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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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20

»Einen Augenblick«, sagte Prokop. »Gestatten Sie, daß ich vorstelle. Ingenieur Carson, Sir Reginald Carson.«

Sir Carson zuckte zusammen, blieb jedoch voll unberührter Würde sitzen. Ingenieur Carson dagegen ließ vor Überraschung einen Pfiff vernehmen und landete auf dem Stuhl wie ein Mensch, dem die Füße unerwartet den Dienst versagen.

Prokop lehnte sich an die Tür und weidete sich mit zügelloser Schadenfreude am Anblick der beiden Herren. »Nun?« fragte er dann.

Sir Carson begann seine Papiere in der Aktentasche zu verstauen. »Gewiß«, sagte er langsam, »es wird besser sein, ich besuche Sie ein andermal.«

»Bitte nur zu bleiben«, unterbrach ihn Prokop. »Verzeihen die Herren, sind Sie vielleicht verwandt?«

»O nein«, meinte Ingenieur Carson. »Im Gegenteil.«

»Wer von Ihnen ist also wirklich Carson?«

Keiner antwortete; es war höchst peinlich.

»Lassen Sie sich die Papiere dieses Herrn zeigen«, sagte Sir Reginald scharf.

»Ohne weiters«, fuhr Ingenieur Carson auf, »aber erst nach dem Herrn Vorredner. Tja.«

»Und wer von Ihnen hat inseriert?«

»Ich«, erklärte Ingenieur Carson, ohne zu zögern. »Das war mein Einfall. Ich stelle fest, daß es auch in unserm Fach eine bodenlose Schmutzigkeit ist, fremde Einfälle kostenlos auszuwerten. Tja.«

»Erlauben Sie«, wandte sich Sir Reginald, nun wirklich moralisch entrüstet, an Prokop, »das geht denn doch zu weit! Wie hätte es denn ausgesehen, wenn noch eine zweite Anzeige unter anderem Namen erschienen wäre? Ich mußte einfach die Tatsache hinnehmen, die jener Herr dort vollzogen hatte.«

»Aha«, fuhr ihn Carson kampflustig an, »darum hat sich der Herr auch meinen Namen zugelegt.«

»Ich möchte nur feststellen«, wehrte sich Sir Reginald, »daß dieser Herr dort auch nicht Carson heißt.«

»Wie heißt er denn?« fragte Prokop begierig.

». . . Das weiß ich nicht genau«, knurrte der Lord verächtlich.

»Carson«, wandte sich Prokop an den Ingenieur, »und wer ist dieser Herr dort?«

»Die Konkurrenz«, erwiderte Herr Carson mit bitterem Humor. »Das ist jener Herr, der mich mit untergeschobenen Briefen an verschiedene Orte locken wollte. Sicherlich hätte er mich dort mit sehr, sehr netten Leuten bekannt gemacht.«

»Mit der hiesigen Militärpolizei, bitte«, brummte Sir Reginald.

Ingenieur Carson warf ihm einen bitterbösen Blick zu und räusperte sich warnend: »Darüber kein Wort, wenn ich bitten darf, sonst –«

»Vielleicht möchten die Herren noch gegenseitig einiges klarstellen?« meinte Prokop grinsend an der Tür.

»Nein, nichts weiter«, sagte Sir Reginald würdevoll. Er hatte bisher den zweiten Carson noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt.

»Ich danke Ihnen vor allem für Ihren Besuch«, sagte Prokop. »Weiter freut es mich ungemein, daß sich Krakatit in guten Händen befindet, nämlich in meinen eigenen. Wenn Sie auch nur die geringste Hoffnung hätten, es auf andere Weise zu erlangen, wäre ich kaum eine so gesuchte Persönlichkeit. Für diese unfreiwillige Auskunft bin ich Ihnen sehr verbunden.«

»Frohlocken Sie nicht zu früh«, brummte Herr Carson. »Es bleibt noch –«

»– er?« fragte Prokop, auf Sir Reginald weisend.

Herr Carson schüttelte den Kopf. »Nein, nein! Aber der unbekannte Dritte.«

»Verzeihen Sie«, sagte Prokop fast beleidigt, »Sie werden doch nicht annehmen, daß ich Ihnen auch nur ein Wort von dem glaube, was Sie mir gestern abend einreden wollten!«

Herr Carson zuckte bedauernd die Achseln. »Wie Sie meinen!«

»Und drittens«, fuhr Prokop fort, »möchte ich Sie bitten, mir zu verraten, wo sich Tomesch derzeit aufhält.«

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt«, fuhr Herr Carson auf, »daß ich Ihnen das nicht verraten kann – kommen Sie nach Balttin, dann erfahren Sie alles.«

»Und Sie, mein Herr«, wandte sich Prokop an Sir Reginald.

»Beg your pardon«, ließ sich der lange Gentleman vernehmen, »das möchte ich lieber für mich behalten.«

»Und schließlich lege ich Ihnen ans Herz, sich gegenseitig nicht aufzufressen. Ich gehe nämlich inzwischen –«

»– zur Polizei«, beendete Sir Reginald. »Sehr richtig.«

»Es freut mich, daß wir einer Meinung sind. Verzeihen Sie, wenn ich Sie inzwischen hier einsperre.«

»O bitte«, sagte der Lord höflich, während Herr Carson verzweifelt zu protestieren versuchte.

Prokop schloß mit großer Erleichterung die Tür hinter sich ab und stellte noch zwei Kellner zur Bewachung hin, worauf er zur nächsten Polizeistation lief. Dort wollte er einige Aufklärungen geben. Das erwies sich aber als durchaus nicht so leicht, wie er angenommen hatte. Da er die beiden Ausländer nicht zumindest des Diebstahls von Silberlöffeln bezichtigen konnte, hatte er Mühe, die Zweifel des Polizeibeamten zu zerstreuen, der ihn offenbar für einen Narren hielt. Schließlich – wohl um sich die Sache vom Hals zu schaffen – teilte er Prokop eine Zivilpolizisten zu, eine recht dürftig aussehende und schweigsame Persönlichkeit. Im Hotel angelangt, fanden sie die beiden Kellner mutig an der Türe lehnend, während sich das Hotelpersonal vollzählig um sie versammelt hatte. Prokop schloß auf, und der Zivilpolizist trat gemächlich ein. Das Zimmer war leer. Beide Herren Carson waren verschwunden.

Die schweigsame Persönlichkeit blickte sich nur ein wenig um und begab sich geradeaus ins Badezimmer, das Prokop ganz und gar vergessen hatte. Das in den Lichthof hinausführende Fenster stand weit offen, während an der gegenüberliegenden Wand das Fenster zum Klosett eingedrückt war. Die schweigsame Persönlichkeit ging ins Klosett. Es mündete in einen Gang, war verschlossen und der Schlüssel unauffindbar. Der Polizist öffnete das Schloß mit einem Nachschlüssel: Der Raum war leer, nur auf dem Sitz fanden sich Fußspuren. Die schweigsame Persönlichkeit sperrte alles wieder ab und sagte, er werde den Herrn Kommissar herschicken.

Der Herr Kommissar, ein sehr bewegliches Männchen und bekannter Kriminalist, stellte sich alsbald ein. Er unterzog Prokop einem fast zweistündigen Kreuzverhör und wollte unbedingt wissen, worüber er eigentlich mit den beiden Herren verhandelt hatte. Er schien die größte Lust zu haben, zumindest Prokop zu verhaften, der sich bei seinen Aussagen, soweit sie seine Beziehungen zu den beiden Ausländern betrafen, in verhängnisvolle Widersprüche verwickelte. Hierauf verhörte er den Portier und die beiden Kellner und forderte schließlich Prokop nachdrücklich auf, sich um sechs bei der Polizeidirektion einzufinden; bis dahin sollte er lieber nicht das Hotel verlassen.

Den Rest des Tages verbrachte Prokop im Zimmer auf und ab laufend und dachte mit Schrecken daran, daß man ihn verhaften werde. Was sollte er schon viel aufklären, wenn er Krakatit um keinen Preis erwähnen wollte? Wie lange konnte eine solche Untersuchungshaft dauern? . . . Prokop fühlte sich elend und schwach. Gegen sechs aber wappnete er sich mit allem Mut und ging zur Polizeidirektion.

Man führte ihn gleich in ein Büro, wo es dicke Teppiche, Ledersessel und ein Kistchen mit Zigarren gab (es war der Amtsraum des Polizeipräsidenten). Am Schreibtisch entdeckte Prokop einen riesenhaften Boxerrücken, der ihm auf den ersten Blick Schrecken und Demut einjagte. »Nehmen Sie Platz, Herr Ingenieur«, sagte der Rücken freundlich, während er noch über Papiere gebeugt und mit einem Löscher beschäftigt war. Dann wandte sich Prokop ein nicht minder monumentales, eindrucksvoll auf dem Nacken des Riesen thronendes Gesicht zu. Der Mächtige musterte Prokop eine Sekunde lang und sagte dann: »Herr Ingenieur, ich werde Sie nicht nötigen, etwas auszusagen, was Sie aus sicherlich wohlerwogenen Gründen für sich behalten wollen. Ich kenne Ihre Arbeit. Ich glaube, es handelte sich in der Angelegenheit um Ihren Sprengstoff.«

»Ja.«

»Die Sache hat wohl einen größeren . . . nun, sagen wir – militärischen Wert.«

»Ja.«

Der mächtige Herr erhob sich und reichte Prokop die Hand: »Ich wollte Ihnen nur danken, Herr Ingenieur, daß Sie sich nicht mit den ausländischen Agenten eingelassen haben.«

»Das ist alles?« wagte Prokop zu fragen.

»Ja.«

»Haben Sie die beiden verhaftet?« forschte Prokop gespannt.

»Warum?« fragte der Herr lachend. »Dazu haben wir kein Recht, solange es sich nur um Ihr Geheimnis und nicht um unseres handelt.«

Prokop verstand den leisen Vorwurf und wurde verlegen. »Die Sache ist . . . noch nicht spruchreif . . .«

»Ich glaube Ihnen und vertraue Ihnen«, sagte der mächtige Mann.

Das war alles.

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