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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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34

Der dicke Vetter hatte recht: Den alten Hagen rührte vor Freude der Schlag; er lag gelähmt, von Ärzten umgeben, und bemühte sich, das linke Auge zu öffnen. Oncle Rohn und die übrige Verwandtschaft wurden eilig herbeigerufen. Der alte Fürst versuchte andauernd, das linke Augenlid zu heben, um seine Tochter zu sehen und ihr mit dem Auge etwas anzudeuten.

Sie kam barhaupt aus seinem Zimmer herausgelaufen und eilte auf Prokop zu, der die ganze Zeit über im Park auf sie gewartet hatte. Ohne sich im geringsten um Holz zu kümmern, küßte sie Prokop und hängte sich bei ihm ein. Sie erwähnte nur ganz flüchtig ihren Vater und Onkel Charles, war nachdenklich, zerstreut und zärtlich. Sie drückte seinen Arm, schmeichelte sich an ihn heran und schien gleich darauf wieder abwesend und versonnen. Er begann scherzhaft, aber auch ein wenig gereizt, auf die tatarische Dynastie anzuspielen; sie warf ihm einen flammenden Blick zu und brachte das Gespräch auf den gestrigen Nachmittag. »Bis zum letzten Augenblick dachte ich, ich würde nicht zu dir kommen. Weißt du, daß ich fast dreißig bin? Als Fünfzehnjährige verliebte ich mich ganz toll in unsern Kaplan. Ich ging zur Beichte zu ihm, um ihn aus der Nähe zu sehen. Da ich mich schämte, zu sagen, daß ich gestohlen oder gelogen hätte, beichtete ich, ich sei unkeusch. Ich wußte nicht, was das war, und der arme Mensch gab sich viel Mühe, es mir auszureden. Jetzt könnte ich nicht mehr beichten«, schloß sie leise und verzog bitter den Mund.

Ihre ständige Selbstanalyse beunruhigte Prokop; er vermutete darin eine fieberhafte Selbstquälerei. Er versuchte es mit einem andern Thema, merkte aber erschrocken, daß sie sich nur über Liebe und sonst über nichts unterhalten konnten. Sie standen auf der Bastei. Es schien der Prinzessin wohlzutun, in die Vergangenheit zurückzukehren, kleine, vertrauliche Dinge von sich zu erzählen. »Bald nach dieser Beichte kam ein Tanzlehrer zu uns, der meine Gouvernante liebte, eine dicke Frauensperson. Ich entdeckte es . . . ich habe sie gesehen. Es stieß mich ab, oh! Trotzdem schlich ich ihnen weiter nach und . . . Ich konnte es nicht begreifen. Erst beim Tanzen, als er mich einmal an sich drückte, ging mir ein Licht auf. Dann durfte er mich nicht mehr anrühren; ich schoß sogar . . . aus einem Flobertgewehr auf ihn. Man mußte beide entlassen.

Damals . . . quälten sie mich sehr mit der Mathematik, die mir gar nicht in den Kopf wollte. Ein böser Professor, ein berühmter Wissenschaftler, war mein Lehrer; ihr Gelehrten seid alle so sonderbar. Er stellte mir eine Aufgabe und sah dabei auf die Uhr; in einer Stunde mußte ich es ausgerechnet haben. Aber wenn mir dann nur noch fünf, vier, drei Minuten blieben und ich noch nicht einmal den Anfang hatte, begann mein Herz wild zu pochen, und ich wurde von einem ganz furchtbaren Gefühl erfaßt –« Sie vergrub die Finger in Prokops Arm und stöhnte auf. »Später aber freute ich mich sogar auf diese Stunden.

Mit neunzehn verlobten sie mich. Das weißt du noch gar nicht? Da ich über alles aufgeklärt war, mußte mir mein Bräutigam schwören, mich nicht zu berühren. Zwei Jahre nachher fiel er in Afrika. Ich war so untröstlich – aus Romantik oder aus einem andern Grund –, daß sie nie mehr auf eine Heirat drängten. Ich dachte, die Frage sei ein für allemal erledigt.

Ich hatte mich damals eigentlich nur dazu gezwungen und zwang mich auch zu dem Glauben, ihm etwas schuldig geblieben zu sein, wofür ich ihm auch nach dem Tode die Treue halten mußte. Am Ende glaubte ich selbst daran, ihn geliebt zu haben. Jetzt sehe ich, daß ich mir das alles nur eingeredet und nichts als eine dumme Enttäuschung empfunden habe.

Findest du es merkwürdig, daß ich dir solche Dinge von mir erzähle? Aber es ist so angenehm, unverschämt, rückhaltlos über sich selbst zu sprechen; es prickelt und kribbelt so schön dabei.

Als ich dich das erste Mal sah, fiel mir gleich die Ähnlichkeit mit jenem Mathematikprofessor auf. Ich hatte Angst vor dir, mein Lieber. Nun wird er mir wieder solche Aufgaben stellen, dachte ich voller Schrecken, und schon begann mein Herz zu pochen.

Pferde, Pferde, die berauschten mich förmlich. Ich glaubte, wenn ich Pferde hätte, brauchte ich keine Liebe. Und ich wurde eine tolle, wilde Reiterin.

Liebe erschien mir immer als etwas Gemeines und . . . erschreckend Widerwärtiges. Nun scheint sie mir nicht mehr so; das ist es eben, was mich so bedrückt und demütigt. Aber andererseits freue ich mich wieder, daß ich so bin wie jede andere. Als ich klein war, empfand ich eine Scheu vor Wasser. Ich lernte auf dem Trockenen schwimmen und mied den Teich; ich stellte mir vor, er sei voller Spinnen. Aber einmal, da kam es über mich, ich weiß nicht, war es Mut oder Verzweiflung: Ich schloß die Augen, machte ein Kreuz und sprang hinein. Du kannst dir nicht vorstellen, wie stolz ich nachher war; als ob ich eine Prüfung bestanden, alles erkannt, mich ganz verändert hätte. Als ob ich plötzlich erwachsen wäre . . .«

Am Abend kam sie ins Laboratorium, war unruhig und gequält. Als er sie umarmte, stammelte sie entsetzt: »Er hat das Auge geöffnet, er hat das Auge geöffnet, oh!« Sie meinte damit den alten Hagen. Nachmittags hatte sie eine lange Unterredung mit oncle Rohn gehabt, vermied es jedoch, darüber zu sprechen. Sie schien vor irgendwas zu fliehen und stürzte sich so begierig und ergeben in Prokops Arme, als wollte sie sich um jeden Preis bis zur Bewußtlosigkeit betäuben. Sie lag matt und reglos mit geschlossenen Augen da. Er dachte, sie schliefe, doch da begann sie flüsternd: »Lieber, Liebster, ich werde etwas Furchtbares vollbringen, aber dann, dann darfst du mich nicht mehr verlassen. Schwöre, schwöre es mir«, fuhr sie wild auf, bezwang sich jedoch gleich wieder. »Ach nein, was könntest du mir schon schwören? Ich habe es aus den Karten gelesen, daß du fortgehst. Wenn du das tun willst, dann tu es, aber tu es gleich, ehe es zu spät ist.«

Prokop sprang zornig auf, warf ihr vor, sie wolle ihn loswerden, der Tatarenstolz sei ihr zu Kopf gestiegen und dies und jenes. Da wurde auch sie zornig und schrie, er sei gemein und roh, und sie verbitte sich das . . . Aber kaum waren ihr diese Worte entschlüpft, da hing sie schon wieder bestürzt und reumütig an seinem Hals: »Ich meinte es nicht so! Die Prinzessin schreit nie; sie verzieht bloß das Gesicht, wendet sich ab, und das genügt. Wenn ich dich anschreie . . . dann ist mir, als wäre ich dein Weib. Schlag mich, ich bitte dich! Warte, ich zeige dir, wozu ich imstande wäre . . .« Sie ließ ihn los und begann unvermutet das Laboratorium aufzuräumen. Sie feuchtete sogar einen Scheuerlappen unterm Hahn an, kniete nieder und begann den Fußboden aufzuwischen. Das war offenbar als Buße gedacht; doch fand sie Gefallen daran, fegte mit dem Lappen auf dem Boden nur so hin und her und summte gar ein Lied, das sie irgendwann einmal von einem Dienstboten aufgeschnappt hatte. Er wollte ihr vom Boden aufhelfen. »Nein, warte«, wehrte sie ab, »dort ist noch ein Fleck«, und kroch mit dem Lappen unter den Tisch.

»Du, komm mal her«, ließ sie sich nach einer Weile unterm Tisch vernehmen. Etwas verlegen brummend kroch er ihr nach. Sie saß da, die Hände um die Knie geschlungen. »Guck mal, wie ein Tisch von unten aussieht! Ich hab' das noch nie gesehen. Warum ist das so?« Sie legte ihm die feuchte, kalte Hand an die Wange. »Du bist genau so grob gezimmert wie der Tisch an der Unterseite; das ist das Schönste an dir. Von den andern bekam ich immer nur die glatte, gehobelte Seite zu sehen. Du gleichst auf den ersten Blick einem rissigen Balken; wenn man mit dem Finger darüberfährt, reißt man sich einen Splitter ein. Und dabei ist er doch so schön und solid gemacht – es sieht anders aus und ernster als an der glatten Oberfläche. Das bist du.«

Sie schmiegte sich an ihn wie ein alter Kamerad. »Stell dir vor, wir wären in einem Zelt oder in einer Blockhütte«, flüsterte sie hingerissen. »Ich durfte nie mit Jungen spielen. Manchmal jedoch zog ich heimlich mit den Gärtnerbuben los und kroch mit ihnen auf Bäume und über Zäune. Dann wunderten sie sich daheim, weil meine Hose zerrissen war. Wenn ich davonschlich und den Jungen nachlief, dann schlug mein Herz so himmlisch vor Angst. Wenn ich zu dir gehe, fühle ich die gleiche himmlische Angst wie damals.

Jetzt bin ich so schön geborgen«, zirpte sie glücklich, den Kopf an seine Knie gelehnt. »Hier kann nichts an mich heran. Hier bin auch ich rauh wie dieser Tisch, ein gewöhnliches Frauenzimmer, das an nichts denkt und sich einwiegen läßt. Warum fühlt man sich so wohl im Versteck? Jetzt weiß ich, was Glück ist: Man muß die Augen schließen und sich ganz klein machen, winzig klein, damit einen niemand entdeckt . . .«

Er wiegte sie sanft und strich ihr zärtlich über das wirre Haar, aber seine Augen starrten über ihren Kopf hinweg ins Leere.

Sie wandte ihm heftig das Gesicht zu: »Woran dachtest du jetzt?«

Er wich scheu ihrem Blick aus. Er konnte ihr doch nicht sagen, daß er die tatarische Prinzessin in all ihrer Herrlichkeit vor sich sah, dieses herrschsüchtige, hochmütige Geschöpf, das er jetzt . . . das er in Qual und Sehnsucht . . .

»Nichts, nichts«, antwortete er und sah in das demütige, glückselige Gesicht, dessen dunkle Wangen vor Leidenschaft flammten.

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