltest allzu große Dinge vollbringen, du wirst dich mit kleinen begnügen. Und das ist gut so.«

Prokop kniete vor dem Feuer und wagte nicht, die Augen zu erheben. Der liebe Gott selbst hätte nicht anders zu ihm reden können.

»Und das ist gut so«, flüsterte er.

»Und das ist gut so. Du wirst den Menschen nützliche Dinge bringen. Wer nur an das Höchste denkt, der hat die Menschen aus den Augen verloren. Dafür wirst du ihnen dienen.«

»Und das ist gut so«, wiederholte Prokop kniend.

»Siehst du«, sagte der Alte erfreut und hockte nieder. »Wozu ist eigentlich dein – Wie heißt deine Erfindung?«

Prokop hob den Kopf. »Ich . . . habe es vergessen.«

»Das ist einerlei«, freute sich der Alte. »Du wirst neue Dinge erfinden. Suche nur und prüfe . . . Vielleicht findest du etwas, das antreibt, in Bewegung setzt und den Menschen die Arbeit erleichtert. Verstehst du mich?«

»Ihr meint . . . vielleicht einen neuen Treibstoff?« brummte Prokop.

»Ja, warum nicht«, stimmte der Alte froh zu. »Es soll nur recht nützlich sein. Und soll auch leuchten und wärmen.«

»Ja dann . . .«, überlegte Prokop, »dann müßte man das an einem ganz andern Ende anpacken.«

»Das ist es: einmal an einem ganz andern Ende anpacken! Versuch es! Siehst du, gleich gibt es wieder Arbeit. Aber heute laß es schon sein, morgen ist auch ein Tag. Ich mache dir dein Bett.« Er erhob sich und trippelte zum Wagen. »Hotto, hotto-hü, wir gehen schlafen«, summte er. Er kam mit einem dürftigen Kopfkissen zurück. »Komm«, sagte er, nahm die Laterne und ging in die Scheune hinein. »Heu ist genug da«, brummte er, ein Lager bereitend, »für alle drei.«

Prokop setzte sich. »Alter«, rief er erstaunt, »seht nur!«

»Was ist?«

»Hier auf den Brettern!« Auf jedem Brett der Scheune war mit Kreide ein großer Buchstabe hingeschrieben, und Prokop las im blinkenden Laternenschein:

K . . . R . . . A . . . K . . . A . . . T . . . I . . . T . . .

»Das ist nichts, das ist nichts«, besänftigte ihn der Alte, die Buchstaben rasch mit seiner Mütze auslöschend. »Nun ist es weg. Leg dich jetzt nieder, ich decke dich mit einem Sack zu. So.«

Er stellte sich in die Tür: »Hotohü, hotoho«, sang er mit zittrig hoher Stimme. Der Wallach neigte seine schöne Silberstirn zur Tür herein und rieb sein Maul am Rock des Alten. »Na, komm schon, komm herein«, sagte der Alte, »und leg dich!«

Der Wallach kam herein, scharrte mit den Hufen an der andern Wand und legte sich. »Ich schlafe zwischen euch«, sagte der Alte, »der Gaul wird es hier vollatmen, und dann wird dir warm sein.«

Er setzte sich still in die Tür. Hinter ihm glühte noch im Dunkeln das verlöschende Feuer und warf seinen Schein auf die blauen Augen des Pferdes, das ergeben nach ihm Ausschau hielt. Der Alte brummte etwas vor sich hin und wiegte den Kopf.

Das ist ja . . . das ist ja mein verstorbener Vater, fiel es Prokop plötzlich ein; mein Gott, wie er gealtert ist! Dieser dünne, faltige Hals –

»Prokop, schläfst du?« fragte der Alte.

»Nein«, antwortete Prokop, vor Liebe und Zärtlichkeit erschauernd.

Da begann der Alte mit weicher Stimme ein seltsames, leises Lied zu summen: »Lalala hou, dadada pa, binkili bunkili hou ta ta . . .«

Und Prokop verfiel endlich in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.

 


 

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