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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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41

Er fuhr, völlig in Schweiß gebadet, aus dem Schlafe auf. Wo – wo war er? Die Decke über ihm schwankte hin und her; nein, nein, sie senkte sich, schraubte sich herab, näherte sich ganz langsam wie eine hydraulische Riesenpresse. Prokop wollte schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Die Decke war nun schon so niedrig, daß er eine daran sitzende durchsichtige Fliege, ein Sandkorn im Wandputz, jede Unregelmäßigkeit im Anstrich unterschied. Und immer noch senkte sie sich; Prokop sah es mit atemlosem Entsetzen und vermochte nur noch zu röcheln. Das Licht erlosch, schwarze Finsternis umgab ihn, er fühlte, wie die Decke seine aufgerichteten Kopfhaare berührte, jetzt – jetzt mußte sie ihn erdrücken. Da ertastete er eine Tür, brach sie auf und stürzte ins Freie. Aber auch da war Finsternis, nein, keine Finsternis, Nebel, undurchdringlicher Nebel, so dicht, daß er nicht mehr atmen konnte; er würgte entsetzt und war am Ersticken. Jetzt wird es geschehen, dachte er in panischer Angst und floh, trat auf – auf lebendige, sich krümmende Leiber. Er beugte sich hinab, tastete und fühlte unter der Hand eine junge, breite Brust. Das – das – das ist Anni, erschrak er und griff nach dem Kopf; aber statt des Kopfes hatte es eine Schüssel, eine Por-zel-lan-schüssel mit etwas Glitschigem, Schwammartigem darin wie eine Rinderlunge. Es war zum Erbrechen furchtbar; er wollte die Hände losreißen, doch es klebte schwabbelig an ihm, saugte sich fest und kroch an seinen Armen hinauf. Das war die Krakatie, eine feuchte, gallertartige Tintenschnecke, mit den leuchtenden Augen der Prinzessin, die ihn leidenschaftlich, verliebt anstarrten. Sie kroch weiter an seinem nackten Körper und suchte eine Stelle, wo sie ihren widerlichen Saugmund ansetzen konnte. Prokop jappte keuchend nach Atem, rang mit dem Ungeheuer, bohrte die Finger in die nachgiebige zähe Masse – und erwachte.

Paul stand über ihn gebeugt und gab ihm einen kalten Umschlag auf die Brust.

»Wo – wo – wo ist Anni?« murmelte Prokop erleichtert und schloß die Augen. Er rannte keuchend über ein Ackerfeld; er wußte nicht, warum er es so eilig hatte, aber er raste, daß ihm das Herz zu zerspringen drohte, und wollte schreien aus Angst, zu spät zu kommen. Da war es endlich, das Haus, aber es hatte weder Tür noch Fenster, nur oben war eine Uhr, die zeigte fünf Minuten vor vier. Prokop wußte plötzlich: Wenn der große Zeiger auf zwölf steht, fliegt die ganze Stadt in die Luft. »Wer hat mir Krakatit gestohlen?« brüllte er; er versuchte, die Wand hinaufzuklettern, um den Uhrzeiger in letzter Minute anzuhalten, sprang immer wieder in die Höhe, grub die Fingernägel in den Kalkbewurf, glitt jedoch ab, lange Kratzspuren an der Wand hinterlassend. Er heulte entsetzt auf und rannte irgendwohin um Hilfe. Da stieß er die Tür zum Pferdestall auf: Dort stand die Prinzessin und dicht neben ihr Carson, sie liebten einander mit mechanisch zuckenden Bewegungen wie Papiermännchen, die oben auf einem Ofen von der warmen Luft bewegt werden. Als die beiden ihn erblickten, nahmen sie sich an der Hand und begannen zu hüpfen, rasch und immer rascher.

Prokop erwachte jäh und sah die Prinzessin mit schmalen Lippen und glühenden Augen über sich gebeugt. »Bestie«, murmelte er in finsterem Haß und schloß rasch die Augen. Sein Herz schlug irrsinnig wild. Schweiß stach ihm in die Augen, im Mund spürte er einen salzigen Geschmack; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und die Kehle war von trockenem Durst zugeschnürt. »Willst du etwas?« fragte die Prinzessin ganz nahe. Er schüttelte den Kopf. Sie dachte, er schlafe wieder, doch nach einer Weile ließ er sich heiser vernehmen: »Wo ist das Kuvert?«

Sie nahm an, er fantasiere bloß, und antwortete nicht. »Wo ist das Kuvert?« wiederholte er herrisch, die Stirn runzelnd. »Hier, hier ist es«, erwiderte sie und schob ihm das erstbeste Stück Papier, das ihr unterkam, zwischen die Finger. Er zerknüllte es heftig und warf es beiseite. »Das ist es nicht. Ich – ich will mein Kuvert. Ich – ich – ich will mein Kuvert.«

Er wiederholte es ununterbrochen, begann zu wüten, rief nach Paul. Paul entsann sich eines starken, abgegriffenen, verschnürten Briefumschlags; wo hatte er ihn nur gesehen? Er fand ihn in der Schublade des Nachttischchens; da ist es endlich! Prokop faßte mit beiden Händen nach dem Kuvert und drückte es an die Brust; das beruhigte ihn, und er verfiel in bleiernen Schlaf. Nach drei Stunden fand er sich wieder über und über mit Schweiß bedeckt. Er war so geschwächt, daß er kaum noch zu atmen vermochte. Die Prinzessin alarmierte die Ärzte zum Konsilium. Die Temperatur sank bedenklich, der Puls war kaum fühlbar. Man wollte ihm Kampfer einspritzen, doch der Ortsarzt, ein scheuer Provinzler unter so vielen Kapazitäten, meinte, er seinerseits wecke niemals einen Patienten. »Auch gut«, brummte der berühmte Spezialist, »so verschläft er wenigstens seinen Exitus.«

Die völlig erschöpfte Prinzessin legte sich auf eine Stunde nieder, nachdem man ihr versichert hatte, daß im Augenblick nichts getan werden könne. Dr. Krafft blieb beim Patienten und versprach ihr, in einer Stunde Nachricht zu bringen. Da er nicht kam, ging die Prinzessin beunruhigt hin, um nachzusehen. Sie fand Krafft mitten im Zimmer stehen, mit den Händen in der Luft herumrudernd und aus vollem Herzen über Telepathie predigend, wobei er sich auf Richert, James und andere berief. Prokop hörte ihm mit klaren Augen zu und reizte ihn ab und zu durch seine Einwände als wissenschaftlicher, beschränkter Ungläubiger. »Ich habe ihn zum Leben erweckt, Prinzessin«, schrie Krafft, seine ganze Umgebung vergessend, »ich habe seinen Willen gestärkt, damit er gesund wird. Ich habe ihm meine Hände aufgelegt, sehen Sie, so – das ist das Od, die Ausstrahlung aus dem menschlichen Körper. Aber jetzt bin ich total erschöpft, ich fühle mich schwach wie eine Fliege«, erklärte er und leerte auf einen Zug ein Glas mit irgendeinem Desinfektionsmittel, das er wahrscheinlich für Wein hielt, so aufgeregt war er über seinen Erfolg. »Sagen Sie, habe ich Sie gesund gemacht oder nicht?«

»Natürlich«, antwortete Prokop mit freundlicher Ironie.

Dr. Krafft sank in den Lehnstuhl. »Ich wußte selbst nicht, daß ich eine so starke Aura habe«, stellte er, zufrieden aufatmend, fest. »Soll ich Ihnen nochmals meine Hände auflegen?«

Die Prinzessin blickte, außer sich vor Staunen, von einem zum andern, errötete bis unter die Haarwurzeln, lachte, hatte plötzlich die Augen voller Tränen, fuhr mit der Hand über Kraffts rothaarigen Schädel und lief hinaus.

»Frauen halten nichts aus«, bemerkte Krafft stolz. »Sehen Sie, ich bin ganz ruhig. Ich fühlte, wie das Fluidum aus meinen Fingern sickerte. Mit Hilfe von Ultrastrahlen hätte man's sicher aufnehmen können, meinen Sie nicht?«

Spezialisten kamen, warfen vor allem Krafft trotz seines Protestes hinaus und maßen von neuem Körpertemperatur, Puls und alles mögliche. Die Temperatur war höher, der Puls sechsundneunzig, der Patient zeigte Appetit: Also unstreitig eine Wendung zum Besseren. Daraufhin begaben sich die Spezialisten in den anderen Flügel des Schlosses, wo sie ebenfalls gebraucht wurden. Dort lag die Prinzessin mit fast vierzig Fieber, vollkommen erschöpft nach sechsunddreißigstündigem Wachen; außerdem wurde neben einer Reihe anderer Krankheiten ein vernachlässigter Tuberkuloseherd und starke Anämie festgestellt.

Tags darauf saß Prokop im Bett und empfing festlich Besuche. Die Herrschaften waren alle abgereist, nur der dicke Vetter zögerte noch und langweilte sich zu Tode. Carson kam etwas verlegen herbeigeeilt, doch ging alles gut. Prokop erwähnte das Vergangene mit keinem Wort, und Carson gab schließlich zum besten, daß die furchtbaren Sprengstoffe, die Prokop in den letzten Tagen hergestellt hatte, sich bei näherer Untersuchung so brisant wie etwa Sägespäne erwiesen hätten; kurz – Prokop mußte bei der Herstellung schon tüchtig gefiebert haben. Auch das nahm der Patient ruhig hin und begann erst nach einer Weile zu lachen. »Aber trotzdem habe ich Ihnen ordentlich Angst eingejagt«, meinte er gutmütig.

»Das kann man wohl sagen«, gab Carson bereitwillig zu. »Mein Lebtag hatte ich keine solche Angst um mich und das Werk.«

Krafft kam zu Besuch, fahl im Gesicht und völlig zerknirscht. Er hatte in der vergangenen Nacht sein wundertätiges Fluidum bei Strömen von Wein gefeiert, und nun war ihm hundeübel. Er bejammerte seine wohl für immer entschwundene Fähigkeit und schwor, sich von jetzt ab der indischen Askese nach dem Yogasystem zu weihen.

Auch oncle Charles kam, er war très aimable und auf feine Weise zurückhaltend. Prokop war dankbar dafür, daß le bon prince wieder den netten Ton von früher fand, Sie zu ihm sagte und so unterhaltsam von seinen Erlebnissen zu erzählen wußte. Doch wenn das Gespräch auch nur annähernd die Prinzessin streifte, wurde er gleich verlegen.

Im andern Flügel hütete die Prinzessin das Bett, von einem trockenen, schmerzhaften Husten geplagt, und empfing jede halbe Stunde Paul, der ihr erzählen mußte, was Prokop aß und wer ihn besuchte.

Noch einige Male kehrte das Fieber mit seinen furchtbaren Träumen wieder. Prokop sah eine dunkle Baracke und darin endlose Reihen von Fässern, gefüllt mit Krakatit. Ein Soldat mit geschultertem Gewehr ging vor der Baracke auf und nieder, auf und nieder; es war quälend. Dann träumte Prokop, er sei wieder im Krieg. Ein riesiges Feld mit Gefallenen breitete sich vor ihm aus. Alle waren tot, auch er war tot und zu Eis erstarrt, an den Boden angefroren. Nur Herr Carson stolperte über die Leichen, fluchte vor sich hin und blickte fortwährend auf die Uhr. Von der andern Seite näherte sich der lahme Hagen mit krampfhaft zuckenden Bewegungen; er kam merkwürdig rasch vorwärts, hüpfte wie ein Heupferd und wieherte bei jeder Bewegung. Carson grüßte nachlässig und sagte etwas zu ihm. Prokop lauschte gespannt, vernahm jedoch kein Wort, vielleicht verwehte es der Wind. Hagen wies mit der mageren, abgezehrten Hand gegen den Horizont; wovon sprachen sie? Nun wandte sich Hagen ab, griff sich in den Mund und nahm ein gelbes Pferdegebiß samt den Kiefern heraus. Anstelle des Mundes hatte er nun ein gähnendes schwarzes Loch, das lautlos kicherte. Mit der andern Hand holte er einen riesigen Augapfel aus der Augenhöhle und hielt ihn ganz nahe an die Gesichter der Gefallenen. Das gelbe Gebiß in seiner Hand zählte krächzend: »Siebzehntausendeinhunderteins, einhundertzwei, einhundertdrei.« Prokop konnte sich nicht wegwenden, denn er war tot; der grauenhaft blutige Augapfel starrte nun gerade über seinem Gesicht, das Pferdegebiß krähte: »Siebzehntausendeinhundertneunundzwanzig« und klappte dann zu. Nun verlor sich Hagen, in einem fort zählend, in der Ferne. Da kam die Prinzessin, den Rock schamlos hochgeschürzt, über die Leichen gehüpft und fuchtelte mit einem tatarischen Bundschuk wie mit einer Reitpeitsche herum. Sie beugte sich über Prokop, kitzelte ihn mit dem Bundschuk unter der Nase und stieß mit der Fußspitze gegen seinen Kopf, als wollte sie prüfen, ob er tot sei. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, obwohl er wirklich tot war, so tot, daß er das zu Eis erstarrte Herz in sich fühlte. Aber er vermochte nicht den Anblick ihrer schlanken Beine zu ertragen. »Lieber, Lieber«, flüsterte sie, streifte mit einer langsamen Bewegung den geschürzten Rock ab, kniete neben Prokop nieder und strich mit der Hand zart über seine Brust. Plötzlich zog sie ihm den verschnürten Briefumschlag aus der Tasche, zerriß ihn wütend in kleine Stücke und streute sie in den Wind. Dann begann sie sich mit ausgebreiteten Armen zu drehen und wirbelte, wirbelte, auf die Leichen tretend, davon, bis sie in der nächtlichen Dunkelheit verschwand.

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