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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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27

Der berühmte Chirurg erkannte natürlich die Arbeit des Militärmetzgers nicht an, zerrte nochmals an Prokops gebrochenem Bein, legte es in Gips und meinte, die linke Extremität werde aller Wahrscheinlichkeit nach lahm bleiben.

Für Prokop begann eine Reihe köstlicher Nichtstuertage. Krafft las ihm aus Swedenborg vor, der Diener Paul aus einem Familienkalender, indes die Prinzessin das Lager des Leidenden mit den herrlichsten Bänden der Weltliteratur umgeben ließ. Bald bekam Prokop auch die Familienkalender satt, worauf er Krafft ein systematisches Werk über destruktive Chemie zu diktieren begann. Am meisten war ihm – sonderbarerweise – Carson ans Herz gewachsen, dessen Frechheit und Rücksichtslosigkeit ihm imponierten; er fand nämlich dahinter große Pläne und die verrückte Fantasie eines grundsätzlichen internationalen Militaristen. Herr Paul aber fühlte sich überglücklich; nun war er Tag und Nacht unentbehrlich, durfte mit jedem Atemzug und jedem kleinsten Schritt seiner altersschwachen Beine dienen.

Prokop lag da, umschlossen von Materie, gleich einem gefällten Baum. Spürte er nicht das Knistern unheimlicher und unbekannter Kräfte in diesem unbeweglichen Stoff, der ihn fesselte? Da tat er sich gütlich, auf prachtvollen Kissen und Federbetten liegend, die mit größerer Kraft geladen waren als ein Faß Dynamit. Sein Körper war ein schlummernder Sprengstoff, und selbst die zitternde, welke Hand Pauls barg größere Brisanzmöglichkeiten als eine Melinitkapsel. Er ruhte regungslos in einem Ozean von unmeßbaren, unzerlegten, unausgelösten Kräften. Nicht stumme Wände, stille Menschen, rauschende Baumkronen waren um ihn, sondern ein Munitionsdepot, eine kosmische Pulverfabrik, bereit zum furchtbaren Ausbruch. Er klopfte mit dem Knöchel an die Materie, als untersuchte er Ekrasitfässer auf ihre Füllung.

Prokops Hände wurden durchscheinend vor Untätigkeit, erwarben andererseits aber ein erstaunliches Tastvermögen: Sie vermochten das Sprengpotential alles dessen, was sie berührten, förmlich zu erfühlen und abzuschätzen. Der junge Körper besaß eine erschreckende Brisanzspannung, Dr. Krafft dagegen, der Idealist und Schwärmer, wies eine verhältnismäßig schwache Sprengkraft auf, während Carsons Detonationsziffer dem Tetranitranilin gleichkam. Prokop erinnerte sich erschauernd an die kalte Hand der Prinzessin, deren Berührung ihm die entsetzliche Brisanz dieses stolzen, amazonenhaften Geschöpfs verraten hatte. Prokop zerbrach sich den Kopf, ob die potentielle Sprengenergie des Organismus von dem Vorhandensein fermentartiger oder anderer Stoffe abhinge oder aber von der chemischen Zusammensetzung der Zellkerne, die selber Ladungen erster Ordnung darstellen. So oder so: Er hätte für sein Leben gern gesehen, wie dieses dunkelhaarige, hochfahrende Geschöpf explodieren würde.

Jetzt fuhr Herr Paul Prokop bereits im Fahrstuhl durch den Park. Herr Holz war zwar überflüssig, aber auch er wußte sich nützlich zu machen, nachdem in ihm ein großes Masseurtalent entdeckt worden war. Prokop fühlte beim Massieren, wie aus diesen kräftigen Fingern eine geradezu wohltuende Explosivkraft knisterte. Wenn die Prinzessin dem Patienten manchmal im Park begegnete, dann sprach sie mit vollendeter und streng bemessener Höflichkeit zu ihm, was Prokop jedesmal aufbrachte, weil er nie begriff, wie man dergleichen fertigbringt. Er selbst war entweder zu grob oder zu mitteilsam. Die übrige Gesellschaft sah in Prokop einen Sonderling; sie brauchten ihn also nicht ernst zu nehmen, während es ihm erlaubt war, so unhöflich wie möglich gegen sie zu sein. Einmal geruhte die Prinzessin mit ihrem ganzen Gefolge vor ihm stehenzubleiben. Sie ließ die Herren warten, setzte sich neben Prokop und befragte ihn nach seiner Arbeit. Prokop, der ihr gern willfahren wollte, ließ eine so fachwissenschaftliche Erklärung vom Stapel, als hielte er einen Vortrag vor dem internationalen Chemikerkongreß. Fürst Suwalski und ein Vetter begannen einander mit den Ellbogen anzustoßen und zu lachen, worauf Prokop sie wütend anfuhr, es wäre gar nicht für ihre Ohren bestimmt. Aller Augen wandten sich Ihrer Durchlaucht zu, der es nun oblag, den ungehobelten Plebejer zurechtzuweisen; aber die Prinzessin lächelte geduldig und schickte die Herren Tennis spielen. Während sie ihnen mit Augen, die nur noch ein schmaler Spalt waren, nachblickte, musterte Prokop sie von der Seite; eigentlich sah er sie heute zum erstenmal richtig. Sie war sehnig schlank, mit einem Übermaß von Pigment in der Haut, und eigentlich nicht sonderlich hübsch; sie hatte kleine Brüste, schöne rassige Hände, eine Narbe auf der stolzen Stirn, tiefliegende, scharfblickende Augen, dunklen Flaum unter der ausgeprägten Nase, hochmütige, schmale Lippen; nun ja, eigentlich war sie doch hübsch zu nennen, wie sie, die Beine übergeschlagen, dasaß. Was für Augen hatte sie in Wirklichkeit?

Da wandte sie ihm den Blick voll zu, und Prokop wurde verwirrt. »Sie können angeblich durch Tasten den Charakter feststellen«, sagte sie rasch. »Krafft hat mir davon erzählt.« Prokop lachte über diese weibliche Erklärung seiner besonderen Chemotaxis. »Nun ja«, erwiderte er, »man kann erfühlen, wieviel Kraft in einem Ding steckt!« Die Prinzessin warf einen raschen Blick auf seine Hand und dann in die Runde; weit und breit war niemand.

»Zeigen Sie einmal«, sagte Prokop und streckte seine vernarbte Hand hin. Sie legte die glatten Fingerspitzen darauf. Da blitzte ihm der unsinnige Gedanke durch den Kopf: Wenn ich jetzt zudrückte! Und schon knetete und preßte er das sehnige, brennende Fleisch ihrer Hand in seiner groben Pranke. Ein berauschendes Gefühl überkam ihn; er sah noch, wie die Prinzessin die Augen schloß und mühsam durch die halbgeschlossenen Lippen atmete, indes er, die Augen verdunkelt und die Zähne aufeinandergepreßt, in kreisende Dämmerung stürzte. Seine Hand rang fieberhaft wild mit den schlanken Fingern, die sich ihm entwinden wollten, die sich schlangenartig krümmten, ihre Nägel in seine Haut bohrten und sich wieder nackt, krampfhaft an sein Fleisch preßten. Die bebenden Finger zuckten unerträglich an seiner Handwurzel, Purpur kreiste vor seinen Augen, plötzlich ein heftiger, heißer Druck, und die schmale Hand hatte sich seinem Griff entwunden. Erschöpft hob Prokop die schweren Lider, im Kopfe hämmerte der Pulsschlag zum Bersten; grenzenlos erstaunt sah er den grünen, goldenen Garten wieder und mußte, geblendet vom Tageslicht, die Augen schließen. Die Prinzessin war totenblaß und biß sich mit scharfen Zähnen in die Lippen; in den Schlitzen ihrer Augen blitzte unsäglicher Widerwille auf.

»Nun?« sagte sie scharf.

»Herrisch, gefühllos, wollüstig, zornwütig und stolz – entflammbar wie Zunder, wie Zunder – und böse. Sie sind böse; Sie brennen vor Grausamkeit und sind voller Haß und herzlos; Sie sind böse und bis zum Rande geladen mit Leidenschaft; unberührbar, lüstern, hart gegen sich selbst, Eis und Feuer, Feuer und Eis –«

Die Prinzessin nickte schweigend: Ja.

»– zu niemandem gut, zu nichts gut; hochmütig, unfähig zur Liebe, vergiftet und brennend, glühend – zu glühender Schlacke geworden vor Glut, und alles um Sie friert.«

»Ich muß hart gegen mich sein«, flüsterte die Prinzessin. »Sie wissen nicht – Sie wissen nicht –« Sie beendete den Satz mit einer Handbewegung und erhob sich. »Ich danke Ihnen. Ich werde Ihnen Paul schicken.«

Seit er seine persönliche, beleidigte Bitterkeit überwunden hatte, dachte Prokop freundlicher von der Prinzessin. Es tat ihm sogar leid, daß sie ihn nun so auffällig mied. Er wollte ihr bei nächster Gelegenheit etwas besonders Freundliches sagen, aber die Gelegenheit ergab sich nicht.

Fürst Rohn war zu Besuch aufs Schloß gekommen, genannt mon oncle Charles, ein Bruder der verstorbenen Fürstin, ein gebildeter, feiner Weltmann, in allem möglichen dilettierend, très grand artiste, wie man ihn nannte, der sogar einige historische Romane verbrochen hatte, aber sonst ein überaus liebenswerter Mensch war.

Er war Prokop besonders zugetan und saß stundenlang bei ihm. Prokop profitierte viel von dem feinen Herrn, wurde manierlich und fing an zu begreifen, daß es neben seiner destruktiven Chemie noch andere Dinge in der Welt gab. Oncle Charles war die verkörperte Anekdotenchronik. Prokop brachte gern das Gespräch auf die Prinzessin und hörte mit besonderer Aufmerksamkeit zu, wenn erzählt wurde, was für ein böses, überspanntes, hochmütiges und großherziges Mädchen sie gewesen sei, das einmal auf ihren Maître de dance geschossen und sich ein andermal wieder ein Stück Haut habe ausschneiden lassen wollen zwecks Transplantation für ihre schwer verbrühte Amme; als man es ihr verbot, zertrümmerte sie aus Wut eine Vitrine mit kostbarem Glas. Le bon oncle brachte auch Egon, den ungebärdigen Jungen, zu Prokop mit, und stellte ihn dem Knaben mit derartigen Lobeshymnen als Beispiel hin, daß beide erröten mußten.

Nach fünf Wochen konnte Prokop schon mit dem Stock gehen. Er kehrte immer häufiger ins Laboratorium zurück und arbeitete angestrengt, bis er Schmerzen im Bein verspürte, so daß er sich auf dem Heimwege schwer am Arm des aufmerksamen Herrn Holz schleppte. Carson strahlte, als er Prokop so sanft und arbeitswütig sah; manchmal brachte er das Gespräch auf Krakatit, aber davon wollte Prokop nichts hören.

Eines Abends war große Soiree im Schloß; Prokop hatte sich eine Überraschung ausgedacht. Die Prinzessin stand gerade in einer Gruppe von Generälen und Diplomaten, als sich die Türen öffneten und der halsstarrige Gefangene – ohne Stock – eintrat, um zum erstenmal den Fürstenflügel mit seinem Besuch zu beehren. Oncle Charles und Carson eilten ihm entgegen, während die Prinzessin nur flüchtig prüfend über den Kopf des chinesischen Gesandten hinweg nach im blickte. Prokop hatte angenommen, sie werde ihn begrüßen; als er aber merkte, daß sie sich mit zwei älteren, bis zum Nabel dekolletierten Damen angeregt unterhielt, zog er sich verärgert in eine Ecke zurück und erwiderte nur höchst unwillig die Verbeugungen der hohen Persönlichkeiten, denen Herr Carson ihn als ›den berühmten Gelehrten‹, ›unsern berühmten Gast‹ und so weiter vorstellte. Herr Carson schien hier Holzens Rolle übernommen zu haben, da er keinen Schritt von Prokops Seite wich. Prokop langweilte sich immer verzweifelter; er drückte sich in eine Ecke und ärgerte sich über alle Welt. Die Prinzessin unterhielt sich jetzt mit zwei Würdenträgern, von denen der eine ein Admiral und der andere irgendein hohes Tier aus dem Ausland war. Sie warf einen raschen Blick auf Prokop, der finster vor sich hin starrte, aber da trat ein Thronprätendent (ohne Land) auf sie zu und entführte sie in entgegengesetzter Richtung. »Ich geh' nach Hause«, brummte Prokop und entschloß sich, binnen drei Tagen einen neuerlichen Fluchtversuch zu wagen. Da stand plötzlich die Prinzessin vor ihm und reichte ihm die Hand. »Ich freue mich, Sie wieder gesund zu sehen.«

Prokop vergaß in diesem Augenblick alle gute Erziehung, die er sich so mühsam von oncle Charles angeeignet hatte. Er vollführte eine plumpe Schulterbewegung, die als Verbeugung gedacht war, und sagte mit einer Bärenstimme: »Ich dachte, Sie bemerken mich überhaupt nicht.« Herr Carson verschwand wie in einer Versenkung.

Das Kleid der Prinzessin war tief ausgeschnitten, was Prokop verwirrte. Er wußte nicht, wohin er schauen sollte, er sah nur das feste, braune Fleisch mit einem Hauch von Puder darüber und verspürte einen durchdringend köstlichen Duft.

»Ich habe gehört, Sie arbeiten wieder«, sagte die Prinzessin. »Was machen Sie gerade?«

»Dies und jenes«, versuchte Prokop zu antworten, »eigentlich nichts Rechtes.« Jetzt hätte er Gelegenheit, seine Grobheit von damals . . . gutzumachen; aber was, zum Kuckuck, sollte er ihr Freundliches sagen? »Wenn Sie wollen«, murmelte er, »würde ich . . . einen Versuch mit Ihrem Puder anstellen.«

»Was für einen Versuch?«

»Einen Sprengstoffversuch. Sie haben genug davon an sich, um eine Kanone damit laden zu können.«

Die Prinzessin lachte. »Ich wußte nicht, daß Puder ein Sprengstoff ist.«

»Jedes Ding ist ein Sprengstoff . . . wenn man es richtig in die Hand nimmt. Sie selbst –«

»Nun?«

»Ach nichts. Ich meine nur, auch Sie sind gefesselte Explosion. Sie haben eine unheimliche Brisanz.«

»Wenn man mich richtig in die Hand nimmt«, sagte die Prinzessin lachend und wurde gleich wieder ernst. »Böse, gefühllos, zornwütig, lüstern und hochmütig, nicht wahr?«

»Ein kleines Mädchen, das sich ein Stück Haut abziehen lassen will . . . für ihre alte Amme . . .«

Die Prinzessin flammte auf. »Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Mon oncle Charles«, verriet Prokop.

Die Prinzessin erstarrte und war wieder Hunderte Meilen weit weg. »Ach, Fürst Rohn!« verbesserte sie ihn zurechtweisend. »Fürst Rohn redet viel. Es freut mich, daß Sie wieder all right sind.« Ein leichtes Kopfnicken, und schon durchquerte sie wieder den Saal an der Seite eines Kavaliers in Uniform und ließ Prokop in seiner Ecke wüten.

Am nächsten Morgen brachte Herr Paul behutsam etwas hereingetragen mit dem Bemerken, die Zofe Ihrer Durchlaucht, der Prinzessin, hätte es abgegeben.

Es war eine Schachtel, angefüllt mit durchdringend duftendem braunen Puder.

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