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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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48

Eine Weile herrschte verlegenes Schweigen.

»Das ist alles?« ließ sich eine spöttische Stimme in der Mitte der Bankreihen vernehmen.

»Ja, das ist alles«, brummte Prokop angeekelt.

»Nein«, sagte Daimon und erhob sich. »Kamerad Krakatit setzte voraus, daß die Delegierten den guten Willen aufbringen, seiner Rede zu folgen –«

»Oho!« kam es wieder aus der Mitte.

»Ja. Der Delegierte Mezierski muß sich schon gedulden, bis ich ausgeredet habe. Kamerad Krakatit hat uns bildlich gesagt, daß es nötig ist«, und hier klang Daimons Stimme wie das Kreischen eines Vogels, »daß es nötig ist, die Revolution ohne Rücksicht auf die Theorie von den Etappen durchzuführen, und zwar eine vernichtende, jäh ausbrechende Revolution, in der die Menschheit das Höchste, was in ihr verborgen ist, hergibt. Der Mensch muß in Stücke gehen, um alles herzugeben. Die Gesellschaft muß zerschmettert werden, um den höchsten Kern in sich selbst zu finden. Ihr streitet euch da herum um das höchste Gut der Menschheit. Kamerad Krakatit hat uns belehrt, daß es genügt, die Menschheit zur Explosion zu bringen, um weit höher aufzuflammen, als eure Debatten ihr je vorschreiben könnten. Und das ohne Rücksicht darauf, was dabei in Trümmer geht. Ich sage euch, Kamerad Krakatit hat recht.«

»Ja, ja, ja!« Plötzlich erscholl Geschrei und Beifall. »Krakatit! Krakatit!«

»Ruhe!« überschrie Daimon sie. »Seine Worte haben um so mehr Gewicht, als sie tatsächlich durch die Macht, eine solche Explosion herbeizuführen, gestützt werden. Kamerad Krakatit ist nicht ein Mann des Wortes, sondern der Tat. Er ist gekommen, um uns mit einer direkten Aktion zu betrauen. Ich sage euch, sie wird weit furchtbarer werden, als ihr je zu träumen wagtet. Sie wird heute, morgen, in einer Woche ausbrechen –«

Seine Worte gingen in einem unbeschreiblichen Getöse unter. Eine Menschenwelle wogte aus den Bänken an das Podium heran und umringte Prokop. Sie umarmten ihn, zerrten ihn an den Händen und schrien: »Krakatit! Krakatit!« Das schöne Mädchen kämpfte sich mit fliegenden Haaren wie eine Löwin durch den Menschenknäuel zu ihm vor. Durch einen plötzlichen Stoß vorwärts gedrängt, preßte sie sich eng an Prokop, der sie beiseite schieben wollte; da hängte sie sich ihm an den Hals und flüsterte ihm fieberhaft etwas in einer fremden Sprache zu. Inzwischen erklärte am Rande des Podiums der Mann mit der Brille langsam und leise vor leeren Bänken, daß es theoretisch unzulässig sei, soziologische Schlüsse aus der unbelebten Natur zu ziehen. »Krakatit, Krakatit«, heulte die Menge; niemand saß mehr; Mazaud schwang die Glocke wie ein Müllfuhrmann. Plötzlich sprang ein schwarzhaariger junger Mann auf das Katheder und schwenkte hoch über allen die Dose mit Krakatit in der erhobenen Rechten.

»Ruhe!« brüllte er und: »Hinunter! Sonst werfe ich euch das da vor die Füße!«

Sogleich trat Stille ein. Der Knäuel glitt vom Podium hinab und wich zurück. Nur der verwirrte, ratlose Mazaud mit der Glocke, Daimon, an der Tafel lehnend, und Prokop, an dessen Hals immer noch die dunkelhaarige Mänade hing, blieben oben.

»Rosso!« riefen mehrere Stimmen. »Reißt ihn herunter! Rosso, herunter mit dir!«

Der junge Mann auf dem Katheder ließ die glühenden Blicke umherschweifen. »Niemand rührt sich! Mezierski will auf mich schießen. Ich werfe«, schrie er, die Dose wurfbereit haltend.

Die Menge wich, wie ein gereiztes Raubtier brummend, zurück. Zwei, drei hoben die Hände, andere folgten. Eine Weile herrschte dumpfes Schweigen.

»Geh hinunter!« kreischte der alte Mazaud. »Wer hat dir das Wort erteilt?«

»Ich werfe«, drohte Rosso, gespannt wie ein Bogen.

»Das ist gegen die Geschäftsordnung«, ereiferte sich Mazaud. »Ich protestiere und . . . lege den Vorsitz nieder.« Er schleuderte die Glocke zu Boden und trat vom Podium herunter.

»Bravo, Mazaud«, sagte eine ironische Stimme. »So ist's recht!«

»Ruhe!« schrie Rosso und warf die Haare aus der Stirn. »Ich habe das Wort. Kamerad Krakatit sagte uns: Es kommt dein Augenblick, wo du in Trümmer gehst. Schaffe Platz für deinen einzigen Augenblick. – Gut, ich nahm mir seine Worte zu Herzen.«

»So war es nicht gemeint.«

»Es lebe Krakatit!«

Jemand begann zu pfeifen.

Daimon packte Prokop am Arm und zog ihn zu einer verborgenen Tür hinter der Tafel.

»Pfeift nur«, fuhr Rosso höhnisch fort. »Niemand hat gepfiffen, als sich der Fremde vor euch hinstellte und . . . Platz machte für seinen Augenblick. Warum sollte es nicht auch ein anderer versuchen?«

»Das ist wahr«, ließ sich eine ruhige Stimme vernehmen.

Das schöne Mädchen stellte sich vor Prokop hin, um ihn mit ihrem Leib zu schützen. Er wollte sie beiseite stoßen.

»Das ist nicht wahr«, rief sie mit funkelnden Augen. »Er . . . er ist . . .«

»Sei still!« zischte Daimon.

»Befehlen kann jeder«, sagte Rosso erregt. »Solange ich das in der Hand habe, befehle ich. Mir ist's einerlei, ob ich zugrunde gehe! Niemand verläßt den Raum! Galeasso, bewache die Tür! So, und jetzt reden wir miteinander.«

»Ja, jetzt reden wir miteinander«, sagte Daimon scharf.

Rosso wandte sich blitzschnell nach ihm um. In diesem Augenblick stürzte der blauäugige Riese mit gesenktem Kopf, gleich einem Widder, aus der Bank, und noch ehe sich Rosso umwenden konnte, hatte er ihn bei den Füßen gepackt und sie unter ihm weggerissen. Rosso fiel kopfüber vom Katheder und prallte mit dem Kopf krachend auf dem Fußboden auf, während der Deckel der Porzellandose vom Podium herunter unter die Bänke rollte. Entsetzliche Stille trat ein.

Prokop eilte zu dem leblosen Körper. Auf Rossos Brust und Gesicht, auf dem Boden, in der Blutlache, überall war das weiße Pulver Krakatit verstreut. Daimon hielt ihn zurück. Da erhob sich Geschrei, und einige der Leute liefen aufs Podium. »Nicht auf Krakatit treten, es explodiert«, warnte eine erregte Stimme. Doch schon warfen sie sich zu Boden, sammelten das weiße Pulver in Streichholzschachteln ein, rauften und wälzten sich im Knäuel auf dem Boden. »Tür schließen!« rief jemand. Das Licht erlosch. In diesem Augenblick trat Daimon die Geheimtür hinter der Tafel auf und zerrte Prokop in die Dunkelheit hinein.

Er leuchtete mit einer Taschenlampe. Es war ein winziger, fensterloser Raum, Tische standen aufeinandergestellt, Bieruntersätze und muffige Kleider lagen umher. Er zog Prokop rasch weiter; sie tappten durch einen säuerlich riechenden, finsteren Flur über schwarze, enge Treppen hinab. Auf der Treppe holte sie das zerzauste Mädchen ein. »Ich gehe mit euch«, flüsterte sie und verkrampfte ihre Finger in Prokops Arm. Daimon führte sie auf den Hof, die abgründige Finsternis mit dem Lichtkreis seiner Lampe ableuchtend. Er stieß ein Tor auf und lief die Straße entlang. Ehe Prokop, der das Mädchen abzuschütteln versuchte, beim Auto anlangte, ratterte bereits der Motor, und Daimon sprang ans Lenkrad. »Rasch!« Prokop stürzte in den Wagen, hinter ihm her das Mädchen. Das Auto machte einen Satz und raste durch die finstere Nacht. Es war eisiger Winter. Das Mädchen zitterte in seinem dünnen Kleid. Prokop hüllte sie in den Pelz und drückte sich in die andere Ecke. Der Wagen fuhr über einen schlechten, weichen Fahrweg, schlingerte von einer Seite auf die andere, setzte aus und nahm wieder an Schnelligkeit zu; Prokop fror und wich aus, wenn ihn die schleudernde Bewegung des Wagens gegen das Mädchen warf. Sie rutschte zu ihm herüber. »Dir ist kalt, nicht wahr?« flüsterte sie, öffnete den Pelz und zog Prokop an sich. »Wärm dich«, flüsterte sie mit girrendem Lachen und preßte sich mit ihrem ganzen Körper an ihn. Sie war heiß und so üppig locker, als wäre sie nackt. Ihren zerzausten Haaren entströmte ein bitterer, wilder Geruch; sie kitzelten ihn an der Wange und verdunkelten ihm die Augen. Sie flüsterte ihm, ganz nahe, etwas in einer fremden Sprache zu, wiederholte es leiser und noch leiser und nahm dann seine Ohrmuschel zart zwischen die Zähne. Plötzlich lag sie ihm an der Brust und drang mit einem lasterhaften, erfahrenen, überfeuchten Kuß in seinen Mund ein. Er stieß sie grob zurück. Erstaunt richtete sie sich auf, fuhr beleidigt zurück und warf mit einer Schulterbewegung den Pelz von sich. Es wehte eisig herein. Prokop hob den Pelz auf und legte ihr ihn wieder um die Schulter. Sie machte eine zornige Bewegung, riß trotzig den Pelz herunter und ließ ihn auf dem Boden des Autos liegen. »Wie Sie wollen«, brummte Prokop und wandte sich ab.

Der Wagen erreichte wieder die Autostraße und raste nun mit heulender Geschwindigkeit dahin. Von Daimon war nur der ziegenpelzbehaarte Rücken zu sehen. Prokop vermochte in dem kalten Luftzug kaum zu atmen. Er blickte nach dem Mädchen, das sich die Haare um den Hals wand und in dem leichten Kleid vor Kälte zitterte. Sie tat ihm leid. Er nahm den Pelz und warf ihn über sie. Wieder stieß sie ihn in trotzigem Zorn von sich; da hüllte er sie ganz darin ein und hielt sie wie ein Paket fest. »Nicht rühren!« sagte er.

»Was treibt sie schon wieder?« fragte Daimon ruhig vom Lenkrad her. »Na, geben Sie ihr schon . . .«

Prokop überhörte absichtlich den Zynismus, doch das gefesselte Paket in seinen Armen begann leise zu kichern.

»Sie ist ein braves Mädel«, fuhr Daimon gleichmütig fort. »Dein Vater war Schriftsteller, nicht wahr?« Das Paket nickte; und Daimon nannte Prokop einen so berühmten, leuchtenden, reinen Namen, daß er erschrak und unwillkürlich seine Umarmung lockerte. Das Paket wiegte sich und hopste ihm auf den Schoß. Unter dem Pelz ragten sündhaft schöne Beine hervor und baumelten kindlich in der Luft. Er deckte den Pelz darüber, damit sie nicht friere. Sie hielt das eher für ein Spiel, lachte immerfort in sich hinein und strampelte den Pelz wieder weg. Da hielt er sie, so gut er konnte, unten fest. Dafür rutschte oben eine mollige Mädchenhand heraus, fuhr ihm in wildem Liebesspiel ins Gesicht, raufte ihm die Haare, strich lockend über seinen Hals und eroberte mit den Fingern seine aufeinandergepreßten Lippen. Er ließ sie schließlich gewähren. Sie berührte seine Stirn, fand sie streng gefurcht und fuhr zurück, als hätte sie sich verbrannt. Jetzt war es wieder eine furchtsame Kinderhand, nicht wissend, was ihr erlaubt ist. Sie näherte sich verstohlen seinem Gesicht, berührte es, schreckte zurück, berührte es von neuem, streichelte es und legte sich leicht, fast ängstlich auf die grobe Wange. Im Pelz seufzte es noch einmal tief auf, und dann blieb es still.

Das Auto wand sich durch ein schlafendes Städtchen und fuhr dann in ein breites Tal hinunter. »Nun«, wandte sich Daimon an ihn, »was halten Sie von den Kameraden?«

»Still«, flüsterte Prokop reglos, »sie ist eingeschlafen.«

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