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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 50
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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49

Der Wagen hielt in einem dunklen Waldtal. Prokop unterschied im Finstern unförmige Türme und Halden. »Da wären wir«, brummte Daimon. »Das ist meine Erzgrube und der Eisenhammer. Nicht viel wert. Steigen Sie aus!«

»Soll ich sie hierlassen?« fragte Prokop leise.

»Wen? Ach ja, Ihre Schöne. Wecken Sie sie, wir bleiben hier.« Prokop stieg vorsichtig aus und trug sie in den Armen. »Wo soll ich sie hinlegen?«

Daimon schloß ein düsteres Gebäude auf.

»Wie? Warten Sie, ich habe hier einige Zimmer. Ich führe Sie hinein . . . dort können Sie sie hinlegen.«

Er machte Licht und führte ihn über einen kalten Büroflur. Endlich öffnete er eine Tür, ging hinein und drehte das Licht an. Es war ein häßlicher, ungelüfteter Raum mit einem zerwühlten Bett und herabgelassenen Jalousien. »Aha«, brummte Daimon, »da hat wohl wieder ein . . . Bekannter übernachtet. Schön ist es hier gerade nicht. Wie eben bei einem Junggesellen. Legen Sie sie aufs Bett.«

Prokop legte das still atmende Paket behutsam nieder. Daimon ging einigemal auf und ab und rieb sich die Hände. »Wir gehen jetzt zu unserer Station. Sie liegt oben auf einem Hügel, zehn Minuten von hier. Oder wollen Sie dableiben?« Er trat an das schlafende Mädchen heran, schlug einen Zipfel des Pelzes zurück und enthüllte ihre Beine bis zu den Knien. »Sie ist schön, nicht wahr? Schade, daß ich so alt bin.«

Prokop blickte verärgert drein und schlug den Pelzzipfel wieder zurück. »Zeigen Sie mir Ihre Station«, sagte er trocken. Daimons Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. »Gehen wir.«

Er führte ihn über einen Hof. Das Maschinenhaus war erleuchtet. Prokop vernahm das Stampfen der Maschinen. Der Heizer mit aufgekrempelten Ärmeln trieb sich, eine Pfeife rauchend, im Hof umher. Eine Schwebebahn mit Wagen zur Erzbeförderung führte zur Höhe hinauf; ihre Konstruktion zeichnete sich starr wie das Gerippe einer Riesenechse ab. »Ich mußte drei Gruben schließen«, erklärte Daimon. »Es lohnt sich nicht. Wenn die Station nicht wäre, hätte ich es längst verkauft. Gehen wir hier hinauf.« Er klomm einen steilen Waldpfad den Hang hinan. Prokop folgte ihm nur dem Geräusch nach. Es war schwärzeste Nacht; zuweilen fielen von den Fichtenzweigen schwere Tropfen nieder. Daimon blieb stehen und atmete schwer. »Ich bin alt«, sagte er, »und nicht mehr so rüstig wie früher. Immer mehr bin ich auf andere Leute angewiesen. Heute ist niemand auf der Station. Der Kamerad Telegrafist blieb unten bei den andern . . . Macht nichts. Kommen Sie!«

Auf dem Hügel sah es aus wie auf einem zerwühlten Schlachtfeld: verlassene Fördertürme, eine Seilbahn, verödete Riesenhalden. Auf der größten Halde stand oben eine Holzbaracke mit Antennen. »Das ist die . . . Station«, keuchte Daimon. »Sie steht auf . . . vierzigtausend Tonnen Magnesit. Ein natürlicher Kondensator, Sie verstehen? Der ganze Hügel ist ein einziges, riesiges Drahtnetz. Ich werde es Ihnen einmal ausführlich erklären. Helfen Sie mir hinauf.« Sie krochen die lockere Halde hinan. Der schwere Kies kollerte polternd unter ihren Füßen abwärts. Endlich kamen sie zur Station.

Prokop starrte und traute seinen Augen nicht. Das war doch seine Laboratoriumsbaracke von zu Hause, dort zwischen den Feldern über der Stadt! Die gestrichene Tür, einige helle Fensterrahmen von der letzten Reparatur, die Augen der Äste – Erregt tastete er den Türstock ab: Natürlich, da war der umgebogene rostige Nagel, den er selbst einmal eingeschlagen hatte. »Woher stammt das?« stieß er atemlos hervor.

»Was?«

»Diese Baracke.«

»Die steht schon jahrelang hier«, antwortete Daimon gleichgültig. »Was finden Sie so Besonderes daran?«

»Nichts.« Prokop lief um das Haus herum und befühlte Wände und Fenster. Ja, da war der Spalt, gesprungenes Holz, da fehlte die Scheibe im Fenster und hier der Astknorren, das Loch von innen mit Papier verklebt. Mit zitternder Hand strich er über die vertrauten, armseligen Einzelheiten; alles wie es war, alles . . .

»Nun«, rief Daimon, »sind Sie fertig mit der Besichtigung? Öffnen Sie, Sie haben den Schlüssel.«

Prokop griff in die Tasche. Ja, er hatte den Schlüssel von seinem alten Laboratorium bei sich. Er steckte ihn in das Vorhängeschloß, sperrte auf und ging hinein. Wie daheim griff er mechanisch nach links und drehte den Schalter an, der statt des Knopfes einen Nagel hatte. Daimon trat hinter ihm ein. O Gott, da steht ja sein Feldbett, immer noch unaufgebettet, das Waschbecken, der Krug mit dem abgeschlagenen Rand, das Handtuch – alles wie einst. Er wandte sich um: Und dort sein alter Eisenofen, das Abzugsrohr, mit Draht zusammengehalten, eine Kiste mit Kohlenstaub und hier der alte Lehnstuhl auf wackligen Beinen, aus dem Werg und eine Drahtspirale hervorlugen. Da ist der vertraute Nagelkopf im Fußboden und dort das versengte Brett, und der Schrank, sein Kleiderschrank. Er öffnete ihn, eine alte Hose hing darin.

»Komfortabel ist es hier gerade nicht«, bemerkte Daimon. »Unser Telegrafist ist ein – Sonderling. Was sagen Sie zu den Apparaten?«

Prokop wandte sich zum Tisch. Nein, das war nicht da gewesen, nein, nein, das gehörte nicht hierher. Statt der chemischen Behelfe stand auf dem einen Ende des Arbeitstisches eine Sendestation mit abhebbarem Hörer, wie sie auf Schiffen üblich sind. Daneben bemerkte er einen Empfangsapparat, Kondensatoren, Variometer, einen Regulator, unterm Tisch ein gewöhnliches Transformatorenaggregat und auf dem andern Ende –

»Das ist die Normalstation für gewöhnliche Gespräche«, erklärte Daimon. »Das andere dort ist unsere Extinktionstation, mit der wir die Antiwellen, Gegenströme, künstliche magnetische Stürme oder wie Sie es sonst nennen wollen, aussenden. Das ist unser ganzes Geheimnis. Kennen Sie sich darin aus?«

»Nein.« Prokop überblickte flüchtig die Apparate, die ihm gänzlich unbekannt waren. Er bemerkte eine Unmenge Widerstände, eine Art Drahtgitter, etwas wie eine Kathodenröhre, isolierte Trommeln oder ähnliches, einen merkwürdigen Kohaerer, eine Schalteinrichtung und einen Taster mit Kontakten. Er wußte überhaupt nicht, was das alles war. Er ließ den Apparat sein und blickte zur Decke empor, ob sich dort noch die seltsame Zeichnung im Holz befand, die ihn daheim immer an den Kopf eines alten Mannes erinnert hatte. Ja, dort war sie. Und dort hing der Spiegel mit der abgeschlagenen Ecke –

»Was meinen Sie zu dem Apparat?« fragte Daimon.

»Ja – nun – das scheint die erste Konstruktion. Es ist noch etwas zu kompliziert.« Sein Blick fiel auf eine Fotografie, die gegen eine Induktionsspule gelehnt war. Er nahm sie in die Hand; es war ein wunderschöner Mädchenkopf. »Wer ist das?« fragte er heiser.

Daimon blickte ihm über die Schulter. »Sie erkennen sie nicht? Das ist doch Ihre Schöne, die Sie vor einer Weile in den Armen hielten. Ein prächtiges Mädel, wie?«

Daimon grinste. »Wahrscheinlich vergöttert unser Telegrafist sie. Wollen Sie, bitte, den großen Hebel dort einschalten, den Kontakthebel – Er ist so ein kleines Männchen, haben Sie ihn nicht bemerkt? Er saß vorn in der ersten Bank.«

Prokop warf die Fotografie auf den Tisch und schaltete den Hebel ein. Ein blauer Funke durchlief das Drahtgitter. Daimon spielte auf dem Taster. Da begann der ganze Apparat kurze blaue Flämmchen zu sprühen. »So«, bemerkte Daimon zufrieden und blickte reglos in das sprühende Funkenspiel.

Prokop griff mit heißen Händen wieder nach der Fotografie. Ja, natürlich, das war das Mädchen von unten; da gab es keinen Zweifel. Aber wenn . . . wenn sie einen Schleier hätte, einen Pelz, einen mit Regentropfen betauten Pelz – hochgeschlossen . . . und Handschuhe – Prokop biß die Zähne zusammen. Das ist unmöglich, daß sie ihr so ähnlich wäre! Er kniff die Augen zu, um die entschwindende Erscheinung zu erfassen; wieder sieht er das Mädchen im Schleier, wie sie den versiegelten Briefumschlag an die Brust preßt – und jetzt, jetzt wendet sie ihm ihren reinen, verzweifelten Blick zu –

Außer sich vor Erregung, verglich er das Bild mit der entschwundenen Gestalt. Mein Gott, wie sah sie eigentlich aus? Ich weiß es nicht mehr, erschrak er, ich weiß nur, daß sie verschleiert und schön war. Schön war sie und verschleiert, mehr hatte er nicht gesehen. Aber dieses Bild da, die großen Augen und der ernste, feine Mund, das sollte die – die – die Schlafende unten sein? Die hatte doch einen halboffenen, einen sündigen, halboffenen Mund, hatte zerzaustes Haar und blickte doch nicht so – blickte doch nicht so – Nein, das war Unsinn; das war nicht das Mädchen von unten, ähnelte ihr ja nicht einmal. Das hier war das Gesicht der Verschleierten, die in Leid und Angst zu ihm gekommen war; die Stirn klar, die Augen vom Schmerz beschattet. Der Schleier, der dichte Schleier, vom Atem betaut – Warum hatte sie ihn damals nicht gehoben? Dann hätte er sie wiedererkannt!

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas«, sagte Daimon und zog Prokop hinaus. Sie standen auf dem Gipfel der Halde; zu ihren Füßen lag, ins Unabsehbare gebreitet, die dunkle, schlafende Erde. »Schauen Sie dorthin«, sagte Daimon und wies mit der Hand gegen den Horizont. »Bemerken Sie dort nichts?«

»Nein. Doch, ein kleines Licht. Einen schwachen Schein.«

»Wissen Sie, was das ist?«

Da heulte es leise, wie wenn der Wind sich in die nächtliche Stille vergräbt. »Erledigt«, sagte Daimon feierlich und nahm die Mütze ab. »Good night, Kameraden.«

Prokop sah ihn fragend an.

»Verstehen Sie nicht?« sagte Daimon. »Erst jetzt ist der Schall der Explosion bis zu uns gedrungen. Fünfzig Kilometer Luftlinie. Genau zweieinhalb Minuten.«

»Was für eine Explosion?«

»Krakatit. Diese Dummköpfe haben es in ihre Streichholzschachteln gestopft. Ich glaube, jetzt werden wir Ruhe haben vor ihnen. Wir berufen einen neuen Kongreß ein – lassen einen neuen Ausschuß wählen –«

»Sie – haben sie –«

Daimon nickte. »Man konnte mit ihnen doch nicht arbeiten. Sie haben sich gewiß bis zur letzten Minute um die Taktik gerauft. Wahrscheinlich brennt es noch.«

Am Horizont war nur ein matter rötlicher Schein zu sehen.

»Auch der Erfinder unserer Station ist dort geblieben. Alle sind dort geblieben. Jetzt können Sie es selbst in die Hand nehmen – Horchen Sie – diese Stille! Und doch geht von hier aus allen diesen Drähten eine stumme, exakte Kanonade in den Weltraum hinaus. Jetzt haben wir sämtliche drahtlosen Verbindungen gestört, den wütenden Telegrafisten kracht es in den Ohren! Herr Tomesch müht sich inzwischen in Grottup, Krakatit herzustellen. Es wird ihm nie gelingen. Und wenn, wenn! Im Augenblick, wo ihm die Zusammensetzung glückt, ist es auch schon zu Ende damit – Arbeite nur, kleine Station, funke im stillen und bombardiere das ganze Weltall! Niemand, niemand außer Ihnen wird Herr über Krakatit sein. Jetzt sind nur noch Sie, Sie allein, als einziger – die ganze Welt.« Er legte ihm die Hand auf die Schulter und wies mit der andern schweigend im Kreis. Es war eine sternenlose, öde Nacht; nur am Horizont leuchtete ein niedrig loderndes Feuer.

»Ich bin müde«, sagte Daimon gähnend. »Es war ein arbeitsreicher Tag. Gehen wir hinunter.«

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