Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karel Capek >

Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
Schließen

Navigation:

24

Ein halbes Jahr lang hatte Prokop seine geliebte chemische Apparatur nicht mehr in der Hand gehabt.

Er prüfte eines nach dem andern; alles war vorhanden, wovon er geträumt hatte, alles blitzend, neu und in geradezu pedantischer Ordnung aufgestellt. Da gab es eine Hand- und eine Fachbücherei, ein Riesenregal mit Chemikalien, Schränke mit empfindlichen Instrumenten, eine schalldichte Kabine für Explosionsversuche, eine Kammer mit Transformatoren, ihm unbekannte Versuchsapparate. Er hatte kaum die Hälfte all dieser Wunder gemustert, als er, einer augenblicklichen Eingebung folgend, zum Regal eilte, Bariumsalz, Stickstoffwasserstoffsäure und noch irgendwas anderes auswählte und damit einen Versuch anstellte, wobei es ihm gelang, sich die Finger zu verbrennen, ein Reagenzglas zum Springen zu bringen und sich ein Loch in den Mantel zu sengen. Erst dann setzte er sich an den Schreibtisch und machte zwei, drei Aufzeichnungen.

Hierauf begann er wieder das Laboratorium durchzumustern. Es gemahnte ihn ein wenig an eine neu eingerichtete, wohl geordnete Parfümerie. Aber er brauchte bloß nach diesem und jenem zu langen und es ein wenig durcheinanderzubringen, dann sah es gleich gemütlicher aus. Inmitten der eifrigsten Arbeit hielt er plötzlich inne: Aha, sagte er sich, damit wollen sie mich nun fangen! In einer Weile wird Carson da sein und seine alte Leier beginnen: Sie werden noch ein big man und so weiter.

Er setzte sich verärgert auf den Strohsack und wartete. Als niemand kam, stahl er sich wie ein Dieb zum Arbeitstisch und begann wieder mit dem Bariumsalz zu hantieren. Es ist ohnehin das letzte Mal, tröstete er sich. Der Versuch gelang vollkommen: eine Stichflamme zischte auf, die Glasglocke der empfindlichen Waage sprang entzwei. »Da habe ich was Schönes angerichtet!« gestand er sich schuldbewußt, als er den Umfang des Schadens bemerkte. Wie ein Schüler, der ein Fenster zerschlagen hat, schlich er aus dem Laboratorium. Draußen dämmerte es schon; ein leichter Regen ging nieder. Zehn Schritte vor der Baracke stand eine Wache.

Prokop schlenderte langsam den Weg zum Schloß zurück. Der Park war menschenleer. Feiner Regen rauschte in den Baumkronen, das Schloß war hell erleuchtet, ein Klavier schmetterte eine jubelnde Weise in die Abenddämmerung. Prokop stieß in den verlassenen Teil des Parkes zwischen Haupteingang und Terrasse vor. Hier war alles weglos verwachsen. Er wühlte sich in das feuchte Buschwerk ein wie ein Eber, lauschte ab und zu und bahnte sich dann wieder einen Weg durch das brechende Gezweig. Endlich gelangte er an den Rand der Dschungel, wo Büsche die an diesen Stellen nicht mehr als drei Meter hohe Mauer überwölbten. Prokop erfaßte einige herabhängende Zweige und ließ sich daran hinuntergleiten. Aber seinem soliden Gewicht hielten die Zweige nicht stand; sie brachen mit einem scharfen, laut vernehmbaren Knacken, und Prokop fiel schwer auf eine Art Komposthaufen auf. Klopfenden Herzens blieb er sitzen: Jetzt wird jemand kommen! Aber nichts war zu hören außer dem Rauschen des Regens. Da raffte er sich auf und suchte die Mauer mit der grünen Pforte, wie er sie im Traum gesehen hatte.

Alles war ebenso bis auf die beunruhigende Tatsache, daß die Pforte halboffen stand. Es mußte also jemand hinausgegangen sein, oder jemand würde zurückkehren. Was tun? Rasch entschlossen stieß Prokop die Pforte auf und ging auf die Straße hinaus. Wahrhaftig: Dort stand ein mittelgroßer Mann im Regenmantel und rauchte eine kurze Pfeife. Sie belauerten einander, noch ein wenig ungewiß, wer als erster von ihnen angreifen werde. Natürlich fing der beweglichere Prokop an. Blitzschnell wählte er unter den verschiedenen Möglichkeiten den Weg der Gewalt, stürzte sich auf den Mann mit der Pfeife und brachte ihn mit einem wahren Widderstoß seiner rohen Kraft zu Fall. Nun preßte er ihn mit Brustkorb und Ellbogen gegen die regennasse Straße, ein wenig erstaunt und ratlos, was er mit ihm beginnen sollte; er konnte ihn doch nicht wie ein Huhn abwürgen. Der Mann unter ihm ließ die Pfeife nicht aus dem Mundwinkel und wartete ab. »Ergib dich!« rief Prokop keuchend, aber im gleichen Augenblick bekam er einen heftigen Stoß mit dem Knie gegen den Bauch und mit der Faust gegen die Stirn, daß er in den Straßengraben flog.

Als er sich ein wenig aufgerappelt hatte, erwartete er einen neuen Hieb; doch der Mann mit der Pfeife stand ruhig auf der Straße und beobachtete ihn. »Mehr?« fragte er grinsend. Prokop schüttelte den Kopf. Da begann der Mann mit einem ausnehmend schmutzigen Taschentuch Prokops Kleider zu bearbeiten. »Straßenkot«, bemerkte er und rieb daran so energisch wie möglich.

»Zurück?« fragte er schließlich, wobei er auf die grüne Pforte wies. Prokop nickte schwach. Der Mann mit der Pfeife geleitete ihn zur alten Burgmauer, hockte sich nieder, die Hände aufgestützt, und befahl trocken: »Steigen Sie hinauf!« Prokop faßte nach den überhängenden Sträuchern und zog sich hinauf. Er fühlte sich so beschämt, daß er am liebsten losgeheult hätte.

Aber ein Mißgeschick kommt selten allein: Wie er so zerkratzt und geschwollen, über und über beschmutzt und auf das schlimmste gedemütigt die Schloßtreppe in sein ›Kavalierzimmer‹ hinauf schlich, begegnete er der Prinzessin. Prokop tat, als ob er ein Fremder wäre und sie gar nicht kenne; er grüßte nicht und raste wie eine aus Straßenkot modellierte Statue treppauf. Als er an ihr vorbeikam, fing er ihren erstaunten, herrischen und wirklich sehr beleidigenden Blick auf. Prokop blieb plötzlich stehen. »Halt!« schrie er; die Stirn schien unter dem Wutausbruch fast zu bersten. »Gehen Sie, und sagen Sie ihnen, sagen Sie ihnen, daß . . . daß sie der Teufel holen soll . . . und daß ich mich nicht einsperren lasse, verstanden? Nein, ich lasse mich nicht«, brüllte er nun und schlug mit der Faust gegen das Geländer, daß es nur so dröhnte. Daraufhin raste er wieder in den Park zurück. Die Prinzessin stand da, blaß bis an die Lippen und wie versteinert.

Wenige Augenblicke später drang jemand, von Straßenkot bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in das Pförtnerhaus ein, warf den Eichentisch um, an dem der Alte gerade sein Abendessen einnahm, packte Bob an der Kehle und stieß ihn mit dem Kopf gegen die Wand, bis er halb skalpiert und betäubt war; worauf er sich der Schlüssel bemächtigte, das Tor öffnete und hinauslief. Dort traf er einen wachhabenden Soldaten, der sofort einen Warnungsruf ausstieß und das Gewehr von der Schulter riß. Aber ehe er noch einen Schuß abgeben konnte, packte ihn der Unbekannte, entwand ihm das Gewehr und zerschmetterte ihm mit dem Kolben das Schlüsselbein. Da kamen bereits die nächststehenden Wachen zu Hilfe. Die dunkle Gestalt schleuderte ihnen das Gewehr entgegen und stürzte in den Park zurück.

Fast im gleichen Augenblick wurde der Nachtwächter beim Tor C angefallen. Eine dunkle, hohe Gestalt begann ihn ganz unerwartet mit Hieben gegen das Kinn zu traktieren. Der Wächter, ein blonder Riese, hielt erst, aufs höchste überrascht, eine Weile stand, ehe ihm einfiel, Alarm zu pfeifen. Da ließ ihn der Unbekannte fluchend los und verschwand im dunklen Park. Die Folge war, daß man Verstärkungen alarmierte und den Park von zahlreichen Streifen durchsuchen ließ.

Gegen Mitternacht demolierte jemand das steinerne Geländer auf der Parkterrasse und warf einen zehn Kilogramm schweren Stein auf den Wachtposten, der unten in zehn Meter Tiefe vorbeikam. Der Soldat gab einen Schuß ab, worauf sich eine wahre Flut politischer Beleidigungen über ihn ergoß; dann war alles ruhig. Zu diesem Zeitpunkt kamen die aus Dikkeln herbeigerufenen Kavalleristen angeritten, während die gesamte Garnison von Balttin mit gezückten Seitengewehren die Büsche und Sträucher durchstöberte. Im Schloß schlief längst niemand mehr. Um ein Uhr fand man beim Tennisplatz einen betäubten Soldaten ohne Gewehr. Bald darauf kam es im Birkenhain zu einer kurzen, aber ausgiebigen Schießerei; verwundet wurde zum Glück niemand. Herr Carson, dessen Gesicht Besorgnis ausdrückte, schickte Prinzessin Wille, die sich aus einem ganz rätselhaften Grunde auf den Kampfplatz gewagt hatte, mit allem Nachdruck ins Schloß zurück. Doch die Prinzessin, in der Nachtkühle fröstelnd, sah ihn mit seltsam großen Augen an und sagte, er möge sie gefälligst in Ruhe lassen. Herr Carson zuckte mit den Schultern und ließ sie bei ihrem törichten Vorhaben.

Obgleich es um das Schloß herum nur so von Menschen wimmelte, begann jemand methodisch die Schloßfenster einzuwerfen. Verwirrung entstand, denn gleichzeitig fielen zwei, drei Schüsse auf der Straße. Herr Carson sah höchst beunruhigt aus.

Die Prinzessin ging inzwischen schweigend den Gartenweg zwischen den Rotbuchen entlang. Auf einmal stürzte ihr eine riesenhafte, dunkle Gestalt entgegen, blieb vor ihr stehen, drohte mit den Fäusten, zischte etwas von Schande und Skandal und tauchte wieder in den knackenden, von den Regenschauern triefenden Büschen unter. Die Prinzessin kehrte um und hielt eine Streife an: Dort, woher sie gerade komme, sei niemand. Ihre Augen standen weit offen und glänzten wie im Fieber. Bald darauf vernahm man Schüsse aus den Büschen hinterm Teich; dem Klange nach waren es Schrotbüchsen. Herr Carson schimpfte, die Knechte vom Gutshof sollten sich nicht einmischen, sonst bekämen sie es mit ihm zu tun. Da wußte er noch nicht, daß jemand mit einem Stein eine der herrlichen dänischen Doggen erschlagen hatte.

Im Morgengrauen fand man Prokop in tiefem Schlafe auf einem Strecksessel in der japanischen Laube. Er sah trostlos zerkratzt und verschmutzt aus. Rock und Hose waren zerfetzt; auf der Stirn hatte er eine faustgroße Beule, und die Haare waren blutverklebt. Herr Carson schüttelte den Kopf über den schlafenden Helden der Nacht. Herr Paul kam herbeigeschlichen und deckte den schnarchenden Schläfer mit einer warmen Wolldecke zu. Dann brachte er sogar ein Waschbecken mit Wasser, frische Wäsche und einen funkelnagelneuen Sportanzug von Herrn Drehbein und schlich auf den Zehenspitzen wieder davon.

Nur zwei unauffällige Männer in Zivil, die Revolver in den rückwärtigen Hosentaschen, gingen bis Tagesanbruch in der Nähe der japanischen Laube auf und ab. Sie hatten die ungezwungenen Gesichter von Menschen, die den Sonnenaufgang bewachen.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.