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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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1

Gegen Abend verdichtete sich der Nebel des naßkalten Tages. Es war, als bahnte man sich einen Weg durch eine schüttere, feuchte Masse, die sich unaufhaltsam gleich wieder hinter einem schloß. Man hätte daheim sein mögen, daheim bei der Lampe in seinen vier Wänden.

Nie hatte sich Prokop so verlassen gefühlt. Mühevoll tappte er den Weg am Ufer entlang. Ihn fröstelte, seine Stirn war feucht vom Schweiß der Schwäche. Er hätte sich gern auf die nasse Bank gesetzt, aber er fürchtete die Polizei. Er hatte das Gefühl, daß er taumelte; bei der Altstädter Mühle wich ihm jemand in weitem Bogen aus wie einem Betrunkenen. Er nahm jetzt seine ganze Kraft zusammen, um aufrecht zu gehen. Da kam ihm ein Mann entgegen, den Hut tief ins Gesicht gedrückt und den Kragen hochgeschlagen. Prokop biß die Zähne zusammen, runzelte die Stirn und spannte alle Muskeln, um unbehindert vorbeizukommen. Aber knapp einen Schritt vor dem Passanten wurde ihm schwarz vor den Augen, mit einemmal begann sich alles um ihn zu drehen. Er sah plötzlich nahe, ganz nahe ein Paar Augen vor sich, die ihn durchbohrend anstarrten. Er stieß gegen eine Schulter, murmelte etwas wie »Verzeihung« und ging mit krampfhafter Würde weiter. Nach einigen Schritten blieb er stehen und sah sich um.

Der Mann stand immer noch da und blickte ihm nach; vor lauter Neugier streckte er sogar den Kopf aus dem Kragen wie eine Schildkröte. Mag er schauen, dachte Prokop beunruhigt, ich sehe mich nicht mehr nach ihm um. Er ging, so gut er konnte, weiter. Da hörte er Schritte hinter sich. Der Mann mit dem aufgestellten Kragen kam näher. Er schien zu laufen. Da floh Prokop in panischer Angst.

Wieder begann sich alles um ihn zu drehen. Schwer atmend und zähneklappernd lehnte er sich gegen einen Baum und schloß die Augen. Er fühlte sich sehr elend und fürchtete zusammenzubrechen; sein Herz würde bersten und Blut aus seinem Munde strömen. Als er die Augen wieder öffnete, erblickte er dicht vor sich den Mann mit dem hochgeschlagenen Kragen.

»Sind Sie nicht der Ingenieur Prokop?« fragte der Mann offenbar schon zum zweiten Male.

»Ich . . . ich war nicht dort«, versuchte Prokop abzuleugnen.

»Wo?« fragte der Mann.

»Dort«, sagte Prokop und wies mit dem Kopf gegen Strahow. »Was wollen Sie von mir?«

»Kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin Tomesch. Tomesch von der Technischen Hochschule, erinnerst du dich nicht?«

»Tomesch«, wiederholte Prokop; der Name war ihm jetzt völlig gleichgültig. »Ach ja, Tomesch, richtig. Und was – was wollen Sie von mir?«

Der Mann mit dem aufgestellten Kragen faßte Prokop unter. »Jetzt setzest du dich einmal hin, verstanden?«

»Gut«, sagte Prokop und ließ sich zu einer Bank führen. »Ich wollte eigentlich . . . mir ist sehr elend.« Er zeigte seine Hand; sie war mit einem schmutzigen Lappen verbunden. »Verletzt, wissen Sie? Verdammte Sache!«

»Hör mich an, Prokop«, sagte der Mann. »Du hast Fieber, du mußt ins Krankenhaus. Dir ist elend, das merkt man. Aber versuch doch wenigstens, dich an mich zu erinnern. Ich bin Tomesch. Wir haben gemeinsam Chemie studiert. Erinnerst du dich noch?«

»Ach ja«, sagte Prokop matt, »Tomesch, der Halunke! Was ist mit ihm?«

»Nichts«, sagte Tomesch. »Er spricht mit dir. Du mußt ins Bett, hörst du? Wo wohnst du?«

»Dort«, sagte Prokop mühsam und wies mit dem Kopf irgendwohin. Er versuchte, sich aufzurichten. »Ich will nicht! Gehen Sie nicht hin! Dort ist – dort –«

»Was ist dort?«

»Krakatit«, flüsterte Prokop geheimnisvoll.

»Was ist das?«

»Nichts. Ich sag's nicht. Niemand darf hin, sonst – sonst –«

»Was sonst?«

»Fft, päng!« machte Prokop und warf die Hand hoch.

»Was ist das?«

»Krakatoe. Kra-ka-tau. Ein Vu-Vulkan. Mir hat's fast . . . den Daumen weggerissen. Ich weiß nicht, was es . . .« Prokop stutzte. »Eine ganz gefährliche Sache«, setzte er langsam hinzu.

Tomesch blickte aufmerksam, als erwarte er noch etwas. »Du befaßt dich also immer noch mit Sprengstoffen?« fragte er nach einer Weile.

»Ja.«

»Mit Erfolg?«

Prokop gab etwas wie ein Lachen von sich. »Das möchtest du gern wissen! Ist nicht so einfach, mein Freund – nein, nein, nicht so einfach«, wiederholte er und bewegte wie trunken den Kopf. »Stell dir vor, es ist von selbst – ganz von selbst –«

»Was?«

»Kra-ka-tit. Krakatit. Krakatit. Ganz von selbst – ich ließ bloß ein Stäubchen davon zurück. Das übrige hab' ich in – in eine Dose getan. Es blieb – blieb bloß ein winziges Stäubchen auf – auf dem Tisch und – plötzlich –«

». . . ist es explodiert.«

»Ja, ein Hauch von einem Pülverchen, das ich verschüttet hatte. Man sah es kaum. Da war eine Glühlampe – ganz weit entfernt. Aber die war's nicht. Und ich – im Lehnstuhl, wie ein Stück Holz. Abgespannt – weißt du. Überarbeitet. Plötzlich . . . bums! Ich flog auf die Erde. Es riß die Fensterstöcke heraus – die Glühbirne war dahin. Detonation wie – wie bei einer Lydditpatrone. Furchtfurchtbare Brisanz. Ich – ich dachte zuerst, die por-ponz-, die porzenale, ponzelare . . . wie heißt das Zeug, Sie wissen doch, das Weiße, Isolator, wie heißt es nur, das Alu-mini-umsilikat?«

»Porzellan.«

»Die Dose. Ich dachte, die Dose ist explodiert mit allem, was drin war; aber sie stand noch da, völlig unbeschädigt. Ich starrte darauf – bis mir das Streichholz die Finger verbrannte. Nur fort über die Felder – durch die Finsternis. Irgendwo fiel mir dann das Wort ein: Krakatoe. Krakatit. Kra-ka-tit. Nein, nein, was rede ich denn, so war's ja gar nicht. Als es explodierte, riß es mich zu Boden, und ich schrie: Krakatit, Krakatit! Dann habe ich's wieder vergessen. Wer ist da? Wer sind Sie?«

»Kollege Tomesch.«

»Tomesch, aha, der Lausebengel! Hat sich immer die Kolleghefte ausgeborgt. Ein Chemieheft hat er mir nicht mehr zurückgegeben. Tomesch – wie hieß er noch?«

»Georg.«

»Richtig, Georg! Du bist Georg, ja. Georg Tomesch. Wo hast du mein Heft? Warte, hör zu! Wenn das übrige auch noch in die Luft fliegt, dann wird's arg. Dann legt's die ganze Stadt in Trümmer, fegt sie weg, bläst sie fort, fft! Wenn die Porzellandose in die Luft geht, verstehst du?«

»Was für eine Dose?«

»Du bist Georg Tomesch, ich weiß schon. Geh und sieh zu, wie es explodiert. Lauf, lauf schnell!«

»Warum denn?«

»Ich habe einen Zentner davon hergestellt, einen ganzen Zentner Krakatit. Nein, nein – nur fünfzehn Dekagramm – bei mir oben – in der Por-Por-zel-landose. Wenn die explodiert! Aber das ist unmöglich, ist ja Unsinn«, murmelte Prokop und faßte sich an den Kopf.

»Was ist damit?«

»Warum – warum ist es nicht auch in der Dose explodiert? Das Stäubchen ist doch – von selbst . . . Aha, auf dem Tisch war Zink – Zinkblech, richtig . . . Aber wieso ist es auf dem Tisch explodiert? War-te – sei – still«, sagte Prokop abgehackt und erhob sich taumelnd.

»Was ist dir?«

»Krakatit«, lallte Prokop, drehte sich mit dem ganzen Körper und sackte zusammen.

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