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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 52
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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51

Die Bahnen der Welt sind seltsam verschlungen. Wenn man alle seine Schritte und Wege aufzeichnete, welch verwickeltes Gebilde käme dabei heraus! Mit seinen Schritten zeichnet sich jeder seine eigene Weltkarte.

Am Abend stand Prokop vor dem Gitterzaun der Grottuper Werke. Das war ein ausgedehntes Barackenfeld, von Bogenlampen, die nebligen Kugeln glichen, beleuchtet; zwei, drei Fenster waren erhellt. Prokop ging nahe an die Gitterstäbe heran und rief: »Hallo!«

Ein Pförtner oder Nachtwächter näherte sich. »Was wollen Sie? Der Eintritt ist verboten.«

»Sagen Sie, bitte, arbeitet bei Ihnen Ingenieur Tomesch?«

»Was wollen Sie von ihm?«

»Ich muß mit ihm sprechen.«

». . . Herr Tomesch ist noch im Laboratorium. Sie können jetzt nicht mit ihm sprechen.«

»Sagen Sie ihm . . . sagen Sie ihm, sein Freund Prokop erwarte ihn, er müsse ihm dringend etwas übergeben.«

»Treten Sie vom Gitter zurück«, brummte der Mann und rief jemanden herbei.

Eine Viertelstunde später kam ein Mann in weißem Mantel ans Gitter.

»Bist du's, Tomesch?« rief Prokop halblaut.

»Nein, ich bin der Laborant. Der Herr Ingenieur läßt sich entschuldigen. Er hat eine wichtige Arbeit. Was wünschen Sie?«

»Ich muß dringend mit ihm sprechen.«

Der Laborant, ein gedrungener, lebhafter Mensch, zuckte mit den Schultern.

»Das ist unmöglich. Herr Tomesch hat heute nicht eine Sekunde Zeit –«

»Arbeitet ihr an Krakatit?«

»Was geht Sie das an?« schnaubte der Laborant und warf ihm einen argwöhnischen Blick zu.

»Ich muß ihn . . . vor etwas warnen. Ich muß ihm etwas einhändigen.«

»Sie sollen es mir übergeben. Ich bringe es ihm.«

»Nein – nein, ich gebe es ihm nur persönlich. Sagen Sie ihm das –«

»Dann sollen Sie's für sich behalten.« Der Mann im weißen Mantel drehte sich um und ging.

»Warten Sie«, rief Prokop, »geben Sie ihm das hier. Sagen Sie ihm . . . sagen Sie ihm . . .« Er holte den verknitterten starken Briefumschlag aus der Tasche und reichte ihn durchs Gitter. Der Laborant nahm ihn mißtrauisch zwischen die Finger. Prokop schien es, als hätte er nun gewaltsam etwas zerstört. »Sagen Sie ihm, ich warte hier auf ihn und lasse ihn bitten, er . . . er soll hierherkommen!«

»Ich übergebe es ihm«, sagte der Laborant kurz und ging.

Prokop setzte sich auf einen Randstein. Jenseits des Gitters stand ein schweigsamer Schatten. Die Nacht war rauh, kahle Äste ragten in den Nebel, die Luft war erfüllt von feuchter Kälte.. Nach einer Viertelstunde kam wieder jemand ans Gitter; es war ein blasser, verschlafener junger Bursche mit einem käsigen Gesicht.

»Der Herr Ingenieur läßt vielmals danken, aber er könne nicht kommen, Sie sollen nicht länger warten«, entledigte er sich mechanisch seiner Botschaft.

»Einen Augenblick«, erwiderte Prokop ungeduldig. »Sagen Sie ihm, ich muß mit ihm sprechen . . . es geht um sein Leben. Ich gebe ihm alles, was er will, wenn er mir nur . . . wenn er mir nur Namen und Adresse jener Dame mitteilt, von der das Päckchen stammt, das ich ihm brachte. Verstehen Sie?«

»Der Herr Ingenieur läßt vielmals danken«, wiederholte der Bursche verschlafen, »Sie sollen nicht länger warten.«

»Zum Teufel noch mal«, fluchte Prokop zähneknirschend, »richten Sie ihm aus, er soll sofort kommen, ich rühre mich nicht von hier! Er soll die Arbeit bleibenlassen, sonst . . . sonst fliegt hier alles in die Luft, verstanden?«

»Bitte«, antwortete der Bursche stumpf.

»Also gehen Sie, gehen Sie rasch, verdammt noch mal –«

Er wartete in fieberhafter Ungeduld. Waren das . . . waren das nicht Schritte dort drin? Daimon fiel ihm ein, wie er aufgebläht, den violetten Mund verzerrt, in das Funkengeknister seiner Station starrte. Und dieser Idiot Tomesch kommt nicht! Er mischt und braut dort hinter dem hellen Fenster etwas zusammen und weiß nicht, weiß nicht, daß er bombardiert wird, daß er sich mit flinken Händen selbst sein Grab gräbt – War das nicht ein Schritt? Nein, niemand kam.

Ein schwerer Husten quälte Prokop. Alles gebe ich dir, du Narr, wenn du mir nur ihren Namen sagst! Ich will nichts mehr, ich will nichts mehr, nur sie noch finden. Auf alles verzichte ich, laß mir nur das eine! Er starrte ins Leere: Da stand sie vor ihm, verschleiert, Herbstlaub unter den Füßen, mit blassem, ergreifend ernstem Gesicht, in der fahlen Dunkelheit. Sie hielt die Hände über der Brust gekreuzt, nicht mehr das Päckchen an sich pressend, und blickte ihn aus tiefen Augen an; der kalte Nachtfrost betaute Schleier und Pelz. »Sie waren unendlich gütig zu mir«, sagte sie leise, verhalten. Er hob die Hände nach ihr, da packte ihn ein arger Hustenanfall. Kommt denn niemand? Er stürzte an den Gitterzaun und wollte hinüberklettern.

»Halt oder ich schieße!« schrie der Schatten jenseits des Zaunes. »Was wollen Sie hier?«

Prokop ließ die Gitterstäbe los. »Ich bitte Sie«, keuchte er verzweifelt, »– sagen Sie Herrn Tomesch . . . sagen Sie ihm . . .«

»Sagen Sie es ihm selbst«, unterbrach ihn die Stimme nicht gerade logisch, »aber packen Sie sich von hier!«

Prokop setzte sich auf den Bordstein. Vielleicht kommt Tomesch doch, wenn er nicht weiter weiß. Er findet bestimmt nicht heraus, wie man Krakatit herstellt. Dann wird er von selbst kommen und ihn rufen . . . Er saß da, zusammengekauert wie ein Bittsteller. »Hören Sie«, rief er über den Zaun, »ich gebe Ihnen . . . zehntausend, wenn . . . Sie mich einlassen.«

»Ich lasse Sie einsperren«, brummte die Stimme streng und abweisend.

»Ich will – ich will doch nur die Adresse«, sagte Prokop. »Ich will bloß wissen . . . Ich gebe Ihnen alles, wenn Sie mir das beschaffen . . . Sie . . . Sie sind verheiratet und haben Kinder, aber ich . . . ich bin allein . . . ich will nur . . .«

»Ruhe«, brauste die Stimme auf. »Sie sind betrunken.«

Prokop verstummte und bewegte, auf dem Stein sitzend, den Oberkörper hin und her. Ich muß warten, überlegte er dumpf. Warum kommt denn niemand? Ich gebe ihm alles, sogar Krakatit, wenn er mir nur . . . – »Sie waren unendlich gütig zu mir. Nein, weiß Gott, ich bin ein schlechter Mensch, aber Sie, Sie haben die Leidenschaft der Güte in mir geweckt. Alles in der Welt wäre ich zu tun imstande, wenn Sie mich ansehen. Darum bin ich hier. Das Schönste an Ihnen ist Ihre Macht über mich, daß ich Ihnen diene; darum, hören Sie, darum muß ich Sie lieben.«

»Was reden Sie in einem fort?« schimpfte die Stimme hinter dem Zaun. »Entweder Sie verhalten sich ruhig oder –«

Prokop stand auf. »Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, sagen Sie ihm doch –«

»Ich hetze den Hund auf Sie!«

Eine weiße Gestalt mit brennender Zigarette schlenderte ans Gitter heran. »Bist du's, Tomesch?« rief Prokop.

Es war der Laborant. »Mensch, Sie sind ja verrückt!«

»Kommt Tomesch?«

»Fällt ihm gar nicht ein«, antwortete der Laborant verächtlich. »Er braucht Sie nicht. In einer Viertelstunde sind wir fertig damit und dann ›gloria victoria‹! Dann trinke ich mir einen Rausch an.«

»Bitte, sagen Sie ihm doch, er . . . er soll mir nur die Adresse geben!«

»Das hat schon der Bursche ausgerichtet«, knurrte der Laborant. »Sie sollen sich zum Teufel scheren. Er wird doch nicht jetzt, da er mitten in der Arbeit steckt, unterbrechen! Es ist soweit; nur noch ein – und die Sache ist fertig.«

Prokop schrie entsetzt auf. »Laufen Sie, rasch – und sagen Sie ihm, er darf die Hochfrequenz nicht einschalten! Er soll aufhören! Sonst – sonst geschieht ein – Rennen Sie! Er weiß nicht – er – er weiß nicht, daß Daimon – um Gottes willen, halten Sie ihn zurück!«

Der Laborant brach in ein kurzes Lachen aus. »Herr Tomesch weiß, was er zu tun hat, und Sie –« Ein glühender Zigarettenstummel kam durchs Gitter geflogen. »Gute Nacht!«

Prokop sprang ans Gitter.

»Hände hoch!« brüllte drin eine Stimme; gleichzeitig schrillte die Signalpfeife des Nachtwächters. Prokop floh.

Er lief die Straße entlang, sprang über einen Zaun und rannte über eine weiche Wiese. In einer Ackerfurche stolperte er, fiel hin, raffte sich wieder auf und lief weiter. Schwer atmend blieb er einen Augenblick stehen. Ringsum war nichts als Nebel und ödes Feld; jetzt fangen sie ihn nicht mehr. Er horchte, vernahm aber nichts als seinen keuchenden Atem. Aber wenn – wenn Grottup in die Luft fliegt! Er griff sich an den Kopf, rannte weiter. Er rutschte in einen tiefen Hohlweg ab, kletterte mühsam auf der anderen Seite wieder hinauf und lief hinkend über ein Ackerfeld. Die alte Fraktur begann wieder zu schmerzen, in der Brust fühlte er ein scharfes Stechen. Er konnte nicht mehr weiter, setzte sich auf einen Feldrain und blickte auf Grottup zurück mit seinen im Nebel leuchtenden Bogenlampen. Es sah aus wie eine Lichterinsel in unermeßlicher Finsternis.

Beklemmende, atemlose Stille herrschte ringsum, und doch spielte sich in einem Umkreis von Tausenden und aber Tausenden von Kilometern ein unentwegter, furchtbarer Angriff ab. Daimon leitete von seinem Magnetberg aus das grauenvolle stille Trommelfeuer gegen die ganze Welt. Mit meilenweiten Funken durchquerten die Wellen die Räume, um das erstbeste Stäubchen Krakatit wo immer auf der Erde zu erreichen und zur Explosion zu bringen. Und dort in der Tiefe der Nacht, inmitten der matten Lichterflut, arbeitete ein Wahnsinniger, Besessener, über den geheimnisvollen Prozeß der Umwandlung gebeugt – »Tomesch, Achtung!« schrie Prokop auf, aber seine Stimme versank im Dunkeln wie ein von Kinderhand geschleuderter Stein im Abgrund.

Er stand auf, von Grauen und Kälte geschüttelt, und floh weiter, immer weiter von Grottup. Er geriet in einen Sumpf und hielt inne; ertönte nicht eine Explosion? Nein, Stille. In einem Anfall von entsetzlicher Angst lief Prokop einen Abhang hinauf, stolperte, fiel auf die Knie, sprang wieder auf und rannte weiter. Ringsum nichts als Gebüsch, er tastete sich mit den Händen durch, arbeitete sich wie ein Blinder vorwärts, rutschte aus und glitt ab. Mühsam richtete er sich auf, wischte sich mit blutenden Händen den Schweiß von der Stirn und lief weiter.

Inmitten eines Feldes unterschied er etwas Helles. Er tastete es ab; es war ein umgestürztes Kreuz. Keuchend setzte er sich auf den leeren Steinsockel. Die neblige Flut über Grottup war nun weit, ganz weit am Horizont, wie ein niedriger Schein über der Erde. Prokop atmete tief auf. Nichts, nur Stille. Vielleicht war es Tomesch doch nicht gelungen, und das Schlimmste blieb verhindert. Angstvoll lauschte er in die Ferne: nichts, nur das eisige Tropfen des Wassers in einem unterirdischen Rinnsal; nichts, nur das pochende Herz –

Da wurde über Grottup eine riesige schwarze Masse emporgeschleudert, und alle Lichter verloschen. Als ob die Finsternis sich spaltete, schoß gleich darauf eine Flammensäule hoch, loderte furchtbar auf und warf eine zyklopische Mauer von Rauch um sich. Da brauste auch schon ein Luftstoß heulend heran, rauschten die Bäume ächzend auf, und krach! Ein gräßlicher Peitschenknall, Getöse, ein schmetternder Schlag, donnerndes Dröhnen. Die Erde erbebte, und die Luft war erfüllt von wild umhergewirbeltem Laub. Mühsam nach Luft schnappend und sich mit beiden Händen an den Sockel anklammernd, um nicht hinweggefegt zu werden, starrte Prokop mit weit aufgerissenen Augen in die sprühende Riesenesse.

Schlag auf Schlag wälzte sich ein zweites, ein drittes Massiv empor, zerbarst in rotem Flammenschein, und schon loderte die dritte, grauenvollste Explosion auf; wahrscheinlich hatten sich die Munitionslager entzündet. Eine heulende Masse flog gegen den Himmel, zerstob nach allen Seiten und ging als prasselnder Funkenregen nieder. Dann erdröhnte ein ungeheurer Donnerschlag und verwandelte sich in ein Trommelfeuer: In den Lagern explodierten die Brandraketen und sprühten wie Funken unter einem Schmiedehammer. Eine Feuersbrunst ergoß sich in purpurnen Flammen und knatterte in scharfen Salven. Eine vierte, eine fünfte Detonation erschütterten die Luft wie das Aufbrüllen eines Riesengeschützes. Das Feuer griff nach beiden Seiten über; nun brannte fast der halbe Horizont.

Erst jetzt erreichte ihn das unheilvolle Krachen des hingemähten Waldes von Grottup; aber schon wurde es übertönt von der Kanonade brennender Munitionslager, wahrscheinlich Kresylit. Gleich darauf donnerte der tiefe Baß explodierender Dynamonfässer. Einem Blitz gleich schoß ein flammendes Riesengeschoß bis zum halben Himmel; eine hohe Stichflamme schlug heraus, verlöschte und sprang ein Stück weiter wieder hervor; erst Sekunden später erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, polterte die donnerähnliche Erschütterung. Eine Weile blieb es ganz still, dann hörte er das Prasseln des Feuers wie brechendes Gezweig. Ein neuerlicher schwerer Feuerstoß, und nun sackten die Flammen plötzlich über den Werken von Grottup zusammen, nichts als eine niedrige Glut hinterlassend. Die Stadt Grottup jedoch brannte lichterloh.

Prokop erhob sich, starr vor Entsetzen, und stolperte davon.

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