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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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22

Es entschied sich leider anders, als er erwartet hatte.

Sein Plan war, in Balttin den Mann, der sich ihm als Carson vorgestellt hatte, aufzusuchen und ihm etwa folgendes zu sagen: Ich pfeife auf Ihr Geld. Sie bringen mich sofort mit Georg Tomesch zusammen, mit dem ich eine Angelegenheit zu bereinigen habe, und bekommen dafür einen guten Sprengstoff. Sagen wir ein Jodfulminat mit garantierter Detonation von etwa elftausend Sekundenmetern oder meinetwegen ein gewisses Metallacid mit seinen sicheren dreizehntausend. Machen Sie damit, was Sie wollen. (Sie wären schön dumm, auf ein solches Geschäft nicht einzugehen.)

Das Werk in Balttin schien ihm von außen nicht sonderlich groß. Er stutzte ein wenig, als er anstelle eines Portiers einen Wachtposten antraf. Er fragte ihn nach Herrn Carson (– zum Kuckuck, der Mann hieß ja gar nicht so!). Der Soldat sagte kein Wort, sondern führte ihn zum Feldwebel. Der sagte auch nicht mehr, sondern brachte Prokop zum diensthabenden Offizier. Ingenieur Carson sei hier unbekannt, meinte der Offizier, was er von ihm wolle? Prokop erklärte, daß er eigentlich Herrn Tomesch sprechen möchte. Das wirkte derart auf den Offizier, daß er nach dem Obersten schickte. Der Oberst, ein sehr dicker, asthmatischer Herr, begann Prokop eindringlich auszuforschen, wer er sei und was er hier wolle. Nun waren in der Kanzlei bereits fünf Militärpersonen anwesend, die Prokop in Augenschein nahmen, daß ihm angst und bang wurde. Offenbar erwarteten sie jemanden, den man inzwischen verständigt hatte. Als dieser Jemand wie ein Wirbelwind herbeigeeilt kam, zeigte sich, daß es Herr Carson war. Sie titulierten ihn Direktor. (Seinen wirklichen Namen erfuhr Prokop nie.) Carson schrie vor Freude auf, als er Prokop erblickte, und behauptete, man hätte ihn schon lange erwartet, und so weiter. Er ließ sofort ins ›Schloß‹ telefonieren, man solle die ›Kavalier‹-Fremdenzimmer vorbereiten, faßte Prokop unter und führte ihn durch das Balttinsche Werk. Dabei zeigte sich, daß das, was Prokop für die Fabrik gehalten hatte, bloß die Unterkünfte für das Militär und die Feuerwehr am Eingang zum Werke waren. Von dort führte eine lange Chaussee durch einen Tunnel zu einem etwa zehn Meter hohen, bewachsenen Damm. Herr Carson stieg mit Prokop hinauf, und nun erst konnte sich Prokop überzeugen, was die Balttinschen Werke in Wirklichkeit waren: eine ganze Stadt von Munitionsbaracken, mit Ziffern und Buchstaben bezeichnet, rasenbedeckte Hügel, die als Lager dienten, ein Stück weiter ein Bahnhofspark mit Verladerampen und Kranen und im Hintergrund schwarze Gebäude und Bretterbuden. »Sehen Sie den Wald dort?« Herr Carson wies gegen den Horizont. »Dahinter liegen erst die Versuchslaboratorien. Und dort, die kleinen Sandhügel, das ist die Schießstätte. Tja. Hier im Park liegt das Schloß. Sie werden Augen machen, wenn ich Ihnen die Laboratorien zeige. Das Modernste vom Modernen. Jetzt gehen wir ins Schloß.«

Herr Carson plauderte fröhlich drauflos, aber weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. Sie gingen gerade durch den Park; hier zeigte er ihm eine sehr seltene Art von Amorphophalus und dort ein sehr rares japanisches Kirschbäumchen. Nun standen sie vor dem mit Efeu bewachsenen Schloß von Balttin. Am Eingang erwartete sie ein stiller, feiner Alter in weißen Handschuhen namens Paul, der Prokop geradewegs ins ›Kavalier‹-Zimmer führte. Prokop hatte ähnliches noch nie gesehen: Parkett, englisches Empire, alles alt und wertvoll, daß er kaum wagte, sich niederzusetzen. Noch ehe er sein Brausebad beendet hatte, war Paul wieder da, brachte Eier, eine Flasche Wein und ein Glas und ordnete alles so sorgfältig auf dem Tisch an, als gelte es, eine Prinzessin zu bedienen. Unterhalb der Fenster lag der mit hellem Sand bestreute Hof. Ein Stallknecht in Stulpenstiefeln hielt einen hohen Apfelschimmel an der langen Laufleine und ließ ihn im Kreise traben; neben ihm stand ein schlankes, braunes Mädchen, das mit halb zugekniffenen Augen die Gangart des Pferdes verfolgte. Sie gab einen kurzen Befehl, worauf sie niederkniete und die Fesseln des Pferdes befühlte.

Herr Carson kam gleich einem Wirbelwind herbeigejagt: Er müsse jetzt Prokop dem Generaldirektor vorstellen. Sie gingen über einen langen weißen Flur, den zu beiden Seiten schwarze, geschnitzte Stühle säumten, während an den Wänden eine Unzahl von Geweihen hing. Ein Diener in rosa Uniform mit weißen Handschuhen öffnete ihnen eine Tür, Herr Carson schob Prokop in eine Art Rittersaal hinein, worauf sich die Tür hinter ihnen schloß. Am Schreibtisch stand ein hochgewachsener alter Herr, so merkwürdig aufgerichtet, als hätte man ihn soeben aus dem Schrank geholt und zur Begrüßung vorbereitet.

»Herr Ingenieur Prokop, Durchlaucht«, sagte Carson, »Fürst Hagen-Balttin.«

Prokop schnitt ein finsteres Gesicht und machte eine zornige Kopfbewegung; wahrscheinlich sollte das eine Verbeugung sein.

»Seien Sie – uns – willkommen«, ließ sich Fürst Hagen vernehmen und reichte ihm eine überschlanke Hand. Prokop bewegte wieder den Kopf.

»Ich – hoffe – Sie – werden – sich – bei – uns – wohl fühlen«, fuhr der Fürst fort, der, wie Prokop bemerkte, halbseitig gelähmt war.

»Geben – Sie – uns – die – Ehre – bei Tisch«, sagte der Fürst, offenbar in Sorge, das künstliche Gebiß könnte ihm herausfallen.

Prokop trat nervös von einem Fuß auf den andern. »Verzeihen Sie, Fürst«, begann er endlich, »aber ich kann mich hier nicht aufhalten; ich – ich muß noch heute –«

»Ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen«, ließ sich Herr Carson im Hintergrund vernehmen.

»Ich muß mich noch heute empfehlen«, wiederholte Prokop hartnäckig. »Ich wollte bloß . . . bitten, daß Sie mir sagen, wo sich Tomesch aufhält. Ich wäre . . . gegebenenfalls bereit, als Gegenleistung dafür . . .«

»Was?« rief der Fürst und starrte Carson vollkommen verständnislos an. »Was – will er?«

»Lassen Sie das vorläufig«, zischte Herr Carson Prokop ins Ohr. »Herr Prokop meint, Durchlaucht, er sei auf Ihre Einladung nicht vorbereitet. Macht nichts«, wandte er sich wieder lebhaft an Prokop, »ich habe schon alles angeordnet. Heute gibt es ein Déjeuner im Freien, also . . . keinen schwarzen Anzug; Sie können ruhig im Straßenanzug kommen. Ich habe bereits dem Schneider telegrafiert; seien Sie ohne Sorge, mein Bester. Morgen ist alles in Ordnung. Tja.«

»Es wird – uns – eine Ehre – sein«, beendete der Fürst das Gespräch und reichte Prokop die leblosen Finger.

»Was soll das bedeuten?« schrie Prokop draußen im Flur und packte Carson am Arm. »Jetzt reden Sie, oder –« Herr Carson brach in Lachen aus und entwischte ihm wie ein Gassenjunge. »Oder – was oder?« sagte er kichernd und lief und hüpfte wie ein Ball vor ihm her. »Wenn Sie mich fangen, sage ich Ihnen alles. Ehrenwort.«

»Sie Clown, Sie«, schimpfte Prokop wütend und rannte hinter ihm her. Herr Carson gackerte, sprang die Treppe hinunter und rutschte an den Blechrittern vorbei in den Park hinaus. Dort hüpfte er wie verrückt auf dem Rasen umher, wobei er sich offensichtlich über Prokop lustig machte. »Nun«, schrie er, »was werden Sie mir antun?«

»Verprügeln«, brüllte Prokop und stürzte sich mit seiner ganzen Körperlast auf ihn. Carson quietschte vor Vergnügen und schlug einen Haken wie ein Hase. »Rasch«, rief er, »hier bin ich.« Schon war er Prokop wieder unter den Händen entwischt und verhöhnte ihn hinter einem Baum.

Prokop verfolgte ihn schweigend mit geballten Fäusten; er sah so ernst und furchtbar aus wie Ajax der Held. Er keuchte bereits atemlos, da bemerkte er, daß von den Schloßstiegen aus die braune Amazone ihren Wettlauf mit halb zugekniffenen Augen verfolgte. Er schämte sich sehr, blieb stehen und fürchtete fast, das Mädchen könnte kommen und seine Fesseln befühlen.

Herr Carson, der wieder ganz ernst aussah, schlenderte, die Hände in den Taschen, ihm entgegen und meinte freundschaftlich: »Zuwenig Training, mein Lieber. Sie dürfen nicht immerfort sitzen. Das Herz trainieren! Tja. Aah!« rief er entzückt, »unsere Kommandantin, hahodihoo! Die Tochter des Alten«, bemerkte er leise. »Prinzessin Wille, nämlich Wilhelmine Adelheid Maud usw. Ich muß Sie vorstellen«, sagte er wieder laut und zerrte den sich wehrenden Prokop zu dem Mädchen. »Durchlauchtigste Prinzessin«, rief er von weitem, »hier stelle ich Ihnen – gewissermaßen gegen seinen Willen – unsern neuen Gast vor. Ingenieur Prokop. Ein ganz wilder Mensch. Er will mich umbringen.«

»Guten Tag«, sagte die Prinzessin und wandte sich an Carson. »Wissen Sie, daß Whirlwind eine geschwollene Fessel hat?«

»Nicht möglich«, tat Carson erschrocken. »Arme Prinzessin!«

»Spielen Sie Tennis?«

Prokop blickte finster und wußte nicht, daß es ihm galt.

»Nein«, antwortete Carson statt seiner und versetzte ihm einen Rippenstoß. »Sie müssen spielen lernen. Die Prinzessin hat gegen die neue Weltmeisterin nur um ein Set verloren, stimmt es?«

»Weil ich gegen die Sonne stand«, wandte die Prinzessin etwas verlegen ein. »Was spielen Sie?«

Prokop wußte wieder nicht, daß er gemeint war.

»Der Herr Ingenieur ist ein Gelehrter«, legte sich Carson eifrig ins Mittel. »Er befaßt sich mit Atomexplosionen und ähnlichen Dingen. Ein grandioser Geist, im Ernst! Wir sind nur Küchenjungen, mit ihm verglichen. Aber er –«, Herr Carson pfiff begeistert, »– der reinste Zauberer. Auf Wunsch scheidet er den Wasserstoff aus dem Wismut aus. So einer ist er!«

Die grauen Augen musterten Prokop eingehend durch den Spalt. Er stand da, schwitzend vor Verlegenheit und innerlich wütend auf Carson.

»Sehr interessant«, sagte die Prinzessin und blickte gleich wieder anderswohin. »Sagen Sie ihm, er soll mir gelegentlich einiges erklären. Also zu Mittag auf Wiedersehen!«

Prokop verbeugte sich fast rechtzeitig, und Herr Carson schleppte ihn wieder in den Park zurück. »Rasse«, sagte er anerkennend. »Die Frau hat Rasse. Stolz, was? Warten Sie nur, wenn Sie die erst näher kennenlernen!«

Prokop blieb stehen. »Hören Sie, Carson, damit wir uns im klaren sind. Ich habe gar keine Absicht, hier jemanden näher kennenzulernen. Ich reise heute oder morgen ab, verstanden?«

Herr Carson kaute an einem Blatt und tat gleichgültig. »Schade«, sagte er, »hier ist es sehr schön. Aber da kann man nichts machen.«

»Sagen Sie mir endlich, wo Tomesch ist –«

»Erst wenn Sie abreisen. Wie hat Ihnen der Alte gefallen?«

»Was geht er mich an?« murrte Prokop.

»Nun ja. Ein antikes Stück, nur für Repräsentation. Leider wird er regelmäßig einmal die Woche vom Schlag gerührt. Aber Wille ist ein Prachtmädel. Dann ist noch Egon da, ein achtzehnjähriger Bengel. Beide verwaist. Ferner Gäste, ein Vetter, Prinz Suwalski, verschiedene Offiziere, Rohlauf, von Graun, na, Sie wissen schon, Jockey-Klub, der Erzieher Doktor Krafft und ähnliche Gesellschaft. Sie müssen heute abend unter uns sein. Bierabend, kein Adel, unsere Ingenieure usw. Dort in meiner Villa. Der Abend wird Ihnen zu Ehren veranstaltet.«

»Carson«, sagte Prokop, »ich möchte, ehe ich abreise, einmal ernsthaft mit Ihnen sprechen.«

»Das eilt nicht. Ruhen Sie sich aus. Ich muß an meine Arbeit. Sie können tun, was Ihnen beliebt. Keine Formalitäten. Wenn Sie baden wollen, dort ist der Teich. Alles andere später. Machen Sie sich's bequem. Tja.«

Und fort war er.

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