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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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17

Herr Carson setzte sich, zündete sich eine sehr dicke Zigarre an und begann angestrengt nachzudenken. »Tja, tja«, sagte er nach einer Weile. »Also Ihnen ist's auch explodiert. Wann war das? Datum?«

». . . weiß ich nicht mehr.«

»An welchem Tag in der Woche?«

». . . Weiß ich nicht. Ich glaube . . . zwei Tage nach dem Sonntag.«

»Also an einem Dienstag. Um wieviel Uhr?«

»Ungefähr nach zehn Uhr abends.«

»Richtig.« Herr Carson blies nachdenklich den Rauch von sich. »Uns ist es zum erstenmal . . . an einem Dienstag um zweiundzwanzig Uhr fünfunddreißig . . . ›von selbst‹, wie Sie sich auszudrücken belieben . . . explodiert. Haben Sie dabei etwas bemerkt?«

»Nein. Ich habe geschlafen.«

»Aha. Auch an einem Freitag explodierte es, so um halb elf herum. An einem Dienstag und an einem Freitag. Wir haben es ausprobiert«, erläuterte er auf Prokops erstaunten Blick hin. »Wir ließen ein Milligramm Krakatit frei liegen und überwachten es Tag und Nacht. An einem Dienstag und an einem Freitag, um zweiundzwanzig Uhr dreißig ungefähr, ist es explodiert. Siebenmal. Einmal an einem Montag um zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig.«

Prokop beschränkte sich darauf, aus dem Staunen nicht herauszukommen.

»Da zuckte ein blauer Blitz durch das Pulver«, erklärte Carson nachdenklich, »und dann ist es explodiert.«

Es war so still, daß Prokop das Ticken von Carsons Taschenuhr vernahm.

»Tja.« Herr Carson tat einen tiefen Seufzer und strich verzweifelt über die Bürste seiner rötlichen Haare.

»Was bedeutet das?« fragte Prokop atemlos.

Herr Carson zuckte bloß mit den Schultern. »Und Sie?« wandte er sich an Prokop, »was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, als es so . . . ›von selbst‹ explodierte? Nun?«

»Nichts!« meinte Prokop ausweichend. »Darüber habe ich . . . eigentlich noch gar nicht nachgedacht.«

Herr Carson brummte etwas Beleidigendes.

»Das heißt«, verbesserte sich Prokop, »damals glaubte ich, es werde . . . durch elektromagnetische Wellen hervorgerufen.«

»Aha. Elektromagnetische Wellen. Haben wir uns auch gedacht. Ein schöner Einfall – aber ganz blödsinnig. Leider ganz blödsinnig. Tja.«

Nun war Prokop wirklich ratlos.

»Zunächst einmal«, überlegte Herr Carson, »laufen solche drahtlosen Wellen bekanntlich nicht nur Dienstag und Freitag um halb elf Uhr nachts durchs Weltall spazieren, das ist doch sonnenklar! Zweitens können Sie sich denken, daß wir sofort mit allen möglichen Wellen experimentiert haben, mit Kurzwellen, Langwellen usw. Aber auf Ihr Krakatit wirkte das nicht so viel«, er zeigte etwas Kleinwinziges an seinem Fingernagel. »Am Dienstag und Freitag jedoch . . . um halb elf . . . geruhte es, ›von selbst‹ zu explodieren. Und wissen Sie, was noch?«

Prokop wußte es natürlich nicht.

»Seit einiger Zeit – etwa seit einem halben Jahr – haben die drahtlosen Stationen in Europa einen heillosen Ärger. Ihre Gespräche werden gestört, ganz regelmäßig; und zwar zufällig immer . . . am Dienstag und Freitag um halb elf nachts. Sagten Sie was?«

Prokop hatte nichts gesagt, sondern sich nur die Stirn gerieben.

»Also, Dienstag und Freitag. Man nennt es ›verwischte Gespräche‹. Es fängt damit an, daß es den Telegrafisten ganz abscheulich in den Ohren zu knattern beginnt. Die Leute ärgern sich natürlich grün und gelb darüber. Peinlich, wie?« Herr Carson nahm die Brille ab und begann sie umständlich zu putzen. »Anfangs glaubte man, es handle sich – um magnetische Gewitter. Als man aber merkte, daß sich die Störungen regelmäßig . . . Dienstag und Freitag einstellten, da . . . Na, kurz, Marconi, T. S. F., Transradio und mehrere Ministerien der Post und Marine, des Handels, des Innern und was weiß ich noch, zahlen sofort zwanzigtausend Pfund in bar demjenigen klugen Kopf aus, der der Sache auf den Grund kommt.« Herr Carson setzte seine Brille auf und fuhr belustigt fort: »Nun nimmt man an, es existiere eine illegale Station, die es sich zum Vergnügen macht, die Gespräche jeden Dienstag und Freitag zu stören. Eine Schnapsidee! Anzunehmen, es gäbe eine Privatstation, die rein zum Spaß mindestens hundert Kilowatt in den Äther hinaussendet!« Herr Carson schnaufte verächtlich.

»Dienstag und Freitag«, ließ sich Prokop vernehmen, »also regelmäßig . . . gleichzeitig . . .«

»Merkwürdig genug!« meinte Herr Carson grinsend. »Ich habe es mir hier notiert: Dienstag, den soundsovielten, zweiundzwanzig Uhr fünfunddreißig und einige Sekunden: Störung bei sämtlichen Radiostationen. Und in der gleichen Sekunde explodiert bei uns ›von selbst‹ ein bestimmtes Quantum Krakatit. Nun? Dasselbe wiederholt sich am nächsten Freitag um zweiundzwanzig Uhr siebenundzwanzig und einige Sekunden: Störung und Explosion. Und so weiter. Ausnahmsweise, sozusagen programmwidrig, auch einmal eine Störung an einem Montag um zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig Minuten dreißig Sekunden. Dritte Explosion. Es klappt auf die Sekunde. Achtmal in acht Fällen. Was halten Sie davon?«

»Ich . . . ich weiß nicht«, meinte Prokop mehr für sich.

»Dann noch etwas«, begann Herr Carson nach längerer Überlegung. »Herr Tomesch hat bei uns gearbeitet. Er kann nichts, aber er weiß einiges. Herr Tomesch ließ einen Hochfrequenzgenerator ins Laboratorium stellen und sperrte uns die Tür vor der Nase zu, der Lump. Ich habe noch nie gehört, daß man in der gewöhnlichen Chemie mit Hochfrequenzmaschinen arbeitet. Was meinen Sie?«

»Ja . . . natürlich«, sagte Prokop zögernd und warf einen unruhigen Blick auf seinen fast neuen Generator in der Ecke. Herr Carson fing diesen Blick geschickt auf. »Hm«, sagte er, »Sie haben ja auch so ein Ding hier! Ein hübscher Transformator. Was hat er gekostet?«

Prokops Gesicht verfinsterte sich. Herr Carson dagegen begann zu strahlen. »Ich glaube«, sagte er mit zunehmendem Vergnügen, »es wäre eine wunderbare Sache, wenn es gelänge . . ., sagen wir mit Hilfe von Hochfrequenz . . ., die innere Struktur einer Substanz in Bewegung zu versetzen, zu lockern, aufzuspalten, und zwar derart, daß es genügen würde, in der Ferne einfach auf einen Knopf zu drücken, um die Substanz durch . . . Wellen . . . Entladungen . . . Oszillationen oder was weiß ich auseinandersprengen zu lassen. Einfach bums! Auf die Entfernung hin! Nun, was meinen Sie dazu?«

Prokop sagte nichts. Herr Carson, der verzückt an seiner Zigarre saugte, weidete sich förmlich an ihm.

»Ich bin kein Elektriker«, setzte er nach einer Weile fort. »Ein Wissenschaftler hat es mir so erklärt, und ich soll auf der Stelle versinken, wenn ich es verstanden habe. Der gute Mann schwatzte mir damals die Ohren voll mit seinen Elektronen, Ionen, Elementarquanten und wie er es sonst noch nannte, und am Ende sagte mir diese Kathederleuchte, die Sache sei ganz unmöglich. Hören Sie, Sie haben da was Schönes angerichtet: erfinden und stellen etwas her, was nach Meinung einer Weltautorität gar nicht möglich ist . . .

Ich habe es mir mit meinem Laienverstand selbst zurechtgelegt«, fuhr er fort. »Angenommen, jemand setzt es sich in den Kopf . . . aus einem bestimmten Bleisalz . . . eine unbeständige Verbindung herzustellen. Aber das betreffende Salz benimmt sich nicht so, wie es sollte: es geht auf keinen Fall eine Verbindung ein. Der Chemiker versucht alles mögliche . . . vergebens. Da erinnert er sich, in der Januarnummer von ›The Chemist‹ eine Abhandlung gelesen zu haben, wonach das betreffende phlegmatische Salz ein Kohärer . . . ein Detektor für elektrische Wellen sei. Ein idiotischer und zugleich genialer Einfall – vielleicht läßt sich dieses verwünschte Salz mit Hilfe von elektrischen Wellen in bessere Stimmung versetzen! Tja, so holt sich der Mensch seine besten Einfälle aus der Idiotie. Er beschafft sich also einen solchen komischen Transformator und geht ans Werk; was er gemacht hat, bleibt vorläufig sein Geheimnis, aber – schließlich hat er die gesuchte Verbindung. Und wenn mich der Teufel holt – er hat sie! Sie ist ihm offenbar durch Oszillation geglückt. Ich glaube, ich werde doch noch auf meine alten Tage Physik lernen müssen. Sie werden sich nun denken: der leistet sich was an Unsinn!«

Prokop brummte etwas ganz Unverständliches.

»Macht nichts«, erklärte Herr Carson zufrieden. »Wenn es nur vorerst zusammenhält. Ich Schafskopf stelle mir nun vor, die Sache hat eine Art elektromagnetische Struktur erhalten. Freilich, wenn die gestört wird, dann . . . geht alles in die Luft. Zum Glück unterhalten in unserer irdischen Atmosphäre etwa zehntausend offizielle Radiostationen und mehrere hundert illegale so etwas wie ein elektromagnetisches Klima, eine Art . . . eh . . . Oszillationsbad, das dieser Struktur wohl bekommt. Und so hält sie zusammen . . .«

Herr Carson überlegte einen Augenblick. »Und nun«, setzte er fort, »nun stellen Sie sich vor, daß irgendwo in der Welt so ein Teufelskerl Mittel besitzt, mit denen er die elektrischen Wellen gründlich stören, sie einfach vernichten kann oder sonst was. Stellen Sie sich vor, daß er das – der Himmel weiß, warum – regelmäßig jeden Dienstag und Freitag um halb elf Uhr nachts vollbringt. In dieser Minute und Sekunde unterbricht er auf der ganzen Welt die drahtlose Verbindung. Aber in der gleichen Minute und Sekunde geht auch etwas in dieser . . . labilen Verbindung vor sich, soweit sie eben nicht isoliert ist . . . zum Beispiel . . . in einer gewissen Porzellandose. Da drin wird etwas gestört . . . es knackst und . . . und . . .«

». . . explodiert«, stieß Prokop hervor.

»Sehr richtig! Interessant, nicht? Ein gelehrter Mann hat es mir genau erklärt – was hat er nur gesagt? Ach ja, er meinte, es –«

Prokop sprang auf und packte Carson am Rock. »Hören Sie, wenn man . . . wenn man . . .«, er stotterte vor furchtbarer Aufregung, »wenn man also . . . Krakatit . . . ausstreut, hier . . . oder anderswo . . . an einer beliebigen Stelle . . .«

». . . dann fliegt es kommenden Dienstag oder Freitag nachts um halb elf in die Luft. Tja! Aber, erwürgen Sie mich nicht!«

Prokop ließ Carson los und rannte, höchst erregt, im Zimmer auf und ab. »Es ist klar«, stammelte er, »es ist sonnenklar! Niemand darf Krakatit her-herstel . . .«

»Ausgenommen Herr Tomesch«, wandte Carson skeptisch ein.

»Lassen Sie mich in Frieden!« brauste Prokop auf. »Der ist doch unfähig dazu!«

»Kommt drauf an«, meinte Herr Carson zweifelnd, »wieviel Sie ihm verraten haben.«

Prokop blieb wie angewurzelt stehen. »Nun denken Sie . . . denken Sie zum Beispiel . . . an einen Krieg! Wer Krakatit besitzt, der kann . . . kann . . . wann immer . . .«

»Vorläufig nur Dienstag und Freitag.«

». . . ganze Städte . . .ganze Armeen . . . alles, alles vernichten! Er braucht bloß . . . braucht bloß . . . ein wenig davon auszustreuen . . . Können Sie sich das vorstellen?«

»Ja. Vollkommen.«

»Und darum . . . gebe ich es . . . im Interesse der Welt niemals . . . niemals her!«

»Hm! Im Interesse der Welt!« brummte Carson. »Ich meine, im Interesse der Welt wäre es vor allem nötig, dieser – dieser –«

»Was?«

»Dieser verdammten Weltzerstörerbande samt ihren Stationen auf die Spur zu kommen.«

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