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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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15

Tomesch zu finden, als ob das so leicht gewesen wäre! Prokop unterzog nochmals die ganze Wohnung einer eingehenden Durchsuchung. Er kramte in allen Schränken und Laden, fand aber außer verstaubten alten Rechnungen, Liebesbriefen, Fotografien und anderem Junggesellenkram nichts, was die Angelegenheit Tomesch geklärt hätte. Das war nur natürlich: Wenn einer so viel auf dem Kerbholz hat, dann muß er schon gründlich verschwinden!

Prokop besuchte den Hauseigentümer und erkundigte sich, woher Tomesch das Geld aus dem Ausland überwies. Um den Preis übermenschlicher Geduld erfuhr er, daß nicht Herr Tomesch besagtes Geld überweise, sondern der Inhaber einer Wechselstube, und zwar für das Konto der Dresdner Bank ›über Auftrag des Herrn Tomesch‹.

An einer Straßenecke hielt er inne: Was nun? Blieb nur noch Carson, diese unbekannte Größe; der wußte etwas, wollte etwas. Schön, also Carson! Prokop fand in der Tasche die Postkarte, die er abzusenden vergessen hatte, und ging zur Post.

Aber vor dem Briefkasten ließ er den Arm sinken. Carson, Carson – aber der wollte doch etwas, und das war keine Kleinigkeit! Der Kerl wußte einiges über Krakatit und hatte gewisse Absichten, weiß der Himmel, welche. Warum war er eigentlich so hinter ihm her? Offenbar hatten Tomeschs Kenntnisse Grenzen. Vielleicht wollte Tomesch auch nicht alles verkaufen, oder er stellte unverschämte Forderungen, und Prokop, der Esel, sollte billiger sein. So verhielt es sich wohl. Aber – und da erschrak Prokop zum erstenmal über die Reichweite der ganzen Angelegenheit – konnte man denn Krakatit überhaupt schon aus der Hand geben? Man müßte doch zunächst einmal genau wissen, wie sich diese Substanz verhält, wozu sie brauchbar ist, wie man damit umzugehen hat und so weiter. Schließlich war Krakatit kein Schnupftabak und kein Kinderstreupulver. Vielleicht war es überhaupt viel zu gewaltig für diese Welt. Was könnte man – in einem Kriege zum Beispiel – nicht alles damit anrichten! Prokop begann sich darüber ernstlich Gedanken zu machen. Warum war dieser verdammte Carson ausgerechnet jetzt aufgetaucht? Dem mußte um jeden Preis Einhalt geboten werden.

Prokop faßte sich plötzlich an den Kopf, daß die Passanten verwundert stehenblieben. Hatte er nicht oben in seinem Laboratorium fast fünfzehn Dekagramm Krakatit in der Porzellandose zurückgelassen, gerade genug, um die ganze Umgebung in die Luft zu sprengen? Erst erstarrte er fast vor Schrecken, aber dann lief er wie ein Verrückter zur Straßenbahn: als ob es jetzt noch auf die paar Minuten ankäme! Er litt Qualen, ehe die Straßenbahn die Vorstadt erreichte; dann rannte er die steile Straße bergan zu seiner Baracke. Sie war versperrt; vergebens suchte Prokop in seinen Taschen nach etwas wie einem Schlüssel. Er blickte sich in der Abenddämmerung um wie ein Dieb, drückte eine Fensterscheibe ein, öffnete die Riegel und kroch durchs Fenster.

Er ließ ein Streichholz aufflammen und merkte auf den ersten Blick, daß man ihn ganz methodisch ausgeraubt hatte. Federbetten und ähnlicher Kram waren zwar noch da; aber sämtliche Flaschen, Tiegel, Kolben, Retorten, Reagenzgläser, Mörser, Schalen und Apparate, Löffel und Waagen, seine ganze primitive chemische Küche, alles, worin Versuchssubstanzen enthalten waren, alles, wo auch nur ein Restchen oder ein Anflug einer Chemikalie vorhanden sein konnte, alles das war verschwunden. Die Porzellandose mit dem Krakatit fehlte. Er riß die Schublade auf: seine sämtlichen Aufzeichnungen, jeder bekritzelte Fetzen Papier, jedes noch so geringe Andenken an eine zwölfjährige Versuchstätigkeit, alles war ausgeräumt. Sogar vom Fußboden hatte man die Flecken und Spuren seiner Arbeit abgekratzt; und sein Arbeitskittel, der alte, bekleckste, mit Chemikalien förmlich durchtränkte Kittel hing auch nicht mehr am Haken. Prokop hätte am liebsten losgeheult.

Bis tief in die Nacht hinein saß er auf seinem Strohsack und starrte in den ausgeplünderten Arbeitsraum. Für eine Weile tröstete er sich damit, daß ihm vielleicht einfallen werde, was sich im Verlauf von zwölf Jahren an Notizen und Formeln angesammelt hatte. Als er aber versuchte, sich ein Experiment in Erinnerung zu rufen, kam er trotz verzweifelter Anstrengung nicht vom Fleck damit; da stöhnte er auf und schlug die Hände vors Gesicht.

Er erwachte jäh vom Sperren eines Schlüssels. Es war hell am Morgen. Ein fremder Mann betrat den Arbeitsraum und ging auf den Tisch zu. Dort saß er dann, den Hut auf dem Kopf, brummte etwas vor sich hin und kratzte sorgfältig das Zink vom Tisch.

»Was wollen Sie hier?« rief Prokop den Mann grob an.

Der fuhr höchst erstaunt herum und starrte Prokop wortlos an.

»Was wollen Sie hier?« wiederholte Prokop gereizt. Der Mann schwieg immer noch; nun setzte er sich gar die Brille auf und musterte Prokop mit ungewöhnlichem Interesse.

Prokop hatte schon ein vernichtendes Schimpfwort bereit. Da begann der Mann über das ganze Gesicht zu strahlen, fuhr vom Stuhl auf und sah plötzlich aus wie ein Hund, der vor Freude mit dem Schweif wedelt. »Carson«, sagte er rasch und setzte schnell fort: »Wie ich mich freue, daß Sie zurückgekehrt sind! Haben Sie mein Inserat gelesen?«

»Ja«, antwortete Prokop, »was suchen Sie hier?«

»Sie!« erwiderte der Gast, und sein Gesicht leuchtete vor Freude. »Seit sechs Wochen suche ich Sie überall. Durch alle Zeitungen, durch sämtliche Detektivbüros, haha! Was sagen Sie dazu? Herrgott, hab' ich eine Freude! Wie geht's? Gesund?«

»Warum haben Sie mich ausgeplündert?« fragte Prokop finster.

»Wie, bitte?«

»Warum Sie mich ausgeplündert haben?«

»Aber, Herr Ingenieur« – der Mann fühlte sich durchaus nicht beleidigt – »was reden Sie denn da? Carson – und ausgeplündert! Das ist ja großartig, haha!«

»Ausgeplündert«, wiederholte Prokop hartnäckig.

»Was Sie nicht sagen!« protestierte Herr Carson milde. »Aufbewahrt, mein Lieber, alles fein säuberlich aufbewahrt. Wie konnten Sie das auch hier herumliegen lassen? Es hätte Ihnen wirklich gestohlen werden können. Stellen Sie sich vor, mein Bester: gestohlen, verkauft, publiziert. Na, das ist doch klar! Das alles wäre möglich gewesen. Aber ich habe die Sachen für Sie aufbewahrt. Ehrenwort! Darum suche ich Sie ja. Sie bekommen alles zurück. Alles. Das heißt«, fügte er zögernd hinzu, und hinter den funkelnden Brillen blitzte es stählern auf, ». . . wenn Sie vernünftig sind. Wir werden uns schon einigen«, fügte er besänftigend hinzu. »Sie müssen sich habilitieren. Sie haben eine ungeheure Karriere vor sich. Atomzertrümmerung, Atomexplosionen, großartige Dinge. Wissenschaft, vor allem Wissenschaft! Wir einigen uns bestimmt, meinen Sie nicht? Ehrenwort, Sie bekommen alles zurück. Tja.«

Prokop schwieg, ganz benommen von diesem Wortschwall, während Herr Carson mit den Händen umherruderte und außer sich vor Vergnügen den Arbeitsraum durchquerte. »Alles, alles liegt für Sie bereit«, redete er munter weiter. »Jeder Span vom Fußboden. Sortiert, beschriftet, versiegelt. Haha, ich hätte mit allem auf und davon fahren können. Aber ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich retourniere alles. Wir müssen uns verständigen. Bitte, erkundigen Sie sich nach Carson. Geborener Däne, früher Dozent in Kopenhagen. Ich habe auch einmal wissenschaftlich gearbeitet, o göttliche Wissenschaft! Wie sagt doch Schiller? Dem einen ist sie – ist sie – Na, fällt mir nicht mehr ein; irgendwas von Wissenschaft. Ulkig, nicht? Aber danken Sie mir noch nicht! Erst später. Tja.«

Prokop hatte zwar gar nicht vor, sich zu bedanken, doch Herr Carson strahlte wie ein glücklicher Wohltäter. »An Ihrer Stelle«, sprudelte es begeistert von seinen Lippen, »an Ihrer Stelle würde ich mir . . .«

»Wo ist Tomesch?« unterbrach ihn Prokop.

Herr Carson warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Ach ja«, sagte, er und überlegte blitzschnell, »wir wissen natürlich, wo er sich aufhält. Ich meine«, wechselte er gewandt auf ein anderes Thema über, »Sie sollten sich . . . Sie sollten sich das größte Laboratorium der Welt einrichten. Die besten Apparate. Ein Weltinstitut für destruktive Chemie. Sie haben recht, Katheder ist Unsinn. Wozu die alten Sachen aufwärmen! Schade um die Zeit. Richten Sie sich auf amerikanische Art ein. Ein Rieseninstitut, eine Brigade von Assistenten, alles, was Sie wollen. Um Geld brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Punktum. Wo frühstücken Sie? Ich würde Sie für mein Leben gern einladen.«

»Was wollen Sie eigentlich?« fragte Prokop erstaunt.

Da setzte sich Herr Carson neben ihn auf den Strohsack, nahm ihn überaus herzlich bei der Hand und sagte auf einmal mit ganz veränderter Stimme: »Nur nicht erschrecken! Sie können Millionen verdienen!«

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