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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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33

Als er nach dem Abendessen kam, wieder ungläubig und auf der Lauer, fand er sie so schön, daß er sie kaum wiedererkannte. Sie fühlte seinen erstaunten, eifersüchtigen Blick, der sie umfing. Sie strahlte geradezu und gab sich seinen Blicken so rückhaltlos preis, daß er erschrak. Ein neuer Gast war anwesend, d'Hémon mit Namen, wohl ein Diplomat, ein Mann von mongolischem Typus mit blauen Lippen und einem kurzgeschnittenen Bartkranz ringsum. Er schien in der physikalischen Chemie trefflich bewandert und warf nur so mit bekannten Namen, wie Becquerel, Planck, Niels Bohr, Millikan und andern, um sich. Er kannte auch Prokop aus der Literatur und bekundete großes Interesse für seine Arbeit. Prokop ließ sich hinreißen, wurde gesprächig und vergaß ganz, die Prinzessin anzusehen. Dafür bekam er unterm Tisch einen solchen Stoß gegen das Schienbein, daß er ihn ihr am liebsten heimgezahlt hätte. Daraufhin traf ihn ein flammender Blick der Eifersucht. Gerade da mußte er eine dumme Frage des Prinzen Suwalski beantworten, der wissen wollte, was denn eigentlich diese Energie sei, von der hier so viel gesprochen würde. Prokop nahm die Zuckerdose, sah dabei die Prinzessin so wütend an, als wollte er sie ihr an den Kopf werfen, und erklärte, daß alle darin enthaltene Energie, plötzlich entwickelt und ausgelöst, genügen würde, den Montblanc samt Chamonix in die Luft zu sprengen; aber so ein Versuch gelinge eben nicht.

»Sie könnten es«, erklärte d'Hémon bestimmt und ernst.

Die Prinzessin beugte sich weit vor: »Was haben Sie gesagt?«

»Ich sagte, er wäre imstande dazu«, wiederholte d'Hémon mit unerschütterlicher Sicherheit.

»Siehst du«, sagte die Prinzessin ganz laut und lehnte sich triumphierend zurück. Prokop errötete und wagte nicht, sie anzusehen.

»Und wenn er es zuwege bringt«, fragte sie begierig, »dann wird er wohl sehr berühmt? So wie Darwin?«

»Wenn er das zuwege bringt«, meinte Herr d'Hémon, ohne zu zögern, »werden Könige sich geehrt fühlen, einmal den Zipfel seines Bahrtuches zu halten. Wenn es bis dahin noch Könige gibt.«

»Unsinn«, brummte Prokop, doch die Prinzessin war überglücklich. Um nichts in der Welt hätte er sie jetzt angesehen; er murmelte etwas, über und über rot im Gesicht, und zerbröckelte vor Verlegenheit einen Zuckerwürfel zwischen den Fingern. Endlich wagte er, die Augen zu heben. Sie sah ihn mit einem Blick voll leidenschaftlicher Liebe an. »Hast du . . .?« fragte sie halblaut über den Tisch hinweg. Er verstand nur zu gut dieses: Hast du mich lieb? – aber er tat, als hörte er es nicht, und blickte hartnäckig auf das Tischtuch nieder. Sie ist verrückt geworden, oder will sie absichtlich – »Hast du . . .?« klang es etwas lauter und drängender über den Tisch herüber. Er nickte rasch und sah sie voller Freude an. Zum Glück hatte es in der allgemeinen Unterhaltung niemand gehört; nur Monsieur d'Hémons Gesicht nahm einen diskreten und abwesenden Ausdruck an.

Das Gespräch drehte sich um dies und jenes, da begann d'Hémon, offenbar ein Mann, der sich in allem und jeglichem auskannte, Herrn von Graun seinen Stammbaum bis ins dreizehnte Jahrhundert zu entwickeln. Die Prinzessin, die sich ins Gespräch mengte, war Feuer und Flamme für dieses Thema. Daraufhin begann der neue Gast, ihre Vorfahren aufzuzählen, als ob er sie von einer Liste abläse. »Genug«, rief die Prinzessin, als er beim Jahre 1007 angelangt war, da der erste Hagen ein Baronat in Estland begründet, nachdem er dort jemanden umgebracht hatte; weiter waren die Genealogen freilich nicht gekommen. Aber Herr d'Hémon fuhr fort: »Dieser Hagen, auch Agn der Einarmige genannt, war nachweisbar ein Tatarenfürst, der bei einem Einfall in das Gebiet von Kamsko gefangengenommen wurde. Die persische Geschichte kennt einen Khan Agan, einen Sohn des Giw-Khan, des Königs der Turkmenen, Uzbeken, Sarten und Kirgisen, der seinerseits wieder ein Sohn des Weiwusch war, eines Sohnes Litaj-Khans des Eroberers. Dieser ›Kaiser‹ Li-Taj ist in chinesischen Quellen nachzuweisen als Herrscher des Turkmenenlandes, der Dschungarei, des Altai-Gebietes und Westtibets bis Kaschgarien; er ließ fünfzigtausend Menschen verbrennen, töten, darunter einen chinesischen Herrscher, dem er ein nasses Seil um den Kopf winden und so lange zuziehen ließ, bis dieser platzte. Von weiteren Ahnen Li-Tajs wird man erst erfahren, sobald die Archive in Lhassa zugänglich sind. Sein Sohn Weiwusch, eine selbst für, mongolische Begriffe reichlich wilde Erscheinung, wurde in Kara Butak mit Zeltstangen erschlagen. Dessen Sohn Giw-Khan plünderte Chiwa, verheerte das Land bis Itil oder Astrachan, wo er unvergessen blieb, nachdem er zweitausend Menschen die Augen ausstechen, sie an ein Seil fesseln und in die Kubanische Steppe hinaustreiben ließ. Agan-Khan trat in seine Fußstapfen, gelangte bis Bolgar, das heutige Simbirsk, wo er gefangengenommen und ihm die rechte Hand abgehackt wurde; er blieb dort so lange als Geisel, bis es ihm gelang, ins Baltenland zu den tschudischen Liven zu entkommen, wo er von dem deutschen Bischof Gotilla oder Gutilla getauft wurde. Er erstach, wahrscheinlich in religiösem Eifer, auf dem Friedhof in Werra den Erben der Herrschaft von Petschory, worauf er dessen Schwester zur Frau nahm. Durch nachgewiesene Bigamie vergrößerte er später sein Land bis zum Peipus-See. In Nikiphorows Chronik wird er ›knjaz Agen‹, Fürst Agen, genannt, während ihn die Oeseler-Chronik ›rex Aagen‹ tituliert. Seine Nachfahren«, schloß Herr d'Hémon leise, »wurden vertrieben, aber niemals entthront«, worauf er aufstand, sich tief verneigte und stehenblieb.

Es war eine vollkommene Sensation. Die Prinzessin hatte jedes einzelne Wort begierig aufgenommen, als ob diese Ahnenreihe der tatarischen Halsabschneider die großartigste Offenbarung der Welt wäre. Prokop hatte sie die ganze Zeit über mit wachsendem Staunen beobachtet. Bei Erwähnung der zweitausend Paare ausgestochener Augen hatte sie mit keiner Wimper gezuckt. Unwillkürlich suchte er jetzt in ihrem Gesicht nach tatarischen Zügen. Sie war wunderschön, wie über sich hinaus gewachsen und herrisch in sich verschlossen. Es entstand plötzlich ein merklicher Abstand zwischen ihr und den andern, die steif wie bei einem Hofdiner dasaßen, die Augen auf sie gerichtet, und sich kaum zu rühren wagten. Prokop verspürte große Lust, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, etwas Grobes zu sagen und wieder Leben in diese frostige, ratlose Gesellschaft zu bringen. Die Prinzessin hielt die Augen gesenkt, als ob sie auf etwas warte; ihre glatte Stirn begann sich vor Ungeduld zu kräuseln: Nun, wird es bald? Die Herren sahen einander fragend an, blickten auf die hochaufgerichtete Gestalt des Herrn d'Hémon und erhoben sich einer nach dem andern. Auch Prokop stand auf, ohne zu begreifen, was hier vorging. Was, zum Teufel, sollte das alles bedeuten? Die Herren hielten sich kerzengerade, die Hände an der Hosennaht, und blickten auf die Prinzessin. Erst jetzt sah die Prinzessin auf und nickte wie jemand, der für eine Huldigung dankt oder die Erlaubnis zum Niedersetzen erteilt. Und wirklich nahmen alle wieder Platz. Nun, da er wieder saß, begriff Prokop erst die ganze Szene: Es war eine Huldigung für die Herrscherin. Der in ihm aufsteigende Zorn trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Und diese Komödie hatte er mitgespielt! Brach denn niemand in schallendes Gelächter über diesen gelungenen Scherz aus, war es denkbar, daß auch nur einer diese lächerliche Posse ernst nahm?

Prokop war bereit, mit den andern loszulachen, doch da erhob sich die Prinzessin. Alle standen auf, auch Prokop, fest überzeugt, der ganze Spaß habe nun ein Ende. Sie blickte um sich, und ihre Augen blieben an dem dicken Vetter haften; der tat zwei, drei Schritte auf sie zu, die Hände herabhängend, ein wenig vorgeneigt, furchtbar lächerlich. Also war es doch nur ein Scherz? Die Prinzessin plauderte eine kurze Weile mit ihm und nickte huldvoll; der dicke Vetter verbeugte sich und trat zurück. Nun blickte sie auf Suwalski; der Prinz näherte sich ihr, stand Rede, sagte etwas höflich Witziges; die Prinzessin lachte und nickte. Also war es doch ernst? Nun blickte sie flüchtig auf Prokop; aber der rührte sich nicht. Die Herren stellten sich auf die Fußspitzen und warteten gespannt. Die Prinzessin gab ihm ein Zeichen mit den Augen; er blieb stehen. Sie ging auf einen alten, einarmigen Artilleristen zu, dessen Brust über und über mit Auszeichnungen behängt war. Der Major straffte sich, daß es nur so klirrte, doch nach einer kleinen Halbwendung stand die Prinzessin plötzlich dicht vor Prokop.

»Lieber, Lieber«, sagte sie mit leiser, klarer Stimme. »Zürnst du mir schon wieder? Ich möchte dich küssen.«

»Prinzessin«, zischte Prokop wütend, »was bedeutet diese Komödie?«

»Nicht so laut! Das ist ernster, als du dir vorstellen kannst. Sie werden mich verheiraten wollen.« Sie schüttelte sich vor Grauen. »Lieber, verschwinde jetzt von hier. Geh vom Flur aus ins dritte Zimmer und erwarte mich dort. Ich muß dich sehen.«

»Hören Sie mich an . . .« Prokop wollte noch etwas sagen, aber sie nickte bloß und wandte sich wieder an den alten Major.

Prokop traute seinen Augen nicht. War das nicht alles ein abgekartetes Spiel, oder nahmen diese Leute wirklich ihre Rollen ernst? Der dicke Vetter faßte ihn unter und zog ihn diskret beiseite. »Wissen Sie, was das bedeutet?« flüsterte er erregt. »Den alten Hagen rührt der Schlag, wenn er das erfährt. Ein Herrschergeschlecht! Haben Sie jüngst den Thronerben hier gesehen? Es sollte schon Hochzeit gefeiert werden, aber dann überlegte sie sich's wieder. Der Mensch dort ist sicherlich damit beauftragt – Das nenne ich einen Stammbaum!«

Prokop machte sich los. »Sie verzeihen«, murmelte er, schlich so ungeschickt wie nur möglich auf den Flur hinaus und klinkte die Tür zum dritten Zimmer auf. Es war ein winziger Teesalon mit verhängten Lampen, nichts als Lack, rotes Porzellan, japanische Zeichnungen an den Wänden und ähnliche Spielereien. Prokop lief, die Hände auf dem Rücken verschränkt, in dem Miniaturzimmerchen auf und ab; er glich einer summenden Fliege, die jeden Augenblick mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe stößt. Verdammt, nun war alles wieder anders, und bloß wegen ein paar lausiger tatarischer Henker, deren sich ein anständiger Mensch nur schämen könnte . . . Eine feine Abstammung! Und wegen ein paar solcher Hunnen fallen diese Idioten auf den Bauch, und sie, und sie – Prokop hielt im Gehen inne. Jetzt wird sie eintreten . . . die tatarische Fürstin, und wird sagen: Lieber, Lieber, nun ist es aus zwischen uns, du wirst dir schon gedacht haben, daß die Urenkelin Litaj-Khans nicht einen Schusterssohn lieben kann. Tack, tack, er hörte in der Erinnerung Vaters Hammer, roch förmlich den herben Gerbgeruch des Leders, das aufdringliche Schusterpech und sah die Mutter, rot im Gesicht, an der heißen Herdplatte stehen –

Die Fliege begann wieder wie wild zu summen. Die Fürstin! Wie konnte er auch nur daran denken! Wenn sie jetzt kommt, wird er auf die Knie fallen, mit der Stirn die Erde berühren und sagen: Habt Erbarmen, Fürstin von Tatarien, ich werde Euch nie mehr wieder vor die Augen treten.

*

Den Teesalon erfüllte ein feiner Duft von Quittenäpfeln, die Lampen leuchteten matt und weich.

Die Prinzessin glitt leise zur Tür herein, griff nach dem Schalter und drehte das Licht ab. Im Finstern spürte Prokop eine Hand, die sanft sein Gesicht berührte. Er schloß die Prinzessin in die Arme; sie war so schmal und fast unkörperlich, daß er dieses Gebrechliche, Hauchzarte nicht an sich zu drücken wagte. Sie küßte ihn, fast ohne ihn zu berühren, und stammelte Unverständliches. Ein Zittern durchlief den schmalen Körper, eine Hand schmiegte sich eng an seinen Nacken, feuchte Lippen bewegten sich auf seinem Mund, als ob sie lautlos und eindringlich etwas flüsterten. Nun zog sie seinen Kopf an sich, schlang ihre Arme um seinen Nacken, drängte sich an ihn, preßte ihren Mund auf den seinen; eine furchtbare, schmerzhafte, stumme Umklammerung, das Stöhnen eines Menschen, der am Ersticken ist. Nicht locker lassen! Eins werden oder sterben! Sie schluchzte auf und hing fast ohnmächtig an ihm. Prokop lockerte den Griff seiner Hände, sie machte sich los, taumelte wie betäubt, nahm ein Taschentuch aus dem Kleidausschnitt, betupfte sich die blutenden Lippen und glitt wortlos wieder hinaus in das beleuchtete Nebenzimmer.

Prokop blieb im Dunkel sitzen. Diese letzte Umarmung schien ihm wie ein Abschied.

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