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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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31

Das war das Ende: sicher und zweifellos das Ende. Prokop verbiß sich darein mit einer fast bulldoggartigen Hartnäckigkeit. Gut, es war vorbei. Nun brauchte er nichts mehr zu befürchten. Sie war mit Absicht nicht gekommen; das genügte; nun war es zu Ende. Er saß im Lehnstuhl, unfähig, aufzustehen, und weidete sich immer wieder an seiner Demütigung. Ein entlassener Lakai! Schamlos, hochmütig, gefühllos. Wahrscheinlich gibt sie ihn ihren Kavalieren zum besten. Ausgespielt; um so besser!

Bei jedem Schritt auf dem Flur draußen hob Prokop den Kopf in uneingestandener, fieberhafter Erwartung: Vielleicht bringt man einen Brief – nein, nichts. Sie hielt es nicht einmal für nötig, sich zu entschuldigen. Das war das Ende.

Herr Paul kam zehnmal mit der besorgten Frage in den farblosen Augen herbeigeschlurft: Befiehlt der Herr etwas? Nein, Paul, gar nichts. »Einen Augenblick, haben Sie nicht einen Brief für mich?« Herr Paul schüttelte den Kopf. »Gut, Sie können gehen.«

Diese Leere, das war das Ende. Selbst wenn sich jetzt die Türe öffnete und sie auf der Schwelle stünde, würde er sagen: Zu Ende. »Lieber, Lieber«, hörte Prokop sie flüstern, und da bricht all seine Verzweiflung aus ihm: »Warum haben Sie mich so gedemütigt? Wenn Sie eine Zofe wären, würde ich Ihnen Ihren Hochmut vergeben; aber einer Prinzessin vergibt man nicht. Hören Sie? Es ist aus, zu Ende!«

Herr Paul stieß die Tür auf: »Haben der Herr etwas befohlen?«

Prokop stutzte; er hatte die letzten Worte wirklich herausgeschrien. »Nein, Paul. Haben Sie nicht einen Brief für mich?«

Herr Paul schüttelte den Kopf.

Der Tag verdichtete sich wie ein häßliches Spinngewebe; es war Nacht. Auf dem Flur draußen hörte man Flüstern; gleich darauf kam Herr Paul in froher Eile angeschlurft. »Ein Brief, bitte, ein Brief«, rief er erregt, »soll ich Licht machen?«

»Nein.« Prokop preßte den dünnen Umschlag zwischen den Fingern und verspürte den bekannten durchdringenden Duft; es schien, als wollte er durch Riechen feststellen, was in dem Brief stand. Warum schrieb sie erst jetzt? Weil sie wieder befehlen will: Sie dürfen heute nicht zu uns kommen. Gut, Prinzessin, wie Sie wünschen; wenn es aus sein soll, dann bitte! Prokop sprang auf, suchte im Dunkeln einen leeren Umschlag, gab ihren Brief hinein und klebte den Rand zu. »Paul, Paul! Bringen Sie das sofort Ihrer Hoheit!«

Kaum war Paul draußen, wollte er ihn wieder zurückrufen; aber es war zu spät. Was er soeben getan hatte, bedeutete unweigerlich das Ende von allem, mußte sich Prokop verzweifelt eingestehen. Da warf er sich aufs Bett und erstickte im Kissen, was sich unbeherrschbar seinem Mund entrang.

Herr Krafft kam, wahrscheinlich von Paul alarmiert, und bemühte sich, den heillos zerrissenen Menschen zu trösten oder abzulenken. Prokop ließ Whisky bringen, trank und versuchte krampfhaft, sich aufzuheitern. Krafft saugte an seinem Sodawasser und nickte zu allem, obgleich es um Dinge ging, die sich mit seinem rotschöpfigen Idealismus ganz und gar nicht vertrugen. Prokop fluchte, lästerte, wälzte sich förmlich in den gemeinsten und niedrigsten Ausdrücken, als ob es ihm wohltue, alles zu beschmutzen, zu bespeien und zu entehren. Er schleuderte ganze Blöcke von Flüchen und Schändlichkeiten aus sich heraus, drehte das Innere der Frauen um und um und beschimpfte sie auf die unflätigste Weise. Herr Krafft, der entsetzt zuhörte, nickte dem wütenden Genie bloß schweigend zu. Aber auch Prokops Heftigkeit erschöpfte sich; er verstummte, blickte nur noch finster und trank, bis er genug hatte. Dann legte er sich angezogen aufs Bett, schwankte wie ein schwer beladenes Schiff von einer Seite auf die andere und starrte in die wirbelnde Finsternis.

Am Morgen stand er auf und fühlte sich angeekelt und wie aus allen Fugen. Er übersiedelte ins Laboratorium, arbeitete jedoch nichts, sondern schlenderte nur planlos herum oder kickte einen Badeschwamm vor sich her. Da kam ihm ein Einfall. Sogleich machte er sich an die Arbeit, mischte einen gefährlichen labilen Sprengstoff und schickte ihn der Direktion in der Hoffnung, es werde eine kleinere Katastrophe daraus entstehen. Aber nichts dergleichen geschah. Da warf sich Prokop auf den Strohsack, und schlief sechsunddreißig Stunden hindurch.

Er erwachte wie neugeboren: eisig, ernüchtert, hart. Was sich vorher ereignet hatte, war ihm nun gänzlich gleichgültig. Er begann wieder verbissen und methodisch an der explosiven Atomspaltung zu arbeiten. Theoretisch gelangte er zu so haarsträubenden Brisanzziffern, daß er nicht genug über die Kräfte zu staunen vermochte, zwischen denen wir Menschen leben.

Inmitten dieser Berechnungen überkam ihn einmal eine flüchtige Unruhe. Er fühlte sich müde und ging ohne Hut an die Luft. Fast unbewußt schlug er die Richtung zum Schloß ein, lief mechanisch die Treppe hinauf und eilte durch den Flur zu seinem ehemaligen ›Kavalierzimmer‹. Paul saß nicht auf seinem Stuhl wie gewohnt. Prokop trat ein. Alles war noch, wie er es verlassen hatte, doch in der Luft schwebte der vertraute, starke Duft der Prinzessin. Unsinn, sagte sich Prokop, nichts als Einbildung! Er hatte einfach zu lange die scharfen Gerüche des Laboratoriums eingesogen. Und doch erregte es ihn qualvoll.

Er setzte sich für eine Weile und staunte: Wie fern das alles war! Im Schloß herrschte Ruhe, die Ruhe des Nachmittags. Hatte sich hier etwas verändert? Er vernahm gedämpfte Schritte auf dem Flur, vielleicht war es Paul; er ging nachsehen. Es war die Prinzessin.

Überraschung und etwas wie Entsetzen warfen sie gegen die Wand; sie stand da, totenblaß, die Augen geweitet, den Mund schmerzlich verzogen. Was suchte sie im Gästeflügel? Vielleicht wollte sie zu Suwalski, fiel es Prokop plötzlich ein. Er tat einen Schritt, als ob er auf sie zu wollte, aber dann stöhnte er nur auf und rannte hinaus. Waren es Arme, die sich nach ihm ausstreckten? Er wagte nicht, sich umzusehen. Nur fort, fort von hier!

Erst weit hinterm Schloß, auf dem brachen Boden der Schießstätte, stürzte Prokop nieder, mit dem Gesicht zur sandigen Erde. Noch schlimmer als der Schmerz der Erniedrigung war der quälende Haß.

Zehn Schritte abseits saß ernst und gesammelt Herr Holz.

Die darauffolgende Nacht war dumpf und drückend und ungewöhnlich finster; ein Gewitter war im Anzug. In solchen Nächten sind die Menschen merkwürdig gereizt und sollen nicht über ihr Schicksal entscheiden, denn es ist eine schlimme Zeit.

Gegen elf Uhr kam Prokop zur Türe des Laboratoriums herausgeschossen, betäubte Herrn Holz mit einem Stuhl, so daß er ihm entwischen und im nächtlichen Dunkel verschwinden konnte. Bald darauf fielen zwei Schüsse beim Werksbahnhof. Unten am Horizont blitzte es; dann war es um so finsterer. Vom hohen Damm beim Eingang flammte eine Garbe grellen Lichtes auf und glitt über den Bahnhof hinweg; sie beleuchtete Waggons, die Verladerampen, Kohlenberge, und nun erfaßte sie eine schwarze Gestalt, die im Zickzack rannte, niederstürzte und wieder im Schatten verschwand. Nun lief sie zwischen den Baracken zum Park hin; einige Gestalten verfolgten sie. Der Scheinwerfer drehte sich zum Schloß hin; wieder zwei Warnungsschüsse, die laufende Gestalt verschwand im Gebüsch.

Kurz darauf klirrte ein Fenster im Schlafzimmer der Prinzessin; sie sprang auf und öffnete; da flog ein zerknülltes Stück Papier, mit einem kleinen Stein beschwert, herein. Auf der einen Seite war mit einem abgebrochenen Bleistift etwas ganz Unleserliches hingekritzelt; auf der andern standen eng und klein geschriebene Berechnungen. Die Prinzessin warf ein Kleid über, doch da fiel schon ein Schuß jenseits des Teiches; dem Klange nach wurde scharf geschossen. Die Prinzessin sah durchs Fenster, wie zwei Soldaten eine dunkle Gestalt zerrten, die sich mit Händen und Füßen wehrte und sie abzuschütteln versuchte. Er war also nicht verwundet.

Über den Himmel fuhren die breiten, gelben Flammenbänder der Blitze; doch der erlösende Gewitterregen ging noch nicht nieder.

*

Ernüchtert stürzte sich Prokop kopfüber in die Laboratoriumsarbeit oder zwang sich zumindest dazu. Vor einer Weile war Carson dagewesen und hatte abweisend kühl und deutlich genug erklärt, man werde Herrn Prokop wahrscheinlich so bald wie möglich an einen sichereren Ort bringen; wenn es nicht im guten ginge, dann müsse man eben andere Mittel anwenden. Es war ja alles so gleichgültig! Das Reagenzglas zerbrach ihm zwischen den Fingern.

Im Vorraum saß Herr Holz mit verbundenem Kopf. Prokop hatte ihm einige Tausender als Schmerzensgeld zustecken wollen, aber er hatte abgelehnt. Ach was, soll er tun, was er will! Man will ihn also anderswohin bringen – auch gut. Verdammte Prüfgläser! Eines nach dem andern zerbricht!

Im Vorraum war ein Geräusch, wie wenn jemand plötzlich unsanft erwachte. Wieder ein Besuch, wahrscheinlich Krafft. Prokop, über die Flamme gebeugt, wandte sich erst um, als die Tür knarrte. »Lieber, Lieber«, flüsterte es. Prokop wankte, hielt sich am Tisch fest und vollführte eine Wendung wie im Traum. Am Türstock lehnte die Prinzessin, blaß, mit dunkel starrenden Augen, die Hände gegen die Brust gepreßt, als wollte sie den Schlag ihres Herzens dämpfen.

Er ging auf sie zu, am ganzen Körper zitternd, und berührte ihr Gesicht, ihre Schultern, um sich zu vergewissern, daß sie es war. Sie verschloß ihm mit kalten, bebenden Fingern den Mund. Da riß er die Tür auf und blickte in den Vorraum. Herr Holz war verschwunden.

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