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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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26

Nach dem Gewitter mit Carson schien die Luft gereinigt. Prokop hatte zwar erklärt, er werde bei der nächsten Gelegenheit ausreißen, hatte aber gleichzeitig sein Ehrenwort gegeben, sich bis dahin aller Gewalttaten und Drohungen zu enthalten. Als Gegenleistung wurde Herr Holz auf eine Entfernung von fünfzehn Schritten verwiesen und Prokop gestattet, sich in seiner Begleitung in einem Umkreis von vier Kilometern, von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, frei zu bewegen, im Laboratorium zu schlafen und sich nach Belieben zu verköstigen. Andererseits siedelte Carson direkt im Laboratorium eine Frau mit zwei Kindern an, die Witwe eines Arbeiters, der bei einer Krakatitexplosion ums Leben gekommen war. Die Frau verkörperte sozusagen die moralische Sicherung gegen irgendwelche ›Unvorsichtigkeiten‹. Außerdem wurde Prokop ein hohes Gehalt in Gold ausgesetzt und es ihm vorläufig ganz überlassen, sich zu vergnügen oder zu arbeiten.

Die ersten Tage nach dieser Übereinkunft verbrachte Prokop damit, das Terrain im Umkreis von vier Kilometern gründlich nach Fluchtmöglichkeiten zu untersuchen. Es bestand nur wenig Aussicht, da die Sicherheitszone geradezu ausgezeichnet funktionierte. Prokop dachte mehrmals daran, Holz aus dem Weg zu schaffen. Leider erfuhr er, daß dieser magere, eifrige Patron Vater von fünf Kindern war, eine Mutter und eine lahme Schwester miternährte und außerdem drei Jahre Zuchthaus wegen Totschlags abgesessen hatte. Das alles war nicht gerade ermutigend.

Einen gewissen Trost bereitete es Prokop, daß Herr Paul, Beschließer im Ruhestand, ihm geradezu leidenschaftlich ergeben war. Den guten Alten kränkte es sehr, daß er für zu langsam befunden wurde, um an der fürstlichen Tafel zu bedienen. Um so glücklicher war er jetzt, jemandem dienen zu dürfen. Allerdings, seine aufdringliche, ehrfürchtige Aufmerksamkeit fiel selbst Prokop manchmal auf die Nerven. Daneben hatte sich Doktor Krafft, Egons Erzieher, ein rothaariger und sehr unglücklicher Mensch, eng an Prokop angeschlossen. Krafft war ungewöhnlich gebildet, ein wenig Theosoph und der törichtste Idealist, den man sich vorstellen konnte. Er hatte sich Prokop nur scheu genähert; aber jetzt bewunderte er ihn grenzenlos und hielt ihn zumindest für ein Genie. Er kannte Prokops fachwissenschaftliche Abhandlungen schon lange und hatte darauf sogar eine theosophische Deutung des niedersten Kreises, grob gesagt, der Materie aufgebaut. Zudem war er Pazifist und, wie alle Menschen von zu edler Gesinnung, sterbenslangweilig.

Prokop wurde schließlich des ziellosen Umherschlenderns längs der Sicherheitszone überdrüssig und kehrte immer häufiger ins Laboratorium zurück, um zu arbeiten. Er studierte seine alten Aufzeichnungen und ergänzte zahlreiche Lücken. Er stellte eine Reihe von Sprengstoffen her und vernichtete sie wieder; sie alle bestätigten seine kühnsten Hypothesen. In diesen Tagen war er beinahe glücklich. Nur abends, abends wich er den Menschen aus, wurde schwermütig unter der immer gleichen, ruhigen Aufsicht des Herrn Holz und sah zu den Wolken, den Sternen und dem freien Himmel auf.

Noch etwas beschäftigte ihn in seltsamer Weise: Sobald er das Geräusch von Pferdehufen vernahm, trat er ans Fenster und beobachtete den Reiter, ob es nun der Reitknecht, einer der Offiziere oder die Prinzessin war (mit der er seit jenem Tage nicht mehr gesprochen hatte). Mit aufmerksamen Augen verfolgte er die Vorgänge. Er bemerkte, daß der Reiter eigentlich nicht nur im Sattel sitzt, sondern in gewissem Sinne in den Steigbügeln steht; daß er nicht mit dem Gesäß, sondern mit den Knien arbeitet; daß er sich nicht wie ein Sack Kartoffeln schütteln läßt, sondern aktiv die sich gleichmäßig wiederholenden Bewegungen des Pferderückens mitmacht. Das war praktisch vielleicht sehr einfach, aber für ihn, den technischen Beobachter, ein ungemein verwickelter Mechanismus, besonders wenn das Pferd zu steigen, auszuschlagen oder in vollblütiger Ungeduld zu tänzeln begann. Alles das konnte Prokop, hinter dem Vorhang verborgen, stundenlang studieren. Eines Morgens gab er Paul den Auftrag, ihm Premier zu satteln.

Herr Paul war bestürzt. Er erklärte, Premier sei ein sehr feuriger und wenig eingerittener Rappe, ein äußerst unverträgliches Tier, doch Prokop wiederholte nur kurz seinen Befehl. Der Reitanzug lag im Schrank bereit. Mit einem leichten Gefühl von Eitelkeit zog er ihn an und eilte in den Hof hinunter. Dort wartete Premier bereits auf ihn, tänzelnd und den Stallknecht, der ihn kurz am Zügel hielt, mit sich zerrend. Prokop bemühte sich, das Pferd zu beruhigen, wie er es bei andern gesehen hatte, indem er ihm über Nüstern und Stirn strich. Der Wallach hielt tatsächlich ein wenig still, nur die Beine kamen nicht zur Ruhe. Prokop näherte sich ihm absichtlich von der Seite. Schon hob er den Fuß zum Steigbügel, da schlug Premier blitzschnell mit dem Huf nach ihm aus, so daß Prokop kaum Zeit hatte, beiseite zu springen. Der Stallknecht lachte hell auf. Das genügte. Prokop ging plötzlich die Flanke des Pferdes an, gelangte auf irgendeine Weise mit der Fußspitze in den Steigbügel und schwang sich hinauf. Im nächsten Augenblick wußte er nicht mehr, was geschah. Alles drehte sich um ihn, jemand schrie auf, Prokops rechter Fuß schwebte in der Luft, während der linke auf unmögliche Weise im Steigbügel hielt. Nun fiel Prokop schwer in den Sattel und preßte die Knie mit aller Kraft an. Das brachte ihn gerade in dem Augenblick wieder zu Bewußtsein, als Premier wie ein Blitz nach hinten ausschlug. Prokop lehnte sich rasch zurück, fiel wieder in den Sattel und zog krampfhaft die Zügel an. Das Ergebnis war, daß die Bestie kerzengerade hochging; Prokop preßte die Knie wie eine Zange zusammen und legte sich mit dem Gesicht zwischen die Ohren des Rappen, wobei er ängstlich darauf bedacht war, ihn nicht um den Hals zu nehmen, aus Furcht, lächerlich zu erscheinen. Er hing eigentlich nur mit den Knien. Premier stellte sich wieder auf alle vier Beine und begann sich wie ein Kreisel zu drehen; das benützte Prokop, um den zweiten Fuß in den Steigbügel zu bekommen. »Pressen Sie ihn nicht so!« rief der Stallbursche, aber Prokop war froh, das Pferd zwischen den Schenkeln zu haben. Der Wallach bemühte sich, eher verzweifelt als bösartig, seinen merkwürdigen Reiter abzuwerfen; er drehte sich und schlug nach hinten aus, daß es nur so staubte. Das gesamte Küchenpersonal kam auf den Hof gelaufen, um diesem wilden Zirkusschauspiel zuzusehen. Prokop bemerkte Herrn Paul, der vor Angst eine Serviette an den Mund drückte, und den in der Sonne funkelnden Rotschopf Dr. Kraffts, der herbeistürzte und unter Einsatz seines Lebens Premier am Zügel zu packen versuchte. »Lassen Sie ihn«, schrie Prokop, außer sich vor Stolz, und gab dem Wallach die Sporen. Premier, dem derartiges noch nie widerfahren war, schnellte los wie ein Pfeil und jagte aus dem Hof in den Park hinaus. Prokop zog den Kopf ein in der Annahme, so bei einem Sturz glimpflicher davonzukommen. Er stand vorgeneigt in den Steigbügeln, unwillkürlich einen Jockei nachahmend. Als er am Tennisplatz vorbeigaloppierte, erblickte er einige weiße Gestalten. Da wurde er von wildem Übermut gepackt und begann Premiers Hinterbacke mit der Peitsche zu traktieren. Der erschreckte Rappe verlor nun völlig den Kopf; nach einigen unangenehmen Seitensprüngen drohte er sein Gleichgewicht zu verlieren und setzte sich auf die Hinterhand, doch raffte er sich wieder auf und sprang wie toll über die Beete. Prokop begriff, daß nun alles davon abhing, den Kopf oben zu behalten, wenn nicht beide auf dem unsicheren Terrain einen Purzelbaum schlagen sollten; er hängte sich an die Zügel und riß daran. Premier, der über und über mit Schweiß bedeckt war, bäumte sich auf und begann plötzlich ganz vernünftig zu traben. Das war der Sieg.

Prokop atmete erleichtert auf. Erst jetzt konnte er anwenden, was er so gründlich beobachtet hatte, nämlich die akademische Schule des Reitens im Sattel. Das zitternde Pferd gehorchte dem kleinsten Wink. Prokop, stolz wie ein Pfau, ritt den gewundenen Parkweg in der Richtung zum Tennisplatz. Als er hinter den Sträuchern die Prinzessin mit dem Schläger in der Hand gewahrte, spornte er Premier zum Galopp. Da schnalzte die Prinzessin mit der Zunge, Premier vollführte einen Sprung und flog wie ein Pfeil über die Büsche. Prokop, der auf diese hohe Schule völlig unvorbereitet war, verlor die Bügel und landete über den Kopf des Pferdes hinweg im Gras. Er spürte, wie etwas knackte, und verlor vor Schmerz sekundenlang die Besinnung. Als er wieder zu sich kam, sah er die Prinzessin und drei Herren vor sich in der verlegenen Haltung von Menschen, die nicht wissen, ob sie über einen gelungenen Scherz lachen oder Hilfe leisten sollen. Prokop stützte sich auf die Ellbogen und versuchte, das linke Bein zu bewegen, das merkwürdig verkrümmt unter ihm lag. Die Prinzessin beobachtete ihn mit fragenden und zugleich erschrockenen Blicken.

»So«, sagte Prokop rauh, »nun haben Sie mir das Bein gebrochen.« Er litt sehr und fühlte sein Bewußtsein durch den Aufprall erschüttert, trotzdem versuchte er aufzustehen. Als er wieder zu sich kam, hielt die Prinzessin seinen Kopf im Schoß und tupfte ihm mit einem durchdringend duftenden Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Trotz furchtbarer Schmerzen im Bein fühlte er sich halb wie im Traum. »Wo ist . . . das Pferd?« stammelte er und begann zu stöhnen, als zwei Gärtner ihn auf eine herbeigeholte Bahre legten und ins Schloß trugen. Herr Paul verwandelte sich gleichzeitig in einen Engel, in eine barmherzige Schwester und leibhaftige Mutter. Er lief umher, rückte die Kissen unter Prokops Kopf zurecht und träufelte ihm Kognak auf die Lippen; dann mußte er sich neben das Bett setzen, und Prokop preßte die weiche, greisenhaft leichte Hand, wenn die Schmerzen zu arg wurden. Dr. Krafft stand am Fußende, die Augen feucht vor Rührung, und selbst Herr Holz war sichtlich gerührt, schnitt Prokops Reithose auf und legte ihm kalte Umschläge auf den Schenkel. Prokop stöhnte leise und lächelte bisweilen mit blauen Lippen Dr. Krafft oder Herrn Paul zu. Da kam auch schon der Oberstabsarzt, ein besserer Metzger, in Begleitung seines Assistenten und machte sich ohne viele Umstände an die Untersuchung von Prokops Bein. »Hm«, sagte er, »komplizierte Femoralfraktur und so weiter; mindestens sechs Wochen Bettruhe.« Er wählte zwei Schienen aus, und nun begann eine peinliche Sache. »Strecken Sie ihm das Bein«, befahl der Metzger seinem Assistenten. Aber Herr Holz schob den aufgeregten Neuling höflich beiseite und faßte das gebrochene Glied mit all seiner harten, sehnigen Kraft an. Prokop verbiß sich im Kissen, um vor Schmerz nicht aufzuschreien. »Noch etwas«, brummte der Doktor, der die Fraktur abtastete; Holz zerrte schweigend und griffig. Krafft floh in heller Verzweiflung. Nur in dem mitleidigen Gesicht des alten Dieners spiegelten sich alle Qualen Prokops wider. Nun begann der Metzger rasch und gewandt die Schienen anzulegen; dabei brummte er, daß er morgen das verdammte Bein in Gips legen werde. Endlich war es soweit. Es schmerzte zwar noch sehr, doch das gestreckte Bein lag da wie tot und die Hauptsache – der Metzger war fort. Herr Paul ging auf den Zehenspitzen umher, die weichen Lippen kummervoll bewegend, als ob er dadurch die Qualen des Gepeinigten lindern helfen könnte.

Herr Carson kam im Auto angerast, nahm vier Stufen auf einmal und lief zu Prokop hinein. Das Zimmer war erfüllt von seiner lärmenden Anteilnahme, und gleich herrschte eine fröhlichere und irgendwie männlichere Stimmung. Herr Carson redete nur, um den Patienten zu trösten, und geriet vom Hundertsten ins Tausendste; auf einmal beugte er sich vor und ließ die Hand scheu und freundschaftlich über Prokops struppigen Kopf gleiten. In diesem Augenblick vergab Prokop seinem eingefleischten Feind und Gegner neun Zehntel seiner Schlechtigkeiten. Wie ein Wirbelwind war Herr Carson vorbeigejagt. Nun schob sich etwas Schweres die Treppe hinauf, die Türen flogen auf; zwei Lakaien in weißen Handschuhen führten den gelähmten Fürsten herein. Der Fürst winkte schon in der Tür mit der unheimlich dürren, schmalfingrigen Hand, vielleicht damit Prokop nicht vor lauter Ehrfurcht auf wunderbare Weise aufstehe und Seiner Durchlaucht entgegengehe. Er ließ sich dann niedersetzen und brachte einige Worte allerhuldvollsten Beileids vor.

Kaum war das Gespenst verschwunden, klopfte es an die Tür; Herr Paul flüsterte einen Augenblick mit einer Kammerzofe. Gleich darauf trat die Prinzessin im Tennisdreß ein; ihr braunes Gesicht drückte Trotz und Reue aus; sie war gekommen, um sich freiwillig wegen ihrer beispiellosen Lausbüberei zu entschuldigen. Aber noch ehe sie zu sprechen begann, erhellte ein kindliches Lächeln das grobe, hartkantige Gesicht Prokops. »Nun«, fragte der Patient stolz, »fürchte ich mich vor Pferden oder nicht?«

Die Prinzessin errötete derart, daß sie sich darüber ärgerte und ganz verlegen wurde. Aber sie faßte sich bald und war gleich wieder die hoheitsvolle Gastgeberin. Sie kündete an, daß ein Chirurg, ein Professor, kommen werde, und fragte nach Prokops Wünschen in bezug auf das Essen, Lektüre u. dgl. Dann trug sie noch Paul auf, ihr zweimal täglich über den Gesundheitszustand des Patienten Bericht zu erstatten, rückte, die Arme von sich gestreckt, flüchtig etwas am Kissen zurecht und verabschiedete sich mit einem kaum merklichen Kopfnicken.

Als bald darauf der berühmte Chirurg im Auto vorfuhr, mußte er mehrere Stunden warten, soviel er auch darüber den Kopf schüttelte. Der Patient hatte nämlich geruht, in einen tiefen Schlaf zu verfallen.

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