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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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14

In der Stadt angekommen, eilte er zu Tomeschs Wohnung. Aber gleich hinter dem Bahnhof hielt er im Gehen inne: Wo wohnte Tomesch eigentlich? Prokop war damals, vom Fieber geschüttelt, am Museum vorbei zum Bahnhof gegangen; aber aus welcher Richtung? Aus welcher Straße? Grollend irrte Prokop beim Museum umher und suchte vergebens die wahrscheinliche Richtung. Endlich ging er zur Polizeidirektion, Abteilung Hauptmeldeamt. Ein alter Beamter blätterte in Büchern nach: Georg Tomesch, Tomesch, Georg . . . Ja, sechzehnter Bezirk, die und die Straße. Das war offenbar eine alte Adresse. Trotzdem eilte Prokop in den sechzehnten Bezirk. Der Hauswart schüttelte den Kopf: Georg Tomesch? Der Herr hat hier gewohnt, aber das ist schon mehr als ein Jahr her. Wo er jetzt wohnt, weiß kein Mensch; er hat übrigens eine Menge Schulden hinterlassen –

Bestürzt suchte Prokop ein Kaffeehaus auf. Krakatit, las er auf der Rückseite der Zeitungen. ›Ing. P. soll seine Adresse bekanntgeben. Carson. Hauptpostlg.‹ Nun, dieser Carson weiß gewiß etwas von Tomesch; zwischen den beiden muß es irgendeinen Zusammenhang geben. Gut, hier ist eine Postkarte: Carson. Hauptpostlagernd. Erwarte Sie morgen mittag im Kaffee Soundso. Ing. Prokop. Kaum hatte er die Karte geschrieben, kam ihm ein neuer Gedanke: die Schulden. Er verließ das Kaffeehaus und ging zum Gericht, Abteilung Forderungen. Hier kannte man die Adresse des Herrn Tomesch nur zu gut: ein ganzer Haufen unzustellbarer Postsendungen, gerichtlicher Mahnungen usw. lag da aufgestapelt. Aber dieser gewisse Tomesch, Georg schien spurlos verschwunden zu sein. Trotzdem ging Prokop sogleich der neuen Adresse nach. Die Hausmeisterin, durch eine anständige Belohnung gesprächig gemacht, erkannte Prokop sogleich wieder und bemerkte, daß Herr Tomesch ein Schwindler und Nichtsnutz sei. In jener Nacht damals sei er abgereist und hätte ihn, Herrn Prokop, der Hausbesorgerin in Pflege überlassen. Sie sei dreimal oben gewesen, zu fragen, ob der Herr etwas wünsche, aber der Herr habe immerzu geschlafen und fantasiert, und dann sei er am Nachmittag plötzlich verschwunden. Herr Tomesch habe alles stehen- und liegenlassen und sei seither nicht wieder zurückgekehrt. Ab und zu schicke er Geld aus dem Ausland, doch sei er bereits wieder den neuen Mietsbetrag schuldig. Sollte er sich bis Monatsende nicht melden, so müsse man seine Sachen gerichtlich versteigern lassen. Schließlich sei er unter Zurücklassung einer Unmenge Schulden geflüchtet. Prokop unterzog das prächtige Frauenzimmer noch einem Kreuzverhör: Ob ihr etwas von einer Frau bekannt sei, die mit Herrn Tomesch ein Verhältnis unterhalten und ihn öfter besucht haben solle. Darüber wußte die Hausmeisterin im großen und ganzen nicht viel auszusagen. Was die Weibsbilder betreffe, so hätten etwa an die zwanzig hier verkehrt, solche mit und ohne Schleier, geschminkt und sonst irgendwie aufgemacht, kurz, es wäre eine wahre Schande gewesen für die Umgebung. Prokop zahlte ihr den fälligen Mietzins aus eigenem und bekam dafür den Schlüssel zu Tomeschs Wohnung.

Es roch modrig in der lange unbenutzten und wie ausgestorbenen Wohnung. Erst jetzt fiel Prokop die seltsame Pracht dieses Raumes auf, wo er damals mit dem Fieber gerungen hatte. Überall Perserteppiche, Kissen, an den Wänden Aktbilder, Gobelins, ein Diwan, Klubsessel, eine seltsame Mischung von Luxus und Verderbtheit, von Ausschweifung und Liederlichkeit.

Wenn er nur wüßte, wo er Georg suchen sollte! Schließlich kam ihm der Haufen Post unter die Hände, die hier auf Tomesch wartete. Es waren meist Geschäftsbriefe, wahrscheinlich nichts als Rechnungen; auch ein paar Privatbriefe, die er zögernd hin und her wendete und beschnupperte. Vielleicht fand sich in dem einen oder andern ein Hinweis, eine Adresse oder ähnliches, was ihn auf seine oder . . . ihre Spur führen würde! Erst widerstand er mutig der Versuchung, zumindest einen dieser Briefe zu öffnen. Aber wie er so allein hinter den trüben Fenstern saß und alles um ihn herum niedrige, heimliche Schande ausatmete, da unterdrückte er alle Zweifel, riß die Umschläge auf und las Brief um Brief. Rechnungen, sehr energische Mahnungen, dunkle Transaktionen betreffend. Prokop traute seinen Augen nicht. Nach diesen Briefen zu urteilen, war Tomesch entweder ein Schwarzhändler im großen, ein Agent mit Perserteppichen oder ein Valutenschieber, wahrscheinlich aber alles in einem. Im ganzen gesehen ergab sich eine Unzahl von Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen von Ausfuhrbewilligungen und Verstößen gegen allerlei andere Paragraphen, soweit Prokop das überhaupt begriff. Er verstand nur eines nicht, daß die ganze Sache bisher nicht aufgeflogen war. Wenn das alles einmal ans Tageslicht kommt, wie weit wird dann das Ausmaß dieser unbeschreiblichen Schändlichkeiten reichen? Er erinnerte sich an das stille Haus in Teinitz, an das Mädchen, das hier gestanden hatte, verzweifelt und entschlossen, diesen Menschen zu retten. Da nahm Prokop die ganze Korrespondenz der Firma Tomesch und verbrannte sie im Ofen. Der war schon angefüllt mit verkohlten Papieren. Offenbar hatte Tomesch vor seiner Abreise die Verhältnisse in gleicher Weise vereinfacht.

Gut, das waren die Geschäftsbriefe; blieben noch ein paar ganz private Briefe, einige fein und zart duftend, andere armselig und schmutzig. Wiederum zögerte Prokop. Aber zum Kuckuck, was konnte er tun? Immerhin schämte er sich sehr, als er eilig weitere Umschläge aufriß. Da: ein paar klebrige Vertraulichkeiten, Liebling, ich kann dich nicht vergessen, ein neues Rendezvous, genug davon. Hier machte jemand aufmerksam, daß er etwas wisse, ›was die Polizei interessieren könnte‹, aber er ließe mit sich reden; Herr Tomesch werde ›sicher zu schätzen wissen, welchen Wert eine solche Diskretion habe‹. Wieder etwas von einem Geschäft, von verkauften Schuldverschreibungen, unterfertigt mit ›Deine Rosa‹. Die gleiche Rosa teilt mit, daß ihr Mann verreist sei. Die gleiche Hand wie auf Nummer eins, ein Brief aus dem Kurort: nichts als schmierige Sentimentalitäten, die zügellose Erotik einer reifen, fetten Blondine, ein wenig verzuckert mit Achs! und zärtlichen Vorwürfen, dazu ›Mein Liebling‹ und ›Mein Wildling‹ und ähnliche Geschmacklosigkeiten, daß Prokop beim Lesen fast übel wurde. Er schämte sich unsagbar, in die übelriechende Dämmerung dieser Unterrockaffären einzudringen, aber es gab kein Zurück mehr. Endlich fand er vier Briefe, unterschrieben mit M.: tränenselige, fiebrige und peinliche Briefe, denen die dumpfe, leidenschaftliche Geschichte einer blinden, stickigen, sklavischen Liebe entstieg. Es war ein klägliches Betteln, ein Kriechen im Staub, verzweifelte Selbstanklage, ein erniedrigendes Sichanbieten und eine noch jammervollere Selbstquälerei; eine Andeutung über die Kinder, den Mann, das Angebot einer neuerlichen Geldsumme, unklare Anspielungen und das nur zu klare Ende eines von der Liebe gemarterten Weibes. Das also war ihre Schwester! Prokop vermeinte, den höhnischen grausamen Mund, die stechenden Augen, den herrischen, hochmütigen, selbstbewußten Kopf Tomeschs vor sich zu sehen: er hätte mit der Faust zuschlagen mögen. Aber was half das alles? Diese kläglich entblößte Liebe der Frau sagte nicht das geringste aus über . . . über die andere, die noch ohne Namen für ihn war und die er suchen mußte. Es blieb also nichts anderes übrig, als Tomesch zu finden.

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