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Krakatit

Karel Capek: Krakatit - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel Capek
titleKrakatit
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1978
isbn3-453-30534-5
firstpub1924
translatorJ. Mader
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120810
modified20140612
projectid3dae426c
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9

Es ging besser. Tag um Tag kehrte das Leben mit winzigen Schritten wieder. Noch spürte Prokop eine Mattigkeit im Kopf, fühlte sich wie in einer unwirklichen Welt. Jetzt bliebe nur noch, dem Doktor zu danken und dann seiner Wege zu gehen. Er wollte es einmal nach dem Abendessen ankündigen, aber da schwiegen gerade alle, als hätte es ihnen die Rede verschlagen. Nachher faßte der Doktor Prokop unter und ging mit ihm ins Ordinationszimmer hinüber. Nach einigem Hin und Her platzte er in seiner verlegenen Grobheit heraus: Prokop brauche vorläufig nicht abzureisen, er solle lieber noch etwas ausruhen, das Spiel sei noch nicht gewonnen, und überhaupt – er könne ruhig hierbleiben. Prokop wehrte sich nur schwach. Er fühlte sich wirklich noch nicht völlig wiederhergestellt und war auch etwas verweichlicht. Kurz, von einer Abreise war vorderhand keine Rede mehr.

Nachmittags schloß sich der Doktor immer im Ordinationszimmer ein. »Setzen Sie sich doch einmal zu mir herein«, sagte er so beiläufig zu Prokop. Prokop fand ihn mit Fläschchen, Tiegeln und Pülverchen hantierend. »Hier im Ort gibt es nämlich keine Apotheke«, erklärte der Doktor, »ich muß mir also die Arzneien selber zusammenbrauen.« Mit kurzen, zittrigen Fingern dosierte er ein Pulver auf der Handwaage. Er hatte eine unsichere Hand, und die Waage schwankte und drehte sich. Der alte Herr ärgerte sich, schnaubte und schwitzte an der Nase winzige Tröpfchen aus. »Ich seh's nicht genau«, versuchte der Alte die Ungeschicklichkeit seiner Finger zu entschuldigen. Prokop sah eine Weile zu, nahm ihm dann die Waage wortlos aus der Hand und wog das Pülverchen, ein zweites, ein drittes auf ein Milligramm genau ab. Die empfindliche Waage tanzte nur so zwischen seinen Fingern. »Sieh mal, sieh mal an«, staunte der Doktor und verfolgte verblüfft Prokops Hände mit ihren verunstalteten, knotigen und unförmigen Gelenken, den abgebrochenen Nägeln und kurzen Stümpfen anstelle einiger Finger. »Haben Sie aber eine Geschicklichkeit in den Händen!« Bald rührte Prokop bereits Salben an, maß Tropfen ab und erwärmte die Reagenzgläser. Der Doktor strahlte und klebte Zettel auf. In einer halben Stunde war er mit der ganzen Apothekerarbeit fertig, und dabei gab es noch eine Menge Pulver auf Vorrat. In wenigen Tagen las Prokop bereits geläufig alle Rezepte des Doktors und arbeitete als sein Assistent. Einmal gegen Abend stocherte der Doktor in der lockeren Erde eines Beetes herum. Plötzlich ertönte ein furchtbarer Knall im Hause, und gleichzeitig klirrte splitterndes Glas. Der Doktor stürzte ins Haus und stieß im Flur mit der entsetzten Anni zusammen. »Was ist geschehen?« schrie er.

»Ich weiß nicht«, stammelte das Mädchen. »Im Sprechzimmer . . .« Der Doktor lief ins Ordinationszimmer und fand Prokop, wie er auf allen vieren auf dem Fußboden umherkroch und Scherben und Papiere auflas.

»Was haben Sie da angestellt?« fuhr ihn der Doktor an.

»Nichts«, antwortete Prokop und erhob sich schuldbewußt. »Ein Probierglas ist mir explodiert.«

»Aber was, zum Donnerwetter . . «, wollte der Doktor lostoben, stockte aber bestürzt: Aus Prokops linker Hand sickerte Blut. »Hat es Ihnen den Finger weggerissen?«

»Nur ein Kratzer«, widersprach Prokop und verbarg die Linke hinterm Rücken.

»Zeigen Sie her!« schrie der alte Doktor und zerrte Prokop ans Fenster. Der halbe Finger hing nur noch an der Haut. Der Doktor rannte zum Verbandskasten nach einer Schere und erblickte in der offenen Tür Annis todbleiches Gesicht. »Was willst du hier?« schrie er sie an. »Marsch, hinaus!« Anni rührte sich nicht; sie preßte die Hände an die Brust, einer Ohnmacht nahe.

Der Doktor kehrte zu Prokop zurück. Erst hantierte er mit Watte, und dann zwackte die Schere. »Licht!« rief er. Anni stürzte zum Schalter und drehte das Licht an. »Steh hier nicht herum!« brauste der alte Herr auf, während er eine Nadel in Benzin badete. »Was hast du hier zu suchen? Reich mir den Zwirn!« Anni sprang zum Schrank und brachte eine Rolle mit Zwirn. »Jetzt geh!«

Anni blickte auf Prokops Rücken und tat etwas anderes. Sie trat näher, faßte mit beiden Händen die verletzte Hand und hielt sie. Der Doktor wusch sich gerade die Hände; er wandte sich nach Anni um und wollte lospoltern, statt dessen brummte er: »So, jetzt halt fest! Und näher ans Licht!«

Anni schloß die Augen und hielt fest. Als nichts mehr zu hören war als des Doktors Schnaufen, wagte sie aufzublicken. Unten, wo der Vater gerade arbeitete, war alles blutig und häßlich. Sie sah Prokop an. Er hatte das Gesicht abgewandt, seine Augenlider zuckten vor Schmerz. Anni zitterte und verschluckte die Tränen; ihr begann übel zu werden.

Inzwischen wuchs um Prokops Hand eine Menge Watte, Billrothbatist und wohl ein Kilometer festgewickelter Verbandsstoff zu einem weißen Riesengebilde an. Anni hielt immer noch fest, ihre Knie bebten; die schreckliche Operation schien kein Ende zu nehmen. Plötzlich begann sich ihr der Kopf zu drehen, und dann hörte sie den Vater sagen: »Da, trink das schnell!« Sie öffnete die Augen, merkte, daß sie im Operationsstuhl saß, daß der Vater ihr ein Glas mit etwas Gelblichem darin reichte, daß hinter ihm Prokop stand, der ihr zulächelte, die verbundene Hand wie eine Riesenknospe an sich drückend. »Trink das aus!« drängte der Doktor und zeigte die Zähne. Sie schluckte es gehorsam und bekam einen Hustenanfall; es war sehr starker Kognak.

»Jetzt kommen Sie an die Reihe«, wandte sich der Doktor an Prokop und reichte ihm das Glas. Prokop war etwas bleich und erwartete standhaft das Donnerwetter. Schließlich trank auch der Doktor, räusperte sich und legte los: »Also, was haben Sie hier eigentlich angestellt?«

»Einen Versuch«, antwortete Prokop mit dem schiefen Lächeln des Schuldbewußten.

»Was für einen Versuch? Womit denn?«

»Nichts Besonderes. Ich – ich wollte nur sehen, ob sich mit Kaliumchlorid etwas machen läßt.«

»Was machen läßt?«

»Ein Sprengstoff«, flüsterte Prokop in der Rolle eines reumütigen Sünders.

»Das hat sich gelohnt!« sagte der Doktor mit einem Blick auf die verbundene Hand. »Es hätte Ihnen die Hand wegreißen können. Fühlen Sie Schmerzen? Recht geschieht Ihnen, Sie verdienen's nicht anders«, erklärte er blutdürstig.

»Aber Vater«, mengte sich Anni ein, »laß ihn jetzt in Ruhe.«

»Was hast du hier zu schaffen?« knurrte der Doktor und fuhr ihr mit der nach Karbol und Jodoform riechenden Hand über die Wange.

Von jetzt ab trug der Doktor den Schlüssel zum Ordinationszimmer bei sich. Prokop hatte eine Sendung wissenschaftlicher Bücher erhalten, trug die Hand in der Schlinge und studierte tagsüber. Schon blühten die Kirschbäume, das klebrige junge Laub flimmerte in der Sonne, die Goldlilien öffneten die schweren Knospen. Im Garten ging Anni mit ihrer rundlichen Freundin spazieren; sie hielten sich umfaßt und kicherten in einem fort; dann steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten einander etwas zu, lachten errötend und begannen einander zu küssen.

Nach Jahren verspürte Prokop wieder einmal ein körperliches Wohlbehagen. Lebensdurstig gab er sich der Sonne hin und kniff die Augen zu, um auf das Rauschen in seinem Körper zu horchen. Mit einem Seufzer setzte er sich an die Arbeit. Aber dann mußte er sich wieder Bewegung machen, streifte in der Gegend umher und widmete sich leidenschaftlich der Freude des Atmens. Manchmal begegnete er Anni im Hause oder im Garten und versuchte, ihr etwas Nettes zu sagen. Anni sah ihn bloß von der Seite an und wußte nichts zu reden. Auch Prokop fiel nichts Rechtes ein, und so schlug er immer einen brummigen Ton an. Am wohlsten fühlte er sich doch allein.

Er merkte beim Studium, daß er viel vernachlässigt hatte. Die Wissenschaft war nicht stehengeblieben, und über vieles mußte er sich neu orientieren. Eine besondere Scheu empfand er, an seine eigene Arbeit zu denken, denn da, so fühlte er, waren die Zusammenhänge am empfindlichsten zerrissen. Er arbeitete viel und angestrengt oder träumte, träumte von neuen Laboratoriumsmethoden und ließ sich von der subtilen, kühnen Berechnung des Theoretikers verlocken. Er wütete gegen sich, wenn sich sein grobes Gehirn als unfähig erwies, das feine Haar eines Problems zu spalten. Er wußte, daß seine ›destruktive Laboratoriumschemie‹ die merkwürdigsten Einblicke in die Theorie der Materie eröffnete. Er stieß auf unerwartete Zusammenhänge, zerstörte sie aber gleich wieder durch seine allzu schwerfälligen Erwägungen. Verdrossen ließ er es dann sein, um sich in irgendeinen dummen Roman zu versenken. Aber auch so wurde er die Besessenheit nicht los; statt der Worte las er immer wieder chemische Formeln. Es waren närrische Formeln bisher unbekannter Elemente, die ihn bis in die Träume hinein beunruhigten.

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