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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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29

Herr Carson lief vor zur Explosionsstelle. Die Prinzessin war – anscheinend absichtlich – zurückgeblieben. Prokop dachte, sie wolle ihm noch etwas sagen, aber sie wies nur mit dem Finger auf seine Wange; Vorsicht, hier – Prokop griff sich rasch an die Backe, fand die blutende Spur ihres Bisses, hob etwas Erde auf und verrieb sie im Gesicht, als hätte ihn bei der Explosion ein Erdbrocken verletzt.

Der Explosionsstollen war in einen Krater mit einem Durchmesser von etwa fünf Metern verwandelt. Es war schwer, die Brisanz zu bestimmen. Herr Carson schätzte die Leistung auf das Fünffache von Oxyliquid. Ein patenter Sprengstoff, meinte er, aber für praktische Zwecke zu stark. Herr Carson bestritt überhaupt spielend die ganze Unterhaltung, indem er über die bedenklichen Risse in der Konversation hinwegglitt. Als er sich dann auf dem Heimweg mit auffallendem Eifer empfahl, weil er noch dies und jenes zu tun habe, fühlte sich Prokop schwer bedrückt: Wovon sollte er jetzt reden? Weiß der Himmel, warum er glaubte, er dürfe jene seltsame, dunkle Begebenheit, als die Explosion erfolgte und ›die Feuermacht den Himmel spaltete‹, mit keinem Wort erwähnen. Er hatte das bittere, unangenehme Gefühl, die Prinzessin würde ihn wie einen Lakaien eisig abweisen, mit dem sie – mit dem sie – er preßte die Fäuste vor Ekel zusammen und redete etwas ganz Nebensächliches über Pferde; die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und die Prinzessin beschleunigte offensichtlich ihre Schritte, um so bald wie möglich im Schloß zu sein. Prokop hinkte stark, ließ es sich jedoch nicht anmerken. Im Park wollte er sich verabschieden, die Prinzessin bog jedoch in einen Seitenweg ein. Er folgte ihr zögernd. Da lehnte sie sich mit der Schulter an ihn, bog den Kopf zurück und bot ihm die Lippen dar.

Toi, der chinesische Pinscher der Prinzessin, witterte seine Herrin schon von weitem, bellte vor Freude und sprang über Beete und Büsche auf sie zu. Da war er! Aber was bedeutete das? Der Pinscher blieb stehen. Der Große, Unfreundliche drückte sie an sich, sie schienen ineinander verbissen, taumelten in stummem, wütendem Zweikampf. Oh, die Herrin war besiegt, ihre Hände hingen herab, sie lag stöhnend in den Armen des Großen; jetzt wird er sie erwürgen. »Hilfe! Hilfe«, begann Toi in seiner chinesischen Hundesprache zu bellen.

Die Prinzessin löste sich aus Prokops Armen. »Selbst der Hund, selbst der Hund!« flüsterte sie und lachte nervös auf. »Gehen wir!« Prokop war wie betäubt und kaum imstande, einige Schritte zu tun. Die Prinzessin faßte ihn unter (ein Wahnsinn! Wenn sie jemand –), zwang ihn ein Stück mit sich, aber bald versagten auch ihr die Beine. Da flog sie plötzlich, heiser aufschluchzend, Prokop an den Hals, daß sie ihn fast ins Wanken brachte, und suchte seinen Mund. Prokops Arme umfingen sie; eine lange, atemlose Umarmung, der wie ein Bogen gespannte Körper erschlaffte, sanft und willenlos sank sie an Prokops Brust, lag da mit geschlossenen Augen, süße, törichte Worte stammelnd. O Gott, welch ein Lächeln, welch ein bebendes, liebliches Wunder von Lächeln auf ihren Lippen!

Sie öffnete die Augen, sah ihn starr an und entwand sich heftig seiner Umarmung. Sie waren zwei Schritte von der Hauptallee entfernt. Sie fuhr sich mit den Händen über das Gesicht wie ein aus dem Traum Erwachender; unsicher trat sie einen Schritt zurück und lehnte die Stirn gegen einen Eichenstamm. Kaum hatte Prokop sie losgelassen, war sein Herz erfüllt von häßlichen, demütigenden Zweifeln. Ich bin nichts als ein Diener für sie, an dem sie sich in einem unzurechnungsfähigen Augenblick entflammt, wenn sie die Einsamkeit nicht mehr zu ertragen vermeint; nun stößt sie mich von sich, um ein andermal wieder . . . Er trat auf sie zu und legte ihr schwer die Hand auf die Schulter. Sie wandte sich sanft mit einem scheuen, fast ängstlichen Lächeln um. »Nein, nein«, flüsterte sie, die Hände ringend, »bitte, nicht –«

Ein Übermaß von Zärtlichkeit erfüllte plötzlich Prokops Herz. »Wann . . . wann sehe ich Sie wieder?«

»Morgen, morgen«, flüsterte sie ängstlich und tat ein paar Schritte in der Richtung zum Schloß. »Wir müssen gehen. Hier ist es nicht –«

»Wo morgen?« drängte Prokop.

»Morgen«, wiederholte sie nervös, zog fröstelnd die Schultern ein und eilte wortlos weiter. Vor dem Schloß reichte sie ihm die Hand: »Leben Sie wohl.«

Ihre Finger begegneten einander zärtlich; er wollte sie abermals an sich ziehen. »Jetzt nicht, jetzt darfst du nicht«, flüsterte sie und traf ihn mit einem flammenden Blick.

Sonst hatte die Versuchsexplosion mit Vicit keinen größeren Schaden angerichtet. Einige Schornsteine auf den umliegenden Baracken waren umgeworfen und mehrere Fensterscheiben durch den Luftdruck eingedrückt worden. Auch die großen Spiegelscheiben im Zimmer des Fürsten waren gesprungen; der lahme Herr hatte sich mühsam aufgerichtet und hatte dagestanden wie ein Soldat in Erwartung einer hereinbrechenden Katastrophe.

*

Die Gesellschaft im Schloß war nach dem Abendessen gerade beim schwarzen Kaffee, als Prokop eintrat, die Prinzessin mit den Augen suchend; er hatte die peinigenden Zweifel nicht mehr ertragen können. Die Prinzessin wurde blaß. Aber der joviale Onkel Rohn nahm sich sofort Prokops an und beglückwünschte ihn zu dem prächtigen Erfolg. Selbst der aufgeblasene Suwalski erkundigte sich interessiert, ob es denn wahr sei, daß der Herr alles in Sprengstoff verwandeln könne. »Nehmen wir zum Beispiel Zucker«, wiederholte er mehrmals und staunte, als Prokop etwas unwirsch erklärte, daß man während des Großen Krieges mit Zucker geschossen habe. Eine Zeitlang stand Prokop überhaupt im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses; aber er antwortete nur einsilbig, wehrte alle Fragen ab und begriff um nichts in der Welt die aufmunternden Blicke der Prinzessin; er starrte sie nur immerfort mit blutunterlaufenen Augen an. Die Prinzessin saß wie auf Nadeln.

Die Unterhaltung nahm eine andere Wendung, und Prokop schien es, daß ihn nun niemand mehr beachtete. Die Menschen hier verstanden sich ausgezeichnet, sprachen mühelos, in Andeutungen und mit ungewöhnlicher Anteilnahme von Dingen, die er überhaupt nicht verstand oder über die er rein nichts zu sagen wußte. Selbst die Prinzessin lebte auf. Da war der Beweis: Sie verstand sich tausendmal besser mit diesen Laffen als mit ihm. Er blickte finster, wußte nicht, was mit den Händen beginnen, und fühlte eine ohnmächtige Wut in sich aufsteigen; da stellte er die Kaffeetasse so heftig nieder, daß sie zerbrach.

Die Prinzessin blickte ihn erschrocken an. Aber der charmante Onkel Charles rettete die Situation, indem er von einem Schiffskapitän zu erzählen begann, der eine Bierflasche zwischen den Fingern zerdrücken konnte. Der dicke Vetter behauptete, dazu wäre er auch imstande. Da ließ man leere Bierflaschen kommen, und einer nach dem andern versuchte unter großem Hallo sein Glück. Es waren schwere Flaschen aus schwarzem Glas; nicht eine zersprang.

»Nun sind Sie an der Reihe«, gebot die Prinzessin mit einem raschen Blick auf Prokop.

»Das bringe ich nicht fertig«, brummte Prokop, doch die Prinzessin zuckte so herrisch mit den Brauen – Prokop stand auf und packte die Flasche am Hals. Er blieb reglos, wand sich nicht wie die andern vor Anstrengung hin und her, die Muskeln im Gesicht waren zum Zerreißen gespannt; er sah aus wie ein Urmensch, der im Begriff ist, jemanden mit seiner kurzen Keule zu erschlagen. Den Mund vor Anspannung verzerrt, das Gesicht wie durchschnitten von den derben Muskeln, mit schräg herabhängender Schulter, als wollte er die Flasche wie ein Gorilla zum Angriff schwingen, so stand er und richtete die blutunterlaufenen Augen auf die Prinzessin. Die Prinzessin erhob sich, Prokop wie fasziniert anstarrend. Die Lippen gaben die aufeinandergepreßten Zähne frei, im olivenfarbenen Gesicht traten die Muskelstränge hervor. Ihre Brauen zogen sich schmerzhaft zusammen, ihr Atem ging keuchend wie bei einer schweren körperlichen Anstrengung. So standen sie sich, die Blicke ineinander verbohrt, mit verzerrtem Gesicht gegenüber wie zwei wutentbrannte Ringkämpfer. Ein krampfhaftes Zittern durchlief beider Körper gleichzeitig vom Scheitel bis zur Sohle. Alles hielt den Atem an; man hörte nur noch das schwere Röcheln der beiden. Da knirschte etwas, Glas splitterte und der Unterteil der Flasche klirrte in Scherben zu Boden.

Als erster faßte sich oncle Charles; er machte verwirrt einige Schritte hin und her und stürzte dann auf die Prinzessin zu. »Minni, aber Minni«, flüsterte er und ließ sie, die atemlos und fast am Umsinken war, in den Sessel gleiten. Er kniete vor ihr nieder und öffnete ihr mit aller Kraft die verzweifelt geballten Fäuste; die Handflächen waren blutig, sie hatte sich die Nägel ins Fleisch gebohrt. »Nehmen Sie ihm die Flasche aus der Hand«, befahl le bon prince und lockerte der Prinzessin einen Finger nach dem andern.

»Bravo!« rief jetzt Prinz Suwalski und begann laut Beifall zu klatschen. Da packte von Graun Prokops Rechte, die immer noch die knirschenden Scherben preßte, und brach ihm förmlich die verkrampften Finger auf. »Wasser«, rief er; der dicke Vetter, der verwirrt etwas suchte, nahm eine Tischdecke, begoß sie mit Wasser und warf sie Prokop über den Kopf.

»Ahahah!« stöhnte Prokop erleichtert auf. Der Krampf ließ nach, doch im Kopf sauste immer noch der schlagflußartige Blutandrang; die Beine zitterten ihm derart vor Schwäche, daß er in den Sessel sank.

Oncle Charles massierte kniend die verkrümmten, schwitzenden, zitternden Finger der Prinzessin. »Das sind gefährliche Spiele«, brummte er, während die völlig erschöpfte Prinzessin schwer nach Atem rang; aber auf ihre Lippen trat ein verzücktes, sieghaftes Lächeln.

»Sie haben ihm geholfen«, rief der dicke Vetter, »das ist es.«

Die Prinzessin erhob sich, kaum einer Bewegung fähig. »Die Herren werden mich entschuldigen«, sagte sie matt und blickte Prokop mit so strahlenden Augen an, daß er erschrak, jemand könnte es bemerkt haben. Dann verließ sie, von Onkel Rohn gestützt, das Zimmer.

Prokops Bravourstück mußte auf irgendeine Weise gefeiert werden. Alles in allem war es eine Gesellschaft gutmütiger junger Leute, die sich nur allzu gern ihrer heldenhaften Taten rühmten. Prokop stieg ungeheuer in ihrer Achtung, weil ihm das Flaschenkunststück gelungen war und er nachher eine Unmenge Wein und Schnaps konsumierte, ohne unter den Tisch zu sinken. Um drei Uhr morgens küßte ihn Fürst Suwalski feierlich, und der dicke Vetter bot ihm fast mit Tränen in den Augen das Du an; dann sprangen sie über die Stühle und verursachten einen Höllenlärm. Prokop lächelte und hatte einen ganz benommenen Kopf. Aber als sie ihn nachher zu einem Balttinschen Freudenmädchen entführen wollten, riß er sich von ihnen los und erklärte, sie seien besoffene Schweine; er seinerseits gehe schlafen.

Doch anstatt dieses recht vernünftige Vorhaben auszuführen, schlenderte er durch den finstern Park und blickte lange, endlos lange auf die dunkle Front des Schlosses, um ein bestimmtes Fenster zu finden. Herr Holz döste in einer Entfernung von fünfzehn Schritten, an einen Baum gelehnt.

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