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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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39

Es regnete. Der dicke Vetter kam mit einer weißen Parlamentärsflagge angerückt und schlug Prokop vor, aufzugeben; er bekomme sein Laboratorium wieder und so weiter. Prokop erklärte, auf keinen Fall von hier zu weichen, es sei denn, man sprenge ihn in die Luft; vorher würde er sich freilich noch melden, daß ihnen allen Hören und Sehen vergehen werde. Mit dieser dunklen Drohung kehrte der Vetter zurück. Offenbar ertrug man im Schloß nur schwer, daß der Haupteingang blockiert war, doch wollte man nicht viel Aufhebens von der Sache machen.

Dr. Krafft, der Friedensfreund, sprudelte förmlich über von wilden, kriegerischen Vorschlägen: Man müßte die elektrische Leitung ins Schloß unterbrechen, die Wasserzufuhr absperren oder Giftgas herstellen und gegen das Schloß ausströmen lassen. Herr Holz fand eine alte Zeitung, fischte einen Kneifer aus seinen unergründlichen Taschen und las den ganzen Tag über, einem Universitätsdozenten zum Verwechseln ähnlich. Prokop langweilte sich maßlos; er brannte vor Sehnsucht nach einer großen Tat, wußte aber nicht, wie er es anstellen sollte. Schließlich überließ er Holz die Bewachung des Pförtnerhauses und streifte mit Krafft durch den Park.

Sie trafen keine Menschenseele; offenbar waren die feindlichen Kräfte im Schloß konzentriert. Sie umschlichen das Schloß, bis sie zu den Speichern und Ställen kamen. »Wo ist Whirlwind?« fragte Prokop unvermittelt. Krafft wies auf eine Fensterluke in einer Höhe von etwa drei Metern. »Stützen Sie sich auf!« flüsterte Prokop, kletterte auf Kraffts Rücken und stellte sich ihm auf die Schultern. Krafft sank unter der Last fast zusammen; nun tanzte Prokop ihm noch auf den Schultern herum – was machte er eigentlich da oben? Ein schwerer Fensterrahmen flog zur Erde, von der Wand rieselte Sand herab. Auf einmal schwang sich die Last hinauf, Krafft blickte erstaunt empor und unterdrückte mit Mühe einen Aufschrei: Oben bewegten sich nur noch zwei Beine, die ruckweise in der Fensterluke verschwanden.

Die Prinzessin reichte Whirlwind gerade ein Stückchen Brot und betrachtete versonnen sein schönes Auge, als sie am Fenster ein Geräusch vernahm. Im Zwielicht des warmen Pferdestalles unterschied sie eine ihr wohlvertraute Hand, die eben dabei war, das Drahtgitter aus dem Stallfenster zu entfernen. Die Prinzessin preßte die Hand auf den Mund, um nicht aufzuschreien.

Mit Händen und Kopf voran landete Prokop in Whirlwinds Raufe. Dann sprang er hinunter, und nun stand er da, etwas abgeschürft zwar, aber sonst heil. Ein wenig ohne Atem, bemühte er sich zu lächeln. »Still«, flüsterte die Prinzessin erschrocken, denn hinter der Tür war der Stallbursch. Und schon lag sie an Prokops Brust. »Prokopokopok!« Er zeigte aufs Fenster: Dort hinauf und rasch fort! »Wohin?« fragte die Prinzessin flüsternd.

»Zum Pförtnerhaus.«

»Du Dummer! Wieviel seid ihr dort?«

»Drei.«

»Siehst du! Das geht doch nicht!« Sie fuhr ihm über die Wange.

Prokop überlegte blitzschnell, wie er sie entführen könnte. Es war halbdunkel im Stall, der Pferdegeruch wirkte erregend. Ihre Augen funkelten, als sie einander leidenschaftlich küßten. Sie war ganz Hingabe; plötzlich riß sie sich los und flüsterte schwer atmend: »Geh jetzt, geh!« Sie standen einander zitternd gegenüber und fühlten beide das Unreine der Leidenschaft, von der sie besessen waren. Prokop wandte sich ab, eine Sprosse der Leiter brach unter seinem Griff; erst das brachte ihn wieder zur Besinnung. Er drehte sich um und sah, daß sie ihr Taschentuch zerbiß und in kleine Stücke riß, die sie heftig an ihre Lippen drückte und ihm dann wortlos zur Belohnung oder zur Erinnerung reichte. Da neigte er sich und küßte die Stelle auf dem Stallbaum, wo eben noch ihre erregte Hand geruht hatte. Nie hatten sie einander leidenschaftlicher geliebt als in diesem Augenblick, da sie kein Wort aus sich herausbrachten und fürchteten, einander zu berühren. Auf dem Hofe draußen knirschten Schritte im Sand. Die Prinzessin gab ihm einen Wink, Prokop sprang auf die Leiter, ergriff einen Haken an der Decke und schwang sich mit den Beinen voran durchs Fenster hinaus. Als er unten aufsprang, umarmte ihn Dr. Krafft vor Freude. »Haben Sie den Pferden die Sehnen durchschnitten?« flüsterte er blutdürstig; als Kriegshandlung schien ihm das durchaus berechtigt.

Prokop eilte schweigend zum Pförtnerhäuschen, von plötzlicher Angst um Holz getrieben. Von weitem schon sah er die niederschmetternde Wirklichkeit: Zwei Männer standen in der Tür, der Gärtner verharkte die Spuren des Kampfes im Sand, das Gittertor war geöffnet und Holz verschwunden. Einer der Männer hatte die Hand verbunden.

Verbittert und schweigend zog sich Prokop in den Park zurück. Dr. Krafft, der annahm, sein Anführer schmiede einen neuen Kriegsplan, störte ihn nicht weiter. Prokop ließ sich mit einem schweren Seufzer auf einem Baumstumpf nieder und vertiefte sich in die Betrachtung einer Handvoll Spitzenfetzen. Auf dem Wege tauchte ein Arbeiter auf, der einen Schubkarren mit trockenem Laub vor sich herschob. Krafft, dem er verdächtig vorkam, fiel über ihn her und verprügelte ihn; er verlor dabei seinen Kneifer, den er – jetzt kneiferlos – nicht wiederfinden konnte. Er nahm den auf dem Kampffeld zurückgelassenen Schubkarren als Beute und eilte damit zu Prokop. »Er ist ausgerissen!« meldete er, und seine kurzsichtigen Augen funkelten siegestrunken. Prokop brummte etwas und beschäftigte sich weiter mit dem weichen, weißen Mull zwischen seinen Fingern. Krafft wußte mit dem erbeuteten Schubkarren nichts Rechtes anzufangen; schließlich fiel ihm ein, man könnte ihn umstürzen und als Sitz verwenden.

Prokop erhob sich und schlug die Richtung zum Teich ein; Dr. Krafft folgte ihm samt dem Schubkarren; vielleicht dachte er an den Transport künftiger Verwundeter. Sie besetzten das auf Pfählen im Wasser stehende Schwimmbad. Prokop ging die Kabinen ab, von denen die größte der Prinzessin gehörte. Er fand darin einen Spiegel, einen Kamm mit einigen ausgekämmten Haaren, etliche Haarnadeln, einen Flauschbademantel und ein Paar Sandalen, intime, verlassene Dinge. Er verwehrte Krafft den Zutritt und besetzte mit ihm eine Herrenkabine auf der anderen Seite. Krafft strahlte; nun hatten sie sogar eine Flotte zur Verfügung, bestehend aus zwei Paddelbooten, einem Kanu und einem bauchigen Ruderboot, das ihr Flaggschiff darstellte. Prokop ging lange schweigsam auf dem Deck der Schwimmschule über dem großen Teich auf und nieder. Dann verschwand er in der Kabine der Prinzessin, setzte sich auf den Liegestuhl, nahm den Flauschmantel und vergrub sein Gesicht darin. Dr. Krafft, der trotz seiner unglaublich mangelhaften Beobachtungsgabe einiges von dem Geheimnis ahnte, schonte Prokops Gefühle. Er machte sich auf dem Schwimmdeck leise zu schaffen, leerte mit Hilfe eines Topfes das Wasser aus dem bauchigen Schlachtschiff und suchte nach den nötigen Rudern. Dabei entdeckte er sein ansehnliches kriegerisches Talent, wagte sich ans Ufer und brachte Steine jeden Kalibers zum Schwimmbad geschleppt, darunter sogar zehn Kilogramm schwere Brocken, die er aus der Wallmauer brach. Dann baute er Brett um Brett des Brückenstegs ab, der das Festland mit dem Schwimmbad verband; am Ende waren sie nur noch durch zwei schmale Balken mit dem Ufer verbunden. Aus den abgerissenen Brettern gewann er Material zum Verbarrikadieren des Eingangs und außerdem eine Menge wertvoller rostiger Nägel, die er durch die Ruderblätter trieb. Mit den Spitzen nach außen gekehrt, entstand so eine furchtbare und wirklich mörderische Waffe. Nachdem das alles getan und für gut befunden war, hätte er sich dessen gern Prokop gegenüber gerühmt; aber der verhielt sich so still in der Kabine der Prinzessin, daß er kaum zu atmen schien. Dr. Krafft hockte über der grauen Fläche des Teiches, dessen Wasser sich kühl und leise regte; bald gluckste es auf, wenn ein Fisch hochschnellte, bald raschelte es im Schilf; da legte sich die Einsamkeit bange und schwer auf den so verlassenen Krafft.

Er stand auf, räusperte sich vor der Kabine der Prinzessin und sprach halblaut vor sich hin, um Prokops Aufmerksamkeit zu erregen. Endlich trat Prokop heraus, die Lippen fest aufeinandergepreßt und ein seltsames Leuchten in den Augen. Krafft führte ihn herum, zeigte ihm alles, gab sogar eine Probe, wie weit er einen Stein nach dem Feind schleudern könnte, wobei er fast ins Wasser fiel. Prokop sagte nichts, sondern umarmte ihn nur und küßte ihn auf die Wange. Dr. Krafft errötete vor Freude und hätte noch viel mehr für ihn tun mögen. Sie setzten sich auf eine Bank am Wasser, wo sich die braune Prinzessin zu sonnen pflegte. Im Westen erhoben sich die Wolken und gaben einen unendlich fernen, trübgoldenen Himmel frei. Der ganze Teich begann in einem blassen, rührend hellen Licht zu leuchten und zu glitzern. Dr. Krafft entwickelte eine funkelnagelneue Theorie über den Krieg, das Vorrecht der Macht, die Rettung der Welt durch Heldentum, was in grausamem Widerspruch zur quälenden Trostlosigkeit dieses Herbstabends stand. Zum Glück aber war Dr. Krafft kurzsichtig und überdies Idealist, daher vollkommen unabhängig von seiner zufälligen Umgebung. Abgesehen von der kosmischen Schönheit dieser Stunde verspürten beide Kälte und Hunger.

Auf dem Festland kam Herr Paul, einen Korb am Arm, mit kurzen, eiligen Schritten herangetrippelt und blickte suchend nach links und nach rechts. Prokop fuhr ihm auf dem Schlachtschiff entgegen und verlangte von ihm zu wissen, von wem er geschickt sei. »Von niemand, bitte«, beteuerte der Alte, »aber meine Tochter Elisabeth ist Beschließerin.« Am liebsten hätte er nun von seiner Elisabeth erzählt, doch Prokop strich ihm freundlich über das weiße Haar und trug ihm für einen Unbekannten die Botschaft auf, daß er gesund und bei Kräften sei.

Dr. Krafft trank heute allein, schwatzte, philosophierte und wetterte wieder gegen alle Philosophie: Die Tat, meinte er, die Tat sei alles. Prokop saß unruhig auf der Bank der Prinzessin und starrte nur immerfort auf einen Stern – weiß der Himmel, warum er sich gerade diesen ausgesucht hatte –, es war der rötliche Beteigeuze im Orion. Es stimmte gar nicht, daß er gesund war; er spürte ein merkwürdiges Stechen an den Stellen, wo es damals in Teinitz gerasselt und geröchelt hatte, der Kopf drehte sich ihm, und ein Schüttelfrost durchlief den ganzen Körper. Er sprach wirr durcheinander und zitterte derart, daß Dr. Krafft völlig nüchtern und sehr besorgt wurde. Er bettete Prokop auf den Streckstuhl in der Kabine, deckte ihn mit allem möglichen, auch mit dem Flauschmantel der Prinzessin zu und gab ihm einen neuen Umschlag auf die Stirn. Prokop behauptete, es sei ein Schnupfen; gegen Mitternacht schlief er ein und fantasierte, von schrecklichen Träumen geplagt.

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