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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 53
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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52

Er lief, schwer keuchend, eine Straße entlang über einen Hügel und weiter in ein Tal hinab. Die Feuerflut entschwand hinter ihm. Auch die Dinge und ihre Schatten lösten sich im Nebel auf. Es war, als treibe alles reglos, gespenstisch davon wie auf einem uferlosen Fluß ohne Wellengeplätscher und Möwenschrei. Er erschrak vor seinem eigenen Schritt in dem stillen, unendlichen Fließen; da verlangsamte und dämpfte er seine Schritte und wanderte lautlos in den trüben Nebel hinein.

Auf der Straße vor ihm blinkte ein schwaches Licht; er wollte ihm ausweichen, blieb unschlüssig stehen. Eine Lampe überm Tisch, Glutflämmchen im heimlichen Ofen, eine Laterne, die den Weg sucht! Da regte ein ermatteter Nachtfalter in ihm seine Flügel nach dem blinkenden Licht. Er näherte sich zaudernd, als fehlte es ihm an Mut. Wieder blieb er stehen, wärmte sich aus der Ferne an dem schwankenden Licht, ging näher, immer in Angst, man werde ihn wieder davonjagen. Einige Schritte vor dem Licht hielt er an. Es war ein Plachenwagen; an der Deichsel hing eine brennende Laterne und warf ihre Handvoll blinkendes Licht auf einen Schimmel, die weißen Straßensteine und hellen Birkenstämme am Weg. Das Pferd hatte einen groben Sack umgehängt und kaute mit gesenktem Kopf seinen Hafer. Die lange Mähne war silbrig und der Schweif nie gestutzt. Vor dem Pferd stand ein kleiner alter Mann mit weißem Bart und Silberhaar und war ebenso rauh und hell wie die Plache über dem Wagen. Er trat von einem Fuß auf den andern, schien nachdenklich und murmelte etwas vor sich hin, während er die weiße Mähne des Pferdes durch die Finger gleiten ließ.

Nun wandte er sich um und schaute blindlings in die Dunkelheit. »Bist du es, Prokop?« fragte er mit zittriger Stimme. »So komm doch, ich warte schon auf dich.«

Prokop wunderte sich gar nicht, er fühlte sich nur unsagbar erleichtert. »Ich komme«, flüsterte er, »ich bin ja so gelaufen!«

Der Alte trat auf ihn zu und befühlte seinen Rock. »Du bist ganz naß«, sagte er rügend, »wirst dich noch erkälten.«

»Wißt Ihr, Alter, daß Grottup in die Luft geflogen ist?«

Der Alte nickte wehmütig. »Und wieviel Menschen damals zugrunde gegangen sind! Du hast dich müde gelaufen, nicht wahr? Setz dich auf den Bock, ich fahre dich ans Ziel.« Er trippelte zu seinem Pferd und nahm ihm langsam den Hafersack ab. »He, he, jetzt ist's genug«, zischelte er. »Jetzt wird gefahren, wir haben einen Gast bekommen.«

»Was habt Ihr da unter der Plache?« fragte Prokop.

Der Alte wandte sich zu ihm und lachte. »Die Welt. Hast du die Welt noch nicht gesehen?«

»Nein.«

»Warte, ich zeig' sie dir.« Er verstaute den Hafersack im Wagen und begann dann gemächlich die Plache auf der einen Seite abzunehmen. Er schlug sie zurück, und nun kam eine Kiste mit einem verglasten Guckloch zum Vorschein. »Warte«, wiederholte er und suchte etwas auf der Erde. Er hob einen kleinen Zweig auf, hockte sich zur Laterne nieder und brannte das Ästchen an; das tat er alles recht langsam und bedächtig. »Nun brenne schon, brenne«, redete er dem Zweiglein gut zu, trippelte, es mit der Hand schützend, zur Kiste, hob den Deckel und entzündete darin eine kleine Lampe. »Ich habe noch Öllicht«, erklärte er. »Manche leuchten schon mit Karbid, aber . . . es brennt zu sehr in die Augen. Und dann ist das so ein Ding, es explodiert, und schon ist's geschehen; wie leicht kommt jemand zu Schaden dabei! Aber Öl – das ist wie das Ewige Licht.« Er beugte sich zu dem Guckloch nieder und blickte mit seinen wasserhellen Augen hinein. »Man sieht genug. Wie schön das ist!« flüsterte er verzückt. »Komm, sieh dir's an! Aber du mußt dich bücken, um ganz klein zu werden . . . wie ein Kind. So!«

Prokop beugte sich zu dem Guckloch hinab. »Das ist der griechische Tempel in Girgenti auf Sizilien«, begann der Alte ernsthaft herzusagen. »Er ist einem Gott oder der Juno geweiht. Sieh dir die Säulen an! Die sind aus so großen Stücken gefertigt, daß auf jedem Stein eine ganze Familie Platz hätte. Bedenke, was für eine Arbeit das ist! Soll ich weiterdrehen? – Der Blick vom Berg Penegal in den Alpen bei Sonnenuntergang. Der Schnee leuchtet in einem so schönen, seltsamen Licht auf, wie du es hier siehst. Das ist das Alpenglühen, und der Berg heißt Latemar. Weiter? – Das ist die heilige Stadt Benares in Indien; der Fluß ist heilig und wäscht von Sünden rein. Tausende haben hier gefunden, was sie suchten.«

Es waren sorgfältig gezeichnete, handkolorierte kleine Bilder. Die Farben waren ein wenig verblichen, das Papier vergilbt, und doch waren ihnen die liebe, erfreuliche Buntheit des Blaus, Grüns, Gelbs und Rots an den Gewändern der Menschen und das reine Himmelsblau erhalten geblieben; jedes Gräslein war mit Liebe und Sorgfalt ausgepinselt.

»Der heilige Fluß ist der Ganges«, setzte der Alte ehrfurchtsvoll hinzu und drehte die Kurbel. »Und das ist Zanubien, das schönste Schloß der Welt.«

Prokop preßte die Augen an das Guckfenster. Er sah ein herrliches Schloß mit luftigen Kuppeln, hohen Palmen und einem azurnen Springbrunnen. Eine winzige Gestalt, eine Feder auf dem Turban, in einem scharlachroten Mantel, gelben Pluderhosen und mit einem tatarischen Säbel grüßte, sich bis zur Erde verneigend, eine weißgekleidete Dame, die ein tänzelndes Pferd an der Leine führte. »Wo . . . wo liegt Zanubien?« fragte Prokop.

Der Alte zuckte mit den Achseln. »Dort irgendwo«, meinte er unsicher, »wo es am schönsten ist. Der eine findet hin, der andere nicht. Soll ich weiterdrehen?«

»Noch nicht.«

Der Alte ging inzwischen zu seinem Pferd und strich ihm über die Hinterbacken. »Warte, nanana, warte«, sprach er leise. »Wir müssen es ihm zeigen, weißt du? Damit er sich freut.«

»Dreht weiter, Alter«, bat Prokop zitternd. Es folgten: der Hamburger Hafen, der Kreml, eine Polarlandschaft im Nordlicht, der Vesuv Krakatau, die Brücke von Brooklyn, Notre-Dame, ein Eingeborenendorf auf Borneo, Darwins Haus in Down, eine Straße in Schanghai, die Viktoriafälle, Burg Pernstein, die Petroleumtürme in Baku. »Und das ist die Explosion in Grottup«, erklärte der Alte. Auf dem Bild sah man rötliche Rauchballen, die von einer schwefelgelben Flamme gegen den Himmel geschleudert wurden. Im Rauch und in den Flammen hingen zerfetzte Menschenleiber. »Fünftausend Menschen sind dabei umgekommen. Es war ein großes Unglück«, sagte der Alte seufzend. »Das war das letzte Bild. Nun, hast du die Welt gesehen?«

»Nein«, brummte Prokop wie betäubt.

Der Alte nickte enttäuscht. »Du willst zuviel sehen. Du mußt lange leben.« Er blies die Lampe im Guckkasten aus und zog brummelnd die Plache langsam wieder vor. »Setz dich auf den Bock, wir fahren.« Er nahm den Sack, mit dem das Pferd zugedeckt war, und legte ihn Prokop um die Schultern. »Damit dir nicht kalt ist«, sagte er, setzte sich zu ihm, nahm die Zügel in die Hand und pfiff leise. Das Pferd begann mäßig zu traben. »He! Nana, Wal-lach!« sang der Alte.

Sie fuhren durch eine Birken- und Ebereschenallee; Bauernhäuser, wie mit einem nebligen Federbett zugedeckt, glitten vorüber: Es war eine schlafende, friedliche Welt. »Alter«, kam es zögernd aus Prokop, »warum habe ich das alles erleben müssen?«

»Was sagst du?«

»Warum ist mir so viel Unheil begegnet?«

Der Alte sann nach. »Das scheint nur so«, meinte er nach einer Weile. »Was dem Menschen begegnet, das kommt aus ihm selbst. Es wickelt sich von dir ab wie von einem Knäuel.«

»Das ist nicht wahr«, widersprach Prokop. »Warum bin ich der Prinzessin begegnet? Alter, Ihr . . . Ihr kennt mich vielleicht. Ich habe doch . . . die andere gesucht. Und doch ist es so gekommen – warum? Antwortet mir!«

Der Alte überlegte und bewegte die weichen Lippen. »Das war dein Hochmut«, sagte er langsam. »Manchmal trifft es den Menschen, und er weiß nicht, wie es dazu kommt, aber es war in ihm. Er beginnt um sich zu schlagen –« Der Alte machte es ihm mit der Peitsche vor, daß der Schimmel erschrak und zu galoppieren begann. »Prrr, was ist denn? Was ist denn?« rief er mit hoher Stimme dem Pferd zu. »Siehst du, genauso ist es, wenn ein junger Mensch über die Stränge schlägt; alles geht mit ihm durch. Es ist nicht nötig, große Dinge zu vollbringen. Bescheide dich und achte auf den Weg; so kommst du auch ans Ziel.«

»Alter«, klagte Prokop, die Augen schmerzlich zukneifend, »habe ich schlecht gehandelt?«

»Ja und nein«, antwortete der Alte überlegend. »Du hast Menschen Unrecht getan. Mit Verstand hättest du's nicht getan; Verstand muß dasein! Der Mensch muß denken, wozu ein Ding taugt. Du kannst mit einer Banknote ein Feuer anzünden oder deine Schuld bezahlen. Das erstere sieht nach mehr aus, aber . . . Genau so ist es mit den Frauen«, schloß er unerwartet.

»Habe ich schlecht gehandelt?«

»Wie, was?«

»War ich schlecht?«

». . . Es war nicht sauber in dir. Der Mensch . . . soll mehr denken als fühlen. Aber du stürztest dich kopfüber in alles.«

»Daran war Krakatit schuld.«

»Was?«

»Die Erfindung, die ich gemacht habe. Daraus –«

»Wenn es nicht in dir wäre, wäre es nicht in deiner Erfindung. Alles vollbringt der Mensch aus sich heraus. Denke einmal nach; denke einmal scharf nach und besinne dich, woraus deine Erfindung besteht, wie man es macht. Überlege es dir gut, und dann sage es mir. – Hü, na, na, na, pschsch!«

Der Wagen holperte über eine schlechte Straße. Der weiße Wallach bewegte eifrig die Beine in einem zittrigen, altmodischen Trab. Das Licht tanzte über die Erde, die Bäume, die Meilensteine, und der Alte hüpfte auf dem Bock und summte vor sich hin. Prokop rieb sich angestrengt die Stirn.

»Alter«, flüsterte er.

»Ja?«

»Ich weiß es nicht mehr.«

»Was denn?«

»Ich . . . ich weiß nicht mehr . . . wie . . . man . . . Krakatit herstellt!«

»Siehst du«, sagte der Alte zufrieden, »nun hast du doch etwas gefunden.«

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