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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
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47

Daimon ließ den Motor an und sprang in den Wagen. »Wir sind bald da.« Das Auto fuhr vom Berg der Versuchung in ein breites Tal, flog durch die stumme Nacht, schwang sich über einen friedlichen Sattel und hielt vor einem langgestreckten Holzbau zwischen Erlen; er sah aus wie eine alte Mühle. Daimon sprang aus dem Wagen und führte Prokop zu einer hölzernen Treppe. Dort vertrat ihnen ein Mann mit aufgestelltem Kragen den Weg. »Losung?« Daimon riß die Autobrille herunter, der Mann trat beiseite, und Daimon eilte voran. Sie betraten einen großen, niedrigen Raum, der einem Schulzimmer glich: zwei Reihen Bänke, ein Podium und ein Rednerpult unter einer Tafel. Der Raum war erfüllt von Dunst, Rauch und Lärm. Auf den Bänken saßen dichtgedrängt Menschen, die Hüte auf dem Kopf. Sie stritten alle, oben auf dem Podium schrie sich ein rotbärtiger, langbeiniger Mann heiser, am Rednerpult stand ein dürrer, pedantischer Greis und läutete wütend.

Daimon bestieg das Podium. »Kameraden«, schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte und an eine kreischende Möwe erinnerte, »ich habe euch da jemanden mitgebracht. Es ist Kamerad Krakatit.« Ruhe trat ein. Prokop fühlte sich von fünfzig Augenpaaren gebannt und schonungslos gemustert. Verwirrt ging er aufs Podium hinauf und blickte sich ratlos in dem raucherfüllten Saal um. »Krakatit, Krakatit«, heulte es unten und verstärkte sich zu dem Schrei: »Krakatit! Krakatit! Krakatit!« Vor Prokop stand ein schönes Mädchen mit zerzausten Haaren und reichte ihm die Hand: »Willkommen, Kamerad!« Ein kurzer, glühender Druck, ein alles verheißendes Blick, und schon waren zwanzig andere Hände da: grobe, feste, von Leidenschaft abgezehrte, feuchtkalte und vergeistigte. Prokop fühlte sich in eine ganze Kette von Händen eingeschaltet, die sich ihm entgegenstreckten und sich ihn aneigneten. »Krakatit! Krakatit!«

Der pedantische Alte schwang wie verrückt die Glocke. Als das nichts nützte, eilte er auf Prokop zu und schüttelte ihm die Hand. Es war eine vertrocknete, pergamentartige Hand; doch hinter den Stahlbrillen des Alten leuchtete unermeßliche Freude. Die Menge brüllte vor Begeisterung und beruhigte sich wieder. »Kameraden«, redete der Alte, »ihr habt den Kameraden Krakatit mit spontaner und lebhafter Freude empfangen . . . der auch ich als Vorsitzender hiermit Ausdruck gebe. Wir begrüßen ferner Präsidenten Daimon . . . und danken ihm. Ich bitte den Kameraden Krakatit als Gast . . . auf dem Vorstandspodium Platz zu nehmen. Die Delegierten haben zu entscheiden, ob ich weiter die Versammlung leiten soll . . . oder Präsident Daimon.«

»Daimon!«

»Mazaud!«

»Daimon!«

»Mazaud! Mazaud!«

»Zum Teufel mit Ihren Formalitäten, Mazaud«, zischte Daimon. »Behalten Sie den Vorsitz und Schluß.«

»Die Verhandlung wird fortgesetzt«, kreischte der Alte. »Das Wort hat der Delegierte Peters.«

Der Rotbärtige ergriff wieder das Wort; er schien die englische Labour Party anzugreifen, doch hörte niemand zu. Aller Augen waren fast körperlich fühlbar auf Prokop gerichtet. Dort im Winkel die großen, schwärmerischen Augen eines Schwindsüchtigen; da die blauen, starrenden eines bärtigen Burschen; die runden, blitzenden Brillen eines prüfenden Professors; buschig überwachsene Äuglein, die aus einem Wirrwarr grauer Zotten blinzelten; forschende, feindselige, tiefliegende, kindliche, heilige und gemeine Augen! Prokop ließ seine Blicke über die dichtbesetzten Bänke schweifen und zuckte zusammen, wie von einem Feuerstrahl getroffen: Er war dem Blick des zerzausten Mädchens begegnet. Sie räkelte sich mit einer eindeutigen, wiegenden Bewegung, als ob sie in schwellende Kissen versinke. Sein Blick blieb an einem merkwürdig kahlen Kopf haften, unter dem ein kurzer Rock hing; weiß der Kuckuck, ob dieses Gebilde zwanzig oder fünfzig Jahre alt war! Doch ehe er es enträtseln konnte, verzog sich das ganze Gesicht zu einem breiten, begeisterten, verehrungsvollen Lächeln. Ein Blick peinigte ihn die ganze Zeit über; er suchte ihn unter allen anderen, konnte ihn aber nicht finden.

Der Delegierte Peters beendete stockend sein Referat und verschwand mit rotem Kopf auf seinem Sitz. Aller Augen hingen an Prokop in gespannter, nötigender Erwartung. Der alte Mazaud plapperte etwas Formelles und beugte sich dann zu Daimon hinüber. Es herrschte atemlose Stille. Prokop erhob sich, ohne daß es ihm bewußt wurde. »Das Wort hat Kamerad Krakatit«, verkündete Mazaud und rieb sich die dürren Hände.

Prokop blickte mit trüben Augen um sich: Was sollte er tun? Sprechen? Wozu? Wer waren überhaupt diese Leute? Er fing den Blick des Schwindsüchtigen auf, den strengen, prüfenden Glanz der Brillen, sah wieder die blinzelnden, neugierigen, fremden Augen, den funkelnden, schmelzenden Blick des schönen Mädchens, das den sündigen heißen Mund vor Aufmerksamkeit öffnete. In der ersten Bank hing ein kahlköpfiges, runzeliges Männlein hingerissen an seinen Lippen und lächelte ihm begeistert zu.

»Leute«, begann Prokop leise und sich selber fremd, »vergangene Nacht habe ich einen . . . ungeheuren Preis bezahlt. Ich erlebte . . . ich verlor . . .« Er mußte sich mit aller Macht zusammennehmen. »Man erlebt manchmal . . . solches Leid, daß man es mit andern teilen muß. Man schlägt die Augen auf und sieht: Das Weltall hat sich verfinstert, und die Erde hält vor Qual den Atem an. Unerträglich wäre dieser Schmerz, wenn man ihn allein tragen müßte. Ihr alle kennt die Hölle, ihr alle –«

Er warf einen Blick über die Köpfe hinweg, die ihm zu einer mattleuchtenden Meeresvegetation zu verschwimmen schienen. »Wo habt ihr das Krakatit?« fragte er plötzlich gereizt. »Wo habt ihr's?«

Der alte Mazaud hob vorsichtig das porzellanene Heiligtum und legte es ihm in die Hand. Es war dieselbe Dose, die er damals in seiner Laboratoriumsbaracke zurückgelassen hatte. Prokop öffnete den Deckel und wühlte mit den Fingern in dem körnigen Pulver, zerrieb es, roch daran, legte sich ein Körnchen auf die Zunge, erkannte die starke, zusammenziehende Bitterkeit und schmeckte sie mit Wonne. »Das ist gut«, flüsterte er, das wertvolle Ding umklammernd, als wollte er sich die erstarrten Hände daran wärmen.

»Das bist du«, murmelte er, »ich kenne dich; du bist das explosive Element. Wenn dein Augenblick kommt, gibst du alles von dir; und das ist gut so.« Er blickte unsicher auf: »Was wollt ihr wissen? Ich verstehe mich nur auf zwei Dinge: auf Sterne und Chemie. Wie schön sind Sterne, unendliche Ausdehnung der Zeit, ewige Ordnung und Beständigkeit, göttliche Zahlenlehre des Weltalls. Ich sage euch . . . es gibt nichts Schöneres. Aber was sollen mir die Gesetze der Ewigkeit? Es kommt dein Augenblick, und Liebe, Schmerz, Gedanken werden in dir frei; das Größte, das Stärkste ist nur der Augenblick. Wir sind weder miteingeschlossen in der unendlichen Ordnung noch mitgezählt in den Millionen Lichtjahren. Darum . . . darum soll sich dein Nichts wenigstens lohnen! Brich aus mit hochlodernder Flamme, und wenn du dich umschlossen fühlst, zerreiße den Panzer, zerschmettere den Felsen! Schaffe Platz für deinen einzigen Augenblick! So ist es gut getan!«

Er begriff nur unklar, was er redete; aber ein dunkler Drang zwang ihn auszusprechen, was ihm gleich wieder entglitt. »Ich . . . bin nur Chemiker. Ich kenne die Materie . . . und verstehe mich darauf; das ist alles. Die Materie zersetzt sich unter der Einwirkung von Luft und Wasser; sie spaltet sich, gärt, fault, brennt, nimmt Sauerstoff auf oder zerfällt. Aber niemals, hört ihr, niemals gibt sie alles von sich, was in ihr ist. Selbst wenn ein Stäubchen Erde um den ganzen Erdball wanderte, sich in eine Pflanze einverleibte, in lebendiges Fleisch verwandelte, zur Denkzelle eines Philosophengehirns würde und mit ihm stürbe und wieder zerfiele, selbst dann gibt es nicht alles von sich. Aber zwingt es mit Gewalt, sich zu spalten und seine Kraft zu entfesseln, seht, dann explodiert es in einer Tausendstel Sekunde, und jetzt, jetzt erst hat es seine ganze Kraft aufgeboten. Vielleicht hat es gar nicht geschlafen, sondern war nur gefesselt und wäre fast erstickt, rang im Dunkeln und wartete auf seinen Augenblick. Sich ganz ausgeben! Das ist sein Recht. Auch ich muß mich ganz ausgeben . . . den ganzen Menschen . . . auf dem Gipfel meiner Zeit. Denn ich glaube, es ist wohlgetan, sich ganz auszugeben. Mag es gut oder böse sein. Es ist mit mir verwachsen und durchdringt mich: das Gute wie das Böse. Wer lebt, vollbringt beides; auch ich habe beides vollbracht. Aber nun muß ich das Höchste hergeben, denn das ist die Erlösung des Menschen. Es ist in keinem Ding oder Werk, das ich geschaffen habe, enthalten, es ist mit mir verwachsen. Wie eine versteinerte Muschel mit dem Fels. Und darum muß ich mit Gewalt in Stücke bersten wie ein Geschoß. Und ich werde nicht fragen, was dabei in Trümmer geht; es ist einfach nötig . . . ich muß das Letzte, das Höchste hergeben.«

Er rang mit den Worten, bemühte sich, etwas Unsagbares zu umfassen. Mit jedem Wort verlor er es, furchte die Stirn und suchte in den Gesichtern der Lauschenden, ob er nicht vielleicht den Sinn dessen einfangen könnte, wofür ihm die Worte fehlten. Er fand strahlende Zuneigung in den reinen Augen des Schwindsüchtigen und gesammelte Aufmerksamkeit in den großen blauen Augen des bärtigen Riesen dort im Hintergrund. Das Männchen mit dem furchigen Gesicht trank jedes seiner Worte mit der grenzenlosen Ergebenheit eines Gläubigen, und das schöne Mädchen empfing sie, halb liegend, mit den Liebeserschütterungen ihres Körpers. Andere Gesichter aber starrten ihn fremd, neugierig oder mit wachsender Gleichgültigkeit an. Wozu redete er eigentlich?

»Ich habe durchlebt«, fuhr er unsicher und schon ein wenig gereizt fort, »was ein Mensch nur zu durchleben vermag. Warum ich das hier erwähne? Weil es mir noch nicht genügt; weil . . . ich noch nicht erlöst bin; es war nicht das Höchste. Das liegt im Menschen versenkt wie die Kraft in der Materie. Man muß die Materie zerstören, um ihre volle Kraft auszulösen. Auch der Mensch muß sich entfesseln, er muß gestört werden und aus allen Fugen geraten, um flammend das Höchste herzugeben. Das wäre . . . das wäre dann doch zuviel, wenn er dahinterkäme, daß er selbst dann nicht erreicht hätte, was . . . was . . .«

Er stotterte etwas, verzog finster das Gesicht, legte die Dose mit Krakatit brüsk auf das Pult und setzte sich.

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