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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 44
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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43

Der Tag war wolkig und regnerisch. Die Prinzessin hustete, fühlte bald ein Frösteln, bald Fieberhitze. Sie wartete auf Prokops Antwort. Sie blickte zum Fenster hinaus, ob sie ihn nicht kommen sehe, und rief gleich wieder nach Paul. Immer das gleiche: Der Herr Ingenieur gehe in seinem Zimmer auf und ab. Und ließ er nichts sagen? Nein, nichts. Sie schleppte sich von einer Wand zur andern, als wollte sie ihn begleiten; dann setzte sie sich wieder und wiegte sich mit dem ganzen Körper, um ihre fiebernde Ungeduld zu besänftigen. Aber auch das war nicht länger zu ertragen! Sie begann, ihm einen langen Brief zu schreiben, beschwor ihn darin, er möge sie zur Frau nehmen, er brauche nichts auszuliefern, er solle sein Geheimnis, Krakatit, für sich behalten; sie gehe mit ihm in sein Leben und wolle ihm dienen, komme, was kommen mag. ›Ich liebe Dich so‹, schrieb sie, ›daß mir kein Opfer für Dich groß genug ist. Unterwirf mich einer Prüfung, bleibe arm und unbekannt; ich gehe mit Dir als Deine Frau und werde nie mehr in jene Welt zurückkehren, die ich verlasse. Ich weiß, Du liebst mich nur ein wenig und nur in einem entlegenen Winkel Deines Herzens; aber Du wirst Dich an mich gewöhnen. Ich war stolz, böse und leidenschaftlich; ich habe mich geändert, ich gehe zwischen den alten Dingen wie eine Fremde umher, ich habe aufgehört zu sein –‹ Sie überlas es und zerriß, leise stöhnend, den Brief in kleine Stücke. Es war Abend, und von Prokop noch immer keine Nachricht.

Vielleicht meldet er sich persönlich, fiel ihr ein und ließ sich, ungeduldig vor Eile, in das Abendkleid helfen. Erregt stand sie vor dem großen Spiegel, prüfte sich mit fiebrigen Augen und war äußerst unzufrieden mit der Frisur, mit dem Kleid, mit allem. Sie bedeckte die glühenden Wangen mit immer neuen Puderschichten, fühlte ein Frösteln in den nackten Armen, behängte sich mit Schmuck und kam sich häßlich, unmöglich, plump vor. »Ist Paul nicht gekommen?« fragte sie jeden Augenblick. Endlich kam er: Nichts Neues. Herr Prokop sitze im dunklen Zimmer und erlaube ihm nicht, das Licht anzudrehen.

Es war schon spät. Die Prinzessin saß, zu Tode erschöpft, vor dem Spiegel, der Puder war von den fieberheißen Wangen abgeblättert; sie war grau im Gesicht und hatte eiskalte Hände. »Entkleide mich«, sagte sie matt zur Zofe. Das frische, noch etwas alberne Ding nahm ihr den Schmuck ab, zog ihr das Kleid aus und hüllte sie in einen durchsichtigen Frisiermantel. Gerade als sie sich anschickte, ihren ungebärdigen Haarschopf durchzukämmen, stieß Prokop unangemeldet die Tür auf.

Die Prinzessin war einen Augenblick starr und schien noch blasser als zuvor. »Geh, Marieka«, sagte sie kaum hörbar und hielt den Mantel über der mageren Brust zusammen. »Warum . . . kommst . . . du?«

Prokop lehnte sich an den Schrank, fahle Blässe im Gesicht, die Augen blutunterlaufen. »Das also war euer Plan«, würgte er mühsam hervor. »Fein habt ihr das untereinander abgekartet!«

Sie stand auf, wie von einem Peitschenhieb getroffen. »Was was – was redest du da?«

Prokop knirschte mit den Zähnen. »Ich weiß, was ich sage. Darum also ging es: daß – daß ich euch Krakatit ausliefere. Man bereitet einen Krieg vor und – Sie, Sie«, schrie er mit verhaltener Stimme, »Sie sind ihr Werkzeug! Mit Ihrer Liebe, mit Ihrer Ehe, Sie Spionin! Und ich sollte in die Falle gehen, damit ihr töten könnt, damit ihr euch rächen könnt –«

Sie riß die Augen entsetzt auf und sank auf den Stuhlrand nieder. Ein furchtbares, lautloses Wimmern durchlief ihren Körper.

»Wer sind Sie eigentlich?« stammelte Prokop. »Sind Sie die Prinzessin? Wer hat Sie geworben? Bedenke, du Nichtswürdige, daß du Hunderttausende morden wolltest; daß du mithelfen wolltest, die Städte hinwegzufegen und unsere Welt, unsere, nicht eure, die Welt unserer Menschen zu zerstören. Zerstören, zertrümmern, morden! Warum hast du das getan?« schrie er, in die Knie sinkend. »Was wolltest du tun?«

Sie erhob sich, das Gesicht voll Entsetzen und Abscheu, und wich vor ihm zurück. Er ließ den Kopf auf den Stuhlrand sinken, von einem schweren, groben, männlichen Weinen geschüttelt. Fast wäre sie neben ihm niedergekniet, aber sie bezwang sich noch und trat weiter zurück, die Hände krampfhaft an die Brust gepreßt. »So also«, flüsterte sie, »so also denkst du von mir!«

Prokop erstickte fast an seinem Schmerz. »Weißt du überhaupt«, herrschte er sie an, »was Krieg ist? Weißt du, was Krakatit ist? Hast du nie daran gedacht, daß ich ein Mensch bin? Oh – oh, ich hasse euch! Dazu war ich euch gut genug! Hätte ich Krakatit ausgeliefert, dann wäre alles in bester Ordnung. Die Prinzessin wäre abgereist und ich, ich –« Er sprang auf und hämmerte mit den Fäusten gegen seine Schläfen. »Und ich hätte es fast getan! Millionen Menschen für – für – für – Noch nicht genug? Zwei Millionen! Zehn Millionen Tote! Das – das – das wäre eine Partie, selbst für eine Prinzessin! Das lohnte schon, sich ein wenig zu vergeben! Ich Narr!« Seine Stimme war nur noch ein Röcheln. »Mir graut vor euch!«

Er glich einem furchtbaren Ungeheuer, wie er so dastand, Schaum vor dem Mund, das Gesicht angelaufen, in den Augen die erschütternde Unberechenbarkeit eines Wahnsinnigen. Sie drückte sich an die Wand, totenblaß, mit weit aufgerissenen Augen und angstverzerrten Lippen. »Geh«, stöhnte sie, »geh fort!«

»Fürchte dich nicht«, sagte er rauh, »ich töte dich nicht. Mir graute schon immer vor dir, auch – auch wenn du mein warst, wurde ich es nicht los und glaubte dir – nicht eine Sekunde lang. Und doch, und doch habe ich dich – Ich töte dich nicht. Ich – ich weiß gut, was ich tue. Ich – ich –« Er suchte etwas, packte eine Flasche mit Kölnischwasser, goß es sich über die Hände und rieb sich die Stirn. Ein Aufatmen ging durch seine Brust. »Fürchte dich nicht! Nein – nein.«

Er beruhigte sich etwas, sank auf den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Nun«, begann er heiser, »nun – nun können wir reden. Sie sehen, ich bin ruhig. Nicht einmal . . . nicht einmal die Finger zittern mir . . .« Er streckte die Hand vor, um es zu beweisen, aber sie zitterte derart, daß es schrecklich war, hinzusehen. »Wir können nun . . . ungestört . . . Ich bin schon ganz ruhig. Sie können sich ankleiden. Ihr Onkel . . . sagte mir also, ich sei verpflichtet . . . es sei Ehrensache, Ihnen zu ermöglichen . . . den Fehltritt . . . gutzumachen, ich müßte demnach . . . ich müßte mir einfach . . . einen Titel verdienen, mich verkaufen . . . und damit das Opfer bezahlen, das Sie . . .«

Sie bewegte die blutleeren Lippen, um Einspruch zu erheben.

»Einen Augenblick«, kam er ihr zuvor, »ich habe noch nicht – ihr alle dachtet . . . ihr habt eure eigenen Ehrbegriffe. Aber ihr seid schrecklich im Irrtum. Ich bin kein Kavalier. Ich bin . . . ein Schusterssohn. Das ist zwar nebensächlich, aber . . . ich bin ein Paria, ein niedriger, verächtlicher Kerl. Ich habe keine Ehre. Ihr könnt mich wie einen Dieb davonjagen oder auf die Festung bringen. Ich tue es trotzdem nicht, ich liefere Krakatit nicht aus. Meinetwegen denkt euch . . ., ich sei ein niederträchtiger Schuft. Ich könnte Ihnen sagen, was ich vom Krieg halte. Ich war im Krieg . . . ich habe die Giftgase miterlebt . . . und weiß, wozu Menschen imstande sind. Ich liefere Krakatit nicht aus. Aber warum sage ich Ihnen das alles? Sie verstehen es ja doch nicht; Sie sind eine tatarische Prinzessin und viel zu obenauf . . . Ich wollte Ihnen nur erklären, daß ich es nicht tue und ergeben für die Ehre danke – Übrigens bin ich verlobt; ich kenne sie zwar nicht, aber ich habe mich ihr verlobt – das ist eine weitere Niedertracht von mir. Es tut mir leid, daß ich . . . Ihr Opfer so gar nicht verdient habe.«

Sie stand da wie versteinert, die Finger gegen die Wand gepreßt. Es herrschte eine grausame Stille, nur das Bohren ihrer Fingernägel an der Wand unterbrach das unerträgliche Schweigen.

Ihre großen Augen starrten ins Leere. Sie war knabenhaft schmächtig in dem klaffenden Mantel.

Er tat einen Schritt auf sie zu. »Prinzessin«, sagte er fast flüsternd, »man wird mich jetzt unter dem Vorwand der Spionage oder sonstwas von hier fortbringen. Ich werde mich nicht mehr wehren. Geschehe, was immer, ich bin bereit. Ich weiß, ich werde Sie nie mehr wiedersehen.«

Ihre Lippen zitterten, aber sie brachte kein Wort hervor; mein Gott, wohin starrte sie nur so?

Er trat nahe an sie heran. »Ich liebte Sie«, kam es stockend aus ihm, »ich liebte Sie mehr, als ich es zu sagen vermöchte. Ich bin ein gewöhnlicher, ein grober Mensch. Aber jetzt kann ich es sagen . . . ich habe Sie anders geliebt . . . und mehr. Ich habe Sie genommen . . . habe Sie festgehalten aus Angst, Sie würden mir entgleiten; ich wollte mich vergewissern . . . Ich konnte es nie glauben, und darum habe ich –« Er wußte nicht, was er tat, als er ihr die Hand auf die Schulter legte; sie erzitterte unter dem leichten Stoff des Mantels. »Ich liebte Sie . . . wie ein Verzweifelter . . .«

Sie wandte ihm die Augen zu. »Lieber«, flüsterte sie, und ihr blasser Mund rötete sich ein wenig. Da beugte er sich nieder und küßte ihre rissigen Lippen; sie wehrte ihm nicht.

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