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Kosmopolis. Zweiter Band

Paul Bourget: Kosmopolis. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
type
authorPaul Bourget
titleKosmopolis. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150721
projectid1f5720b1
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Epilog

»Und unmittelbar nach dieser Unterredung hat das arme Kind jene Spazierfahrt nach dem See von Porto unternommen, wo sie sich das verderbliche Fieber zuzog?« fragte Montfanon.

»Unmittelbar nachher,« erwiderte Dorsenne, »und das Entsetzliche ist für mich, daß ich nicht zweifeln kann, daß sie in dieser Absicht hinging ... Ich selbst war so erschüttert von unserm Gespräch, daß ich's nicht über mich brachte, Rom noch an jenem Abend zu verlassen, wie ich ihr angekündigt hatte. Nach endlosen Bedenken und Ueberlegungen – Sie verstehen es jetzt, nachdem ich Ihnen alles erzählt habe – ging ich um sechs Uhr noch einmal in die Villa Steno. Ich wollte mit ihr sprechen – wie – wovon? Wußt' ich es selbst? Es war sehr thöricht, denn ihr herzensreines Geständnis ließ ja nur zweierlei Antworten zu, entweder die schon gegebene oder einen Heiratsantrag. Aber ach, so klar konnte ich nicht denken! Ich hatte Angst – wovor? Das wußte ich ebensowenig ... Ich komme also in die Villa und treffe die Gräfin wie immer übermütig und strahlend mit ihrem Amerikaner allein. ›So ist nun das Mädchen,‹ erwidert sie auf meine erste Frage. ›Mit mir zu dem Gartenfeste zu gehen, wo sie sich gewiß gut unterhalten hätte, das lehnt sie ab und fährt dafür mutterseelenallein in die Campagna hinaus, um ihren Träumereien nachzuhängen. Wollen Sie nicht auf sie warten?‹ Und ich habe bis nach halb acht Uhr gewartet, habe leeres Zeug geschwatzt wie ein beliebiger Besucher und hätte doch fortwährend dieser unbefangenen Frau, die nicht einmal merkte, wie die Zeit verging, sagen, nein zuschreien mögen: ›Unglückselige, dein Kind härmt sich ab um dich und deinen Liebhaber ... um dir zu entfliehen, flieht sie das Haus, und du fühlst, du ahnst es nicht!‹ Schließlich wurde sie doch selbst unruhig, und da Alba immer nicht kam, empfahl ich mich mit so beklommenem Herzen, daß ich seither zugeben muß, es gibt Vorgefühle ... Als ich aus der Hausthür trat, fuhr Albas Wagen gerade vor. Sie sah so blaß, so unheimlich blaß, fast grünlich aus, daß ich unwillkürlich, als ob es mein gutes Recht wäre, die Frage ausstieß: ›Wo kommen Sie her?‹ Ihre entfärbten Lippen zuckten, als sie mir Antwort gab, und als ich vollends erfuhr, wo sie die Stunde nach Sonnenuntergang zugebracht hatte, daß sie an diesem See, dem verrufensten der ganzen Umgebung, gewesen war, entfuhr es mir: ›Welche Unbesonnenheit!‹ Mein Leben lang werde ich den Blick sehen, womit sie mir entgegnete: ›Sagen Sie lieber, wie vernünftig, und wünschen Sie mir, daß ich mir ein Fieber geholt habe und daran sterben darf!‹ Das übrige, und wie rasch dieser Wunsch sich erfüllt hat, wissen Sie.

»Ja, Alba hatte sich's geholt, dieses Fieber, und zwar so bösartig, daß sie in sechs Tagen dahingerafft war. Nach ihrer letzten Aeußerung bleibt mir keine Möglichkeit eines Zweifels – es war ein Selbstmord. Ehe sie in den Tod ging, hatte sie sich in höchster Not an mich gewendet – ich habe sie nicht verstanden und sie hat ihn in der Form gesucht, die weder der Welt, noch ihrer Mutter Anhaltspunkte bietet, die Wahrheit zu erraten. Ich hätte sie dran hindern können und habe es nicht gethan ...«

»Und diese Mutter?« fragte Montfanon. »Hat sie es endlich begriffen?«

»Nicht die Spur! Es ist unfaßlich, aber es ist so. Ach! Sie ist die würdige Freundin dieses Halunken Hafner, den nicht einmal die Auflösung dieser Verlobung seinen Kurs verlieren ließ, denn – ich hab's Ihnen noch nicht erzählt – er hat soeben den Palast Castagna an eine Aktiengesellschaft verkauft, die ein Hotel Garni draus machen will! Ich lache,« setzte Dorsenne mit seltsamer Herbheit hinzu, um die Thränen zu verschlucken, »denn jetzt kommt das Bitterste ... Wissen Sie, wann ich Alba Stenos trauriges Gesichtchen zum letztenmale gesehen habe? Vor drei Tagen, vierundzwanzig Stunden nach ihrem Tode, gerade um die jetzige Zeit. Ich war gekommen, mich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen – sie nahm Besuche an! ›Wollen Sie ihr Lebewohl sagen?‹ fragte sie mich. ›Der gute Lincoln ist eben im Begriffe, die Totenmaske für mich abzunehmen.‹ So trat ich in das Zimmer, wo sie ruhte. Die Augen waren geschlossen, die Wangen eingesunken und in die Länge gezogen, ihr hübsches Näschen spitzig und auf der Stirn und in dem Zug um die Mundwinkel lag eine Mischung von Bitterkeit und Ruhe, die ich nicht schildern kann. Ebensowenig hab' ich Worte für das Gefühl, womit ich mir sagte: ›Wenn du gewollt hättest – kaum sechsmal vierundzwanzig Stunden sind es her – so würde sie leben, lächeln und dich lieben!‹ Neben dem Bett rührte der Amerikaner seinen Gips an, indes der allzeit getreue, allzeit arglose Florent Chapron das Oel zurecht machte, um das Gesicht der Toten einzupinseln, und diese unheimliche Lydia Maitland verfolgte beider Thätigkeit mit einem Blick, der mir das Blut gerinnen machte, wenn ich dabei bedachte, was mich mein letztes Gespräch mit Alba hat ahnen lassen. Wenn diese Frau nicht die Rolle der Nemesis der Alten auf sich nimmt und der Gräfin alles zu wissen thut, so versteh' ich mich nicht auf Gesichter. Für den Augenblick schwieg sie noch, und wissen Sie, was das einzige Wort war, das der Gräfin in den Sinn kam, als ihr Liebhaber, der Mensch, um den ihr Kind so viel gelitten hat, sich ihrem gemeinsamen Opfer näherte? ›Daß Sie ihr nur die schönen Wimpern nicht abbrechen!‹ rief sie – ist das nicht grauenvoller Hohn! Schauderhaft!«

Der junge Mann sank mit diesem Aufschrei des Jammers und der Selbstanklage auf eine Bank, und Montfanon, der sich von dem Entsetzlichen, was ihm anvertraut worden war, wie gelähmt fühlte, wiederholte mechanisch sein »Ja – schauderhaft!«

Ihr heutiges Gespräch, so grundverschieden von jener Plauderei, die sie vor wenig Wochen an einem leuchtend klaren Morgen zu Anfang Mai so lange an die Ecke der Borgognonastraße und des Spanischen Platzes gefesselt hatte, fand in einer entlegenen Allee der vatikanischen Gärten statt. Dorsenne, der wieder im Begriffe war, nach Paris zurückzukehren, und zwar diesmal endgültig, hatte Montfanon heute früh aufgesucht, und der alte Legitimist hatte seinen jungen Freund so niedergedrückt gefunden, daß er ihn zum Frühstück bei sich behalten, dann auf all seinen Gängen begleitet und schließlich an dies lauschige, schwer zugängliche Plätzchen geführt hatte. Er hatte darauf gerechnet, seine Neugier zu beschäftigen und ihn dadurch dieser wirklich beunruhigenden Niedergeschlagenheit zu entreißen. Wohl zwanzigmal hatte Julian während des Winters die Gunst erfleht, diesen Garten betreten zu dürfen, und ebenso oft hatte der alte Zuave, dem durch seine Beziehungen zum päpstlichen Hof unbeschränkte Benutzung der vatikanischen Gärten zustand, die Verantwortung, einen Fremden einzuschmuggeln, von sich gewiesen. Er mußte also Dorsenne sehr lieb haben und zugleich in großer Sorge um ihn sein, um heute endlich seine Bedenken überwunden zu haben. Der Spaziergang hatte jedoch bis jetzt kein andres Ergebnis gehabt, als dem älteren Freund die schmerzliche Schilderung von Alba Stenos Tod mit den nur dem Schriftsteller bekannten Einzelheiten einzutragen, und so weit dieser Bericht auch hinter der Wirklichkeit zurückblieb, er genügte, das sehr tapfere und sehr weiche Herz des alten Edelmannes im Innersten zu bewegen. Wie gern hätte er Worte gefunden, seinen Freund aufzurichten! Aber womit sollte er ihn trösten, während er ihn selbst des Verbrechens anklagte, aus Gefühlständelei unbesonnen mit dem kranken Gemüt der armen Alba gespielt zu haben? Des weitern war aber auch sein eigenes Gewissen noch lange nicht beruhigt über die Rolle, die er selbst, der gläubige Christ, bei dem unseligen Zweikampf zwischen Gorka und Florent übernommen hatte. Er machte sich vollkommen klar, daß dieses Duell, indem es die Abreise der Gorkas herbeigeführt, zugleich auch die Wirkung gehabt hatte, das Kind der Gräfin Steno aufzuklären, und daß folglich auch er einen Teil der Schuld an diesem Selbstmord trug. So winzig sein Anteil war, er lastete auf ihm, und schweigend brütete er vor sich hin. Es mochte auch sein, daß beide, der Gläubige und der Skeptiker, von dem Hauch der Wehmut umfangen waren, der diesem Ort anhaftet, wo ihr Gespräch das Bild der furchtbaren Tragödie heraufbeschworen hatte, woran sie selbst in verschiedenem Maß beteiligt waren. Die dichten Kronen dunkelgrüner, von gleichmäßig gestutztem Gebüsch umgebener Eichen hüllten sie in ihre Schatten. Kein Laut drang zu ihnen, als das leise Rauschen des Laubes und das einförmige, klagende Plätschern eines nahen Springbrunnens. Sonst herrschte Totenstille in dem von den alten Mauern Roms umgürteten, von der unbeweglichen Kuppel des Sankt Peter überragten Gehölz.

Die einzigen Gäste des päpstlichen Gartens schienen außer den beiden Besuchern die marmornen Göttergestalten zu sein, die da und dort aus dem Dickicht ragten, Ueberreste einer heidnischen Kunst, die eine Laune der Päpste der Renaissancezeit, vielleicht ein Befehl jenes Leo X., der in diesen Gärten einen Kreis zartsinniger Dichter und ruhmvoller Künstler um sich versammelt hat, in den Bereich der gewaltigsten Basilika getragen hatte. Im unerbittlichen Blau eines schon sengend heißen Junitages fügte dieses Volk weißer Marmorbilder zur schweigenden Einsamkeit den feierlichen Ernst einer mächtigen und doch in Trümmer gesunkenen Vergangenheit. An den Kreuzungen der Alleen erhoben riesige Urnen, gleichfalls aus Marmor, die zierlich schlanken, groß gezeichneten Linien. Blumen und Gräser quollen, leise geschaukelt vom Windhauch, daraus hervor und schimmerten in lichtem Grün auf dem dunklen Grund des beinahe schwärzlichen Tons der immergrünen Steineichen- und Buchsbaumeinfassungen. Die jungen Pflänzchen schienen zu zittern und zu beben, als ob sie sich hinaussehnten aus diesen Mauern, die einen freiwillig erkorenen, aber eben darum einen unaufschließbaren Kerker bilden und das letzte Stück Boden und Natur umschließen, das dem erhabenen Besiegten im Vatikan geblieben ist. Nie im Leben hatte Montfanon die Poesie dieser Gärten, die ihresgleichen auf der Welt nicht haben, so deutlich empfunden, aber auch nie hatte ihn die herzbezwingende Wehmut so ergriffen, die ihr stummes Gebüsch, ihre schmalen Blumenbeete, ja selbst ihre Brunnen ausatmen, und vollends die Terrassen, von wo man über die Runde der Mauern hinweg zahllose Fabrikschornsteine, das aufdringliche Wahrzeichen sieghafter, moderner Betriebsamkeit, aufragen sieht! Der Mann der Thatkraft und Offenheit, der in dem alten Legitimisten steckte, konnte schließlich dieses beklemmende Gefühl nicht mehr aushalten. Er schüttelte mehrmals den grauen Kopf, als ob er mit sich selbst uneins wäre, forderte dann Dorsenne ganz barsch zum Aufstehen auf und fing an, ihm den Text zu lesen.

»Wie ist's, Julian, wir werden doch nicht den ganzen Nachmittag hier sitzen bleiben und seufzen wie ein paar weinerliche Frauenzimmer? Dieses Kind ist tot, und wir machen es nicht mehr lebendig, Sie nicht durch Verzweiflung, ich nicht durch Mitgefühl. Wir haben Besseres zu thun, nämlich unsre Verantwortlichkeit für diesen unglückseligen Fall fest ins Auge zu fassen, zu bereuen und zu büßen ...«

»Unsre Verantwortlichkeit?« unterbrach ihn Julian. »Die meinige kann ich zur Not erkennen, obwohl mir niemand zur Last legen wird, daß ich die Folgen meiner Antwort voraussehen konnte, aber die Ihrige?«

»Die Ihrige und die meinige!« versetzte Montfanon. »Ich bin kein Sophist und habe mir nie angewöhnt, mit meinem Gewissen zu feilschen. Bin ich aus den Katakomben herbeigeeilt, um dieses Duell beizulegen,« fragte er, wieder in seinen alten Eifer geratend, »ja oder nein? Habe ich dem hitzigen Blut, das mir zu Kopf gestiegen ist, sobald ich von Ardeas unanständiger Heirat erfuhr und diesem zweideutigen Hafner gegenübersaß, nachgegeben, ja oder nein? Hat dieser Zweikampf dazu beigetragen, die Gräfin Gorka über ihren Gatten und in der Folge Alba Steno über ihre Mutter aufzuklären, ja oder nein? Haben Sie mir denn nicht selbst vorhin auf dieser Bank erzählt, wie die Angst des armen Kindes sich seit jenem Skandal gesteigert hat? Und wenn mich die Nachricht von ihrem Selbstmord niedergeschmettert hat, wie sie's that, so mögen Sie wissen, daß es hauptsächlich deshalb geschah, weil eine innere Stimme mir sagte: ›Einen Teil der Thränen, die diese Tote vergossen hat, hast du verschuldet!‹«

»Aber, mein armer Freund, wo nehmen Sie nur solche Anschauungen her? Wenn man so rechnen wollte, würde man ja gar nicht mehr leben. Mittelbar greift unser eigenes Thun in eine Menge von Handlungen ein, die uns nichts angehen, und zugegeben, daß wir für unser eigenes Thun einstehen und verantwortlich sein müssen, so beginnt und endet diese Verantwortlichkeit bei dem, was unser Wille unmittelbar, bewußt und deutlich vollbracht hat.«

»Das wäre freilich bequem,« versetzte der Marquis, sich noch mehr ereifernd, »allein die sprechendste Widerlegung Ihrer Behauptung ist ja die Thatsache, daß Sie selbst nicht Herr werden über die Vorwürfe, die Ihr Gewissen Ihnen macht, die schwache Seele dieses wehrlosen Kindes nicht geschont zu haben. Ich aber, ich mache mir die Wahrheit nicht bequem und werde sie auch Ihnen nicht überzuckern. Sie erinnern sich des Morgens, wo Sie mir in so heiterer Laune die Glaubenslehre Ihres Kosmopolitismus vortrugen? Es gewähre Ihnen künstlerischen Genuß, wie Sie das Ding nennen, einem Rassenschauspiel beizuwohnen, sagten Sie mir, wobei Menschen aus allen Himmelsstrichen und aus dem verschiedensten geschichtlichen Boden mitwirken, und Sie haben mir die Mitspielenden in großen Zügen gezeichnet, die, wie ich gerne zugestehe, durch die Wirklichkeit vollständig bestätigt worden sind. Die Gräfin Steno ist in der That mit ihren beiden Liebhabern wie eine Venetianerin aus der Zeit Aretinos umgesprungen. Chapron hat die blinde Hingebung entwickelt, die dem Sproß einer unterdrückten Rasse zukommt, und seine Schwester die ruchlose Grausamkeit eines Aufrührers, der endlich sein Joch abschüttelt, denn Sie meinen ja, sie habe die anonymen Briefe geschrieben. Hafner und Ardea haben ihre Niederträchtigkeit schamlos enthüllt, der eine als Wucherer, der andre als verkommener Kavalier, in dem irgend ein alter Condottiere wieder auflebt. Gorka ist tapfer und unbesonnen gewesen, wie die Polen oft, seine Frau streng und ehrenhaft wie das ganze England. Maitland bleibt in all diesem Wirbel herzlos, klar und eigenwillig wie sein Vaterland, und die arme Alba hat geendet wie ihr richtiger Vater. Von der Tochter des Freiherrn schweige ich« – er nahm seinen Hut ab und fuhr mit ganz veränderter Stimme fort – »das ist eine Heilige, der ich bitter unrecht gethan habe.«

»Den ganzen Entwurf der Tragödie haben Sie damals vor mir aufgerollt,« fuhr der Marquis fort, »und erinnern Sie sich auch noch, was ich Ihnen sagte? ›Ist denn in diesem Kunterbunt nicht eine einzige Seele, der Sie beispringen und die Sie bessern könnten?‹ Da haben Sie nur ins Gesicht gelacht, und wenn Sie nicht ein höflicher Mensch wären, würden Sie mich einen alten Esel, einen Philister, einen Pfaffenknecht genannt haben. Wie das stimmt! Sie wollten sich das Stück nur mit ansehen, Sie wollten auf dem ersten Rang sitzen und jedes Stäubchen von Ihrem Opernglas wischen, um ja recht scharf zu sehen und sich keine Einzelheit der Mimik entgehen zu lassen ... Es ist nichts damit gewesen! Diese Rolle ist dem Menschen nicht gestattet. Er muß handeln und er handelt immer, selbst wenn er nur Zuschauer zu sein glaubt, selbst wenn er sich, wie Pontius Pilatus, die Hände wäscht und diesem Lebenskünstler das Stichwort eurer Schule nachspricht: ›Was ist Wahrheit?‹ Die Wahrheit ist, daß wir allerorts und zu jeder Zeit eine Pflicht zu erfüllen haben. Die meinige war's, diesen Zweikampf zu verhindern. Die Ihrige wäre es gewesen, sich nicht mit diesem jungen Mädchen zu beschäftigen ohne Liebe, und wenn Sie Alba liebten, sie zu heiraten und damit aus ihrer sumpfigen Umgebung zu reißen. Sie und ich, wir haben beide unsres Amtes schlecht gewaltet. Und was war der Erfolg?«

»Sie sind sehr hart,« sagte Dorsenne. »Aber wenn Sie auch recht hätten, wäre Alba deshalb weniger tot? Was hilft mir's, zu wissen, was ich gesollt hätte, wenn es zu spät ist, es zu thun?«

»Vor allen Dingen schützt es davor, denselben Fehler wieder zu begehen, und es hilft, sich und sein Leben zu beurteilen! Ich habe Sie herzlich lieb, Dorsenne, das wissen Sie ja, und ich spreche vielleicht heute zum letztenmal aus Herzensgrund mit Ihnen, gründlich, wie Sonis uns sagte, daß wir bei Patay angreifen sollten. Jawohl, zum letztenmal, denn ich werde es wohl nicht lange mehr treiben, und ob Sie je wieder nach Rom kommen, ist fraglich, jetzt, wo hier Gespenster auf Sie lauern ... Als ich Ihnen damals meinen Haß gegen diese Kosmopoliten aussprach, für die Sie schwärmten, habe ich mich falsch ausgedrückt. Ein alter Soldat ist eben kein Philosoph. Was ich in ihnen haßte und noch hasse, ist, daß diese Entwurzelten fast immer letzte Ausläufer ihrer Rasse sind, die von andern erworbene, ererbte Kräfte verzehren, Verschwender eines Besitzes, den sie nicht vermehren, sondern nur mißbrauchen. Die, von denen sie abstammen, haben wahre Arbeit verrichtet, die Arbeit, die an derselben Stelle der Leistung des Vaters die des Sohnes hinzufügt. Diese Arbeit macht die Familie, die Familien das Volk, die Völker die Rasse. Ihre Kosmopoliten aber, die säen nicht, die ernten nicht, sie sind unfruchtbar. Sie genießen nur, und so lange ihre Genußsucht sich auf Gefühl und Sinne beschränkt, ist das Nebel nur halb. Wenn sie sich aber, wie bei Ihnen, wie bei allen Feinschmeckern des Gedankens aus Ihrer Schule, ans Geistige hält, dann ist sie eine von den Sünden wider den heiligen Geist, für die keine Vergebung zu hoffen ist. Ich habe Sie genau beobachtet, ich habe Sie durch all meinen halb ernsten, halb scherzhaften Widerspruch hindurch studiert, und ich kann Ihnen sagen, daß ich, der ich beten gelernt habe, oft und viel für Sie bete. Sie haben vorhin, und nicht mit Unrecht, Entrüstung geäußert über das cynische Wort dieser Mutter: ›Daß Sie ihr nur nicht die schönen Wimpern abbrechen.‹ Aber was thun Sie denn andres, wozu benützen Sie denn die menschliche Seele, als um fortwährend Gipsabgüsse davon zu bilden? Sie sammeln diese ›Seelenmasken‹ teils aus Schriftstellereitelkeit, obwohl Sie damit nicht sonderlich behaftet sind, das muß man Ihnen lassen, zumeist aber, um Ihrer geistigen Wollust zu frönen. Diese Lust ist für Sie der einzige Grund und Zweck Ihres Daseins und der ganzen Menschheit, das Ziel und Ende des Weltalls. Tausende von Generationen haben gelebt, gelitten, gekämpft, geweint und sind untergegangen, um Ihnen diesen angenehmen Gedankenkitzel zu bereiten. Diesem wohlthuenden ›Gruseln‹, diesem Hirnreiz des Verständnisses haben Sie Alba geopfert, wie Sie Ihren besten Freund, Ihren Vater, Ihre Mutter, wenn sie noch hienieden lebten, dafür hingeben würden. Gutes und Böses, Schmerz und Freude sind für Sie nur die Schachfiguren, womit Sie Ihren Geist belustigen, ein Spiel, das mir um kein Haar weniger abscheulich erscheint, als Neros Einfall, Rom in Brand zu stecken. Das ist ein Mißbrauch der Ihnen verliehenen heiligen Gabe, für die Sie dereinst furchtbare Rechenschaft werden ablegen müssen,. Sie so gut als die berühmten Verderber, die Ihnen vorangegangen sind. Denn von allen Formen der Selbstsucht ist jene die schlimmste, die gerade die höchsten Fähigkeiten der Seele zum Werkzeug der unfruchtbarsten und unmenschlichsten Lust erniedrigt.«

»Es steckt viel Wahres in Ihren Worten,« versetzte Dorsenne, »aber Sie irren in der Annahme, daß diese Geistesrichtung eine frei gewählte, und daß gerade diejenigen, welche heutzutage am ausschließlichsten dem Intellekt frönen, selbst unter diesem Mißbrauch geistiger Thätigkeit leiden. Was ist dagegen zu machen? Es ist leider die Krankheit eines überbildeten Zeitalters, und sie ist unheilbar ...«

»Das ist sie nicht, aber Ihr wollt das Heilmittel nicht sehen!« unterbrach ihn Montfanon. »Sie werden nicht bestreiten wollen, daß Balzac der kühnste von all Ihren modernen Schriftstellern ist – muß ich, der Laie, Ihnen, dem Mandarin vom obersten Knopf, den Satz anführen, der sein Werk beherrscht: ›Das Denken, der Ursprung alles Bösen und Guten, kann nur durch die Religion vorbereitet, in Schranken gehalten und geleitet werden.‹ Sehen Sie hin,« fuhr er fort, indem er den Arm seines Gefährten ergriff und seinen Blick auf eine quer durchs Gehölz führende Allee lenkte, »da ist er, der Arzt, der für diese wie für alle andern Krankheiten der Seele das Heilmittel in Verwahrung hält ... Zeigen Sie sich nicht, man hat unsre Anwesenheit vergessen ... Aber sehen Sie hin, sehen Sie hin! Was für ein Anblick!«

Die Erscheinung, die plötzlich im Rahmen dieses schwermütigen, einsamen Gartens aufgetaucht war – fast auf übernatürliche Weise, so sehr diente ihre Gegenwart zur lebendigen Erklärung für die ernsten Worte des heißblütigen Edelmannes – war niemand andrer als der Heilige Vater selbst, der im Begriffe stand, seinen Wagen zu besteigen und die gewohnte Spazierfahrt zu machen. Dorsenne, der Leo XIII. nur aus Bildern kannte, sah einen gebeugten, gebrochenen Greis, dessen weiße Soutane unter dem roten Mantel hervorleuchtete und der sich mit dem einen Arm auf einen Geistlichen seines Hofstaats, mit dem andern auf einen Offizier seiner Leibwache stützte. Vorsichtig hinterm Gebüsch bleibend, um, Montfanons Warnung getreu, die Aufmerksamkeit nicht zu erregen und den Aufsehern keinen Tadel zuzuziehen, konnte er mit Muße das feine Profil des höchsten Bischofs studieren, der, vor einem Rosenbeet stehend, vertraulich mit einem knieenden Gärtner plauderte. Er beobachtete das unendlich milde Lächeln dieses geistreichen Mundes, er nahm das blitzende Auge wahr, das eine berühmte Prophezeiung erfüllt, die den Nachfolger Pius' IX. als » lumen in coelo« bezeichnete. Er sah ihn die ehrwürdige Hand, diese blasse, durchsichtige Hand, die sich so hoheitsvoll erhebt, um den Segen zu spenden, nach dem Kelch einer herrlichen blaßgelben Rose ausstrecken und sah die aus einem weißen Halbhandschuh hervorblickenden Finger zart und vorsichtig die Blüte neigen, ohne sie zu brechen, als wollten sie die hilflose Schöpfung Gottes nicht verletzen. Einen Augenblick sog der Papst den Duft der jungen Rose ein, dann setzte er seinen Weg nach dem Wagen fort, dessen Umrisse undeutlich zwischen den Zweigen der immergrünen Eichen zu unterscheiden waren. Die Rappen setzten sich dann sofort in Bewegung, und zwar, so viel man durchs Gehör unterscheiden konnte, in sehr raschem Trab. Als sich Dorsenne jetzt nach Montfanon umwandte, sah er an den Wimpern des einstigen Zuaven zwei dicke Thränen zittern, und der Legitimist sagte, offenbar das vorige Gespräch vergessend, mit einem tiefen Seufzer: »Und das sind nun seine einzigen Freuden, den Blumenduft einatmen und so rasch, als die Pferde ausschreiten können, ein paar Meilen zu fahren! Am Fuß der Terrasse, wo wir vor einer halben Stunde waren, hat man armselige vier Kilometer Fahrstraße hergestellt, einer Straße, die in Schleifen immer wieder in sich selbst einmündet, und da fährt er und fährt und gibt sich ein wenig der Täuschung hin, weite Gebiete zu durchmessen, die ihm versagt sind, der doch der Nachfolger des ersten Apostels ist. Ich habe manches traurige Schauspiel im Leben gesehen ... ich bin Soldat gewesen und habe eine ganze Nacht, verwundet, auf schneebedecktem Schlachtfeld unter den Toten gelegen, fast gestreift von den Rädern der feindlichen Geschütze, die unter Gesang der Mannschaft vorüberzogen, aber nichts hat mich je so erschüttert, als die Spazierfahrt dieses Greises, der nie eine Klage ausgesprochen hat und doch nur noch diese Hufe Landes besitzt, wo er sich frei bewegen kann ... Es gibt ein herrliches Wort, das der heilige Mann eines Tages mit eigener Hand einem Missionär unter sein Bildnis geschrieben hat. Es stammt von Tertullian und enthält die Erklärung seines ganzen Lebens: › Debitricem martyrii fidem‹ – der Glaube schuldet dem Martyrium Dank.«

» Debitricem martyrii fidem,« wiederholte Dorsenne, »das ist in der That schön,« und mit bewegter Stimme setzte er hinzu: »Sie haben vorhin über die Skeptiker und ästhetisierenden Genußmenschen den Stab gebrochen, aber glauben Sie denn, daß auch nur einer darunter ist, der das Märtyrertum von sich wiese, wenn ihm gleichzeitig der Glaube verliehen würde?«

Niemals hatte Montfanon aus dem Munde des jungen Mannes ähnliche Worte und einen ähnlichen Ton vernommen. Im Geiste stellte er den etwas stutzerhaften, übermütigen Dorsenne, den er bisher gekannt hatte, daneben, den litterarischen Weltmann mit seiner lächelnden Philosophie, dem das alte, ehrwürdige Rom nichts war als ein Ort des Vergnügens, eine Kosmopolis, die an Widersprüchen Florenz, Nizza, Biarritz und St. Moriz, jeden andern internationalen Sommer- oder Winterplatz übertraf. Er fühlte, daß diese Seele zum erstenmal in ihren Tiefen aufgewühlt war. Der tragische Tod der armen Alba sollte im Gewissen des Schriftstellers der wunde Punkt werden, von dem aus das sittliche Leben dieses hochbegabten und doch so unvollkommenen Menschen, der bis jetzt durch den unbesiegbarsten Geistesstolz von der schlichten Menschlichkeit ausgeschlossen war, sich neu gestalten sollte. Da Montfanon ein ebenso zärtlicher Freund als eifriger Christ war, fühlte er, daß jedes weitere Wort dies wunde Herz verletzen müßte, und fürchtete schon, ihm allzu hart zugesetzt zu haben. Ohne etwas zu erwidern, zog er den Arm des jungen Mannes durch den seinigen und drückte schweigend seine Hand, ein männlich ernstes Liebeszeichen, worein er das herzliche und schonende Mitgefühl eines älteren Bruders zu legen wußte.

 

Ende.

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