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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/capek/krakatit/krakatit.xml
typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
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10

In jener Nacht träumte er, daß er einen sehr gelehrten Artikel in ›The Chemist‹ las. Bei der Formel An Ni stockte er und wußte sich keinen Rat damit. Er grübelte und grübelte, plötzlich begriff er, daß es Anni bedeutete. Da stand sie ja vor ihm im Zimmer, die Arme hinterm Kopf verschränkt, und blickte ihn spöttisch an. Er trat auf sie zu, packte sie mit beiden Händen und begann sie wild auf den Mund zu küssen. Anni wehrte sich heftig mit Knien und Ellbogen. Er hielt sie brutal fest, und mit der einen Hand riß er ihr die Kleider in langen Streifen vom Leibe. Schon fühlte er ihren jungen Körper unter den Händen. Anni wehrte sich so wütend, daß ihr die Haare ins Gesicht fielen, jetzt, jetzt ermattete sie und sank. Prokop stürzte zu ihr nieder, fand jedoch nichts als lange Streifen und Wickelbinden unter den Händen; er riß daran, zerrte daran, wollte sich davon befreien . . . da erwachte er.

Er schämte sich seines Traumes sehr. Leise kleidete er sich an, setzte sich ans Fenster und erwartete den Morgen. Es gibt keine Grenze zwischen Tag und Nacht. Der Himmel verblaßt ein wenig, und durch die Luft fliegt das Signal, das weder Licht noch Laut ist und der Natur befiehlt: Erwache! So beginnt der Morgen noch inmitten der Nacht. Die Hähne krähen, die Tiere im Stall bewegen sich. Der Himmel wird perlmutterfarben, erhellt sich und überzieht sich mit sanfter Röte; dann flammt der erste rote Streifen im Osten auf. Die Vögel zwitschern und lärmen, und der erste Mensch geht schwingenden Schrittes an sein Tagewerk.

Auch der gelehrte Mensch setzte sich ans Werk. Er kaute lange am Federhalter, ehe er sich entschloß, die ersten Worte niederzuschreiben. Es sollte etwas Großes werden, die Zusammenfassung seiner experimentellen und denkerischen Arbeit der letzten zwölf Jahre, ein schwer erkämpftes Werk. Das hier war vorerst nur als Entwurf gedacht, als eine Art physikalischer Philosophie, als physikalisches Gedicht oder Glaubensbekenntnis. Das Weltbild darin sollte aus Zahlen und Gleichungen gewölbt sein. Aber diese Ziffern der astronomischen Ordnung sollten etwas anderes messen als die Erhabenheit des Himmels; sie waren bestimmt, die Unbeständigkeit und Zerstörbarkeit der Materie zu berechnen.

Alles, was ist, gleicht einem trägen, abwartenden Sprengstoff; aber wie immer auch seine Beharrungszahl laute, sie stellt nur einen verschwindenden Bruchteil seiner Sprengkraft dar. Alles, was vor sich geht, der Kreislauf der Gestirne, die tellurische Arbeit, das emsige, unersättliche Leben selbst, alles das lockert und bindet nur an der Oberfläche, unmerklich und unmeßbar, jene Explosivkraft, die Materie heißt. Wisset denn, daß die Fessel, die sie bindet, nur ein Spinngewebe an den Gliedern eines schlafenden Titanen ist. Gebt mir die Kraft, sie zu zerstören, und er wird die Erdrinde von sich abschütteln und Jupiter auf den Saturn schleudern. Du aber, Menschheit, du gleichst nur einer Schwalbe, die sich geschäftig ihr Nest unter dem Dache dieses kosmischen Pulverlagers gebaut hat. Du zwitscherst bei Sonnenaufgang, während in den Fässern unter dir das furchtbare Potential der Explosion lautlos vibriert.

Diese Dinge schrieb Prokop freilich nicht nieder; sie waren bloß die heimliche Melodie, welche die schwerfälligen Sätze einer Fachstudie beflügelte. Für ihn lag mehr Fantasie in der nüchternen Formel und mehr bezaubernde Schönheit im Ausdruck der Zahlen. Und so schrieb er sein Gedicht in Zeichen, Ziffern und dem üblen Kauderwelsch gelehrter Wörter.

Er kam nicht zum Frühstück. Anni brachte ihm die Milch. Er dankte, erinnerte sich dabei an seinen Traum und konnte es nicht über sich bringen, das Mädchen anzusehen. Er blickte hartnäckig in die Ecke; weiß der Kuckuck, wie er es dabei fertigbrachte, trotzdem jedes einzelne Goldhärchen an ihren nackten Armen zu entdecken. Nie hatte er das bisher beachtet.

Anni stand nahe bei ihm. »Werden Sie schreiben?« fragte sie unsicher.

»Ja«, brummte er und dachte, was sie wohl dazu sagen würde, wenn er unvermutet den Kopf an ihre Brust legte.

»Den ganzen Tag?«

»Ja.« Wahrscheinlich würde sie sehr unangenehm berührt zurückweichen. Sie hat kleine, feste Brüste und weiß vielleicht gar nichts davon. Übrigens, was ging ihn das an!

»Wünschen Sie noch etwas?«

»Nein, nichts.« Zu dumm; am liebsten möchte er fest zupacken! Eine Frau weiß nie, wie sehr sie einen aus der Fassung bringt.

Anni zuckte ein wenig gekränkt mit den Schultern. »Also schön!« Und fort war sie.

Er stand auf und ging hin und her. Er ärgerte sich über sich selbst und auch über sie und hatte vor allem keine Lust mehr zu schreiben. Er versuchte, seine Gedanken zu sammeln, doch ohne Erfolg. Mißmutig und verärgert ging er zwischen den Wänden auf und nieder mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels. Eine Stunde, zwei Stunden. Von unten hörte man Tellergeklirr. Der Mittagstisch wurde gedeckt. Er setzte sich wieder an seine Arbeit und stützte den Kopf in die Hände. Eine Weile später brachte die Magd das Mittagessen.

Er ließ es fast unberührt und warf sich übellaunig aufs Bett. Es war klar: sie hatten ihn satt, und auch er hatte schon von allem hier genug. Es war höchste Zeit abzureisen. Ja, gleich morgen. Er faßte allerlei Pläne für seine künftigen Arbeiten und wußte selbst nicht, warum er ein so beschämendes und peinliches Gefühl dabei hatte. Schließlich schlief er todmüde ein. Er erwachte spät nachmittags voll widerwärtiger Dumpfheit und Schlaffheit an Körper und Seele. Er lief ziellos im Zimmer umher, gähnte und war gedankenlos verdrießlich. Es wurde dunkel, aber er machte kein Licht. Die Magd brachte ihm das Abendessen. Er ließ es kalt werden und lauschte, was unten vorging. Die Gabeln klirrten, der Doktor brummte und schlug sehr bald nach dem Abendessen die Tür seines Zimmers zu. Dann war es still.

Überzeugt, niemandem mehr zu begegnen, raffte sich Prokop auf und ging in den Garten hinunter. Die Nacht war lau und klar. Schon blühte der Flieder, Bootes streckte seine Sternenarme weit am Himmel aus, und aus der Tiefe der Stille tönte von fernher Hundegekläff. An der Steinmauer im Garten lehnte etwas Helles: es war Anni.

»Eine schöne Nacht heute!« sagte er, bloß um überhaupt etwas zu sagen, und lehnte sich neben sie an die Mauer. Anni schwieg, wandte das Gesicht ab, nur ihre Schultern zuckten ungewohnt und unruhig.

»Das ist Bootes«, erklärte Prokop mitteilsam. »Darüber – ist der Drache und der Cepheus, und dort die Kassiopeia, die vier Sterne beisammen. Sie müssen höher schauen.«

Anni stand abgewandt und fuhr sich über die Augen. »Der helle dort ist der Pollux«, sagte Prokop zögernd. »Sie dürfen mir nicht böse sein. Vielleicht bin ich Ihnen grob erschienen. Ich bin – irgendwas quält mich. Beachten Sie es nicht.«

Anni seufzte tief. »Und . . . der dort?« fragte sie mit leiser, schwankender Stimme. »Der hellste dort?«

»Das ist der Sirius im Großen Hund. Man nennt ihn auch Alhabor. Und ganz links sehen Sie den Arcturus und die Spica. Jetzt fiel eine Sternschnuppe. Haben Sie gesehen?«

»Ja. Warum ärgerten Sie sich heute morgen so über mich?«

»Ich ärgerte mich nicht. Ich bin . . . manchmal . . . vielleicht etwas schroff. Aber ich habe ein hartes Leben hinter mir, allzu hart und immer allein wie – ein Vorposten. Ich kann ja nicht einmal ordentlich sprechen. Ich wollte heute . . . etwas Schönes schreiben . . . etwas wie ein wissenschaftliches Gebet, für jeden verständlich. Ich . . . hätte es Ihnen gern vorgelesen; aber in mir ist alles verdorrt. Man schämt sich förmlich schon . . . seiner Begeisterung, als ob das eine Schwäche wäre. Oder überhaupt etwas frei herauszusagen. So verkrustet ist die Seele. Ich werde schon recht grau.«

»Das steht Ihnen doch gut«, sagte Anni leise.

Prokop war überrascht, wie sie die Dinge sah. »Nun, angenehm ist es gerade nicht«, sagte er verwirrt. »Es wäre an der Zeit . . . es wäre hoch an der Zeit, die Ernte einzubringen. Was hätte ein anderer aus meinem Wissen gemacht! Aber ich habe nichts, nichts von alldem. Ich bin bloß . . . ›berühmt‹, ›célèbre‹, ›highly esteemed‹, freilich, bei uns weiß niemand davon. Ich halte meine Theorien für ziemlich falsch; ich bin kein Theoretiker. Aber was ich gefunden habe, ist nicht ohne Wert. Meine exothermischen Sprengstoffe zum Beispiel . . . die Diagramme . . . und die Atomexplosion . . . das bedeutet schon etwas. Dabei habe ich kaum ein Zehntel meiner Kenntnisse publiziert. Was würde ein anderer daraus machen! Ich verstehe die Theorien der anderen nicht einmal mehr; sie sind so subtil, so geistreich – daß sie mich nur verwirren. Ich bin ein Küchengeist. Halten Sie mir irgendeinen Stoff unter die Nase, und ich schnuppere förmlich, was sich daraus machen läßt. Aber begreifen, was daraus zu folgern wäre – theoretisch und philosophisch –, das vermag ich nicht. Ich kenne . . . nur Tatsachen, ich schaffe sie, es sind meine Tatsachen, verstehen Sie das? Und doch fühle ich dahinter eine – eine Wahrheit, eine ungeheure, allgemeine Wahrheit, die – alles umstürzen wird –, wenn sie einmal entfesselt ist. Aber diese große Wahrheit steckt hinter den Tatsachen – nicht hinter den Worten. Und deshalb, deshalb muß ich hinter die Tatsachen gelangen, und wenn es mich beide Hände kosten sollte . . .«

Anni, die an der Mauer lehnte, wagte kaum zu atmen. Nie zuvor war dieser düstere Mensch so redselig gewesen, und nie noch hatte er von sich gesprochen. Er rang schwer mit den Worten; ein gewaltiger Stolz durchbebte ihn, aber auch Scheu und Gequältheit. Doch selbst wenn er in Integralen geredet hätte, würde Anni begriffen haben, daß sich ihr da etwas ganz Innerliches und menschlich Aufgewühltes offenbarte.

»Das Schlimmste aber«, fuhr Prokop verhalten fort, »das Schlimmste ist, daß mir manchmal – und hier besonders – auch das töricht, unnütz scheint, ich meine jene letzte Wahrheit – und überhaupt alles. Das habe ich früher nicht gekannt: dieses Wofür und Wozu! . . . Vielleicht wäre es vernünftiger, sich zu ergeben . . . sich einfach all dem, all dem zu ergeben –« (Er bewegte dabei die Hand in der Runde.) »Dem Leben! Der Mensch soll nicht glücklich sein; es verweichlicht ihn. Dann erscheint ihm alles übrige klein, überflüssig . . . sinnlos. Das Größte . . . das Höchste leistet der Mensch aus Verzweiflung, Verlassenheit, aus Einsamkeit, Betäubung. Weil ihm nichts genügt. Ich habe wie ein Wahnsinniger gearbeitet. Aber hier, hier begann ich glücklich zu werden. Hier erkannte ich, daß es vielleicht . . . etwas Besseres gibt als zu denken. Hier lebt der Mensch einfach . . . und merkt, daß es etwas Gewaltiges ist, nur zu leben. So wie Ihr Hund, Ihre Katze, wie die Hühner. Jedes Tier vermag es . . . mir erscheint das so großartig, als hätte ich bisher überhaupt nicht gelebt. Und so . . . habe ich zum zweitenmal zwölf Jahre verloren.«

Seine verunstaltete, so oft geflickte Hand an der Mauer erzitterte. Anni schwieg, selbst in der Dunkelheit waren ihre langen Wimpern zu sehen. Sie stützte sich mit den Ellbogen auf die Mauer und blickte zu den Sternen empor. Da raschelte etwas im Strauchwerk; Anni erschrak so heftig, daß sie gegen Prokops Schulter stieß. »Was ist das?«

»Nichts, vielleicht ein Marder; er schleicht wohl in den Hof zu den Hühnern.«

Anni rührte sich nicht. Ihre jungen Brüste berührten jetzt voll und sanft Prokops rechte Hand. Vielleicht, sicher ahnte sie nichts davon, Prokop aber wußte es in diesem Augenblick mehr als alles andere in der Welt; er fürchtete sich, die Hand zu bewegen. Sie sollte nicht glauben, er habe die Hand mit Absicht hingelegt, und sie sollte sich nicht abwenden. Das Merkwürdige war, daß er jetzt nicht mehr von sich und seinem verlorenen Leben sprechen konnte. »Niemals«, sagte er stockend und verwirrt, »niemals noch war ich so glücklich wie hier. Ihr Vater ist der beste Mensch, den ich kenne, und Sie . . . Sie sind so jung . . .«

»Ich glaubte, Sie halten mich . . . für dumm«, sagte Anni leise und selig. »Noch nie haben Sie so mit mir gesprochen.«

»Nein, noch nie«, sagte Prokop. Nun schwiegen beide. Er fühlte an der Hand das leichte Wogen ihrer Brust. Ein Schauer durchlief ihn, er hielt den Atem an; auch sie schien in stiller Erregung den Atem anzuhalten. Sie rührte sich mit keiner Wimper und blickte nur starr vor sich hin. Ob es ein berauschenderes Abenteuer gibt als diese erste unbewußte, vertrauliche Berührung?

Anni richtete sich mit der natürlichsten Bewegung der Welt auf. Ach, Mädchen, du wußtest wirklich von nichts! »Gute Nacht!« sagte sie leise, und ihr Gesicht schimmerte bleich und unklar. »Gute Nacht«, sagte sie etwas unfrei und reichte ihm die Hand; sie war linkisch und schlaff, war wie geknickt und blickte anderswohin. Es schien, als wollte sie noch verweilen. Sie ging und zögerte zugleich; nun stand sie wieder und zerpflückte ein Blatt in kleine Stücke. Was blieb noch zu sagen? Gute Nacht, Anni, schlafen Sie besser als ich.

Denn jetzt konnte man freilich nicht schlafen gehen. Prokop warf sich auf die Bank und lehnte sich zurück, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Nichts, nichts war geschehen! Anni war rein und unwissend wie ein junges Reh, und nun Schluß damit! Da erhellte sich ein Fenster im ersten Stock. Es war Annis Schlafzimmer.

Prokops Herz begann heftiger zu schlagen. Er wußte, es war nicht recht, heimlich zuzusehen; als Gast dürfte er das nicht tun. Er versuchte sogar, sich durch Hüsteln bemerkbar zu machen, aber es mißlang. Er saß regungslos und starrte zu dem golden schimmernden Fenster empor. Anni ging im Zimmer umher, bückte sich und hantierte lange; offenbar machte sie ihr Bett zurecht. Nun stand sie am Fenster und blickte in die Dunkelheit hinaus, die Hände im Nacken verschränkt: genauso hatte er sie im Traum gesehen. Jetzt wäre es wohl ratsam gewesen, sich bemerkbar zu machen; warum tat er es nicht? Schon war es zu spät. Anni wandte sich vom Fenster ab, ging durchs Zimmer und verschwand. Nein, sie saß nur mit dem Rücken zum Fenster und entledigte sich offenbar sehr langsam und nachdenklich ihrer Schuhe. (Nie träumt es sich besser als mit einem Schuh in der Hand.) Prokop kletterte nun auf die Bank, um besser zu sehen. Anni richtete sich auf, sie war jetzt ohne Bluse, hob die nackten Arme und nestelte in den Haaren. Sie warf den Kopf zurück, so daß die ganze Haarflut über ihre Schultern wallte. Sie schüttelte sich, ließ das Haar über die Stirn nach vorn fallen, worauf sie es mit Kamm und Bürste bearbeitete, bis der Kopf glatt wie eine Zwiebel aussah. Das nahm sich offenbar sehr komisch aus, denn Prokop strahlte übers ganze Gesicht.

Anni stand da, den Kopf ein wenig geneigt, und flocht das Haar zu zwei Zöpfen. Sie hielt die Lider gesenkt, flüsterte etwas vor sich hin, lächelte, begann sich zu schämen, hob die Schultern, daß das eine Achselband des Hemdes herabzugleiten drohte, verharrte in Gedanken versunken, strich sich zärtlich über die weiße Schulter, bis die Nachtkühle sie frösteln machte. Das Achselband rutschte immer bedenklicher; da verlöschte das Licht.

Nie hatte Prokop etwas Lichteres und Schöneres gesehen als jenes helle Fenster in der Nacht.

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