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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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2

Als Prokop zu sich kam, fühlte er, daß sich alles mit ratterndem Gepolter um ihn drehte und jemand ihn fest um die Hüften hielt. Er fürchtete sich davor, die Augen aufzumachen; er glaubte, alles müsse über ihm zusammenstürzen. Da es nicht nachließ, hob er ein wenig die Lider und sah ein mattes Viereck vor sich, durch das nebelhafte Lichtkugeln und -streifen hereinglitten. Er vermochte sich das nicht zu erklären; verwirrt blickte er auf die verschwimmenden und hüpfenden Irrlichter und ergab sich geduldig in alles, was mit ihm noch geschehen würde. Dann begriff er, daß dieser hartnäckige Lärm von Wagenrädern herrührte und daß es Laternenlichter waren, die draußen im Nebel vorüberglitten. Ermüdet von dem vielen Schauen, schloß er die Augen wieder und ließ sich forttragen.

»Du wirst dich niederlegen«, sagte eine Stimme leise über seinem Kopf, »ein Aspirin nehmen, und dann wird dir besser werden.«

»Wer spricht da?« fragte Prokop schläfrig.

»Tomesch. Du legst dich bei mir nieder, Prokop. Du hast Fieber. Wo fühlst du Schmerzen?«

»Überall. Der Kopf dreht sich mir wie – na, du weißt schon . . .«

»Bleib nur ruhig. Ich mache dir Tee, und dann wirst du schlafen. Das kommt von der Aufregung, eine Art Nervenfieber. Morgen ist es vorbei.«

Prokop zog die Stirn kraus vor angestrengtem Nachdenken. »Ich weiß«, sagte er nach einer Weile besorgt, »aber jemand sollte doch die Dose ins Wasser werfen, damit sie nicht explodiert.«

»Sei unbesorgt. Und sprich jetzt nicht!«

». . . Vielleicht könnte ich mich aufsetzen. Bin ich dir nicht zu schwer?«

»Nein, bleib nur!«

»– Hast du mein Chemieheft noch?« entsann sich Prokop wieder.

»Ja, du bekommst es. Aber jetzt Ruhe, verstanden!«

»Ich habe so einen schweren Kopf . . .«

Die Droschke polterte die Gerstengasse hinauf. Tomesch pfiff leise vor sich hin und sah durchs Fenster hinaus. Prokop atmete schwer und stöhnte leise. Der Nebel legte sich feucht auf die Gehsteige und drang mit seiner glitschigen Nässe bis unter die Mäntel; es war öde und spät.

»Gleich sind wir da!« sagte Tomesch laut. Die Droschke rollte nun etwas schneller über einen Platz und bog nach rechts ein. »Kannst du ein paar Schritte tun, Prokop? Ich helfe dir.«

Mit Mühe schleppte Tomesch seinen Gast in den zweiten Stock hinauf. Prokop fühlte sich so leicht, als wäre er gewichtlos, und ließ sich fast die Treppe hinauf tragen. Tomesch trocknete sich schwer atmend die Stirn.

»Ich bin wie eine Feder, nicht wahr?« fragte Prokop verwundert.

»Ja, genau so!« brummte Tomesch erschöpft, während er die Wohnung aufschloß.

Prokop kam sich wie ein kleines Kind vor, als Tomesch ihn entkleidete. »Meine Mutter«, begann er zu plaudern, »als meine Mutter . . . aber das ist schon lange her, der Vater saß am Tisch, und die Mutter trug mich zu Bett, stell dir das vor!«

Dann lag er im Bett, bis ans Kinn zugedeckt, klapperte mit den Zähnen und sah zu, wie sich Tomesch beim Ofen zu schaffen machte und rasch einheizte. Er war den Tränen nahe vor Rührung, Trauer und Schwäche und schwatzte in einem fort; erst als er einen kalten Umschlag auf die Stirn bekam, beruhigte er sich. Dann blickte er sich still im Zimmer um; es roch nach Tabak und Frauen.

»Du bist ein Lump, Tomesch!« begann er ernsthaft. »Immer hast du was mit Weibern.«

Tomesch drehte sich nach ihm um. »Na und?«

»Nichts. Was treibst du eigentlich?«

Tomesch winkte ab. »Ein Hundeleben, mein Lieber. Kein Geld!«

»Du bummelst.«

Tomesch schüttelte nur den Kopf.

»Schade um dich«, meinte Prokop voller Sorge. »Du könntest . . . Schau mich an, ich arbeite schon seit zwölf Jahren.«

»Und was hast du davon?« wandte Tomesch schroff ein.

»Hie und da doch was. Dieses Jahr habe ich Nitrodextrin verkauft.«

»Wie teuer?«

»Zehntausend. Dabei ist das doch gar nichts! Eine Dummheit, ein blödsinniges Knallpulver für Bergwerke. Aber wenn ich wollte –«

»Fühlst du dich schon besser?«

»Viel besser. Ich habe Methoden erfunden! Ein Cernitrat – das ist eine Sache! Und Chlor, Chlor, tetragrädigen Chlorstickstoff, der sich am bloßen Licht entzündet. Knipst eine Glühbirne an und . . . fft, päng! Aber das ist alles noch nichts.« Er streckte jäh seine abgezehrte, furchtbar verstümmelte Hand unter der Decke hervor. »Wenn ich was in die Hand nehme, dann – fühle ich die Atome rumoren wie in einem Ameisenhaufen. Jede Materie kribbelt anders, verstehst du?«

»Nein.«

»Das ist die Kraft – in der Materie. Die Materie ist von unvorstellbarer Kraft. Und ich . . . ich taste es förmlich, wie es drin wimmelt. Eine fantastische Energie hält alles zusammen. Sobald man es im Innern lockert, spaltet es sich auf – und bums! Alles ist Explosion. Jeder Gedanke ist eine Erschütterung im Gehirn. Wenn du mir die Hand reichst, fühle ich, wie etwas in dir explodiert. Einen solchen Tastsinn habe ich! Und ein Gehör! Überall braust es . . . wie ein Brausepulver, lauter winzige Explosionen. Es dröhnt mir im Kopf . . . ratatata . . .«

»So«, sagte Tomesch, »und jetzt schluck das Aspirin.«

»Ja. Ex-explosiv-Aspirin. Perchlorides Acetylsalizylacid. Das ist gar nichts! Ich habe exothermische Explosivstoffe gefunden. Jeder Stoff hat seine eigene Sprengkraft. Wasser . . . Wasser ist ein Sprengstoff. Erde, Luft – sind Sprengstoffe. Die Federn hier im Federbett sind Sprengstoffe. Vorläufig hat das alles nur theoretische Bedeutung. Ich habe Atomexplosionen ausgelöst, habe – habe eine Alphaexplosion herbeigeführt. Es zerfällt in Plus-Elektronen. Keine Thermochemie. De-struk-tion. Destruktive Chemie. Eine ungeheure Sache, Tomesch, rein wissenschaftlich! Ich habe Tabellen zu Hause . . . Wenn ich nur Apparate hätte! Ihr würdet staunen! Aber so habe ich nur meine Augen . . . meine Hände . . . Du wirst dich wundern, wenn ich's einmal niederschreibe!«

»Willst du jetzt nicht schlafen?«

»Ja. Ich bin – heute – so müde. Was hast du während der ganzen Zeit getrieben?«

»Eigentlich nichts. Dahingelebt.«

»Auch das Leben ist ein Sprengstoff. Der Mensch wird geboren und zerfällt – aus! Und wir glauben, es dauert Jahre. Du, mir scheint, ich – ich bringe da alles durcheinander?«

»Durchaus nicht, Prokop. Vielleicht mache ich wirklich morgen Schluß; wenn ich nämlich kein Geld bekomme. Aber ist ja egal, schlaf jetzt!«

»Wenn du willst – ich leih' dir etwas.«

»Laß nur! Es würde ohnehin nicht reichen. Vielleicht, daß mein Vater . . .« Tomesch machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Siehst du, du hast noch einen Vater!« ließ sich Prokop nach einer Weile mit auffallender Wärme vernehmen.

»Ja. Er ist Arzt in Teinitz.« Tomesch erhob sich und ging im Zimmer auf und nieder. »Mensch, ist das ein Elend, ist das ein Elend! Ich hab's satt. Aber scher dich nicht um mich! Ich werde schon – irgendwas unternehmen. Schlaf jetzt!«

Prokop beruhigte sich. Mit halbgeschlossenen Augen sah er, wie sich Tomesch an den Tisch setzte und in Papieren kramte. Es tat ihm wohl, dem Knistern des Papiers und dem stillen Flackern des Feuers im Ofen zu lauschen. Der Mann saß, über den Tisch gebeugt, den Kopf in die Hand gestützt und atmete kaum. Prokop war es, als sehe er vom Bett aus seinen älteren Bruder, seinen Bruder Josef, wie er Elektrotechnik aus einem Buch lernt, weil er morgen die Prüfung ablegen soll. Und Prokop verfiel in fieberhaften Schlaf.

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