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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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25

Prokop erwartete, jene Nacht werde allerhand Folgen haben. Aber es geschah nichts, bloß jener Mensch mit der Pfeife folgte ihm von jetzt ab auf Schritt und Tritt – er war der einzige, den Prokop einigermaßen fürchtete. Er hieß Holz – ein Name, der sehr wenig über sein stilles, wachsames Wesen aussagte. Wo immer sich Prokop erging, bewegte sich Holz fünf Schritte hinter ihm. Prokop wurde dadurch aufs äußerste gereizt und quälte ihn auf die raffinierteste Weise. So lief er zum Beispiel eine kurze Wegstrecke, fünfzig-, auch hundertmal auf und ab in der Erwartung, Herrn Holz werde es doch einmal zu dumm werden, nach zwanzig Schritten immer kehrtzumachen. Aber Herrn Holz wurde es nie zu dumm. Da begann Prokop zu laufen und lief dreimal um den ganzen Park herum. Herr Holz lief schweigend hinter ihm her und vergaß dabei nicht einmal das Rauchen, während Prokop kaum mehr keuchen konnte.

Herr Carson zeigte sich an diesem Tage kein einzigesmal; er war offenbar verärgert. Gegen Abend machte sich Prokop zum Laboratorium auf, gefolgt von seinem schweigsamen Schatten. Er wollte die Laboratoriumsbaracke hinter sich abschließen, Herr Holz schob jedoch den Fuß zwischen die Türe und trat ein. Da im Vorraum ein Lehnstuhl bereitstand, beabsichtigte er gewiß, sich nicht mehr von hier wegzurühren. Na schön! Prokop braute im Laboratorium etwas Geheimnisvolles, während Herr Holz im Vorraum schnarchte. Gegen zwei Uhr morgens tränkte Prokop ein Stück Hanfseil in Petroleum, zündete es an und lief so rasch er konnte hinaus. Herr Holz sprang augenblicklich aus seinem Lehnstuhl auf und rannte hinterdrein. Nach hundert Schritten warf sich Prokop, mit dem Gesicht zur Erde, in den Graben. Herr Holz blieb neben ihm stehen und zündete sich seine Pfeife an. Prokop hob den Kopf und wollte ihm etwas zurufen, doch besann er sich, daß er mit Holz grundsätzlich nicht redete. Er streckte die Hand aus und brachte Holz zu Fall. »Achtung!« brüllte er; im gleichen Augenblick wurde die Baracke von einer gewaltigen Explosion erschüttert; ein Splitterhagel von Steinen und Glas flog pfeifend über ihre Köpfe hinweg. Prokop stand auf, staubte sich flüchtig ab und lief, von Herrn Holz gefolgt, davon. Da kamen auch schon die Wachtposten gelaufen und die Feuerwehrautos angerast.

Das war die erste Warnung für Herrn Carson. Sollte er jetzt nicht kommen, um zu verhandeln, würden schlimmere Dinge geschehen. Herr Carson kam nicht; statt des Besuches traf ein neuer Ausweis ein, wahrscheinlich für ein anderes Versuchslaboratorium. Prokop war wütend. Gut, sagte er sich, diesmal will ich euch zeigen, wozu ich imstande bin. Er eilte in das neue Laboratorium, während er sich unterwegs eine weit wirksamere Form seines Protestes ausdachte. Er entschied sich für Explosivpottasche, die sich bei Berührung mit Wasser entzündet. Als er aber bei der neuen Baracke ankam, ließ er ohnmächtig die Hände sinken. Dieser Teufel von Carson!

An das Laboratorium grenzten kleine Wohnhäuser, offenbar für die Werkschutzmänner. Im Garten tummelte sich ein Dutzend Kinder, und eine junge Mutter besänftigte gerade ein brüllendes, rosiges Lebewesen. Als sie Prokops wütenden Blick gewahrte, erschrak sie und hielt im Singen inne. »Guten Abend«, brummte Prokop und schlenderte, die Fäuste geballt, zurück. Herr Holz fünf Schritte hinter ihm.

Auf dem Weg zum Schloß begegnete er der Prinzessin zu Pferde mit einer ganzen Kavalkade von Offizieren. Er wich auf einen Seitenpfad aus, doch die Prinzessin galoppierte ihm nach. »Wenn Sie ausreiten wollen«, sagte sie, während eine jähe Blutwelle ihr Gesicht noch dunkler färbte, »steht Ihnen Premier zur Verfügung.«

Prokop wich dem tänzelnden Whirlwind aus. Er hatte noch nie auf einem Pferd gesessen, hätte dies aber um nichts in der Welt zugegeben. »Danke«, sagte er, »es ist nicht nötig . . . mein Gefängnis . . . zu vergolden.«

Die Prinzessin zog die Brauen hoch. Es war ungehörig, mit ihr über diese Seite der Dinge zu sprechen. Sie bezwang sich jedoch und sagte, Vorwurf und Einladung geschmeidig vereinend: »Vergessen Sie nicht, daß Sie auf dem Schloß bei mir zu Gast sind.«

»Ich habe nicht darum gebeten«, erwiderte Prokop schroff, wobei er auf jede Bewegung des nervösen Pferdes achtete.

Die Prinzessin wippte gereizt mit dem Fuß; Whirlwind schnaubte und begann zu steigen. »Nur keine Angst«, sagte die Prinzessin spöttisch.

Prokop preßte die Lippen zusammen und schlug das Pferd übers Maul. Die Prinzessin hob die Reitpeitsche, als wollte sie ihm über die Hand schlagen. Prokop stieg alles Blut zu Kopf. »Vorsicht!« zischte er drohend und funkelte die Prinzessin an. Da hatten die Offiziere bereits den peinlichen Vorfall bemerkt und sprengten heran. »Hallo, was ist los?« rief der an der Spitze Reitende, und trieb sein Pferd, eine schwarze Stute, gerade auf Prokop zu. Prokop sah den Pferdekopf über sich, erfaßte den Zügel und riß ihn mit aller Gewalt zur Seite. Das Pferd wieherte vor Schmerz und bäumte sich auf, so daß der Offizier in den Armen des kaltblütigen Herrn Holz landete. Zwei Säbel blitzten in der Sonne. Aber da war schon die Prinzessin auf dem zitternden Whirlwind zur Stelle und drängte die Offiziere ab. »Halt!« befahl sie, »er ist mein Gast!« Sie warf Prokop einen dunklen Blick zu und sagte noch: »Übrigens fürchtet er sich vor Pferden. Ich mache die Herren bekannt. Leutnant Rohlauf, Ingenieur Prokop. Fürst Suwalski. Von Graun. Der Fall ist erledigt. Rohlauf, aufsitzen! Wir reiten weiter. Premier steht Ihnen zur Verfügung, Herr Ingenieur. Vergessen Sie nicht, daß Sie hier Gast sind. Auf Wiedersehen!« Die Reitpeitsche schwirrte vieldeutig durch die Luft, Whirlwind vollführte eine Wendung, daß der Sand knirschte, und die Kavalkade verschwand in der Wegkehre. Nur Herr Rohlauf, der aufgesessen war, umtänzelte Prokop noch einmal, fixierte ihn mit zornigen Augen und sagte mit vor Wut überkippender Stimme: »Sie werden mir Genugtuung geben, mein Herr!«

Prokop machte auf der Stelle kehrt, ging in sein Zimmer und schloß sich ein. Zwei Stunden später nahm ein langer Brief durch Vermittlung des alten zittrigen Dieners seinen Weg aus dem ›Kavalierzimmer‹ zur Direktion. Bald darauf kam Carson mit wütendem Gesicht zu Prokop geeilt. Mit herrischer Geste wies er Herrn Holz fort, der ruhig auf einem Stuhl vor dem Zimmer gedöst hatte, und drang ein.

Herr Holz setzte sich vor das Schloß und zündete sich seine Pfeife an. Drinnen erhob sich ein fürchterliches Gebrüll, was aber Holz nicht im geringsten erschütterte. Da die Pfeife nicht zog, schraubte er sie auseinander und reinigte sie fachmännisch mit einem Halm. Aus dem ›Kavalierzimmer‹ drang es wie das Röcheln zweier in sich verbissener Tiger. Der eine brüllte und der andere tobte, man hörte das Gepolter eines fallenden Möbelstückes, dann blieb es einen Augenblick still, aber gleich darauf dröhnte wieder Prokops mächtige Stimme. Die Gärtner liefen zusammen, doch Herr Holz vertrieb sie mit einer Handbewegung und begann das Pfeifenrohr durchzublasen. Das Getöse oben schwoll gefährlich an; das Brüllen der beiden Tiger wurde stärker, nun schienen sie, rasend vor Wut, übereinander herzufallen. Herr Paul kam, blaß wie eine Wand, aus dem Schloß gelaufen und hob die Augen zum Himmel. Gerade in diesem Augenblick trabte die Prinzessin mit ihrem Gefolge vorüber. Als sie den heillosem Tumult im Gästetrakt des Schlosses vernahm, lachte sie nervös auf und gab Whirlwind ganz überflüssigerweise die Peitsche.

Die Stimmen beruhigten sich wieder einigermaßen. Man hörte Prokop fluchen, Drohungen ausstoßen und mit der Faust auf den Tisch schlagen. Eine scharfe Stimme fiel befehlend ein. Prokop protestierte schimpfend, doch die scharfe Stimme antwortete ruhig und entschieden. »Mit welchem Recht?« hörte man Prokop schreien. Die befehlshaberische Stimme erklärte etwas mit grausam ruhiger Eindringlichkeit. Da legte Prokop von neuem los: »Aber das eine sage ich Ihnen, dann fliegt ihr alle mitsammen in die Luft!« Wieder wurde ein solcher Tumult entfesselt, daß Herr Holz sogar seine Pfeife in die Tasche steckte und ein paar Schritte auf das Schloß zu machte. Dann trat etwas Ruhe ein, nur die scharfe Stimme befahl und wies energisch zurück, begleitet von einem dunklen, drohenden Knurren. Es schien, als würden die Bedingungen eines Waffenstillstandes diktiert. Noch zweimal erhob Prokop Einspruch; die scharfe Stimme ließ sich jedoch nicht mehr herausfordern, sie war ihrer Sache bereits sicher.

Eineinhalb Stunden später lief Carson, violett angelaufen und schweißtriefend, aus Prokops Zimmer und eilte schnaubend und düster zu den Gemächern der Prinzessin. Zehn Minuten später meldete Paul, bebend vor Ehrfurcht, seinem Herrn die Ankunft Ihrer Hoheit.

Die Prinzessin, im großen Abendkleid, trat ein. Sie war aschfahl im Gesicht und zog die Brauen streng zusammen. Prokop ging ihr entgegen, in der Absicht, etwas zu sagen. Aber die Prinzessin wehrte mit einer hoheitsvollen Geste ab und sagte mit verhaltener Stimme: »Ich komme, um mich . . . für jenen Auftritt zu entschuldigen. Ich wollte Sie nicht mit der Peitsche treffen. Es tut mir außerordentlich leid.«

Prokops Gesicht wurde dunkelrot. Wieder wollte er etwas einwenden, aber die Prinzessin fuhr fort: »Leutnant Rohlauf reist heute ab. Der Fürst läßt Sie bitten, gelegentlich zu Tisch zu kommen. Vergessen Sie den Vorfall. Auf Wiedersehen.« Sie reichte ihm rasch die Hand; Prokop berührte kaum ihre Finger. Sie waren kalt und wie tot.

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