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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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44

Sie saßen, eng aneinandergelehnt, und blickten ins Halbdunkel. Er fühlte ihr Herz fieberhaft schlagen; sie hatte stundenlang kein Wort gesprochen, küßte ihn nur immer wieder und riß sich wieder los, legte ihr Taschentuch zwischen ihre und seine Lippen, als fürchte sie sich, ihn anzuhauchen. Jetzt kehrte sie das Gesicht ab und starrte mit vor Fieber funkelnden Augen in die Dunkelheit.

Er saß da, die Knie umschlungen. Ja, verloren; in die Falle gegangen, gefesselt, in die Hände der Philister geraten. Nun mag geschehen, was geschehen muß. Er wird ihnen also die Waffe ausliefern. Zehntausende, Hunderttausende werden umkommen. Sah er nicht schon das endlose Trümmerfeld vor sich? Dort war der Dom und da ein Haus und hier ein Mensch. Die Kraft ist das Furchtbare, von der alles Böse herrührt. Die verfluchte Kraft, die böse, unerlöste Seele. Wie Krakatit, wie er selbst.

Jedes gute, ehrliche Werk entstammt der menschlichen Schwäche, der schöpferischen, emsigen. Ihre Arbeit ist es, zu binden und zu ketten, die Teile zusammenzufügen und, was verbunden ist, zu erhalten. Verflucht sei die Hand, welche die Kraft entfesselt! Verdammt sei, wer den Zusammenhalt der Elemente stört! Alles Menschliche ist nur ein Schifflein auf dem weiten Ozean der Kräfte; und du, du entfesselst einen Sturm, wie er noch nie dagewesen –

Ja, er entfesselt einen Sturm, wie er noch nie dagewesen; er liefert Krakatit aus, und das Schifflein der Menschheit wird zerschellen. Hunderttausende werden zugrunde gehen. Völker werden ausgerottet und Städte vom Erdboden hinweggefegt werden. Wer diese Waffe in der Hand hat und das Verderben im Herzen, dem wird keine Grenze gesetzt sein. Und er wird das getan haben. Furchtbar ist die Leidenschaft, das Krakatit der Menschenherzen, und alles Böse rührt davon her.

Er blickte auf die Prinzessin – ohne Haß, von ruheloser Liebe und Mitleid erfüllt. Woran dachte sie jetzt, wie sie so reglos vor sich hin starrte? Er beugte sich zu ihr und küßte sie auf die Schulter. Dafür liefert er Krakatit aus; er wird es ausliefern und abreisen, um den Schrecken und die Schande seiner Niederlage nicht mit ansehen zu müssen. Er zahlt den grauenhaften Preis für seine Liebe und wird fortgehen.

Unwillkürlich zuckte er zusammen: Werden sie ihn denn fortlassen? Was nützte ihnen Krakatit, solange er es auch anderen verraten konnte? Darum wollen sie ihn für immer binden! Darum muß er ihnen Leib und Seele ausliefern! Hier wird er bleiben, gefesselt von der Leidenschaft und ewig schaudernd vor dieser Frau. Höllische Waffen wird er ersinnen und ihnen dienen . . .

Sie wandte sich ihm mit einem atemlosen Blick zu. Er saß reglos. Sie stützte sich auf die Ellbogen und sah ihn mit starren, schmerzlich prüfenden Augen an. Er wußte nichts davon, senkte die Lider und verharrte in der Dumpfheit der Niederlage. Leise stand sie auf, machte am Toilettentisch Licht und begann sich anzukleiden.

Er schreckte erst durch das Geräusch des weggelegten Kammes auf. Staunend sah er, wie sie mit beiden Händen das wirre Haar hob und in Ordnung brachte. »Morgen . . . morgen liefere ich es aus«, flüsterte er. Sie antwortete nicht, hielt eine Haarnadel zwischen den Lippen und wand rasch das Haar zu einem dichten Helm. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen: Sie beeilte sich fieberhaft, hielt inne, blickte zu Boden, dann nickte sie wieder und hantierte um so rascher. Nun erhob sie sich, besah sich nahe, aufmerksam im Spiegel und fuhr sich mit der Puderquaste über das Gesicht, als wäre sie allein. Nun ging sie ins Nebenzimmer und kehrte zurück, einen Rock über den Kopf streifend. Sie setzte sich wieder, sann nach, den Oberkörper hin und her wiegend; dann nickte sie entschlossen und ging in die Garderobe nebenan.

Er stand auf und ging leise an den Toilettentisch, der besät war mit seltsamen, feinen Dingen: Flakons, Lippenstiften, Dosen, Toilettesalben und einer Unzahl von Sächelchen. Das also war das Handwerk der Frau: Augen, Lächeln, Duft, ein durchdringender, schmeichlerischer Duft – Die Stümpfe seiner Finger erzitterten beim Berühren dieser gebrechlichen, geheimnisvollen Dinge, als berührten sie etwas Verbotenes.

Sie trat im Ledermantel, einen Lederhelm auf dem Kopf, ein und zog unförmige Handschuhe an. »Mach dich bereit«, sagte sie tonlos, »wir fahren.«

»Wohin?«

»Wohin du willst. Bereite vor, was du brauchst, aber beeile dich, beeile dich!«

»Was soll das heißen?«

»Frag nicht lange. Hier kannst du nicht bleiben. Sie lassen dich nicht so ohne weiters fort. Fährst du?«

»Für . . . für wie lange?«

»Für immer.«

Sein Herz begann heftig zu schlagen. »Nein – nein – ich fahre nicht!«

Sie trat auf ihn zu und küßte ihn auf die Wange. »Du mußt«, sagte sie leise. »Ich erkläre es dir später. Komm vors Schloß, aber bald, solange es dunkel ist. Geh jetzt, geh!«

Er ging wie im Traum in sein Zimmer, suchte seine Papiere zusammen, die wertvollen, unvollendeten Aufzeichnungen, und blickte rasch um sich: War das alles? Nein, ich fahre nicht, fuhr es ihm durch den Kopf; er ließ die Papiere liegen und lief hinaus. Ein großes, startbereites Auto ohne Lichter stand an der Rampe; die Prinzessin saß bereits am Lenkrad. »Rasch, rasch«, flüsterte sie. »Ist das Tor geöffnet?«

»Ja«, brummte der Chauffeur verschlafen und schloß die Motorhaube.

Ein Schatten umschlich in einiger Entfernung das Auto und blieb im Dunkel stehen.

Prokop trat an den offenen Wagenschlag. »Prinzessin«, murmelte er, »ich . . . ich habe mich entschlossen, alles auszuliefern . . . und zu bleiben.«

Sie hörte nicht auf ihn, starrte nur angestrengt nach vorn auf jene Stelle, wo der Schatten mit der Dunkelheit verschwamm. »Rasch«, sagte sie plötzlich, packte Prokop an der Hand und zerrte ihn neben sich in den Wagen; ein einziger Hebelgriff – und das Auto fuhr los. In diesem Augenblick leuchtete im Schloß ein Fenster auf und jener Schatten stürzte aus der Dunkelheit hervor. »Halt!« rief er und warf sich vor den Wagen; es war Holz.

»Aus dem Weg!« schrie die Prinzessin, schloß die Augen und schaltete auf volle Geschwindigkeit. Prokop hob entsetzt die Hände; da erscholl ein unmenschlicher Schrei, eines der Räder hob sich über etwas Weiches hinweg, Prokop wollte hinausspringen, doch da bog das Auto um die Ecke, daß der Wagenschlag von selbst zufiel, und schoß in rasender Fahrt in die Dunkelheit hinaus. Von Grausen gepackt, wandte sich Prokop an die Prinzessin; er erkannte sie kaum wieder in ihrem Lederhelm, das Gesicht über das Lenkrad gebeugt. »Was haben Sie getan?« stieß er hervor.

»Sei still!« zischte sie, immer noch vorgebeugt. Er unterschied in der Ferne drei Gestalten auf der matthellen Straße; sie verlangsamte das Tempo und hielt dicht vor ihnen. Es war eine Militärpatrouille. »Warum haben Sie kein Licht?« schimpfte einer der Soldaten. »Wer sind Sie?«

»Die Prinzessin.«

Die Soldaten hoben die Hand an die Mütze und traten beiseite. »Die Losung?«

»Krakatit

»Bitte, machen Sie Licht. Wen haben Sie im Wagen? Die Bewilligung, bitte.«

»Gleich«, sagte die Prinzessin ruhig und schaltete den Gang ein. Das Auto schoß mit einem Ruck vorwärts, daß die Soldaten gerade noch zur Seite springen konnten. »Nicht schießen«, rief einer, und der Wagen raste im Finstern weiter. Bei einer Kehre bog sie rasch ein und fuhr fast in entgegengesetzter Richtung. Sie hielt knapp vor einer herabgelassenen Straßenschranke. Zwei Soldaten näherten sich dem Auto.

»Wer hat Dienst?« fragte sie kurz.

»Leutnant Rohlauf«, meldete der Soldat.

»Rufen Sie ihn!«

Leutnant Rohlauf kam, sich die Bluse zuknöpfend, aus der Wachstube geeilt.

»Guten Abend, Rohlauf«, grüßte sie freundlich. »Wie geht's? Bitte, lassen Sie öffnen.«

Er stand respektvoll da, musterte jedoch Prokop mißtrauisch: »Sehr gern . . . hat der Herr eine Bewilligung?«

Die Prinzessin lachte. »Es handelt sich um eine Wette, Rohlauf. In fünfunddreißig Minuten auf den Brogel und wieder zurück. Glauben Sie es nicht? Sie werden mir doch nicht die Wette verderben.« Sie reichte ihm die Hand aus dem Wagen, nachdem sie rasch den Handschuh abgestreift hatte. »Auf Wiedersehen. Und zeigen Sie sich mal wieder.« Er schlug die Hacken zusammen und küßte, sich tief verbeugend, ihre Hand. Die Soldaten öffneten die Schranke, und der Wagen fuhr weiter. »Auf Wiedersehen!« rief sie noch einmal zurück.

Sie fuhren in schnellstem Tempo durch eine endlose Allee. Da und dort blitzte das Licht einer menschlichen Behausung auf, im Dorf weinte ein Kind, hinter einem Zaun kläffte wütend ein Hund dem dunklen, rasenden Wagen nach. »Was haben Sie getan?« schrie Prokop. »Wissen Sie, daß Holz fünf Kinder und eine verkrüppelte Schwester hat? Sein Leben . . . ist zehnmal mehr wert als das meine und das Ihre! Was hast du getan?«

Sie antwortete nicht; die Stirn gefurcht, die Zähne zusammengebissen, achtete sie auf die Straße; ab und zu erhob sie sich, um besser zu sehen. »Wohin willst du?« fragte sie unvermittelt an einer Kreuzung hoch über der schlafenden Landschaft.

»Zur Hölle«, knirschte er.

Sie hielt an und wandte sich mit ernstem Gesicht zu ihm: »Sag das nicht! Meinst du, ich hätte nicht schon hundertmal Lust gehabt, uns beide gegen eine Wand zu fahren? Sei versichert, da gingen wir beide zur Hölle. Ich weiß jetzt nur zu gut, was die Hölle ist. Wohin willst du also?«

»Ich will . . . bei dir bleiben.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich. Weißt du nicht mehr, was du gesagt hast? Du bist verlobt und . . . willst die Welt vor etwas Furchtbarem bewahren. Dann tu es. Du mußt mit dir ins reine kommen, sonst . . . sonst bist du böse. Ich kann nicht mehr . . .« Sie strich mit der Hand über das Lenkrad. »Wohin willst du also? Wo bist du überhaupt zu Hause?«

Er packte sie mit aller Kraft. »Du – du hast Holz getötet! Weißt du denn nicht –«

»O doch«, sagte sie leise. »Glaubst du, ich habe es nicht gespürt? Als wären es meine eigenen Knochen gewesen. Immer sehe ich ihn vor mir, und immer, immer mit dem Wagen gegen ihn, und wieder läuft er mir in den Weg –« Sie zitterte am ganzen Körper. »Wohin also? Rechts oder links?«

»Ist das wirklich das Ende?« fragte er flüsternd.

Sie nickte. »Ja, das Ende.«

Er öffnete den Schlag, sprang aus dem Wagen und stellte sich vor die Räder. »Fahr zu«, sagte er heiser. »So fahr doch!«

Sie fuhr zwei Schritte zurück. »Komm, wir müssen weiter. Ich bringe dich wenigstens näher an die Grenze. Wohin willst du?«

»Zurück«, antwortete er zähneknirschend, »mit dir zurück.«

»Mit mir gibt es . . . weder ein Vorwärts noch ein Zurück. Verstehst du mich denn nicht? Ich muß das tun, damit du sie hast, damit du die Gewißheit hast, wie sehr ich dich liebte. Meinst du, ich könnte noch einmal hören, was du mir ins Gesicht sagtest? Du kannst nicht mehr zurück. Entweder müßtest du ihnen Krakatit ausliefern, was du nicht willst und nicht darfst, oder sie bringen dich anderswohin, und ich –« Sie ließ die Hände in den Schoß sinken. »Auch daran dachte ich, mit dir . . . vorwärts zu gehen. Ich wäre dazu imstande, gewiß wäre ich dazu imstande, aber – du bist ja nicht allein; geh zu ihr. Siehst du, niemals fiel mir ein, dich danach zu fragen. Wenn man eine Prinzessin ist, glaubt man, allein auf der Welt zu sein. Liebst du sie?«

Er sah sie aus dunklen Augen gequält an und wagte nicht zu leugnen –

»Siehst du«, sagte sie matt, »nicht einmal lügen kannst du, du Lieber! Aber begreife doch, als ich mir das alles zurechtlegte – Was war ich dir schon? Was tat ich denn viel? Du dachtest an sie, wenn du mich liebtest! Wie mußtest du mich verabscheuen! Nein, sprich jetzt nicht! Nimm mir nicht die Kraft, dir das Letzte zu sagen.«

Sie rang die Hände. »Ich liebte dich! Ich liebte dich so sehr, daß ich imstande gewesen wäre, was immer zu tun – und noch mehr. Aber du, du zweifeltest so schrecklich daran, daß du am Ende auch meinen Glauben brachst. Liebe ich dich? Ich weiß es nicht. Ich könnte mir ein Messer ins Herz stoßen, wenn ich dich so sehe, ich möchte sterben oder – aber liebe ich dich denn? Ich – ich weiß es nicht mehr. Als du mich das letzte Mal . . . in deine Arme nahmst, da fühlte ich etwas Ungutes in mir . . . und auch in dir. Streife meine Küsse von deinen Lippen, sie waren . . . sie waren unrein«, sagte sie tonlos.

Sie sah ihn nicht an, sie hörte nicht, was er sagte. Ihre Lider zitterten; unter ihnen verbarg sich eine Träne, die hervorbrach, rasch die Wange hinablief, anhielt und von einer zweiten eingeholt wurde. Sie weinte tonlos, die Hände auf dem Lenkrad. Als er sich ihr nähern wollte, fuhr sie den Wagen ein Stückchen zurück.

»Jetzt bist du nicht mehr Prokopokopok«, flüsterte sie, »jetzt bist du ein unglücklicher Mensch. Du zerrst an deiner Kette . . . wie ich an der meinen. Das war eine . . . schlimme Fessel, die uns aneinanderband. Und dennoch, wenn man sie zerreißt, dann . . . dann ist einem, als ginge das ganze Innere mit, auch das Herz, auch die Seele . . . Wird es denn rein sein im Menschen, wenn er so leer und öde zurückbleibt?« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich hatte dich lieb, jetzt sehe ich dich nicht mehr. Geh, geh mir aus dem Weg, ich kehre um.«

Er stand da und rührte sich nicht. Sie fuhr dicht an ihn heran. »Leb wohl, Prokop«, sagte sie leise und begann im Rückwärtsgang die Straße zurückzufahren. Er lief ihr nach; da fuhr sie rasch und immer rascher; es schien, als würde sie versinken.

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