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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
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42

Er hatte die Prinzessin, seit sie bettlägerig war, nicht gesehen. Sie schrieb ihm mehrmals des Tages kurze, leidenschaftliche Briefe, die mehr verbargen als besagten. Von Paul hörte er, daß sie immer wieder aufstand und im Zimmer umherging: Er konnte nicht begreifen, warum sie nicht zu ihm kam; er selbst war bereits außer Bett und wartete, daß sie ihn wenigstens auf eine Minute zu sich berief. Er wußte nicht, daß sich bei ihr eine akut tuberkulöse Kaverne geöffnet hatte und daß sie Blut spuckte. Sie schrieb ihm nichts davon, aus Angst, ihm widerwärtig zu werden. Er ahnte auch nicht, daß die Ärzte in seinem Auswurf Spuren einer Ansteckung entdeckt hatten, worüber die Prinzessin in verzweifelte Selbstbeschuldigungen ausbrach. Von all dem wußte er nichts, ärgerte sich nur, weil man so viel Umstände mit ihm machte, wo er sich doch schon fast gesund fühlte; lähmende Angst erfüllte ihn, wenn wieder ein Tag verging, ohne daß sie den Wunsch äußerte, ihn zu sehen. Er verdächtigte sie alles möglichen und wollte sich nicht so weit erniedrigen, selbst auf eine Zusammenkunft zu drängen. Er wartete nur im Lehnstuhl mit erstarrten Händen und Füßen, wartete, daß sie käme, ihm etwas sagen ließe, daß überhaupt etwas geschehe.

An schönen Tagen durfte er hinaus in den Park und, in Wolldecken gehüllt, an einem sonnigen Platz sitzen. Er hätte sie abwerfen und sich irgendwo am Teich mit seinen dunklen Gedanken herumschlagen mögen, aber ständig war jemand bei ihm, sei es Krafft, Paul, Holz oder Rohn selber, der freundliche, versonnene Poet Charles, der immer etwas auf der Zunge hatte, ohne es auszusprechen. Statt dessen philosophierte er über Wissenschaft, Erfolg, Heldentum oder ähnliches. Prokop hörte nur mit halbem Ohr zu; er hatte den Eindruck, le bon prince wolle ihn aus irgendeinem Grunde ehrgeizig machen. Eines Tages bekam er von der Prinzessin einen verworrenen Brief, er möge sich tapfer halten und sich nicht einschüchtern lassen. Bald darauf kam Rohn in Begleitung eines wortkargen alten Herrn, dem man auf den ersten Blick einen in Zivil verkleideten Offizier anmerkte. Der wortkarge Herr befragte Prokop, was er in Zukunft zu unternehmen gedenke. Prokop, durch den Ton ziemlich verärgert, antwortete brüsk und großspurig, er beabsichtige, seine Erfindungen auszuwerten.

»Militärische Erfindungen?«

»Ich bin kein Soldat.«

»Ihr Alter?«

»Achtunddreißig.«

»Rang?«

»Keiner. Und Ihrer?«

Der wortkarge Herr war ein wenig verwirrt. »Beabsichtigen Sie, Ihre Erfindungen zu verkaufen?«

»Nein.« Prokop fühlte, daß er verhört und höchst offiziell bewertet wurde. Das langweilte ihn; er gab sehr knappe Antworten und geruhte nur ab und zu etwas von seinem Wissen oder ein paar ballistische Zahlen zum besten zu geben, da er merkte, daß er Rohn damit eine besondere Freude bereitete. Le bon prince strahlte förmlich und blickte immer wieder auf den wortkargen Herrn, als ob er ihn fragen wollte: Nun, was sagen Sie zu diesem Wunder? Der wortkarge Herr sagte jedoch nichts und verabschiedete sich schließlich freundlich.

Am nächsten Morgen erschien Carson schon zeitig, rieb sich vor Begeisterung die Hände und tat sehr wichtig. Er geriet vom Hundertsten ins Tausendste, wobei er unablässig sondierte. Er machte unbestimmte Andeutungen, wie »Zukunft«, »Karriere« und »großartiger Erfolg«, ohne deutlicher zu werden. Prokop fiel es nicht ein, weiter zu fragen. Darauf erhielt er einen sehr ernsten und merkwürdigen Brief von der Prinzessin: ›Prokop, Du wirst heute einen Entschluß fassen müssen. Ich tat es bereits und bedaure es nicht . . . Prokop, in diesem letzten Augenblick sage ich Dir, daß ich Dich liebe und auf Dich warten werde, solange es nötig ist. Selbst wenn wir uns für einige Zeit trennen müßten – und so wird es sein, denn Deine Geliebte kann nicht Deine Frau werden –, wenn man uns für Jahre trennen sollte, ich bleibe Deine demütige Braut. Schon das bedeutet für mich ein solches Glück, daß ich kaum Worte dafür finde. Ich gehe wie betäubt im Zimmer umher und stammle Deinen Namen. Lieber, Lieber, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie unglücklich ich war, seit das zwischen uns vorgefallen ist. Nun unternimm das Nötigste, damit ich mich wirklich Deine W. nennen kann.‹

Prokop verstand den Inhalt des Briefes nicht recht. Er las ihn unzähligemal und konnte einfach nicht glauben, daß die Prinzessin . . . Er wollte zu ihr eilen, wußte aber vor quälender Verlegenheit nicht ein und aus. Vielleicht war das nur ein weiblicher Gefühlsausbruch, den man nicht wörtlich nehmen durfte und den er gar nicht begriff; kannte er sich denn in ihr aus? Während er so hin und her überlegte, kam oncle Charles, begleitet von Carson. Sie sahen beide so offiziell und ernst aus, daß Prokop erschrak: Gewiß überbrachten sie ihm die Nachricht, daß man ihn jetzt auf die Festung bringe. Die Prinzessin hatte ihm etwas eingebrockt, und das war schlimm. Rasch suchte er mit den Augen nach einer Waffe, falls es zum Äußersten kommen sollte. Seine Wahl fiel auf den marmornen Briefbeschwerer. Das Herzklopfen bezwingend, setzte sich Prokop.

Oncle Rohn blickte auf Carson und der wieder auf Rohn mit der stummen Frage, wer beginnen sollte. Also begann Onkel Rohn: »Was wir Ihnen zu sagen haben, ist . . . bis zu einem gewissen Grad . . . zweifellos . . .« Es war Rohns bekanntes Geplätscher, ehe er zur Sache kam. Aber dann nahm er sich zusammen und ging gerade drauflos: »Mein lieber Freund, was wir dir jetzt sagen werden, ist etwas sehr Ernstes und . . . Vertrauliches. Es liegt nicht nur in deinem Interesse, es zu tun . . ., sondern im Gegenteil . . . Kurz, es war ihr Einfall und . . . was mich betrifft, so habe ich nach reiflicher Überlegung . . . Übrigens läßt sie sich ja von nichts zurückhalten. Sie ist eigensinnig . . . und leidenschaftlich. Außerdem scheint sie sich wirklich in den Kopf gesetzt zu haben . . . Kurz, es ist für alle Teile besser, einen Ausweg zu finden«, stieß er erleichtert hervor. »Der Herr Direktor wird es dir näher erklären.«

Carson, beziehungsweise der Herr Direktor, setzte sich langsam und feierlich die Brille auf. Er sah geradezu beunruhigend ernst aus, ganz anders als sonst. »Es ist mir eine Ehre«, begann er, »Ihnen den Wunsch unserer höchsten militärischen Stellen zu verdolmetschen, dahin lautend, daß Sie in den Verband unserer Armee eintreten. Selbstverständlich nur in den höheren technischen Dienst, der Ihrer Arbeit entspricht, und zwar im Range eines . . . Ich will sagen, daß es – außer im Kriegsfall – durchaus nicht üblich ist, Zivilfachleute militärisch zu aktivieren, aber in unserem Fall – mit Rücksicht darauf, daß die gegenwärtige Situation ohnehin nicht weit vom Krieg entfernt ist, und unter besonderer Berücksichtigung Ihrer wirklich außergewöhnlichen, durch die gegenwärtigen Verhältnisse nur noch erhöhten Bedeutung, und . . . unter einmaliger Beachtung Ihrer Ausnahmestellung oder besser gesagt Ihrer . . . im höchsten Grade privaten Verpflichtungen –«

»Was für Verpflichtungen?« unterbrach ihn Prokop heiser.

»Nun, ich meine . . .«, stotterte Carson etwas verwirrt, ». . . ich meine Ihr Interesse, Ihr Verhältnis . . .«

»Ich habe Ihnen niemals ein Interesse gebeichtet«, fertigte ihn Prokop schroff ab.

»Haha«, legte Carson los, der bei dieser Grobheit förmlich auflebte, »das allerdings nicht; war auch gar nicht nötig. Glauben Sie vielleicht, wir haben uns höheren Orts damit gebrüstet? Natürlich nicht. Es handelt sich einfach um eine persönliche Rücksichtnahme und damit Punktum . . . Eine einflußreiche Intervention, Sie verstehen! Obendrein sind Sie Ausländer – Übrigens, auch das ist erledigt«, setzte er rasch hinzu. »Es genügt, wenn Sie ein Gesuch um Erlangung unserer Staatsbürgerschaft einbringen.«

»Aha.«

»Was wollten Sie sagen?«

»Nichts, bloß aha.«

»Aha. Das wäre alles. Es genügt also ein formales Gesuch . . . Nun, Sie werden begreifen, daß . . . gewisse Bürgschaften nötig sind. Sie werden sich den Rang, den man Ihnen . . . für außerordentliche Verdienste verleiht, durch irgendwas verdienen müssen. Man setzt also voraus, Sie . . . Sie übergeben . . .«

Es herrschte drückende Stille. Le bon prince blickte zum Fenster hinaus, Carsons Augen verschwanden hinter den blitzenden Brillengläsern. Prokops Herz krampfte sich angstvoll zusammen.

». . . Sie übergeben also . . . Sie übergeben ganz einfach . . .«, stotterte Carson, dem vor Erregung der Atem versagte.

»Was?«

Carson schrieb mit dem Finger ein großes K in die Luft. »Weiter nichts«, sagte er aufatmend. »Am nächsten Tag erhalten Sie das Dekret . . . die Ernennung extra statum zum Ingenieur-Hauptmann der Sappeure . . . zugeteilt nach Balttin. Erledigt. So.«

»Das heißt, nur provisorisch zum Hauptmann«, ließ sich nun oncle Charles wieder vernehmen. »Mehr konnten wir vorläufig nicht erreichen. Aber es wurde uns versichert, falls es unerwartet zum Krieg kommen sollte –«

»Also innerhalb eines Jahres«, rief Carson, »höchstens eines Jahres.«

»– Falls es also zum Krieg kommen sollte – gleichgültig, wann und mit wem –, daß du dann zum General-Ingenieur der Pioniere . . . im Range eines Generals der Kavallerie ernannt wirst. Sollte sich nach einem erfolgreichen Krieg die . . . Regierungsform ändern, ist mit diesem Rang gleichzeitig der Titel Exzellenz und . . . kurz, zunächst einmal die Baronie verbunden. Auch diesbezüglich haben wir die . . . allerhöchste Zusicherung erhalten«, schloß Rohn gedämpft.

»Und wer sagt euch, daß ich das will?« fragte Prokop eisig.

»Du lieber Himmel«, sprudelte Carson über, »wer sollte das nicht wollen? Mir hat man den Rittertitel angeboten; ich pfeife zwar drauf, aber es handelt sich nicht um mich, sondern um die Öffentlichkeit. Übrigens, für Sie hätte das eine ganz besondere Bedeutung.«

»Ihr glaubt also wirklich«, sagte Prokop langsam, »daß ich euch Krakatit ausliefere?«

Herr Carson wollte auffahren, aber oncle Charles hielt ihn zurück. »Wir nehmen an«, begann er ernst, »du wirst alles tun, oder . . ., wenn nötig . . ., jedes Opfer bringen, um die Prinzessin Hagen aus ihrer illegalen und . . . unerträglichen Situation zu befreien . . . Unter außergewöhnlichen Umständen . . . kann die Prinzessin einem Soldaten die Hand reichen. Sobald du zum Hauptmann ernannt bist, wird euer Verhältnis durch eine . . . streng geheime Verlobung geregelt. Die Prinzessin wird natürlich abreisen und erst wiederkehren, wenn . . . wenn sie ein Mitglied des Herrscherhauses bitten darf, ihr Trauzeuge zu sein. Bis dahin . . . du mußt trachten, dir bis dahin die Ehe zu verdienen, die deiner und der Prinzessin würdig ist. Gib mir die Hand. Du brauchst dich noch nicht zu entscheiden. Überlege gut, was du tust, was deine Pflicht ist und was du dafür zahlen willst. Ich könnte an deinen Ehrgeiz appellieren, aber ich spreche nur zu deinem Herzen. Prokop, sie leidet über ihre Kraft und brachte der Liebe ein größeres Opfer als irgendeine Frau. Auch du hast gelitten, ich weiß, du leidest noch durch dein Gewissen. Aber ich will keinen Druck auf dich ausüben, weil ich dir glaube. Überlege alles gut, und dann laß es mich wissen . . .«

Herr Carson nickte nur zu allem, wahrhaftig und tief gerührt. »So ist es«, sagte er. »Ich bin zwar ein gemeiner Knochen und zäh wie altes Rindsleder, aber ich muß gestehen, daß . . . Ich sagte Ihnen doch immer, die Frau hat Rasse. Das sieht man erst . . .« Er schlug sich mit der Faust gegen die Stelle, wo das Herz sein mochte, und blinzelte ergriffen. »Ich würde Sie eigenhändig erwürgen, wenn . . . wenn Sie ihrer nicht würdig wären . . .«

Prokop hörte schon lange nicht mehr zu; er war aufgesprungen und lief nun mit gefurchtem, erregtem Gesicht im Zimmer hin und her. »Ich . . . ich muß also, so ist es doch?« stammelte er heiser. »Ich muß also? Gut, wenn ich muß . . . ihr habt mich hineingelegt! Ich wollte doch nicht –«

Onkel Rohn stand auf und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. »Prokop«, sagte er, »du mußt dich selbst entscheiden. Wir drängen dich nicht. Geh mit dem Besten in dir zu Rate; frage Gott, die Liebe, dein Gewissen oder deine Ehre. Aber denk daran, daß es nicht nur um dich geht, sondern auch um sie, die dich so sehr liebt, daß sie imstande wäre . . .« Er machte eine hilflose Handbewegung. »Gehen wir!«

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