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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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46

Daimon rückte einen Stuhl zu Prokop heran und setzte sich.

»Ja«, begann er nachdenklich, »es ist nur schwer zu begreifen. Es gibt in der Geschichte nichts, was sich mit der Macht, die Sie in Händen halten, vergleichen ließe. Sie werden die Welt mit einer Handvoll Leuten erobern wie seinerzeit Cortez Mexiko. Aber das ist nicht der richtige Vergleich. Mit Krakatit und der Rundfunkstation halten Sie die ganze Welt in Schach. Das klingt merkwürdig, aber es ist so. Es genügt ein wenig von dem weißen Pulver, und zu einer bestimmten Stunde fliegt alles, wie Sie befohlen haben, in die Luft. Wer könnte das verhindern? In Wahrheit sind Sie der Herr der Welt. Sie werden Befehle erteilen, ohne daß Sie jemand zu Gesicht bekommt. Es klingt fast lächerlich: Aber greifen Sie meinetwegen Portugal oder Schweden an; in drei, vier Tagen werden sie um Frieden betteln, und Sie werden Kriegssteuern, Gesetze, Grenzen, oder was Ihnen einfällt, diktieren. In dieser Stunde gibt es nur eine einzige Großmacht – und das sind Sie.

Sie glauben, ich übertreibe? Ich habe hier ein paar brauchbare Leute, die zu allem fähig sind. Erklären Sie zum Spaß Frankreich den Krieg! An einem bestimmten Tag um Mitternacht fliegen die Gebäude der Ministerien, die Banque de France, die Hauptpost, die Elektrizitätswerke, Bahnhöfe und mehrere Kasernen in die Luft. In der nächsten Nacht die Flugplätze, Arsenale, Eisenbahnbrücken, Munitionsfabriken, Hafeneinrichtungen, Leuchttürme und Hauptverbindungswege. Ich habe vorläufig nur sieben Flugzeuge. Sie können Krakatit ausstreuen, wo es Ihnen beliebt; dann schalten Sie den Sender ein, und die Sache klappt. Wollen Sie es versuchen?«

Prokop schien zu träumen. »Nein! Wozu auch?«

Daimon zuckte die Schultern. »Weil Sie dazu imstande sind. Kraft . . . muß sich auswirken. Soll es irgendein Staat für Sie tun, wo Sie es doch selbst vollbringen können? Ich weiß nicht, was Sie alles vermögen. Aber man muß es versuchen: Ich versichere Ihnen, Sie kommen auf den Geschmack. Wollen Sie die Weltherrschaft übernehmen? Wohlan. Wollen Sie die Welt aushungern? Gut. Wollen Sie sie beglücken, indem Sie ihr den ewigen Frieden, Gott, eine neue Weltordnung oder die Revolution aufzwingen? Warum nicht? Aber beginnen Sie – das Programm ist nebensächlich. Schließlich werden Sie nur das tun, was die von Ihnen geschaffene Wirklichkeit erzwingt. Sie können die Banken, die Könige, den Industrialismus, die Heere, das ewige Unrecht oder was immer aus der Welt schaffen. Nachher wird sich schon zeigen, wie es weitergehen soll. Fangen Sie mit irgendwas an; es läuft dann von allein. Aber suchen Sie keine Analogien in der Weltgeschichte, fragen Sie nicht, was erlaubt ist, Ihre Stellung ist beispiellos. Kein Dschingis-Khan oder Napoleon könnte Ihnen sagen, was Sie zu tun haben und wo Ihre Grenzen sind. Niemand ist imstande, Sie zu beraten; niemand vermag sich in die Grenzenlosigkeit Ihrer Macht hineinzudenken. Sie müssen allein sein, wenn Sie das Äußerste erreichen wollen. Lassen Sie keinen an sich heran, der Ihnen Grenzen setzen oder die Richtung angeben wollte.«

»Auch Sie nicht, Daimon?« fragte Prokop scharf.

»Auch mich nicht. Ich stehe auf seiten der Kraft. Ich bin alt, erfahren und reich. Ich brauche nichts; ich will nur, daß etwas geschieht und sich in der Richtung entwickelt, die der Mensch selbst bestimmt. Mein altes Herz wird sich an dem erfreuen, was Sie vollbringen. Ersinnen Sie das Schönste, das Kühnste und Paradiesischste und auferlegen Sie es der Welt kraft Ihrer Macht; dieses Schauspiel wird mich dafür entlohnen, daß ich Ihnen diene.«

»Reichen Sie mir die Hand«, sagte Prokop voller Mißtrauen.

»Nein, ich würde Sie verbrennen«, sagte Daimon lächelnd. »Ich habe ein altes, uraltes Fieber. Was wollte ich sagen? Ja, die einzig mögliche Form der Kraft ist die Gewalt. Kraft ist die Fähigkeit, den Dingen Bewegung aufzuzwingen. Sie werden dem am Ende nicht entgehen können, daß sich alles um Sie dreht. Gewöhnen Sie sich von Anfang an daran; werten Sie die Menschen nur als Ihre Werkzeuge oder als Werkzeuge der Idee, die Sie sich in den Kopf gesetzt haben. Sie wollen das unmöglich Gute; demzufolge werden Sie wahrscheinlich sehr grausam sein. Schrecken Sie vor nichts zurück, wenn Sie Ihre großen Ideale verwirklichen wollen. Übrigens, auch das kommt von selbst. Es mag Ihnen jetzt erscheinen, daß es über Ihre Kraft geht – ich weiß nicht, in welcher Form –, über die Erde zu herrschen. Mag sein, aber es ist nicht jenseits der Kraft Ihrer Werkzeuge; Ihre Macht reicht weiter als jede nüchterne Überlegung.

Richten Sie sich so ein, daß Sie völlig unabhängig sind. Noch heute lasse ich Sie zum Präsidenten der Nachrichtenkommission wählen; damit gelangen Sie praktisch in den Besitz der Geheimstation, die übrigens auf einem Grundstück steht, das mein Privateigentum ist. In einer Weile sehen Sie unsere komischen Kameraden; verwirren Sie sie nicht durch irgendwelche großen Pläne. Man hat sie vorbereitet, und Sie werden mit Begeisterung empfangen werden. Sprechen Sie ein paar Phrasen zu ihnen über das Wohl der Menschheit oder was Sie wollen. Es wird ohnehin untergehen im Chaos der Meinungen, die man ›politische Überzeugung‹ nennt.

Entscheiden Sie selbst, ob Sie die ersten Schläge in politischer oder wirtschaftlicher Richtung führen wollen, also ob Sie zuerst militärische Objekte oder Fabriken und Verkehrswege bombardieren werden. Das erstere ist effektvoller, das zweite greift tiefer. Sie können einen umfassenden Generalangriff eröffnen oder sich einen Sektor auswählen. Es steht Ihnen frei, einen anonymen Umsturz herbeizuführen oder ganz öffentlich und, scheinbar wahnsinnig, den Krieg zu erklären. Ich kenne Ihren Geschmack nicht. Übrigens liegt es nicht an der Form; wenn Sie nur Ihre Macht entfalten. Sie sind der Oberste Richter dieser Welt; verurteilen Sie, wen Sie wollen, unsere Leute werden Ihr Urteil vollstrecken. Zählen Sie nicht Menschenleben; Sie arbeiten im Großen, und die Welt hat Milliarden Leben zu vergeben.

Ich bin Industrieller, Zeitungsherausgeber, Bankier, Politiker, alles, was Sie wollen. Kurz, ich bin gewohnt zu rechnen, die Umstände einzukalkulieren und mit beschränkten Möglichkeiten hauszuhalten. Ebendarum muß ich Ihnen sagen, und das ist der einzige Ratschlag, den ich Ihnen gebe, ehe Sie die Herrschaft antreten: Rechnen Sie nicht und sehen Sie sich nicht um. Sowie Sie einmal zurückblicken, verwandeln Sie sich in eine weinende Säule wie Lots Weib. Ich bin Vernunft und Zahl; doch wenn ich aufwärts blicke, möchte ich mich auflösen in Irrsinn und Unberechenbarkeit. Alles, was existiert, sinkt aus dem Chaos der Unbegrenztheit über die Zahl ins Nichts. Jede große Kraft stellt sich dieser abfallenden Bewegung entgegen; jede Größe will zur Unermeßlichkeit werden. Verworfen ist die Kraft, die nicht über die alten Grenzen hinausdrängt. Ihnen ist eine Macht in die Hand gegeben, die ungeheuersten Dinge zu vollbringen; wollen Sie ihrer würdig sein oder wollen Sie sie verzetteln? Ich alter Praktiker sage Ihnen: Hegen Sie wahnsinnige, maßlose Pläne, denken Sie in beispiellosen Dimensionen, an unsinnige Rekorde menschlicher Macht. Die Wirklichkeit wird Ihnen die Hälfte, ja zwei Drittel eines jeden großen Planes vereiteln; aber selbst was bleibt, muß noch gigantisch sein. Versuchen Sie das Unmögliche, damit Sie wenigstens noch eine unbekannte Möglichkeit verwirklichen. Sie wissen, welch eine große Sache das Experiment ist. Nun, alle Herrscher der Welt schrecken am meisten davor zurück, einmal etwas anderes, noch nie Dagewesenes, Entgegengesetzes zu versuchen; es gibt nichts Konservativeres als das menschliche Regiment. Sie sind der erste Mensch auf dieser Erde, der die ganze Welt als sein Laboratorium betrachten kann. Das ist die höchste Versuchung auf dem Gipfel des Berges: Ich gebe dir das alles da unten nicht zu Genuß und Freude an deiner Macht; es sei dir verliehen, du sollst es erobern, auf daß du es umformst und etwas Besseres versuchst als diese erbärmliche, ungeheuerliche Welt. Sie braucht immer und immer wieder einen Schöpfer; aber ein Schöpfer, der nicht zugleich unumschränkter Herr und Gebieter ist, bleibt ein Narr. Ihre Gedanken werden Befehle sein, Ihre Träume geschichtliche Umwälzungen; und wenn Sie nichts weiter aufrichteten als nur Ihr eigenes Denkmal, so hätte es sich gelohnt. Nehmen Sie, was Ihrer ist.

Nun müssen wir gehen; man erwartet uns.«

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