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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
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36

Im Laboratorium angekommen, wollte er Holz die Tür vor der Nase zuschlagen, um sich darin zu verschanzen; aber Herrn Holz gelang es noch rechtzeitig, »Die Prinzessin« zu flüstern.

»Was ist?« fuhr ihn Prokop heftig an.

»Sie hat mir aufgetragen, bei Ihnen zu bleiben.«

Prokop vermochte eine freudige Überraschung nicht zu unterdrücken. »Hat sie dich bestochen?«

Herr Holz schüttelte den Kopf, und sein pergamentenes Gesicht verzog sich zum erstenmal zu einem Lächeln. »Sie hat mir die Hand gereicht«, sagte er ehrfurchtsvoll. »Ich versprach ihr, daß Ihnen nichts zustoßen wird.«

»Gut. Hast du einen Schießprügel? Hüte die Tür, niemand darf zu mir herein, verstanden?«

Herr Holz nickte. Prokop unternahm eine gründliche Untersuchung des ganzen Laboratoriums in bezug auf dessen Uneinnehmbarkeit. Einigermaßen zufrieden, stellte er alle Blechbüchsen und Dosen, die sich auftreiben ließen, auf den Tisch und entdeckte zu seiner übergroßen Freude noch eine Menge Nägel. Dann machte er sich an die Arbeit.

Am Morgen pirschte sich Herr Carson mit unschuldiger Miene ans Laboratorium heran. Er sah schon von weitem, wie sich Prokop ohne Rock vor der Baracke im Steinstoßen übte. »Ein sehr gesunder Sport«, rief er ihm fröhlich zu.

Prokop zog rasch den Rock an. »Gesund und nützlich«, erwiderte er lächelnd. »Was führt Sie zu mir?«

Die Taschen seines Rockes standen weit ab, es klirrte nur so darin. »Was haben Sie denn in den Taschen?« fragte Herr Carson nebenbei.

»Chloracid«, antwortete Prokop. »Brisantes Chloratpulver.«

»Hm. Und warum tragen Sie das bei sich?«

»Ach, nur so zum Spaß. Kommen Sie, um mir etwas zu sagen?«

»Jetzt nicht mehr. Vorläufig nicht«, meinte Herr Carson beunruhigt und hielt sich in gebührender Entfernung. »Was haben Sie noch in diesen – Büchsen?«

»Nägel. Und hier«, Prokop zog eine Vaselinschachtel aus der Hosentasche und hielt sie ihm hin, »hier ist Benzoltetraoxozonid, eine Neuheit, dernier cri. Nun?«

»Sie brauchen damit nicht so herumzufuchteln«, meinte Herr Carson und trat noch einige Schritte zurück. »Haben Sie irgendwelche Wünsche?«

»Wünsche?« sagte Prokop freundlich. »Nun, dann bitte ich Sie, den Herren mitzuteilen, daß ich mich zunächst einmal nicht von hier wegrühre.«

»Gut, natürlich. Und weiter?«

»Und daß ich, wenn mich jemand unvorsichtig anfassen sollte . . . Ich hoffe, Sie haben nicht die Absicht, mich umbringen zu lassen.«

»Keinesfalls. Ehrenwort. Fliegen Sie nicht in die Luft?«

»Ich werde mich hüten. Weiter wollte ich Ihnen sagen, daß während meiner Abwesenheit niemand meine Festung hier betreten darf. An der Tür hängt eine Sprengschnur. Vorsicht, hinter Ihnen befindet sich eine Falle!«

»Eine Sprengfalle?«

»Bloß mit ein wenig Diabenzolperchlorat. Warnen Sie Ihre Leute! Hier hat niemand was zu suchen. Ferner habe ich bestimmte Gründe . . . mich bedroht zu fühlen. Ich würde Sie deshalb bitten, Holz den Auftrag zu erteilen, mich . . . vor jedem Anschlag persönlich zu beschützen. Und zwar mit der Waffe in der Hand.«

»Das ist unmöglich«, brummte Carson. »Holz wird versetzt.«

»Nein, nein«, widersprach Prokop, »ich fürchte mich, allein zu bleiben. Beauftragen Sie ihn also gefälligst damit.« Bei diesen Worten näherte er sich Carson und klirrte so bedrohlich, als bestünde er nur aus Blech und Nägeln.

»Gut«, sagte Carson rasch. »Holz, Sie sind zum Schutz des Herrn Ingenieurs da. Sollte ihm jemand zu nahe treten – Herrgott, macht, was ihr wollt. Haben Sie noch einen Wunsch?«

»Vorläufig nicht. Wenn mir etwas einfallen sollte, komme ich persönlich zu Ihnen.«

»Danke höflichst«, knurrte Carson und verließ rasch das gefährliche Gebiet. Kaum aber hatte er, in seinem Büro angekommen, die dringlichsten Befehle nach allen Seiten hin telefoniert, da rasselte es draußen auf dem Flur, die Tür wurde aufgestoßen, und Prokop stürzte, über und über mit Blechbomben beladen, herein.

»Hören Sie«, schrie er, blaß vor Zorn, »wer hat den Befehl erteilt, mich nicht mehr in den Park zu lassen? Entweder Sie widerrufen sofort diesen Befehl oder –«

»Bleiben Sie mir vom Leib«, herrschte ihn Carson hinter seinem Schreibtisch an. »Was geht mich Ihr Park an? Scheren Sie sich zum –«

»Einen Augenblick«, unterbrach ihn Prokop und bemühte sich, seine Sache mit Geduld vorzubringen: »Nehmen wir an, es treten Umstände ein, wo . . . wo es einem ganz gleichgültig ist, was geschieht – verstanden?« brüllte er plötzlich los. Rasselnd und klirrend stürzte er zum Wandkalender. »Dienstag, heute ist Dienstag! Und hier, hier habe ich –« Er suchte fieberhaft in den Taschen, bis er eine Seifenschachtel, die notdürftig mit einem Bindfaden umwickelt war, fand und hervorzog. »Wissen Sie, was das ist? Vorläufig nur fünfzig Gramm.«

»Krakatit?« rief Carson, von jäher Hoffnung über das ganze Gesicht strahlend, »Sie bringen es uns? Dann – ja, dann –«

»Nichts dann«, unterbrach ihn Prokop grinsend und verstaute die Schachtel wieder in der Tasche. »Aber wenn ihr mich zum Äußersten treibt, dann . . . dann streue ich es aus, wo es mir beliebt. Was meinen Sie dazu?«

»Was meinen Sie dazu?« wiederholte Carson mechanisch, so bestürzt war er.

»Ordnen Sie an, daß der Kerl am Eingang verschwindet. Ich will im Park spazierengehen.«

Carson zuckte die Achseln. »Wenn sonst nichts . . .! Das ist eine Kleinigkeit. Ich freue mich . . . ich freue mich außerordentlich, Ihnen diesen Gefallen zu erweisen. Nun, und Sie . . . geben uns die fünfzig Gramm?«

»Nein. Ich werde sie selbst vernichten; aber . . . vorher möchte ich mich vergewissern, ob unser alter Vertrag noch gilt. Bewegungsfreiheit und so weiter. Sie erinnern sich!«

»Alter Vertrag!« brummte Carson. »Zum Kuckuck mit Ihrem alten Vertrag! Damals waren Sie noch nicht – damals hatten Sie noch kein Verhältnis –«

Prokop sprang auf ihn zu: »Was sagen Sie da? Was hatte ich nicht?«

»Nichts, nichts«, beeilte sich Herr Carson, ein wenig verstört, ihn abzuwehren. »Ich weiß von nichts. Ihre Privatangelegenheiten interessieren mich nicht. Wenn Sie im Park spazierengehen wollen, ist das Ihre Sache. Leben Sie wohl, gehen Sie und –«

»Noch etwas«, sagte Prokop, von einem plötzlichen Verdacht erfaßt, »lassen Sie es sich ja nicht einfallen, etwa die elektrische Leitung meines Laboratoriums zu unterbrechen. Sonst –«

»Gut, gut«, versicherte Herr Carson eilig. »Status quo, ich verstehe. Viel Glück! – Verdammter Kerl!« fügte er verärgert hinzu, als Prokop außer Hörweite war.

Schwer und massiv wie ein Geschütz bewegte sich Prokop, bei jedem Schritt rasselnd, durch den Park. Vor dem Schloß stand eine Gruppe von Herren; kaum erblickten sie ihn aus der Ferne, traten sie ziemlich verwirrt den Rückzug an. Offenbar hatte man sie bereits über den mit Sprengstoff geladenen Wildling aufgeklärt; ihre Rücken drückten dementsprechend stärksten Ärger aus, daß man ›derartiges überhaupt dulde‹. Herr Krafft führte mit Egon gerade peripatetischen Unterricht durch. Kaum erspähte er Prokop, ließ er Egon stehen und lief auf ihn zu. »Können Sie mir die Hand reichen?« fragte er und errötete über seinen eigenen Heldenmut. Von Krafft erfuhr er, wie es sich blitzschnell im Schloß herumgesprochen habe, er, Prokop, sei ein Anarchist. Und da heute abend ein Thronfolger hier eintreffen sollte, wolle man Seiner Hoheit depeschieren, die Reise zu verschieben; eben jetzt werde darüber eine große Familienberatung abgehalten.

Prokop machte auf der Stelle kehrt und ging ins Schloß. Zwei Kammerjungfern nahmen auf dem Flur vor ihm Reißaus, drückten sich schreckensbleich an die Wand und ließen den klirrenden, geladenen Attentäter wortlos vorbei.

Im großen Salon wurde eben beraten. Onkel Rohn ging sorgenvoll auf und ab, die älteren Verwandten waren außer sich über die Verworfenheit der Anarchisten, der dicke Vetter schwieg, während ein anderer Herr eifrig dafür eintrat, einfach Soldaten gegen diesen verrückten Kerl antreten zu lassen: Entweder er ergibt sich, oder er wird erschossen. In diesem Augenblick flog die Tür auf, und Prokop betrat mit großen Schritten den Salon. Er blickte in die Runde: Die Prinzessin war nicht da. Während alle andern vor Schreck erblaßten und sich in Erwartung des Schlimmsten erhoben, sagte Prokop heiser zu Rohn: »Ich bin nur gekommen, um zu sagen, daß dem Thronfolger nichts geschehen wird.« Ein kurzes Nicken, und schon entfernte er sich, mächtig ausschreitend wie die Statue des Komturs.

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