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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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28

Der starke Duft beunruhigte und reizte Prokop, als er, über die Puderschachtel gebeugt, an seinem Versuch arbeitete; als wäre die Prinzessin im Laboratorium anwesend und sähe ihm über seine Schulter hinweg zu.

In seiner junggesellenhaften Unerfahrenheit hatte er bisher Puder für eine natürliche Mineralfarbe gehalten und nicht gewußt, daß dieses wohlriechende braune Pulver nichts anderes ist als gewöhnliches Stärkemehl. Stärke läßt sich ausgezeichnet zum Phlegmatisieren allzu offensiver Sprengstoffe verwenden, weil sie selbst träge und unempfänglich ist. Um so schlimmer, wenn sie selbst zum Sprengstoff werden soll! Prokop wußte sich keinen Rat damit; er vergrub die Stirn in die Hände, verspürte dauernd den Duft der Prinzessin und verließ nicht einmal des Nachts das Laboratorium.

Die ihm zugetan waren, stellten ihre Besuche bei ihm ein, denn er verbarg seine Arbeit vor ihnen, war ständig gereizt und dachte nur an den verdammten Puder. Was sollte er noch versuchen? Nach fünf Tagen dämmerte es ihm. Fieberhaft studierte er aromatische Nitroamine, worauf er mit ungewöhnlicher Geduld an eine synthetische Arbeit ging. Eines Nachts lag es vor ihm, unverändert im Aussehen und durchdringend duftend: ein braunes Pulver, an Frauenhaut erinnernd.

Prokop streckte sich, müde zum Umfallen, auf dem Strohsack aus. Ihm träumte, er sähe ein Plakat mit der Aufschrift ›Powderit, der beste Sprengpuder für Ihren Teint‹; auf dem Plakat war die Prinzessin abgebildet, wie sie die Zunge nach ihm herausstreckte. Er wollte sich abwenden, doch da schoben sich zwei nackte braune Arme aus dem Plakat heraus und zogen ihn medusenhaft an sich. Da zückte er sein Taschenmesser und schnitt sie ab. Er war furchtbar erschrocken, einen Mord begangen zu haben, und floh durch die Straße, wo er vor Jahren gewohnt hatte. Er sprang in ein bereitstehendes Auto und schrie: »Fahren Sie rasch!« Das Auto fuhr los; da merkte er erst, daß die Prinzessin am Lenkrad saß; sie hatte einen Lederhelm auf, in dem er sie noch nie gesehen hatte. In einer Straßenbiegung warf sich jemand vor das Auto, offenbar, um es aufzuhalten; ein unmenschlicher Schrei, während das eine Rad über etwas Weiches hinwegging – und Prokop erwachte.

Er tastete seinen fiebernden Kopf ab, stand auf und suchte im Laboratorium nach einer Medizin. Er fand nur absoluten Alkohol, nahm einen tüchtigen Schluck davon, verbrannte sich Mund und Rachen und legte sich mit dumpfem Schädel wieder hin. Er träumte noch von Formeln, Blumen, von Anni und einer verworrenen Bahnfahrt; schließlich löste sich alles in einem tiefen Schlaf auf.

Am nächsten Morgen verschaffte er sich die Bewilligung, auf der Schießstätte eine Versuchsexplosion ausführen zu dürfen, worüber sich Carson geradezu maßlos freute. Prokop verbat sich jede Assistenz und wachte selbst darüber, daß der Versuchsstollen im Sandstein so weit wie möglich vom Schloß entfernt ausgehauen wurde, und zwar in jenem Teil der Schießstätte, wo es nicht einmal eine elektrische Leitung gab, so daß man eine gewöhnliche Zündschnur verwenden mußte. Als alles vorbereitet war, ließ er der Prinzessin sagen, daß Punkt vier ihre Puderschachtel in die Luft fliegen werde. Er legte Carson persönlich ans Herz, die nächstliegenden Baracken räumen zu lassen und den Zutritt für jedermann im Umkreis eines Kilometers zu sperren. Weiters bat er, für dieses eine Mal gegen Ehrenwort von Holzens Begleitung befreit zu sein. Herr Carson meinte zwar, das sei reichlich viel Lärm um nichts, willfahrte aber Prokop in allem.

Kurz vor vier Uhr trug Prokop eigenhändig die Puderschachtel zum Explosionsstollen, sog zum letztenmal mit einem gewissen Vergnügen den Duft der Prinzessin ein und versenkte die Schachtel in die Grube. Dann legte er eine Knallquecksilberkapsel unter, befestigte eine auf fünf Minuten berechnete Bickfordschnur daran, worauf er sich mit der Uhr in der Hand danebenhockte und wartete, bis es fünf Minuten vor vier wurde.

Nun soll das hochmütige Fräulein sehen, wozu Prokop imstande ist. Es wird eine gewaltige Explosion abgeben, etwas anderes als die Versuchsböllerei daheim, wo er sich noch vor der Polizei verstecken mußte, eine prächtige Explosion, eine Feuersäule bis zum Himmel, eine wunderbare Kraft gleich einem großen Donnerschlag; die Feuermacht wird den Himmel spalten, und der Funken dazu ist von Menschenhand ausgelöst.

Fünf Minuten vor vier. Prokop brannte rasch die Zündschnur an und lief mit der Uhr in der Hand, ein wenig hinkend, davon. Noch drei Minuten; verdammt, jetzt aber Tempo! Noch zwei Minuten. Da sah er rechts die Prinzessin in Begleitung von Herrn Carson daherkommen und auf den Stollen zugehen. Eine Sekunde lang war er starr vor Schrecken, dann brüllte er, um sie zu warnen. Herr Carson blieb stehen, doch die Prinzessin ging unbekümmert weiter; Carson eilte ihr nach, wahrscheinlich, um sie zur Umkehr zu bewegen. Ungeachtet des heftigen Schmerzes im Bein, rannte Prokop hinter ihnen drein. »Hinlegen«, brüllte er, »zum Teufel, hinlegen!« Sein Gesicht war so wutverzerrt, daß Herr Carson erbleichte, zwei große Sprünge tat und sich in einen tiefen Graben warf. Die Prinzessin ging ruhig weiter; sie war jetzt nur noch zweihundert Schritt vom Explosionsstollen entfernt. Prokop schleuderte wütend die Uhr zur Erde und lief der Prinzessin nach. »Hinlegen!« brüllte er noch einmal und packte sie am Arm. Die Prinzessin wandte sich heftig um und maß ihn mit einem erstaunten Blick ob seiner Vermessenheit. Da riß Prokop sie mit beiden Fäusten zu Boden und stürzte mit seinem ganzen Körpergewicht über sie.

Der sehnige, schlanke Körper wand sich verzweifelt unter ihm. »Schlange«, zischte Prokop und zwang, schwer atmend, mit aller Kraft des Brustkorbes die Prinzessin zu Boden. Der Körper unter ihm bäumte sich auf und entglitt zur Seite. Da drückte er sie mit dem Knie nieder, damit sie ihm nicht entkomme. In blitzschneller Überlegung hielt er ihr die Ohren zu aus Angst, der Luftdruck könne ihr das Trommelfell zerreißen. Ihre scharfen Nägel bohrten sich in seinen Nacken, im Gesicht spürte er den wütenden Biß von vier spitzen Zähnen. Er versuchte, das verbissene Tier abzuschütteln; aber sie ließ nicht locker. Ein heiserer Ton entrang sich ihrer Kehle, ihr Körper bäumte sich wellenartig auf und bewegte sich wie im Krampfe. Der ihm vertraute durchdringende Duft betäubte ihn; sein Herz begann wild zu schlagen, er wollte aufspringen ohne Rücksicht auf die Explosion, die in der nächsten Sekunde erfolgen müßte. Aber ihre Knie hielten sein Bein umklammert, zwei Arme schlangen sich um seinen Nacken, und an der Wange spürte er die feuchte, glühende, bebende Berührung ihrer Lippen und ihrer Zunge. Er stöhnte entsetzt auf und suchte den Mund der Prinzessin. Da erfolgte eine furchtbare Detonation, eine Säule von Erde und Steinen wurde in die Luft geschleudert. Etwas schlug heftig gegen Prokops Hinterhaupt; aber in diesem Augenblick merkte er nichts davon. Er vergrub seine Lippen in die fieberheiße Feuchtigkeit ihres offenen, stöhnenden Mundes, küßte Lippen, Zunge, Zähne. Plötzlich gab ihr elastischer Körper erschauernd unter ihm nach. Ihm war, als ob Herr Carson sich erhoben hätte, aber gleich darauf wieder zu Boden gegangen wäre. Bebende Finger liebkosten Prokops Nacken und verursachten ein wunderliches, unerträgliches Lustgefühl; sengende Lippen bedeckten sein Gesicht und seine Augen mit kurzen, erregten Küssen, während Prokop durstig den Duft ihres fiebrig pochenden Halses einsog. »Lieber, Lieber«, drang das heiße Flüstern an sein Ohr; zarte Finger vergruben sich in sein Haar, und ein zärtlich weicher Körper schmiegte sich in seiner ganzen Länge an ihn. Da preßte Prokop die Lippen in endlosem Kuß auf die ihren.

Von ihrem Ellbogen beiseite gestoßen, sprang Prokop auf und faßte sich wie berauscht an die Stirn. Die Prinzessin setzte sich auf und brachte ihr Haar in Ordnung. »Reichen Sie mir die Hand!« befahl sie kurz; sie sah sich hastig um und drückte rasch die dargebotene Hand an die glühende Wange. Plötzlich stieß sie die Hand von sich, stand auf, straffte sich und blickte mit großen Augen irgendwohin ins Leere. Prokop wollte sich ihr wieder nähern; aber sie zuckte nervös mit der Schulter, als ob sie etwas abschüttle. Er sah, wie sie sich die Lippen blutig biß. Erst jetzt erinnerte er sich an Carson, fand ihn unweit auf dem Rücken liegend – aber nicht mehr im Graben – und fröhlich gegen den Himmel blinzelnd. »Ist es vorbei?« fragte er und drehte lustig die Daumen. »Ich fürchte mich nämlich vor diesen Dingen. Darf ich schon aufstehen?« Er sprang auf und schüttelte sich. »Fabelhafte Explosion!« sagte er begeistert und blinzelte unwillkürlich der Prinzessin zu.

Die Prinzessin wandte sich ab; ihr Gesicht war olivenfarben bleich, aber streng und beherrscht. »War das alles?« fragte sie obenhin.

»Du lieber Himmel«, rief Carson, »als ob das noch nicht genug wäre! Eine kleine Schachtel Puder! Sie sind ein wahrer Zauberer, dem Teufel verschrieben, oder der König der Hölle in Person, ach was, der König der Materie. Prinzessin, hier, seht den König!« bemerkte er mit einer deutlichen Anspielung und quasselte unbeirrt weiter: »Genial, was? Ein einzigartiger Mensch. Wir sind die reinsten Pfuscher gegen ihn, so wahr ich lebe. Übrigens, welchen Namen hat das höllische Zeug?«

Prokop, der immer noch benommen war, ermannte sich wieder. »Die Prinzessin soll es taufen«, sagte er, froh über seine Unbefangenheit. »Es gehört . . . ihr.«

Die Prinzessin erschauerte. »Nennen Sie es meinetwegen Vicit«, sagte sie schroff.

»Wie?« rief Carson. »Aha, Vicit, das bedeutet ›Siegte‹, nicht wahr? Prinzessin, Sie sind genial! Vicit! Fantastisch, haha! Hurra!«

Aber Prokop fiel eine andere, furchtbare Bedeutung dieses Wortes ein. Vitium. Le Vice. Laster! Er blickte die Prinzessin entsetzt an; doch in ihrem gespannten Gesicht war keine Antwort zu lesen.

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