Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Sallet von >

Kontraste und Paradoxen

Friedrich Sallet von: Kontraste und Paradoxen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich von Sallet
titleKontraste und Paradoxen
publisherHyperionverlag
printrunVierte und fünfte Auflage
illustratorAlfons Woelfle
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid02477c59
Schließen

Navigation:

Kapitel I

Es war einmal in einer großen Stadt ein sehr reicher Bankherr, der hieß Herr Habichs, und weil er so reich war und noch alle Tage reicher wurde, so hielt er sich zwölf Schreiber, die immerfort rechnen und ihm seine Bücher vollschreiben mußten. Mit denen saß er jeden Tag zwölf Stunden lang in einem breiten und dicken zwölf eckigen Turme, der mit der einen Ecke an sein Wohnhaus stieß. Der Turm hatte bloß ein einziges Fenster oben in der Kuppel, die zwölf Seitenwände aber gähnten und dehnten sich langweilig, fensterlos und kahl, von der Decke zum Fußboden herab. Und von jeder Ecke des Turmes aus ging eine hohe durchsichtige Wand, von Eisendraht geflochten, nach der Mitte zu, so daß zwölf Zellen abgeteilt waren, in denen saßen die zwölf Schreiber, wie wilde Tiere, die man den Leuten zeigt. Aber wie die Führer solcher Tiere bei jedem einzelnen ausrufen: »Trotz aller möglichen Mühe ist es noch nicht gelungen, dieses wilde Tier zu zähmen«, so hätte man hier bei jedem einzelnen Schreiber im Gegenteil ausrufen können: »Trotz aller möglichen Mühe ist es noch nie gelungen, dieses zahme Tier wild zu machen«. Denn wirklich, die wildesten Tiere im ganzen Turm waren die zwölf ledernen Esel, auf denen die zwölf Schreiber rittlings saßen, wobei übrigens schwer zu bestimmen, wer am ledernsten gewesen, die Reiter oder die Esel. Jeder Schreiber aber hatte vor sich auf einem hohen Pulte ein ungeheures Buch aufgeschlagen, das er vollschreiben mußte. Einer, der sehr klein und etwas bucklig war, mußte sich immer erst zwanzigmal auf dem Lederesel herum und in die Höhe schrauben, so daß er zuletzt oben schwankte, wie ein Rohrsperling auf einem Rohre, ehe er mit dem Kinn über den Rand seines Buches reichte, und dann sah er aus wie ein furchtsam geducktes Kaninchen, das mit der Nase witternd in die Höhe schnoppert und die Ohren nach hinten niederklemmt. Ein anderer, der sehr lang und mager war, hatte, wenn er auf dem Lederesel die Riesenblätter seines Buches umschlug, genau dasselbe Ansehen, wie der sinnreiche und berühmte Junker Don Quixote, wenn solcher, auf seiner Rosinante hängend, mit einer gehenden Windmühle sich herumbalgte. In der Mitte des Turmes aber endeten die Drahtwände alle in einem zwölfeckigen Bauer, auch von Drahtwänden, darin saß, wie die Kreuzspinne im Mittelpunkte ihres Netzes, der Herr Habichs selbst auf dem größten Lederesel und hatte auch das allergrößte Buch vor sich; denn das war so ungeheuer, daß es sich unter den Büchern der Schreiber ausnahm, wie die Muttersau unter ihren Ferkeln, und es hätte recht gut die andern zwölf alle auffressen können, ohne merklich an Korpulenz zuzunehmen.

Aus jeder der zwölf Schreiberzellen ging eine Drahtgittertür in das Eulengebauer des Herrn Habichs, so daß die Schreiber keinen andern Ausgang hatten und einer nicht zum andern konnte; der Herr Habichs selber aber mußte, um in sein Wohnhaus zu kommen, aus seiner Zelle durch einen schmalen Drahtgittergang gehen, der den beiden Schreiberzellen, die rechts und links zunächst daran stießen, abgeknapst war, so daß selbige etwas schmaler ausgefallen waren, als die übrigen zehn, weshalb auch immer die beiden jüngsten und schlanksten Schreiber sich in sie hineinklemmen mußten.

So saßen nun die dreizehn, immerfort und immerfort, in ungeheurer Stille, die nur selten durch das leise Rauschen beim Umwenden eines Blattes oder durch das Kritzeln und Spritzeln einer schlechtgeschnittenen Feder unterbrochen wurde. Wenn einmal eine Spinne sich eine Fliege gefangen hatte und mordete, und diese, grimmig und jammervoll dröhnend, ihr langgedehntes Todeslied absang, so war dies im stillen Turm nichts anderes, als wenn auf ruhiger See plötzlich ein tobender Orkan losbricht. Und so regungslos saßen sie alle, daß wenn sie abends nach getaner Arbeit aus dem Turm gingen, bei mehreren der Schreiber, welche große Stutzer waren und die sich am Morgen sorgfältig und zierlich behaarkräuselt hatten, jedes Löckchen, ja jedes Härchen ganz genau noch dieselbe Biegung, Schmiegung, Krümmung und Lage hatte, wie solches am frühen Morgen, vor zwölf Stunden, mit kunstreichen, säuberlichen Fingern von ihnen angeordnet, geschlichtet, gerichtet, gelichtet, abgeteilt und abgezielt worden war.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.