Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karel Capek >

Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
Schließen

Navigation:

50

Daimon eilte, um bald daheim zu sein. »Wo liegt eigentlich Grottup?« fragte Prokop unvermittelt, als sie bereits unten waren.

»Kommen Sie«, sagte Daimon, »ich zeige es Ihnen.« Er führte ihn in die Werkskanzlei zu einer Wandkarte. »Hier«, sagte er und beschrieb mit einem riesigen Nagel auf der Mappe einen kleinen Kreis. »Wollen Sie nicht etwas trinken? Das wärmt.« Er goß Prokop und sich etwas, das aussah wie schwarzes Pech, in kleine gläserne Becher. Prokop leerte den seinen auf einen Zug und verschluckte sich. Es war wie geschmolzenes Eisen und schmeckte bitter wie Chinin; der Kopf drehte sich ihm. »Sie trinken nicht mehr?« fragte Daimon und zeigte grinsend die gelben Zähne. »Schade. Sie wollen Ihre Schöne wohl nicht warten lassen?« Er trank einen Becher um den andern, bis seine Augen grünlich zu funkeln begannen. Als er etwas vorbringen wollte, versagte ihm die Zunge. »Sie sind ein ganzer Kerl«, erklärte er. »Morgen fangen Sie an. Der alte Daimon gewährt Ihnen alles, was Sie sich wünschen.« Er erhob sich steif und verbeugte sich tief. »So gehört es sich. Und nun – wart – warten Sie –« Er brachte alle möglichen Sprachen durcheinander; soviel Prokop verstand, waren es die gröbsten Unflätigkeiten. Am Ende brummte er ein völlig unsinniges Lied vor sich hin, begann wie ein Veitstänzer zu zucken und verlor das Bewußtsein; gelber Schaum trat ihm auf die Lippen.

»He, was ist Ihnen?« rief Prokop und rüttelte ihn.

Er öffnete schwer und blöde glotzend die gläsernen Augen. »Was . . . was ist?« stammelte er, erhob sich ein wenig und schüttelte sich. »Ach ja, ich – ich bin – Das ist nichts.« Er rieb sich die Stirn und gähnte krampfhaft. »Ich – ich bringe Sie in Ihr Zimmer!« Er war abschreckend fahl geworden, und sein tatarisches Gesicht zeigte plötzlich unzählige Falten. Er wankte unsicher, als wären alle seine Glieder gelähmt. »Kommen Sie.«

Er ging in das Zimmer, wo sie das schlafende Mädchen gelassen hatten. »Ah«, rief er in der Tür, »die Schöne ist erwacht. Bitte, treten Sie ein!«

Sie kniete beim Ofen und schien eben Feuer gemacht zu haben, denn sie blickte noch in die prasselnde Flamme. »Oh, sogar aufgeräumt«, brummte Daimon anerkennend. Es war gelüftet, und die peinliche Unordnung im Zimmer war verschwunden. Jetzt wirkte es so angenehm anspruchslos wie eine friedliche Hauswirtschaft.

»Wozu du nicht alles imstande bist!« wunderte sich Daimon. »Du solltest auch schon deinen Anker auswerfen.« Sie stand auf, errötete und schien ungewöhnlich verwirrt. »Na, nun keine falsche Scheu«, meinte Daimon grinsend. »Dein Kamerad gefällt dir also?«

»Ja«, sagte sie einfach, schloß das Fenster und ließ die Jalousie herab.

Der Ofen verbreitete Wärme im hellen Zimmer. »Schön habt ihr's hier«, stellte Daimon zufrieden fest, während er sich die Hände am Ofen wärmte. »Ich möchte gleich dableiben.«

»Geh nur«, sagte sie rasch.

»Gleich, mein Täubchen«, knurrte Daimon lächelnd. »Mir . . . mir ist bang ohne Menschen. Übrigens, dein Freund ist reichlich zugeknöpft. Ich werde ihm gut zureden.«

»Nichts wirst du tun!« fuhr sie ihn heftig an. »Er soll bleiben, wie er ist!«

Daimon hob die buschigen Brauen, die Verwunderung etwas übertreibend. »Was ist denn los? Was ist denn los? Du bist doch nicht am Ende ver-verlie –«

»Was geht's dich an?« unterbrach sie ihn und funkelte ihn an. »Wer braucht dich hier?«

Er lehnte am Ofen und kicherte leise in sich hinein. »Wenn du wüßtest, wie gut dir das zu Gesicht steht! Mädel, Mädel, hat's dich auch einmal richtig gepackt? Zeig dich!« Er wollte sie unterm Kinn fassen, aber sie wich ihm, weiß vor Zorn, aus und zeigte die Zähne.

»Was? Beißen? Mit wem warst du gestern beisammen, daß du so – Aha, ich weiß schon: Rosso, natürlich!«

»Das ist nicht wahr!« schrie sie empört.

»Lassen Sie sie in Ruhe!« mengte sich Prokop unfreundlich ein.

»Nun, nun, ist ja nichts geschehen«, brummte Daimon. »Ich will euch auch nicht länger stören. Gute Nacht, Kinder.« Er wich zurück, drückte sich an die Wand, und ehe sich Prokop versah, war er verschwunden.

Prokop zog sich einen Stuhl an den knisternden Ofen heran und blickte in die Flamme; er sah sich gar nicht nach dem Mädchen um. Er hörte, wie sie auf den Zehenspitzen durchs Zimmer ging, etwas abschloß und wieder etwas ordnete. Nun, da nichts mehr zu tun war, stand sie schweigend da und wartete. Seltsam ist die Macht der Flamme und des fließenden Wassers. Der Mensch blickt hinein, verliert das Bewußtsein, steht still; er denkt nichts mehr, weiß nichts mehr und entsinnt sich an nichts mehr, aber alles, was er je erlebt, spielt sich gestaltlos und zeitlos vor seinem inneren Auge ab.

Ein abgestreifter Schuh polterte auf den Fußboden, ein zweiter. Sie zog sich aus. Geh schlafen, Mädchen! Wenn du eingeschlafen bist, will ich schauen, wem du ähnlich siehst, dachte Prokop. Sie ging auf leisen Sohlen umher und hielt wieder inne; abermals ordnete sie etwas, weiß der Himmel, warum sie alles so schön und sauber haben wollte! Plötzlich kniete sie vor ihm und streckte die schönen Hände nach seinem Fuß aus. »Ich ziehe dir die Schuhe aus, willst du?« fragte sie leise.

Er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn zu sich. Sie war schön, unterwürfig und so sonderbar ernst. »Hast du Tomesch gekannt?« fragte er heiser.

Sie überlegte und schüttelte dann den Kopf.

»Lüg nicht! Du bist – du bist – du hast eine verheiratete Schwester?«

»Nein.« Sie entwand sich heftig seinen Händen. »Warum sollte ich lügen? Ich sage dir alles, absichtlich sage ich dir alles, du sollst es wissen – Ich bin ein verdorbenes Ding.« Sie vergrub ihr Gesicht in seine Knie. »Alle haben mich – alle, damit du's weißt –«

»Auch Daimon?«

Sie antwortete nicht, sondern schüttelte sich nur. »Du – du kannst mich von dir stoßen, ich bin, oh, rühr mich nicht an – ich bin, wenn du – wüßtest . . .« Sie erstarrte.

»Laß das«, schrie er gequält auf und hob ihr gewaltsam den Kopf. Ihre Augen waren geweitet vor Angst und Verzweiflung. Er ließ sie stöhnend los. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, daß ihn das Entsetzen packte. »Schweig, schweig wenigstens«, flüsterte er und glaubte zu ersticken.

Sie ließ ihr Gesicht in seinen Schoß sinken. »Laß mich, ich muß alles, alles . . . Mit dreizehn fing ich an . . .« Er hielt ihr den Mund zu. Sie biß ihn in die Hand und murmelte ihre furchtbare Beichte zwischen seinen Fingern hindurch. »Sei still«, schrie er, aber es kam stoßweise aus ihr, ihre Zähne schlugen aufeinander, sie zitterte am ganzen Körper, redete, stockte – Er vermochte sie kaum zum Schweigen zu bringen. »Oh . . . wenn du wüßtest«, stöhnte sie, »was . . . wozu Menschen imstande . . . sind! Jeder, jeder war grob zu mir . . . als ob ich kein . . . als ob ich weniger als ein Tier, weniger als eine Sache wäre!«

»Hör auf!« brachte er noch hervor und strich ihr, ohne zu wissen, was er tat, mit zitternden Fingerstümpfen über den Kopf. Sie seufzte beruhigt auf und hielt still; er fühlte ihren heißen Atem und den Pulsschlag an ihrem Hals.

Sie begann leise zu kichern. »Du dachtest, ich schlafe . . . dort im Auto. Ich schlief nicht, ich, ich . . . das war Absicht. Ich wartete, daß du anfängst . . . wie die andern. Du wußtest doch . . . was für eine ich bin . . . Aber du verzogst nur finster dein Gesicht und hieltest mich, als ob ich . . . ein kleines, unberührtes Mädel wäre.« Mitten im Lachen kamen ihr die Tränen. »Ich war auf einmal, ich weiß nicht, warum, so froh und so stolz wie noch nie und schämte mich schrecklich, dabei war es so schön –« Mit schluchzendem Mund küßte sie ihm die Knie. »Sie . . . Sie haben mich nicht einmal aufgeweckt . . . und mich wie ein – Kind gebettet . . . haben mir die Beine zugedeckt und geschwiegen –« Ein heftiges Weinen schüttelte sie. »Ich werde Ihnen dienen, lassen Sie mich, lassen Sie mich . . . ich ziehe Ihnen die Schuhe aus . . . Bitte, bitte, seien Sie nicht böse, daß ich mich schlafend gestellt habe! Bitte –«

Er wollte ihren Kopf zu sich aufheben; sie küßte ihm die Hände. »Weinen Sie nicht!« entfuhr es ihm.

»Wie?« Sie zog erstaunt durch die Nase auf und hörte auf zu weinen. »Warum sagen Sie ›Sie‹ zu mir?« Er drehte ihr Gesicht zu sich, aber sie wehrte sich mit aller Macht und vergrub es wieder in seine Knie. »Nein, nein«, stotterte sie entsetzt und lachend zugleich. »Ich bin verheult. Ich würde Ihnen nicht gefallen«, setzte sie leise hinzu und verbarg das Gesicht. »Ich weinte, weil Sie so . . . lange nicht kamen! Ich werde Ihnen dienen, Ihre Korrespondenz erledigen . . . ich werde Maschineschreiben lernen, ich beherrsche fünf Sprachen – jagen Sie mich nicht fort! Als Sie so lang nicht kamen, habe ich mir ausgedacht, was ich alles tun werde . . . Aber er hat es mir verdorben, er redete, als ob ich eine . . . Aber das ist nicht wahr . . . ich habe alles gesagt, ich werde . . . ich tue, was Sie mir sagen . . . ich möchte anständig werden –«

»Stehen Sie auf!«

Sie hockte sich auf, legte die Hände in den Schoß und starrte ihn verzückt an. Nun – sah sie nicht mehr der im Schleier ähnlich. Er erinnerte sich an Anni, wie sie damals geschluchzt hatte. »Weinen Sie nicht mehr«, murmelte er scheu.

»Sie sind schön!« sagte sie bewundernd. Er wurde rot und brummte etwas.

»Gehen Sie jetzt schlafen«, sagte er stockend und streichelte ihr die glühende Wange.

»Ekelt Ihnen nicht vor mir?« fragte sie flüsternd und errötete.

»Nein.« Sie rührte sich nicht, sondern blickte ihn nur mit angstvollen Augen an. Da beugte er sich zu ihr nieder und küßte sie. Über und über rot, erwiderte sie den Kuß verwirrt und ungewandt, als wäre es das erste Mal. »Geh schlafen, geh«, flüsterte er verlegen, »ich muß . . . noch . . . etwas überlegen.«

Sie stand folgsam auf und begann sich ruhig zu entkleiden. Er setzte sich in die Ecke, um sie nicht zu stören. Sie legte die Kleider ab, ohne Scham, aber auch ohne Schlüpfrigkeit, einfach und selbstverständlich wie eine Frau in ihrem Familienkreis. Langsam knöpfte sie das Kleid auf, knüpfte die Bänder los, legte die Wäsche sachte hin und streifte die Strümpfe von den kräftigen, schönen Beinen; nachdenklich blickte sie zu Boden und spielte dabei, wie es Kinder zu tun pflegen, mit den langen, makellosen Zehen. Sie sah auf Prokop, lachte, vor Freude errötend, und flüsterte: »Ich bin ganz still.« Prokop starrte sie atemlos an: das war sie wieder, das Mädchen im Schleier; dieser kräftig entwickelte, schöne Körper, das war sie; so ernst und anmutig legte sie Stück um Stück ihrer Kleidung ab, so fielen ihr die Haare über die Schultern, so versonnen und zusammengekauert streichelte sie sich die vollen, müden Arme, und so, so – Er schloß klopfenden Herzens die Augen: Sahst du sie nicht oft – in deiner schlimmsten Einsamkeit –, wie sie im Schein der friedlichen Familienlampe stand, ihr Gesicht dir zuwandte und etwas sagte, was du nicht hörtest? Fingst du nicht damals, als du, die Hände zwischen die Knie pressend, dasaßest, mit einem Blick unter den gesenkten Lidern eine Bewegung ihrer Hand auf, eine schlichte, anmutige Bewegung, in der alle stille, verschwiegene Freude des Heimes lag? Einmal erschien sie dir, entsinne dich, sie stand mit dem Rücken zu dir, den Kopf über etwas gebeugt; und ein andermal sahst du sie lesend unter der Abendlampe. Ist das hier vielleicht nur eine Fortsetzung, die entschwindet, wenn du die Augen öffnest, nichts als Einsamkeit zurücklassend?

Er hob die Lider. Das Mädchen lag im Bett, bis ans Kinn zugedeckt, und sah ihn mit liebevollen, demütigen Augen an. Er trat an sie heran, beugte sich über ihr Gesicht und forschte mit heftiger, ungeduldiger Aufmerksamkeit in ihren Zügen. Sie blickte ihn fragend an und machte ihm Platz an ihrer Seite. »Nein, nein«, murmelte er und küßte sie leicht auf die Stirn. »Schlaf nur.« Gehorsam schloß sie die Augen und atmete kaum.

Auf den Zehenspitzen kehrte er in seine Ecke zurück. Nein, sie sah ihr nicht ähnlich, bestätigte er sich. Ihm war, als blickte sie unter geschlossenen Lidern auf ihn; das quälte ihn so, daß er nicht zu denken vermochte. Er verzog ärgerlich das Gesicht, wandte den Kopf ab, doch dann sprang er auf und ging leise zu ihr hin, um sie wieder anzusehen. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete nur schwach; sie war schön und demütig. »Schlafe«, flüsterte er. Sie nickte ein wenig. Er verlöschte das Licht und tastete sich vorsichtig in seinen Winkel zurück.

Nach einer sehr langen, bangen Zeit stahl er sich wie ein Dieb zur Tür. Wird sie nicht erwachen? Er zögerte, die Hand auf der Klinke, öffnete pochenden Herzens und schlich auf den Hof hinaus.

Es war immer noch Nacht. Prokop sah sich zwischen den Halden um und stieg über einen Zaun. Er sprang hinunter, reinigte sich ein wenig und suchte die Straße.

Man sah kaum einen Weg. Prokop blickte, erschauernd vor Kälte, um sich. Wohin, wohin wollte er eigentlich? Nach Balttin?

Er ging einige Schritte und blieb wieder stehen. Er stand und starrte zu Boden. Nach Balttin also? Ein grobes, tränenloses Schluchzen stieg in ihm auf. Da machte er auf der Stelle kehrt.

Nach Grottup!

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.