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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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37

Der Flur war leer. Er schlich so leise wie nur möglich zu den Gemächern der Prinzessin und wartete vor der Tür, reglos wie einer von den Blechrittern unten in der Treppenhalle. Die Zofe kam heraus, stieß einen durchdringenden Schrei aus, als hätte sie ein Gespenst erblickt, und verschwand, woher sie gekommen. Eine Weile später öffnete sie ängstlich wieder die Tür, hieß Prokop wortlos eintreten, wobei sie Schritt um Schritt zurückwich und schließlich entwischte. Die Prinzessin schleppte sich ihm entgegen; sie war in einen langen Mantel gehüllt und hatte wohl eben erst das Bett verlassen. Die Haare über der Stirn waren wirr und feucht, als hätte sie gerade einen kühlenden Umschlag abgenommen; ihr Gesicht war von fahler Blässe und unschön. Sie fiel ihm um den Hals, bot ihm ihre fieberheißen Lippen. »Du bist gut«, flüsterte sie matt. »Ich habe unerträgliche Kopfschmerzen, o Gott! Man erzählt, du hättest die Taschen voll mit Bomben? Ich fürchte mich nicht vor dir. Geh jetzt, ich bin häßlich. Mittag komme ich zu dir, ich werde nichts essen, mir ist gar nicht wohl. Geh!« Sie berührte seinen Mund mit schmerzenden, fieberrissigen Lippen und verdeckte ihr Gesicht, damit er sie nicht sähe.

In Begleitung von Herrn Holz kehrte er ins Laboratorium zurück. Jeder, der ihm begegnete, wich zurück, sprang beiseite und, wenn es nicht anders ging, über den Graben. Prokop stürzte sich wieder wie besessen in seine Arbeit. Er mischte Stoffe, wie es sich niemand hätte einfallen lassen, von einer fast blinden Sicherheit geleitet, daß diese Mischung einen Sprengstoff ergeben werde. Damit füllte er Fläschchen, Streichholzschachteln, leere Blechbüchsen, alles, was ihm unterkam, und stellte sie auf den Tisch, aufs Fensterbrett, auf den Fußboden, mußte darübersteigen, hatte kaum noch Platz zum Sitzen und Stehen. In der ersten Mittagsstunde kam die Prinzessin, verschleiert und den Mantel bis zum Kinn geschlossen. »Nein, nein, ich bin heute häßlich. Arbeite, als ob ich nicht da wäre; ich will dir nur zusehen.«

Sie setzte sich auf den äußeren Rand eines Stuhls inmitten des furchtbaren Arsenals von oxozoniden Sprengstoffen. Prokop wog, die Lippen aufeinandergepreßt, etwas ab und mischte es; die Masse zischte auf, verbreitete einen säuerlichen Geruch und wurde dann auf das sorgfältigste filtriert. Die Prinzessin starrte mit reglosen heißen Augen auf seine Hände. Beide dachten an das heutige Eintreffen des Thronfolgers.

Prokop blickte suchend nach dem Regal mit den Chemikalien. Da erhob sie sich, lüftete den Schleier, schlang ihre Arme um seinen Hals und preßte ihre schmalen trockenen Lippen auf seinen Mund. In stummer, krampfhafter Umarmung verharrte das Paar, umgeben von Flaschen mit dem gefährlichen Oxozobenzol und den hochexplosiven Knallsäuresalzen. Dann schob sie ihn wieder von sich, verhüllte ihr Gesicht und setzte sich. Unter ihren Blicken fuhr Prokop in seiner Arbeit fort wie ein flinker Bäcker, der den Teig mischt. Das hier war ein teuflischer Stoff, wie ihn noch niemand hergestellt hatte, ein gewalttätiges, unheimlich empfindliches Öl, die verkörperte Entflammbarkeit und Heftigkeit. Und dies da, dies wasserhelle, ätherartig Flüchtige, das war jenes furchtbar und unberechenbar explosive Ding, ein Stoff von höchster Sprengkraft. Er sah sich um, wo er die Flasche mit diesem Namenlosen hinstellen könnte. Sie nahm sie ihm lächelnd aus der Hand und hielt sie fest umklammert.

Draußen rief Herr Holz jemandem »Halt!« zu. Prokop lief hinaus. Es war oncle Rohn, der bedenklich nahe der Sprengfalle stand.

Prokop ging ihm entgegen. »Was suchen Sie hier?«

»Minni«, antwortete oncle Charles sanft, »sie fühlt sich nicht wohl, und darum –«

Prokops Mundwinkel zuckten. »Holen Sie sie selbst«, sagte er und führte ihn hinein.

»Ah, oncle Charles«, begrüßte ihn die Prinzessin freundlich. »Sieh dir das an, es ist ungemein interessant.«

Onkel Rohn blickte erst forschend auf sie und dann im Raum umher und atmete erleichtert auf. »Das solltest du nicht tun, Minni«, meinte er rügend.

»Warum nicht?« wandte sie unschuldig ein.

Er sah Prokop ratlos an. »Weil . . . weil du fieberst.«

»Hier fühle ich mich besser«, bemerkte sie ruhig.

»Du solltest überhaupt nicht . . .« Le bon prince seufzte und wurde ernstlich rot dabei.

»Mon oncle, du weißt, daß ich immer tue, was ich will«, beendete sie unwiderruflich die Auseinandersetzung, während Prokop mehrere gefüllte Büchsen von einem Stuhl wegräumte. »Nehmen Sie Platz«, lud er Rohn höflich ein.

Oncle Charles schien von der ganzen Situation nicht sehr begeistert. »Stören wir Sie nicht . . . stören wir dich nicht bei der Arbeit?« fragte er Prokop ziellos.

»Durchaus nicht«, entgegnete Prokop, der Infusorienerde zwischen den Fingern zerrieb.

»Was machst du da?«

»Sprengstoffe. Die Flasche, bitte«, wandte er sich an die Prinzessin.

Sie reichte sie ihm und sagte herausfordernd und überdeutlich: »Da hast du sie.« Onkel Rohn zuckte zusammen, als hätte ihn etwas gestochen; doch da fesselte ihn schon die gewandte und vorsichtige Sorgfältigkeit, mit der Prokop die reine Flüssigkeit auf das Häuflein Erde abtropfen ließ.

Er räusperte sich und fragte: »Wodurch gelangt das zur Explosion?«

»Durch Erschütterung«, erwiderte Prokop und zählte die Tropfen ab.

Oncle Charles sah die Prinzessin an. »Wenn du Angst hast, oncle«, bemerkte sie trocken, »brauchst du nicht auf mich zu warten.«

Er rückte resigniert auf seinem Stuhl hin und her und klopfte mit dem Stock an eine Blechbüchse von kalifornischen Pfirsichen: »Was ist das?«

»Eine Handgranate«, erklärte Prokop. »Hexanitrofenylmethylnitramin und Schraubenmuttern. Heb es einmal auf!«

Onkel Rohn war verlegen. Er nahm eine Zündholzschachtel vom Pult, drehte sie zwischen den Fingern hin und her und meinte: »Wäre da nicht vielleicht . . . etwas mehr Vorsicht . . . geboten?«

»Sicherlich«, stimmte Prokop zu und nahm ihm das Schächtelchen aus der Hand. »Das ist Chlorargonat. Damit spielt man nicht.«

Oncle Charles' Gesicht verfinsterte sich. »Auf mich macht das alles . . . den etwas unangenehmen Eindruck von Einschüchterung«, bemerkte er scharf.

Prokop warf die kleine Schachtel auf den Tisch: »So? Ich dagegen hatte den Eindruck von Einschüchterung, als Sie mir mit der Festung drohten.«

». . . Ich kann nur sagen«, meinte Rohn, den Vorwurf überhörend, »daß mich diese ganze Handlungsweise . . . nicht im geringsten beeindruckt.«

»Mich sehr«, verkündete die Prinzessin.

»Fürchtest du, daß er etwas anstellt?« wandte sich le bon prince an sie.

»Ich hoffe es«, sagte sie gläubig. »Glaubst du, er wäre nicht dazu imstande?«

»Daran zweifle ich nicht«, sagte Rohn, ohne zu zögern. »Gehen wir?«

»Nein. Ich möchte ihm helfen.«

Prokop zerbrach einen Metallöffel zwischen den Fingern. »Wozu das?« fragte sie neugierig.

»Ich habe keine Nägel mehr«, brummte er, »um die Bomben zu füllen.« Er blickte um sich, auf der Suche nach etwas Metallenem. Da erhob sich die Prinzessin errötend, streifte rasch den einen Handschuh ab und zog einen Goldring vom Finger. »Nimm das«, sagte sie leise; sie hielt die Augen gesenkt, und ihre Wangen flammten. Prokop nahm ihn bebend entgegen; es war so feierlich . . . wie eine Verlobung. Er zögerte, wog den Ring auf dem Handteller. Sie hob den Blick zu ihm, eine drängende, leidenschaftliche Frage in den Augen; er nickte ernst und legte den Ring auf den Boden der Blechbüchse.

Oncle Charles blinzelte besorgt und tieftraurig mit den Vogelaugen des Poeten.

»Jetzt können wir gehen«, sagte die Prinzessin verhalten.

Gegen Abend traf der Thronfolger ein. Am Eingang stand eine Ehrenkompanie; es gab eine offizielle Begrüßung, die Dienerschaft stand Spalier, Park und Schloß waren festlich beleuchtet. Prokop saß auf einem Hügel vor dem Laboratorium und blickte mit trüben Augen auf das Schloß hinab. Niemand war mehr zu sehen; Stille und Dunkelheit breiteten sich aus, nur das Schloß erstrahlte in grellem Lichterglanz.

Prokop erhob sich mit einem tiefen Seufzer von seinem Sitz. »Zum Schloß?« fragte Herr Holz und schob den Revolver aus der Hosentasche in die Tasche seines unverwüstlichen Gummimantels hinüber.

Sie gingen durch den jetzt dunklen Park; zwei- oder dreimal trat eine Gestalt vor ihnen ins Gebüsch zurück, etwa fünfzig Schritte hinter ihnen vernahm man verdächtige Schritte im raschelnden Laub, aber sonst war alles öde und verlassen. Nur vom Schloß her leuchtete es aus großen goldenen Fenstern.

Es war Herbst, schon Herbst. Ob in Teinitz der Brunnen immer noch so silbrig tropft? Kein Windhauch regte sich, und dennoch strich ein leiser, fröstelnder Schauer über die Erde oder durch die Bäume. Über den Himmel glitt eine Sternschnuppe, eine breite, rotglühende Bahn hinterlassend.

Einige Herren im Frack traten auf die Terrasse über der Schloßtreppe; sie sahen elegant und zufrieden aus, plauderten, rauchten, lachten und kehrten wieder in die Salons zurück. Prokop saß still auf einer Bank und drehte die Blechbüchse mit dem zerbrochenen Löffel, dem Ring und dem namenlosen Stoff zwischen den verstümmelten Fingern hin und her.

Herr Holz näherte sich ihm scheu. »Heute kann sie nicht kommen«, sagte er schonend.

»Ich weiß.«

Im Gästeflügel flammten die Fenster auf. Das waren die ›Fürstenzimmer‹. Nun leuchtete das ganze Schloß so feenhaft und unwirklich wie ein Traumgebilde. Alles war dort versammelt: unermeßlicher Reichtum, Schönheit, Ehrgeiz, Lebenskunst, Anmut, geistreiche Schlagfertigkeit und Selbstbewußtsein; als wären es andere Menschen – andere Menschen –

Wie ein eigensinniges Kind schüttelte Prokop seine Rasselbüchse. Allmählich verlöschten die Fenster; noch leuchtete eins hier, das war Rohns Fenster, und ein anderes dort, im Schlafzimmer der Prinzessin. Onkel Rohn öffnete einen Fensterladen und sog die kühle Nachtluft ein; dann sah man ihn hin und her gehen, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür, unaufhörlich hin und her. Hinter dem verhängten Fenster der Prinzessin bewegte sich nicht einmal ein Schatten.

Auch bei Onkel Rohn verlöschte das Licht; nun schimmerte nur noch ein einziges mattleuchtendes Fenster. Ob der menschliche Gedanke einen Weg finden, sich mit Gewalt einen Weg bahnen kann durch die über hundert Meter stummen Raumes, um das wache Gehirn des andern Menschen zu erreichen? Was soll ich dir verkünden, tatarische Fürstin? Schlafe, es ist schon Herbst; und wenn es einen Gott über uns gibt, dann möge er dir mit kühlenden Fingern über die glühende Stirn streichen.

Das mattrote Fenster erlosch.

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