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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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16

Prokop sah Herrn Carson höchst überrascht an. Merkwürdig, das war nicht mehr das selig glänzende Mopsgesicht von vorhin. Alles war ernst und streng geworden an dem eifrigen kleinen Mann, die Augen unter den schweren Lidern lagen tief in den Höhlen und blitzten nur ab und zu matt funkelnd auf. »Seien Sie vernünftig«, brachte er mit Nachdruck vor. »Verkaufen Sie uns Krakatit, und die Sache ist erledigt.«

»Woher wissen Sie überhaupt . . .« brummte Prokop.

»Ich erzähle Ihnen alles. Ehrenwort, alles. Herr Tomesch war bei uns. Er brachte uns fünfzehn Dekagramm und die Formel. Den Herstellungsvorgang leider nicht. Weder er noch unsere Chemiker haben es bisher herausgefunden. Es ist wohl ein Trick dabei?«

»Ja.«

»Hm. Vielleicht findet man ihn auch ohne Sie.«

»Ausgeschlossen.«

»Herr Tomesch . . . weiß etwas darüber, tut aber geheimnisvoll. Er hat bei uns hinter verschlossenen Türen gearbeitet. Übrigens ein miserabler Chemiker, aber vernünftiger als Sie. Zumindest quatscht er nicht alles aus, was er weiß. Warum haben Sie es ihm anvertraut? Er kann nichts, nur Vorschüsse pumpen. Sie hätten selbst damit kommen sollen.«

»Ich habe ihn nicht zu Ihnen geschickt«, sagte Prokop finster.

»So«, schnappte Herr Carson ein, »das ist ja hochinteressant! Herr Tomesch ist nämlich zu uns gekommen –«

»Wohin denn?«

»Zu uns. In unsere Werke nach Balttin. Sie kennen sie nicht?«

»Nein.«

»Ausländisches Unternehmen. Hypermodern. Versuchslaboratorium für neueste Explosivstoffe. Wir erzeugen Keranit, Methylnitrat, Gelbes Pulver und ähnliches. Vor allem für Armeebedarf. Sie verkaufen uns doch Krakatit?«

»Nein. – Also Tomesch ist bei Ihnen?«

»Ach ja, Herr Tomesch. Das muß ich Ihnen erzählen. Zu komisch! Er kommt also zu uns und sagt: Ich bringe hier das Erbe meines Freundes, des genialen Chemikers Prokop. Er ist in meinen Armen gestorben; mit dem letzten Atemzug, haha, hat er es mir anvertraut, haha, großartig, was?«

Prokop lächelte nur schwach. »Und Tomesch ist immer noch in Balttin?«

»Nur Geduld. Wir haben ihn natürlich zunächst als Spion festgehalten. Von dieser Sorte wimmelt es bei uns nur so. Das Pulver, Krakatit, ließen wir überprüfen.«

»Und das Ergebnis?«

Herr Carson hob beschwörend die Hände. »Un-ge-heuer!«

»Wie ist die Detonationsgeschwindigkeit? Was für ein Q haben Sie gefunden? Und t? Zahlen! Zahlen!«

Herr Carson ließ die Hände sinken, daß es nur so klatschte, und machte große Augen: »Zahlen, mein Bester? Nun, erster Versuch: Fünfzig Prozent Stärke, der Stauchapparat in Fetzen; ein Ingenieur und zwei Laboranten . . . in Stücke gerissen. Unglaublich, was? Versuch Nummer zwei: Ein Trauz-Block, neunzig Prozent Vaseline, bums! Das Dach flog in die Luft, ein Arbeiter wurde getötet. Von dem Block blieb nichts als ein Brocken Schlacke übrig. – Nun machte sich das Militär heran. Sie lachten uns aus: Wir seien eine Dorfschmiede, aber keine Fabrik. Daraufhin gaben wir ihnen eine kleine Probe davon; sie stopften es zusammen mit pulverisierter Holzkohle in ein Geschützrohr. Das Ergebnis war unerhört: Sieben Kanoniere samt dem Hauptmann . . . Ein Bein wurde in einer Entfernung von drei Kilometern gefunden. In zwei Tagen zwölf Tote. Da haben Sie die Zahlen! Ich finde sie mehr als großartig.«

Prokop wollte etwas einwenden, hielt aber damit zurück. Zwölf Tote in zwei Tagen – verdammt noch mal!

Herr Carson rieb sich das Knie und strahlte. »Den dritten Tag gönnten wir uns Ruhe. Es macht immer einen schlechten Eindruck, wenn es allzu viele solcher Fälle gibt. Wir ließen Krakatit nur phlegmatisieren, etwa drei Dezigramm in Glyzerin und ähnlichem. Der Idiot von einem Laboranten ließ eine Prise davon frei liegen, und nachts – das Laboratorium war versperrt . . .«

». . . ist es explodiert«, entfuhr es Prokop.

»Ja. Genau um zweiundzwanzig Uhr fünfunddreißig. Das Laboratorium und noch zwei andere Objekte gingen dabei in die Luft . . . Etwa dreißig Tonnen Methylnitrat flogen mit. Insgesamt sechzig Tote. Daraufhin große Untersuchung, wobei sich herausstellte, daß kein Mensch im Laboratorium war. Die Explosion mußte also –«

»– von selbst erfolgt sein«, fügte Prokop hinzu und wagte kaum zu atmen.

»Bei Ihnen auch?«

Prokop nickte düster.

»Sehen Sie«, fiel Carson rasch ein, »es ist wertlos. Viel zu gefährlich. Verkaufen Sie es uns, und Sie sind die Scherereien los. Was können Sie schon viel damit anfangen?«

»Und was wollen Sie damit anfangen?« fragte Prokop lauernd.

»Wir? . . . Wir sind dafür eingerichtet. Was bedeuten schon ein paar Tote! Aber um Sie wäre es schade.«

»Das Krakatit in der Porzellandose ist nicht explodiert«, bemerkte Prokop nachdenklich.

»Zum Glück nicht.«

»Und außerdem war es in der Nacht«, überlegte Prokop weiter.

»Genau zweiundzwanzig Uhr fünfunddreißig.«

»Die Prise Krakatit lag auf der Zink– . . . auf der Metallplatte«, wandte Prokop ein.

»Das hat keinen Einfluß darauf«, meinte der kleine Mann, ein wenig aus der Fassung gebracht. Er biß sich auf die Lippen und begann im Laboratorium auf und ab zu gehen. »Es war nur . . . es war wohl nur eine Oxydation«, sagte er nach einer Weile ausweichend. »Irgendein chemischer Prozeß. Die Glyzerinmischung ist übrigens auch nicht explodiert.«

»Weil Glyzerin kein Konduktor ist«, murmelte Prokop. »Oder es kann nicht ionisieren, ich weiß es nicht.«

Herr Carson blieb vor ihm stehen, die Hände im Rücken verschränkt. »Sie sind sehr klug«, meinte er anerkennend. »Sie müssen viel Geld bekommen. Hier wär's schade um Sie.«

»Ist Tomesch in Balttin?« fragte Prokop und bemühte sich mit aller Macht, gleichgültig zu scheinen.

Hinter Carsons Brillengläsern blitzte es auf. »Wir lassen ihn nicht aus den Augen«, sagte er wieder ausweichend. »Er kehrt bestimmt nicht mehr hierher zurück. Kommen Sie zu uns . . . vielleicht finden Sie ihn, wenn Ihnen – so – viel – daran liegt«, sagte er mit Nachdruck.

»Wo ist er?« wiederholte Prokop hartnäckig, wobei er zu verstehen gab, daß man ihn anders nicht zum Reden bringen werde.

Herr Carson ließ die Hände flattern wie ein Vogel seine Flügel. »Geflohen«, setzte er auf Prokops verständnislosen Blick hinzu.

»Geflohen?«

»Verduftet. Er war schlecht bewacht und ist erstaunlich gerissen. Er hatte sich verpflichtet, Krakatit herzustellen. Sechs Wochen lang . . . hat er's versucht. Kostete uns eine Menge Geld. Dann verschwand er, der Lump. Er wußte sich wohl keinen Rat mehr. Er kann nichts.«

»Und wo ist er?«

Herr Carson beugte sich zu Prokop hinab. »Der Gauner bietet jetzt Krakatit einem andern Staat an. Dabei hat er auch unser Methylnitrat mitgehen lassen. Die sind ihm auf den Leim gegangen! Jetzt arbeitet er bei ihnen.«

»Wo?«

»Das darf ich nicht sagen. Ehrenwort, ich darf es nicht. Nachdem er ausgerissen war, fuhr er hierher, um Ihr Grab zu besuchen, haha! Pietät, nicht wahr? Der geniale Chemiker – und niemand kennt ihn hier. Hat viel Arbeit gekostet; ich habe wie blöd inseriert. Natürlich ist's ihnen aufgefallen . . . den andern nämlich. Sie verstehen?«

»Nein.«

»Sehen Sie sich das an«, sagte Carson munter und steuerte auf die gegenüberliegende Wand zu. »Hier«, sagte er und klopfte an das Brett.

»Was ist das?«

»Eine Kugel. Es war jemand da.«

»Und wer hat auf ihn geschossen?«

»Ich natürlich. Wenn Sie . . . vor vierzehn Tagen . . . durchs Fenster hereingekrochen wären, hätte Sie jemand . . . ganz abscheulich aufs Korn genommen.«

»Wer?«

»Ganz gleichgültig wer, dieser oder jener Staat. Ob Sie's glauben oder nicht, Vertreter der Großmächte haben hier einander die Türklinke gereicht. Und Sie? Sie haben inzwischen irgendwo Fische gefangen, haha. Ein Prachtkerl! Aber wenn ich Ihnen raten darf«, sagte er auf einmal besorgt, »dann gehen Sie lieber nicht allein aus. Nie und nirgends, Sie verstehen?«

»Unsinn.«

»Einen Augenblick! Natürlich kein Grenadier mit Bärenmütze. Ganz unauffällige Leute. Heutzutage macht man das . . . außerordentlich diskret.« Herr Carson blieb am Fenster stehen und trommelte gegen die Scheibe. »Sie glauben gar nicht, wieviel Zuschriften ich auf meine Anzeige bekommen habe. Nicht weniger als sechs Prokops haben sich gemeldet . . . Kommen Sie rasch, sehen Sie sich das an!«

Prokop trat ans Fenster. »Was gibt's?«

Herr Carson wies mit dem kurzen Zeigefinger auf die Straße. Ein junger Mann mühte sich dort verzweifelt, das Gleichgewicht auf einem Fahrrad zu halten, wobei jedes der beiden Räder die unwiderstehliche Neigung zeigte, in eine andere Richtung zu rollen. Herr Carson blickte Prokop fragend an.

»Der lernt wohl fahren«, meinte Prokop unsicher.

»Hoffnungslos unbegabt, nicht?« sagte Herr Carson, das Fenster öffnend. »Bob!«

Der Jüngling auf dem Rad blieb wie festgenagelt stehen. »Yessr.«

»Go to the town for our car.«

»Yessr.« Der junge Radfahrer trat aufs Pedal und flitzte der Stadt zu.

Herr Carson wandte sich vom Fenster ab. »Ein Ire. Sehr aufgeweckter Junge. Was ich sagen wollte: Also nicht weniger als sechs Prokops haben sich auf meine Anzeige hin gemeldet – Zusammenkünfte an verschiedenen Stellen, namentlich nachts – ulkig, was? Lesen Sie diese Karte.«

»Kommen Sie morgen abend um zehn in mein Laboratorium«, las Prokop wie im Traum. »Aber . . . das ist ja fast . . . meine Handschrift!«

»Da haben Sie's«, sagte Carson grinsend. »Sagte ich Ihnen nicht, daß hier ein heißer Boden ist? Verkaufen Sie die Sache und Sie haben Ruhe!«

Prokop schüttelte den Kopf.

Herr Carson fixierte ihn mit einem starren, unabweislichen Blick. »Sie können . . . meinetwegen . . . zwanzig Millionen verlangen. Verkaufen Sie uns Krakatit.«

»Nein.«

»Sie erhalten alles zurück. Zwanzig Millionen. Verkaufen Sie doch!«

»Nein«, sagte Prokop schwerfällig. »Ich will . . . mit euren Kriegen nichts gemein haben. Ich will nicht.«

»Und was haben Sie hier? Ein genialer Chemiker und . . . wohnt in einer Holzbaracke! Landsleute, Vaterland! Ich kenne das. Ein großer Mensch hat keine Landsleute. Lassen Sie nichts an sich herankommen. Verkaufen Sie und –«

»Ich will nicht.«

Herr Carson vergrub die Hände in den Taschen und tat gelangweilt. »Kriege! Glauben Sie vielleicht, Sie werden sie verhindern? Pah! Verkaufen Sie, und um das andere kümmern Sie sich nicht. Sie sind ein Gelehrter . . . das andere geht Sie nichts an. Kriege! Ist doch lachhaft. Solange die Menschen Nägel und Zähne haben –«

»Ich verkaufe nicht«, sagte Prokop, und seine Lippen wurden ganz schmal dabei.

Herr Carson zuckte mit den Schultern. »Wie Sie wollen. Dann werden wir es eben selber herausfinden. Oder Tomesch. Auch gut.«

Eine Weile blieb es still. »Mir ist's einerlei«, ließ sich Herr Carson wieder vernehmen. »Wenn es Ihnen lieber ist, fahren wir damit nach Frankreich, nach England, wohin Sie wollen, meinetwegen nach China. Wir beide. Hier könnte uns das niemand bezahlen. Sie wären ja wirklich ein Esel, wenn Sie für zwanzig Millionen verkauft hätten. Verlassen Sie sich auf Carson. Nun?«

Prokop schüttelte energisch den Kopf.

»Ein Charakter«, bemerkte Herr Carson anerkennend. »Alle Achtung. Das gefällt mir, gefällt mir außerordentlich. Ich will Ihnen etwas sagen. Ein absolutes Geheimnis. Hand drauf.«

»Ich bin nicht neugierig auf Ihre Geheimnisse«, brummte Prokop.

»Bravo! Ein diskreter Mensch. Sie sind mein Typ, Bester.«

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