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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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23

Prokop schlenderte durch den Park, verärgert und gähnend vor Müdigkeit. Er wunderte sich, was man hier eigentlich von ihm wollte, musterte kritisch seine Schuhe, die Soldatentretern verdammt ähnlich sahen, und seine abgetragene Hose. So in Gedanken versunken, wäre er beinahe mitten auf den Tennisplatz geraten, wo die Prinzessin mit zwei Kavalieren in weißem Dreß spielte. Er bog rasch ab und ging in der Richtung, wo er das Ende des Parks vermutete. Wirklich endete dort der Park in einer Art Terrasse, einer Steinbalustrade mit einer etwa zwölf Meter hohen Mauer. Man konnte sich an der Aussicht auf die Kiefernwäldchen und an dem Soldaten, der unten mit aufgepflanztem Seitengewehr auf und ab ging, ergötzen.

Prokop ging in der Richtung, wo der Park sanft abfiel. Er fand dort einen Teich mit Kabinen, überwand die Verlockung, ein Bad zu nehmen, und ging weiter in einen kleinen Birkenhain. Hier gab es bloß einen Lattenzaun mit einer Pforte bei einem halb verwachsenen Pfad. Sie war nicht einmal geschlossen, man konnte hinaus in den Kiefernwald. Aha, da war ein mehr als vier Meter hoher Zaun aus Stacheldraht! Wieviel so ein Draht wohl aushält? Prokop versuchte es vorsichtig erst mit der Hand, dann mit dem Fuß, bis er merkte, daß ihm ein Soldat mit aufgepflanztem Seitengewehr jenseits des Zaunes interessiert zusah.

»Eine Hitze heute!« sagte Prokop, um die Sache zu vertuschen.

»Das ist ein verbotener Weg«, sagte der Soldat. Prokop machte auf der Stelle kehrt und schritt den Stacheldrahtzaun entlang. Der Kiefernwald ging in Jungwald über, und dahinter befanden sich Schuppen und Ställe, offenbar der herrschaftliche Wirtschaftshof. Prokop blickte durch den Zaun hinein; da erhob sich im Innern ein fürchterliches Knurren und Bellen, und bald sprang ein gutes Dutzend Doggen, Bluthunde und Wolfshunde wütend am Zaun hoch. Vier mißtrauische Augenpaare blickten aus vier Türen. Prokop grüßte für alle Fälle und wollte weitergehen. Da kam ihm ein Knecht nachgelaufen und sagte: »Der Weg hier ist verboten«, worauf er ihn zur Pforte im Birkenhain zurückführte.

Das alles verstimmte Prokop sehr. Carson muß mir zeigen, wie man da hinauskommt, nahm er sich vor. Ich bin doch kein Kanarienvogel, den man in einem Käfig hält. Er wich dem Tennisplatz in weitem Bogen aus und schlug die Richtung zum Parkweg ein, den ihn Carson zum Schlosse hinaufgeführt hatte. Aber da verstellte ihm ein Mann mit Tellermütze den Weg und fragte ihn, wohin er gehe.

»Hinaus«, sagte Prokop kurz. »Der Weg ist verboten«, erklärte ihm der Mann mit der Mütze; hier komme man zu den Munitionsbaracken, und wer dorthin wolle, müsse sich mit einem Laissez-passer der Direktion ausweisen. Übrigens, der Weg zum Tor aus dem Schlosse direkt ins Freie führe hier zurück und dann links, bitte.

Prokop ging also den Hauptweg zurück und dann links und gelangte an ein großes Gittertor. Der alte Pförtner kam, um zu öffnen. »Den Schein, bitte!«

»Was für ein Schein?«

»Den Passierschein.«

»Was für einen Passierschein?«

»Daß Sie hinausdürfen.«

Prokop wurde wütend. »Bin ich hier in einem Gefängnis?«

Der Alte zuckte bedauernd die Achseln. »Ich habe den Befehl heute bekommen.«

Armer Tropf, wen kannst du schon zurückhalten! dachte Prokop. Man brauchte doch nur so zu machen –

Da tauchte im Fenster des Pförtnerhauses ein bekanntes Gesicht auf, das einem gewissen Bob ungewöhnlich ähnlich sah. Prokop führte seinen Gedanken erst gar nicht zu Ende, kehrte auf der Stelle um und ging zum Schloß zurück. Verdammt noch mal, sagte er sich, das sieht ja gut aus; als ob man im Gefängnis wäre! Schön, dann werde ich mit Carson darüber reden. Ich pfeife auf ihre Gastfreundschaft und gehe auch nicht zum Mittagessen. Ich setze mich nicht an einen Tisch mit diesen albernen Hampelmännern, die sich auf dem Tennisplatz hinter meinem Rücken über mich lustig gemacht haben. – Höchst verärgert begab sich Prokop in die ihm zugewiesenen Zimmer und warf sich auf die alte Chaiselongue, daß es nur so krachte. Eine Weile später klopfte Herr Paul an und fragte freundlich und besorgt, ob der Herr zum Déjeuner gehe.

»Nein«, brummte Prokop.

Herr Paul verbeugte sich und verschwand. Nach einer Weile kam er wieder, einen Serviertisch vor sich herschiebend, der mit Gläsern, hauchdünnem Porzellan und Silber gedeckt war.

»Weiß- oder Rotwein, bitte?« fragte er aufmerksam. Prokop brummte wieder etwas, was sich anhörte wie: Man solle ihn in Ruhe lassen.

Herr Paul ging auf den Zehenspitzen zur Tür und nahm dort eine große Schüssel aus zwei weißbehandschuhten Pranken in Empfang. »Consommé de tortues«, flüsterte er und schenkte Prokop ein, worauf die Schüssel wieder zwischen den weißen Pranken verschwand. Auf dem gleichen Weg tauchten Fisch, Braten, Salate und allerlei Dinge auf, die Prokop nicht einmal dem Namen nach kannte und von denen er auch nicht recht wußte, wie man sie aß. Doch schämte er sich vor Herrn Paul, seine Verlegenheit merken zu lassen. »Setzen Sie sich«, sagte er zu ihm und kostete mit Nase und Gaumen einen herben, hellen Wein. Herr Paul verbeugte sich und blieb natürlich stehen.

»Hören Sie, Paul«, sagte Prokop, »glauben Sie, daß ich hier festgehalten werde?«

Herr Paul zuckte höflich mit den Schultern. »Das weiß ich nicht, bitte.«

»Wie gelangt man von hier hinaus?«

Herr Paul überlegte erst eine Weile. »Den Hauptweg entlang und dann links. Belieben der gnädige Herr etwas Kaffee?«

»Ja, meinetwegen.« Prokop verbrühte sich die Kehle mit einem herrlichen Mokka. Herr Paul reichte ihm dann eine Zigarrenschachtel mit allen Düften Arabiens und einen silbernen Leuchter. »Hören Sie, Paul«, begann Prokop wieder, wobei er die Spitze der Zigarre abbiß. »Kannten Sie vielleicht einen gewissen Tomesch?«

Herr Paul hob die Brauen und dachte scharf nach. »Nicht, daß ich wüßte.«

»Mhm. – Wieviel Soldaten gibt es hier?«

Herr Paul überlegte und rechnete nach. »Auf der Hauptwache etwa zweihundert Infanteristen. Dann kommen die Feldgendarmen. Über deren Zahl bin ich nicht informiert. In Balttin-Dikkeln liegt eine Schwadron Husaren, auf der Schießstätte in Balttin-Dikkeln eine Abteilung Kanoniere, deren Stand wechselt.«

»Wozu sind die Feldgendarmen da?«

»Hier herrscht ständiger Ausnahmezustand wegen der Munitionsfabrik.«

»So! Und wird hier nur der Umkreis bewacht?«

»Hier gibt es bloß Posten, bitte. Die Kette beginnt weiter draußen, jenseits des Waldes.«

»Was für eine Kette?«

»Die Bewachungszone. Die darf niemand betreten.«

»Und wenn man abreisen wollte –?«

»Dazu braucht man eine Bewilligung des Stationskommandanten. Wünscht der Herr noch etwas?«

»Nein, danke.«

Prokop streckte sich auf dem Liegesofa aus wie ein satter Pascha. Wir werden sehen, dachte er, bisher war es nicht allzu schlimm. Er wollte alles überlegen, aber statt dessen erinnerte er sich, wie ihm Carson davongelaufen war. Ich sollte ihn nicht einholen können? fiel ihm ein, und schon lief er ihm nach. Ein einziger Fünfmetersprung genügte; aber da erhob sich Carson wie eine Heuschrecke und überflog glatt eine Gruppe Sträucher. Prokop stampfte mit dem Fuß auf und erhob sich in die Luft; er brauchte nur die Füße zu bewegen, und schon schwebte er über dem Buschwerk. Ein neuerlicher Absprung, und er flog weiter, ohne sich länger um Carson zu kümmern. Leicht und frei wie ein Vogel glitt er zwischen den Bäumen dahin, versuchte einige Ruderbewegungen mit den Beinen und stieg immer höher. Es gefiel ihm außerordentlich. Mit mächtigen Schlägen schraubte er sich in die Höhe. Unter seinen Füßen breitete sich wie auf einer sauber gezeichneten Landkarte der Schloßpark mit seinen Lauben, Rasen und gewundenen Wegen; man konnte die Tennisplätze unterscheiden, den Teich, das Schloßdach, den Birkenhain; dort war der Gutshof mit den Hunden, der Stacheldraht, rechts davon lagen die Munitionsbaracken und dahinter die Mauer. Prokop nahm in der Luft Richtung nach der ihm bisher unbekannten Seite des Parkes. Unterwegs stellte er fest, daß das, was er für eine Terrasse gehalten hatte, das einstige Festungswerk des Schlosses war, eine mächtige Bastei mit einem Wassergraben, der wohl früher einmal vom Teich aus gespeist wurde. Sein Hauptaugenmerk galt dem Teil des Parkes zwischen Haupteingang und Bastei: verwachsene Gartenwege mit wildem Strauchwerk, ein etwa nur noch drei Meter hoher Wall und davor ein Abfall- oder Komposthaufen, ein Gemüsegarten mit einer ziemlich verfallenen Mauer und einer grünen Gartenpforte. Dahinter begann die Straße. Das will ich mir doch näher ansehen, überlegte Prokop und ließ sich langsam hinunter. Da sprengte auf der Straße eine Schwadron Reiterei mit gezückten Säbeln heran, gerade auf ihn zu. Prokop zog die Beine bis zum Kinn an, um dem blitzenden Stahl zu entgehen. Dadurch aber bekam er einen so steilen Auftrieb, daß er wie ein Pfeil hochschnellte. Als er wieder hinunterblickte, sah er alles winzig klein wie aus der Vogelperspektive. Auf der Straße kam eine kleine Batterie Geschütze angefahren, die funkelnden Mündungen kehrten sich nach oben, ein weißes Wölkchen schoß hervor, und bums! die erste Granate ging über Prokops Kopf hinweg. Sie schießen sich ein, dachte Prokop und ruderte rasch mit den Händen, um weiterzukommen. Bums! Die zweite Granate heulte knapp an ihm vorbei. Prokop trat so rasch wie nur möglich den Rückzug an. Bums! Der dritte Schuß zerschmetterte ihm die Flügel, Prokop stürzte kopfüber in die Tiefe und erwachte. Er hörte Klopfen an der Türe.

»Herein!« schrie Prokop und sprang auf, ohne zu wissen, wo er sich eigentlich befand.

Ein weißhaariger, vornehmer Herr in Schwarz trat ein und verneigte sich tief.

Prokop rührte sich nicht und wartete, bis ihn der vornehme Herr ansprechen würde.

»Drehbein«, sagte der Mann und machte wieder eine tiefe Verbeugung.

Zumindest ein Minister, dachte Prokop und verbeugte sich ebenso tief. »Prokop«, stellte er sich vor. »Was wünschen Sie?«

»Wenn Sie die Güte hätten, ein wenig stillzustehen.«

»Bitte«, sagte Prokop aufs höchste erstaunt und zugleich begierig, was man mit ihm vorhatte.

Der weißhaarige Herr musterte Prokop mit halbzugekniffenen Augen; er ging sogar um ihn herum und beäugte Prokops Rücken.

»Wenn Sie die Güte hätten, ein wenig gerade zu stehen.«

Prokop stand stramm wie ein Soldat; was, zum Kuckuck, sollte das –

»Mit Verlaub«, sagte der Herr und kniete vor Prokop nieder.

»Was wollen Sie?« entfuhr es Prokop und wich einen Schritt zurück.

»Maß nehmen.« Und schon entnahm er seiner hinteren Rocktasche ein zusammengerolltes Metermaß und begann, Prokop die Hose anzumessen.

Prokop trat bis ans Fenster zurück. »Lassen Sie das«, knurrte er gereizt. »Ich habe keinen Anzug bestellt.«

»Aber ich habe meinen Auftrag«, bemerkte der Herr höflich.

»Gehen Sie zum –«, fuhr ihn Prokop an. »Ich brauche keinen Anzug, verstanden?«

»Bitte«, stimmte Herr Drehbein zu, hockte sich vor Prokop hin, hob ihm die Weste und zupfte am unteren Hosenrand. »Um zwei Zentimeter länger«, bemerkte er im Aufstehen. »Mit Verlaub.« Dabei fuhr er ihm kennerhaft mit der Hand in den Ärmel. »Zu weit.«

»Schon gut so«, brummte Prokop und kehrte ihm den Rücken.

»Danke«, sagte der Herr und glättete ihm eine Falte am Rücken.

Prokop fuhr wütend herum. »Hände weg oder –«

»Verzeihen«, entschuldigte sich der Herr, indem er ihn sanft um die Hüften nahm. Noch ehe ihn Prokop hindern konnte, hatte ihm der Herr die Schnalle an der Weste zugezogen, trat nun einen Schritt zurück und prüfte, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, Prokops Taille. »So ist es recht, ja«, bemerkte er durchaus zufrieden und verneigte sich tief. »Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

»Scher dich zum Teufel«, schrie ihm Prokop nach, »morgen bin ich ohnehin nicht mehr da.« Gereizt durchmaß er das Zimmer von einer Ecke zur andern. »Die glauben wohl, ich bleibe ein halbes Jahr hier!«

Da klopfte es wieder; Herr Carson trat mit einer wahren Unschuldsmiene ein. Prokop blieb, die Hände auf dem Rücken, stehen und maß ihn mit wütenden Blicken. »Sagen Sie einmal«, fragte er scharf, »wer sind Sie eigentlich?«

Herr Carson zuckte mit keiner Wimper, kreuzte die Hände über der Brust und verneigte sich wie ein Türke. »Prinz Aladin«, sagte er, »ich bin Dschinn, dein Sklave. Befiehl, und ich erfülle jeden deiner Wünsche. Geruhten Sie gut zu schlafen? Nun, Verehrtester, wie gefällt es Ihnen hier?«

»Großartig«, antwortete Prokop bitter. »Ich möchte nur eins wissen, ob ich hier gefangengehalten werde und mit welchem Recht?«

»Gefangen?« tat Herr Carson erstaunt. »Ja, um Himmels willen, hat man Sie am Ende nicht in den Park hinausgelassen?«

»Doch, aber nicht aus dem Park hinaus.«

Herr Carson schüttelte teilnahmsvoll den Kopf. »Unangenehm! Es tut mir furchtbar leid, daß Sie unzufrieden sind. Haben Sie im Teich gebadet?«

»Nein. Wie komme ich von hier hinaus?«

»Nun, durch den Haupteingang natürlich. Gehen Sie geradeaus und dann links –«

»Und dort zeigen Sie den Passierschein – das kenne ich. Der fehlt mir ja leider!«

»Das ist schade«, meinte Herr Carson. »Die Umgebung ist sehr hübsch.«

»Und vor allem gut bewacht.«

»Ja, gut bewacht«, stimmte Herr Carson zu. »Vortrefflich ausgedrückt.«

Prokop stieg die Zornesröte ins Gesicht.

»Meinen Sie vielleicht, es sei angenehm, alle nasenlang auf ein Bajonett oder einen Stacheldraht zu stoßen?«

»Wo denn?« wunderte sich Herr Carson.

»Überall im Außenbezirk des Parkes.«

»Was haben Sie im Außenbezirk des Parkes verloren? Gehen Sie innerhalb des Parkes spazieren, und die Sache ist in Ordnung.«

»Ich bin also gefangen?«

»Was fällt Ihnen ein! Damit ich nicht vergesse, hier ist ein Ausweis für Sie. Laissez-passer fürs Werk, wenn Sie es sich zufällig ansehen wollen.«

Prokop nahm den Ausweis entgegen. Er wunderte sich; der Ausweis war bereits mit seinem Bild versehen, das man offenbar am gleichen Tage angefertigt hatte. »Und damit komme ich hinaus?«

»Das nicht«, sagte Herr Carson rasch. »Ich würde es Ihnen auch nicht geraten haben. Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Sie verstehen? Sehen Sie sich das an!« sagte er beim Fenster.

»Was gibt es?«

»Egon lernt boxen. Ätsch, jetzt hat er einen abgekriegt! Das ist von Graun, sehen Sie? Haha, der Junge hat Courage!«

Prokop blickte angewidert in den Hof hinunter, wo ein halbnackter Knabe, aus Mund und Nase blutend und vor Schmerz und Wut aufheulend, sich immer wieder auf den älteren Gegner stürzte, worauf er im nächsten Augenblick blutiger und jämmerlicher als zuvor zurückschnellte. Was Prokop besonders mißfiel, war, daß der alte Fürst, der im Fahrstuhl sitzend zusah, aus vollem Halse lachte und daß sich Prinzessin Wille dabei ruhig mit einem hübschen Kavalier unterhielt. Endlich fiel Egon ganz benommen in den Sand und ließ das Blut aus der Nase abtropfen.

»Viehisch«, bemerkte Prokop, die Fäuste ballend.

»Hier darf man nicht so empfindlich sein«, erklärte Herr Carson. »Harte Zucht. Ein Leben . . . wie beim Militär. Wir verzärteln hier niemanden«, setzte er nachdrücklich hinzu; es hörte sich an wie eine Drohung.

»Carson«, sagte Prokop ernst, »ich bin hier also . . . in . . . einem Gefängnis?«

»Davon kann keine Rede sein! Sie befinden sich nur in einem bewachten Werk. In einer Munitionsfabrik geht es schließlich nicht wie beim Friseur zu. Das müssen Sie verstehen und sich eben anpassen.«

»Morgen reise ich ab«, fuhr Prokop auf.

»Haha«, lachte Herr Carson und versetzte ihm einen leichten Klaps auf den Bauch. »Ein ausgezeichneter Witz! Sie kommen also heute abend zu uns.«

»Ich gehe nirgends hin! Wo ist Tomesch?«

»Was? Ach ja, Tomesch. Nun, vorläufig sehr weit. Hier ist der Schlüssel zu Ihrem Laboratorium. Dort wird Sie niemand stören. Schade, daß ich keine Zeit habe.«

»Carson!« Prokop wollte ihn zurückhalten, aber ein fast befehlshaberischer Wink bannte ihn auf der Stelle; Herr Carson schlüpfte, pfeifend wie ein geübter Singvogel, hinaus.

Prokop begab sich mit seinem Ausweis zum Haupteingang. Der alte Pförtner studierte ihn und schüttelte den Kopf; er gelte nur für das Tor C, von wo der Weg zu den Laboratorien führe. Prokop wanderte zum Tor C. Der Mann mit der flachen Mütze prüfte den Ausweis und zeigte ihm die Richtung: hier geradeaus, dann der dritte Seitenweg nördlich. Prokop schlug natürlich den ersten Weg südlich ein; aber nach fünf Schritten hielt ihn ein Feldgendarm an: zurück und den dritten Weg links. Prokop pfiff auf den dritten Weg links und ging geradeaus über die Wiese, gleich darauf kamen ihm drei Leute nachgelaufen, der Weg hier sei verboten. Also trollte er sich gehorsam den dritten Weg links, aber als er sich von niemandem mehr beobachtet glaubte, steuerte er auf die Munitionsbaracken zu. Dort hielt ihn ein Soldat mit Seitengewehr an und belehrte ihn, daß er zur Kreuzung VII, Weg N 6, zu gehen habe. Prokop versuchte es immer wieder; aber überall wurde er angehalten und auf den Weg VII, N 6, zurückgeschickt. Schließlich nahm er Vernunft an und begriff, daß der Ausweis mit den Buchstaben ›C 3 n. w. F. H. A. VII, N 6, Bar. V. 7. S. b.!‹ einen geheimen Befehl verkörperte, dem man sich blindlings unterzuordnen hatte. Also ging er den ihm gewiesenen Weg. Hier gab es keine Munitionsbaracken, sondern kleine, verschieden bezifferte Betonbauten; allem Anschein nach waren es Versuchslaboratorien, die zwischen Sandhügeln und Lärchenwäldchen verstreut lagen. Sein Weg führte in Serpentinen zu einem ganz allein stehenden Häuschen V. 7. An der Türe war eine Messingtafel angebracht: ›Ing. Prokop.‹ Prokop schloß mit dem Schlüssel, den ihm Carson gegeben hatte, auf und trat ein.

Es war ein mustergültig eingerichtetes Laboratorium für Sprengstoffchemie – so modern und vollkommen, daß Prokop, der Fachmann, vor Freude den Atem anhielt. An einem Nagel hing sein alter Arbeitsmantel, in der Ecke stand ein Feldbett mit einem Strohsack wie daheim, und in den Fächern eines großartig ausgestatteten Schreibtisches lagen sorgfältig geordnet und katalogisiert seine sämtlichen gedruckten Abhandlungen und schriftlichen Aufzeichnungen.

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