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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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4

Jetzt habe ich etwas ausgeplaudert, besann sich Prokop im klareren Teil seines Gehirns; aber sonst war es ihm höchst gleichgültig. Er wollte nur schlafen, endlos schlafen. Ihm war, als sehe er einen türkischen Teppich, dessen Muster sich immer wieder verschoben, ineinanderliefen und veränderten. Es war eigentlich nichts, trotzdem regte es ihn auf. Auch im Schlaf wünschte er Plinius wiederzusehen. Er versuchte, sich seine Gestalt in Erinnerung zu rufen. Statt dessen sah er eine widerlich grinsende Fratze vor sich, die mit gelben, fauligen Zähnen knirschte, bis sie splitterten, und die sie dann stückweise ausspie. Aus irgendeinem Grund kam ihm das furchtbar lächerlich vor, so daß er in lautes, krampfhaftes Gelächter ausbrach, wodurch er erwachte.

Er war vollkommen in Schweiß gebadet und abgedeckt. Mit fiebrigen Augen blickte er auf Tomesch, der sich im Zimmer eifrig zu schaffen machte und verschiedene Sachen in einen Koffer warf. Aber Prokop erkannte ihn nicht. »Hören Sie, hören Sie doch«, rief er, »ist das nicht komisch? Hören Sie, so warten Sie doch, Sie müssen sich das anhören . . .« Er wollte ihm das Erlebnis mit der Fratze als einen Witz erzählen und lachte darüber; aber er konnte und konnte sich nicht entsinnen, wie es eigentlich war. Das verdroß ihn derart, daß er verstummte.

Tomesch zog den Überrock an und nahm die Mütze. Er wollte schon nach dem Koffer greifen, da besann er sich und setzte sich zu Prokop auf den Bettrand. »Hör mich an, alter Knabe«, sagte er besorgt. »Ich muß hinausfahren – zum Vater nach Teinitz. Wenn er mir kein Geld gibt, dann – dann kehre ich nicht mehr zurück. Aber mach dir nichts draus. Morgen früh kommt die Hausmeisterin mit einem Arzt, ja?«

»Wie spät ist es?« fragte Prokop unbeteiligt.

»Vier . . . fünf nach vier. Es fehlt dir doch hier nichts?«

Prokop schloß die Augen; er wollte sich um nichts mehr auf der Welt kümmern. Tomesch deckte ihn noch sorgsam zu. Dann war es still.

Er schlug die Augen weit auf. Die Zimmerdecke, die er über sich erblickte, hatte an den Rändern ein fremdes Ornament. Er tastete zur Seite nach dem Nachttisch und griff ins Leere. Da wandte er sich erschrocken um und sah statt seines breiten Laboratoriumpultes einen fremden Tisch mit einer Lampe darauf. Wo das Fenster sein sollte, stand ein Schrank, anstelle des Waschtisches war eine Tür. Das verwirrte ihn maßlos; er begriff nicht, was mit ihm geschehen war und wo er sich befand. Einen Schwindelanfall überwindend, setzte er sich im Bett auf. Allmählich dämmerte ihm, daß er hier nicht zu Hause war, konnte sich aber nicht entsinnen, wie er hierher geraten war. »Wer ist da?« fragte er laut aufs Geratewohl; er vermochte kaum die Zunge zu bewegen. »Trinken«, sagte er nach einer Weile, »trinken!« Es herrschte eine qualvolle Stille. Er stand auf und suchte, etwas taumelig, nach Wasser. Auf dem Waschtisch fand er eine Karaffe und trank gierig daraus; als er zum Bett zurückkehrte, versagten ihm die Beine; er mußte sich auf einen Stuhl setzen. Er mochte ziemlich lange so gesessen haben; nun schüttelte ihn die Kälte, da er sich beim Trinken mit Wasser begossen hatte. Er begann Mitleid mit sich selber zu empfinden, weil er nicht wußte, wo er sich befand, und nicht einmal bis zum Bett gelangen konnte und so ratlos und ohnmächtig allein war; da brach er in kindliches Schluchzen aus.

Als es vorbei war, wurde sein Kopf etwas klarer. Er vermochte sogar, bis zum Bett zu gehen und sich niederzulegen. Kaum hatte er sich erwärmt, so versank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als er erwachte, war der Vorhang hochgezogen, das Tageslicht drang grau durchs Fenster, und im Zimmer war ein wenig aufgeräumt. Er wußte nicht, wer das gemacht haben konnte, aber sonst erinnerte er sich genau an die gestrige Explosion, an Tomesch und dessen Abreise. Er hatte rasende Kopfschmerzen, fühlte einen Druck auf der Brust und wurde von einem stechenden Husten gequält. Das ist böse, sagte er zu sich, das ist ganz böse; ich sollte nach Hause gehen und mich niederlegen! Er stand auf und begann langsam sich anzukleiden, immer wieder ein wenig ausruhend. Eine Zentnerlast schien ihm auf die Brust zu drücken. Dann setzte er sich geistesabwesend nieder und atmete schwer.

Da ertönte kurz und dünn die Klingel. Er erhob sich mühsam und ging öffnen. Auf der Schwelle stand ein junges Mädchen, das Gesicht verschleiert.

»Wohnt hier . . . Herr Tomesch?« fragte sie eilig und bedrückt.

»Bitte«, sagte Prokop und gab ihr den Weg frei. Als sie, etwas zögernd, knapp hinter ihm eintrat, verspürte er einen schwachen lieblichen Duft, den er beglückt einatmete.

Er setzte sich ihr gegenüber neben das Fenster und bemühte sich, nach Möglichkeit gerade zu sitzen. Er fühlte, daß er sich vor lauter Anstrengung ernst und steif ausnahm, was beide in große Verlegenheit brachte. Das Mädchen biß sich in die Lippen und schlug die Augen nieder. Ach, diese liebliche Glätte der Wangen, diese zarten, so erregten Hände! Sie blickte auf, und Prokop hielt den Atem an, so schön erschien sie ihm.

»Ist Herr Tomesch nicht zu Hause?« fragte das Mädchen.

»Er ist weggefahren«, antwortete Prokop zögernd, »heute nacht.«

»Wohin?«

»Nach Teinitz, zu seinem Vater.«

»Wann kommt er zurück?«

Prokop zuckte mit den Achseln.

Das Mädchen senkte den Kopf; ihre Hände schienen mit etwas zu kämpfen. »Hat er Ihnen gesagt, warum . . .?«

»Ja.«

»Glauben Sie, daß – daß er es tut?«

»Was, Fräulein?«

»Sich erschießen.«

Prokop erinnerte sich blitzschnell, daß er Tomesch einen Revolver in den Koffer hatte packen sehen. »Vielleicht mache ich morgen Schluß«, hörte er ihn wieder sagen. Aber Prokop wollte jetzt nicht davon sprechen.

»Mein Gott, mein Gott«, klagte das Mädchen, »das ist ja furchtbar! Was meinen Sie . . . wenn – ihm jemand nachfahren würde! Ihm alles sagen – Geld geben würde – da hätte er doch keinen Grund mehr, es zu tun. Wenn man ihm heute noch nachfahren würde –«

Prokop sah, wie sie verzweifelt die Hände rang.

»Ich fahre zu ihm«, sagte er leise. »Ich habe zufällig – in der Gegend zu tun. Wenn Sie wollen . . . ich –«

Das Mädchen hob den Kopf. »Wirklich?« rief sie erfreut. »Sie würden –?«

»Ich bin ein alter Freund von ihm«, erklärte Prokop.

»Sie sind zu gütig«, setzte sie kaum hörbar hinzu.

Prokop errötete leicht. »Das ist eine Kleinigkeit«, wehrte er ab. »Zufällig habe ich gerade frei – ich wollte ohnehin . . . hinausfahren, und überhaupt . . .« Er machte eine verlegene Handbewegung. »Es ist doch nicht der Rede wert. Ich mache alles – was Sie wollen.«

Nun wurde das Mädchen rot und blickte schnell weg. »Ich weiß gar nicht, wie ich . . . Ihnen danken soll«, sagte sie verwirrt. »Es tut mir so leid, daß . . . ich Sie . . . Aber es ist sehr wichtig, und dann – sind Sie ja sein Freund. – Oder glauben Sie, ich sollte selber –« Sie überwand sich und blickte Prokop mit klaren Augen an. »Ich habe ihm etwas zu schicken. Ich – ich möchte nicht darüber sprechen.«

»Ist auch nicht nötig«, sagte Prokop rasch. »Ich übergebe es ihm einfach. Ich bin so froh, daß ich Ihnen . . . daß ich ihm . . . Regnet es denn?« fragte er plötzlich, indem er auf ihre feuchte Pelzjacke sah.

»Ja.«

»Das ist gut«, meinte Prokop; aber er dachte, wie angenehm es wäre, die Stirn auf diesen kühlen Pelz zu legen.

»Ich habe die Sache nicht bei mir«, sagte sie und erhob sich. »Es ist nur ein ganz kleines Päckchen. Wenn Sie so lange warten könnten . . . Ich bin in zwei Stunden wieder da.«

Prokop verbeugte sich sehr steif aus Furcht, das Gleichgewicht zu verlieren. In der Tür wandte sie sich noch einmal um und sah ihm voll ins Gesicht. »Auf Wiedersehen«, sagte sie dann und ging.

Prokop setzte sich und schloß die Augen. Regentropfen auf dem Pelz, ein dichter, mit Tauperlen benetzter Schleier, verhaltene Stimme, unruhige Hände in eng anliegenden kleinen Handschuhen; kühler Duft, der Blick klar und verwirrend unter anmutigen, stark geschwungenen Brauen. Hände im Schoß, weicher Faltenwurf des Rockes über kräftigen Knien, ach, diese kleinen Hände in den engen Handschuhen! Dunkle, bebende Stimme, das Gesicht glatt und blaß. Traurig, verwirrt und doch mutig. Blaugraue Augen, klare, leuchtende Augen! O Gott, wie sie den Schleier an die Lippen drückte!

Prokop stöhnte und öffnete die Augen. Das ist kein Mädel, sagte er zu sich in blinder Wut. Sie kennt den Weg hierher und war sicher nicht zum ersten Male da. Vielleicht haben sie hier . . . gerade hier . . . in diesem Zimmer – – – Und ich Dummkopf biete mich noch an, ihm nachzufahren! Ich Idiot, ich trage ihm noch einen Liebesbrief nach! Was – was kümmert sie mich überhaupt?

Da kam ihm ein rettender Gedanke. Ich laufe nach Hause in meine Laboratoriumsbaracke. Soll sie dann wiederkommen! Mag sie tun, was sie will! Sie – sie – kann ihm ja selber nachfahren, wenn . . . ihr so viel dran liegt –

Er blickte sich im Zimmer um, sah das zerwühlte Bett, schämte sich und brachte es in Ordnung, wie er es von zu Hause gewöhnt war. Es schien ihm noch nicht gut genug; er bettete es um, richtete es aus, strich noch einmal drüber hin und machte dann überall im Zimmer Ordnung, zupfte sogar die Gardinen zurecht. Dann setzte er sich hin, mit einem dumpfen Gefühl im Kopf, die Brust von schmerzhaftem Druck beengt, und wartete.

Ihm war, als ginge er durch einen riesigen Gemüsegarten. Ringsum gab es nichts als Kohlköpfe, aber es waren gar keine Kohlköpfe, es waren fletschende, triefäugige, unförmige, wäßrige, finnige und aufgedunsene Menschenhäupter. Sie wuchsen auf dünnen Strünken und waren mit widerwärtigen grünen Raupen übersät.

Sieh, da kommt ein Mädchen übers Feld auf ihn zugelaufen. Sie trägt einen Schleier vor dem Gesicht, hebt ein wenig den Rock und hüpft über die Menschenhäupter hinweg. Da wachsen unter jedem von ihnen nackte, unheimlich dünne und behaarte Hände hervor und greifen nach den Beinen und dem Rock. Das Mädchen schreit, wahnsinnig vor Angst, und hebt den Rock hoch bis über die festen Knie, entblößt die weißen Beine und versucht, über die gierig greifenden Hände hinwegzuspringen. Prokop schließt die Augen; er erträgt den Anblick ihrer weißen, starken Beine nicht und fürchtet, die grünen Häupter könnten das Mädchen schänden. Da wirft er sich zu Boden und schneidet mit dem Taschenmesser den ersten Kopf ab; der brüllt tierisch auf und schnappt mit hohlen Zähnen nach seinen Händen. Nun der zweite, der dritte Kopf; o Gott, wird er das Riesenfeld abgemäht haben, ehe das Mädchen, das drüben auf der andern Seite des unübersehbaren Gartens kämpft, bis zu ihm gelangt? Wütend springt er auf, trampelt auf den abstoßend gespenstigen Häuptern herum, stößt mit den Füßen nach ihnen. Da verstrickt er sich mit den Beinen in dem Gewirr der dünnen Saugpfoten, stürzt nieder, wird ergriffen, erdrosselt, erstickt . . . und alles verschwindet.

Alles geht unter in einem wirbelnden Chaos. Plötzlich ertönt ganz in der Nähe eine gedämpfte Stimme: »Ich bringe Ihnen das Päckchen!« Da öffnet er die Augen und springt auf; vor ihm steht ein liederliches Frauenzimmer aus der Altstadt, schielend und schwanger, und reicht ihm etwas, in einen feuchten Fetzen gewickelt. Das ist sie ja gar nicht, durchzuckt es Prokop schmerzlich, und gleich darauf sieht er eine magere, traurige Verkäuferin, die ihm mit Holzstäben seine Handschuhe dehnt. Das ist sie nicht, wehrt sich Prokop. Da sieht er ein kleines aufgedunsenes Mädchen auf rachitischen Beinen, das – das sich ihm schamlos anbietet. »Geh fort!« schreit Prokop auf und erwacht.

Es klingelte so leise, als hätte ein Vogel die Glocke angeschlagen. Prokop stürzte zur Tür und öffnete; auf der Schwelle stand das Mädchen mit dem Schleier, drückte ein Päckchen an die Brust und holte tief Atem. »Sie sind es?!« sagte Prokop sanft und, aus einem unbekannten Grund, tief ergriffen. Das Mädchen trat ein und streifte ihn im Vorbeigehen. Der Duft, der von ihr ausging, quälte und berauschte ihn zugleich.

Sie blieb mitten im Zimmer stehen. »Seien Sie mir, bitte, nicht böse«, sagte sie merkwürdig hastig, »daß ich Sie mit einem solchen Auftrag belästige. Aber Sie wissen gar nicht, warum – warum ich – – Wenn es Ihnen Schwierigkeiten machen sollte, dann . . .«

»Ich fahre!« stieß Prokop heiser hervor.

Das Mädchen sah ihn nun ganz nahe mit ernsten, klaren Augen an. »Denken Sie nicht schlecht von mir. Ich fürchte nur, daß Herr – daß Ihr Freund etwas tut, was einen andern bis in den Tod betrüben würde. Ich habe viel Vertrauen zu Ihnen . . . Sie werden ihn retten, nicht wahr?«

»Unendlich gern«, beteuerte Prokop mit seltsam fremder und erregter Stimme. »Fräulein, ich . . . was immer Sie auch von mir verlangen . . .« Er wandte die Augen ab, fürchtete, etwas auszuschwatzen, bangte, man könnte sein Herz schlagen hören; er schämte sich seiner Schwerfälligkeit.

Auch des Mädchens bemächtigte sich nun Verwirrung; sie wurde über und über rot und wich seinem Blick aus. »Ich danke, ich danke Ihnen«, sagte sie unsicher.

Stille trat ein. Prokop fühlte selig und qualvoll zugleich, wie sie ihn musterte. Er hätte etwas sagen müssen, um über die Situation hinwegzukommen; aber er bewegte nur die Lippen und fühlte ein Frösteln am ganzen Körper.

Endlich regte sich das Mädchen und flüsterte: »Das Päckchen!« Da vergaß Prokop, warum er bisher die rechte Hand hinterm Rücken verborgen hatte, und griff nach dem Umschlag. Das Mädchen erblaßte und wich zurück. »Sie sind verwundet«, entfuhr es ihr. »Zeigen Sie die Hand her!« Prokop verbarg sie rasch. »Das ist nichts«, versicherte er eilig, »ein wenig . . . entzündet . . . von einer kleinen Wunde, weiter nichts.«

Das Mädchen, ganz blaß im Gesicht, stöhnte auf, als ob sie selbst den Schmerz verspürte. »Warum gehen Sie nicht zum Arzt?« fragte sie heftig. »Sie dürfen nicht fahren! Ich . . . ich schicke jemand andern!«

»Es ist fast verheilt«, verteidigte sich Prokop, als wollte man ihm etwas Kostbares nehmen. »Wirklich, es ist fast wieder in Ordnung . . . eine kleine Kratzwunde, nichts weiter, und überhaupt, das ist ja Unsinn! Warum sollte ich nicht fahren? Sie können doch in einer solchen Angelegenheit nicht . . . einen Fremden schicken, das ist doch klar! Es schmerzt auch gar nicht mehr, sehen Sie!« sagte er und schüttelte zum Beweis die rechte Hand.

Das Mädchen zog die Brauen zusammen. Ihr Gesicht drückte zugleich Strenge und Mitleid aus. »Warum haben Sie es mir nicht gesagt? Sie dürfen nicht fahren!«

Prokop war verzweifelt. »Aber das bedeutet nichts«, ereiferte er sich, »ich bin das gewöhnt. Sehen Sie, da!« Er zeigte ihr die linke Hand: fast der ganze kleine Finger fehlte, und das Gelenk des Zeigefingers war zu einer knotigen Narbe angeschwollen. »Das bringt der Beruf mit sich«, meinte er und merkte gar nicht, wie das Mädchen mit erblassenden Lippen zurücktrat und auf seine Stirn starrte, die eine auffallend breite Schramme vom Auge bis zu den Haarwurzeln aufwies. »Geben Sie mir das Päckchen!« Er nahm es ihr aus der Hand, warf es in die Höhe und fing es wieder auf. »Nur keine Angst! Es wird schon alles gutgehen. Eigentlich wollte ich längst irgendwohin fahren. Kennen Sie Amerika?«

Das Mädchen schwieg und sah ihn verwundert an.

»Sie behaupten, neue Theorien zu haben«, schwatzte Prokop im Fieber. »Wartet nur, ich werde es euch schon beweisen, wenn einmal meine Berechnungen veröffentlicht sind. Schade, daß Sie nichts davon verstehen; ich würde es Ihnen erklären, Ihnen vertraue ich, Ihnen ja, aber ihm nicht. Vertrauen Sie ihm nicht«, redete er ihr eindringlich zu, »nehmen Sie sich in acht. Sie sind so schön«, flüsterte er entzückt. »Bei mir oben, zu Hause, spreche ich mit niemandem. Es ist nur eine einfache Bretterbude. Haha, wie Sie sich vor den Kohlköpfen gefürchtet haben! Aber ich werde Sie schon beschützen. Nur keine Furcht! Ich lasse es nicht zu!«

Sie starrte ihn mit vor Angst geweiteten Augen an. »Sie können doch nicht so wegfahren!«

Prokop wurde traurig und fühlte sich wieder schwach. »Beachten Sie es nicht! Ich habe Unsinn geschwatzt. Ich wollte nur, daß Sie nicht an die Hand denken. Sie sollen sich nicht fürchten. Es ist schon vorbei.« Er überwand seine Erregung und wurde steif und verdrießlich, so sehr nahm er sich zusammen. »Ich fahre nach Teinitz und werde Tomesch suchen. Ich übergebe ihm das Päckchen und sage, es sei von einem ihm bekannten Fräulein. Ist es recht so?«

»Ja«, sagte das Mädchen zögernd, »aber Sie können doch nicht . . .«

Prokop versuchte ein bittendes Lächeln. Sein schweres, narbiges Gesicht verschönte sich plötzlich. »Lassen Sie mich«, sagte er leise, »es ist doch – es ist doch für Sie.«

Das Mädchen bewegte rasch die Lider, nickte schweigend und reichte ihm die Hand. Er hob seine unförmige Linke. Das Mädchen betrachtete sie und drückte sie fest. »Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte sie rasch, »leben Sie wohl.«

In der Tür hielt sie inne, als wollte sie noch etwas hinzufügen; sie hatte die Klinke in der Hand und wartete –

»Soll ich ihm . . . einen Gruß bestellen?« fragte Prokop, etwas verlegen lächelnd.

»Nein«, erwiderte sie und sah ihn kurz an. »Auf Wiedersehen!«

Die Tür fiel hinter ihr zu. Prokop blickte ihr nach; er fühlte sich auf einmal zu Tode erschöpft und matt, der Kopf drehte sich ihm, es kostete unendliche Anstrengung, auch nur einen einzigen Schritt zu tun.

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