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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Der seidene Strick der Königin-Mutter

Karl der Neunte war spöttisch lachend in seine Wohnung zurückgekehrt, doch nach dem zehn Minuten lang währenden Gespräch mit seiner Mutter hätte man glauben können, daß deren Blässe und Zorn auf den Sohn übergegangen sei, dieweil die Königin-Mutter wieder die heitere Laune des Sohnes übernommen hatte.

»Herr von La Mole,« sagte Karl, »Herr von La Mole! ... Man muß Heinrich und den Herzog von Alençon rufen lassen, Heinrich, weil der junge Mann ein Hugenotte war, und Alençon, weil er in seinen Diensten steht!«

»Lassen Sie sie kommen, mein Sohn, wenn Sie es wollen, Sie werden aber trotzdem nichts erfahren. Heinrich und Franz sind, wie ich fürchte, enger miteinander verbunden, als es den Anschein hat. Die zwei auszufragen, wäre gleichbedeutend mit, ihnen Mißtrauen einzuflößen! Besser wäre es meiner Ansicht nach, langsam und sicher durch einige Tage eine Beweisführung zu ermöglichen. Lassen Sie die Schuldigen erst zu Atem kommen, mein Sohn, lassen Sie sie glauben, daß sie Ihrer Wachsamkeit ausgekommen sind, und Sie werden sehen, frohlockend und kühn geworden, werden sie Ihnen viel bessere Gelegenheit geben, mit ihnen strenge ins Gericht zu gehen. Dann werden wir auch alles wissen!«

Karl ging unschlüssig auf und ab, quält? sich wie ein Pferd, das an seinem Gebiß kaut, mit seinem Zorn ab, und drückte die geballte Faust an sein Herz, das von Mißtrauen gepeinigt wurde.

»Nein, nein!« sagte er endlich. »Ich werde nicht warten. Sie wissen nicht, was das heißt zu warten, wenn man wie ich von allerlei Hirngespinsten verfolgt wird. Übrigens diese Höflinge werden von Tag zu Tag unverschämter: haben nicht erst heute nacht zwei Stutzer die Kühnheit gehabt, uns die Stirne zu bieten und sich unbotmäßig gegen uns zu benehmen? ... Wenn Herr von La Mole unschuldig ist, dann ist alles gut, aber ich werde auch nicht böse darüber sein, zu erfahren, wo denn dieser Herr von La Mole heute nacht gewesen ist, während man meine Gardesoldaten im Louvre zu Boden schlug und man mich selbst in der Straße Cloche-Percée zu Boden schlagen wollte. So möge man mir nur den Herzog von Alençon und dann Heinrich kommen lassen, ich werde sie getrennt voneinander verhören. Sie aber, meine Mutter, können hierbei anwesend sein.«

Katharina ließ sich auf einen Stuhl nieder. Bei ihrem klaren Verstande konnte sie jeder Zwischenfall, den sie ja durch ihren gebieterischen Willen zu beeinflussen imstande war, zum gewünschten Ziele führen, auch wenn dieses Ziel in die Ferne gerückt schien. Denn jeder Hammerschlag erzeugt Lärm und Funken, der Lärm weist den Weg und der Funke beleuchtet ihn. Der Herzog von Alençon trat ein. Sein Gespräch mit Heinrich war für diese Zusammenkunft vorbereitend gewesen, er war daher gefaßt und ruhig.

Seine Antworten waren klar und verständlich. Da er von seiner Mutter die Weisung erhalten hatte, in seiner Wohnung zu bleiben, so konnte er von den Ereignissen in der Nacht nichts wissen. Weil aber seine Wohnung am gleichen Gang lag, wie die des Königs von Navarra, so hatte er vorerst einen Lärm gehört, der etwa so klang, wie wenn man eine Tür eindrückt, dann Verwünschungen und endlich auch Pistolenschüsse. Erst jetzt hatte er es gewagt, die Tür ein wenig zu öffnen und hatte gesehen, wie ein in einen roten Mantel gehüllter Mann über die Treppe hinabflüchtete.

Bei dieser Bemerkung wechselten der König und seine Mutter einen Blick miteinander.

»In einem roten Mantel?« fragte der König.

»Ja, in einem kirschroten Mantel!« wiederholte der Herzog von Alençon.

»Und dieses Kleidungsstück hat Sie nicht auf einen bestimmten Verdacht hingelenkt?«

Der Herzog nahm sich zusammen, um auf möglichst natürliche Art seine Lüge herauszubringen.

»Beim ersten Anblick,« sagte er, »das muß ich Eurer Majestät gestehen, glaubte ich den hochroten Mantel eines meiner Edelleute zu erkennen.«

»Und wie nennt sich dieser Edelmann?«

»Herr von La Mole.«

»Warum war Herr von La Mole nicht in Ihrer Nähe, wie es doch sein Dienst verlangte?«

»Ich hatte ihm Urlaub gegeben,« erwiderte der Herzog.

»Gut. Sie können gehen!« sagte der König. Der Herzog von Alençon ging auf die Tür zu, durch die er eingetreten war.

»Nein, nicht durch jene Tür,« sagte Karl, »sondern durch diese hier.« Er bezeichnete dem Herzog die Tür, die in das Zimmer der Amme führte.

Karl wollte nicht, daß der Herzog und Heinrich einander begegneten.

Er ahnte nicht, daß sie sich einen Augenblick vorher gesehen hatten und daß die kurze Zusammenkunft den beiden Schwägern genügt hatte, um sich über ihre Angelegenheit zu besprechen.

Kurz nach dem Herzog trat auf ein Zeichen des Königs Heinrich in das Zimmer.

Heinrich wartete erst nicht, daß ihn der König verhöre. »Sire,« sagte er, »Eure Majestät haben wohlgetan, mich rufen zu lassen, denn ich war gerade im Begriffe herunterzukommen, um mir von Eurer Majestät einen Rechtsspruch zu erbitten.«

Karl runzelte die Brauen.

»Ja, um Gerechtigkeit bitte ich,« erklärte Heinrich, »und ich beginne damit Eurer Majestät zu danken, daß ich Eure Majestät gestern abend begleiten durfte. Denn jetzt erkenne ich, daß Eure Majestät durch diese Mitnahme mir das Leben gerettet haben. Was hatte ich aber getan, daß man einen Mordanschlag gegen mich im Schilde führte?«

»Es handelte sich nicht um Mord,« unterbrach lebhaft Katharina, »sondern um eine Verhaftung.«

»Das kann ja möglich sein,« sagte Heinrich, »doch welches Verbrechen habe ich begangen, um verhaftet zu werden? Wenn ich schuldig bin, so bin ich es heute morgen genau so wie gestern abend. Nennen Sie mir mein Verbrechen, Sire!«

Karl sah seine Mutter an, er war verlegen um die Antwort, die er geben sollte.

»Mein Sohn,« erwiderte Katharina an seiner Stelle, »Sie empfangen sehr verdächtige Leute bei sich.«

»Gut,« meinte Heinrich, »und diese verdächtigen Menschen stellen mich bloß, Madame, ist es nicht so?«

»Gewiß, Heinrich!«

»Nennen Sie mir diese Menschen, nennen Sie mir sie! Wer sind sie? Stellen Sie mich diesen Menschen gegenüber!«

»Tatsächlich hat Henriot das Recht, um Aufklärung zu bitten,« sagte der König.

»Und ich verlange sie sogar!« rief Heinrich, der seine überlegene Lage zu fühlen begann und sie auszunützen versuchte.

»Ich verlange sie von meinem guten Bruder Karl und von meiner guten Mutter Katharina. Habe ich mich nicht seit meiner Verheiratung mit Margarete als braver Ehemann aufgeführt? Man frage Margarete selbst! Und ebenso als braver Katholik? Man frage meinen Beichtvater! Und als braver Verwandter? Man frage alle diejenigen, die gestern an der Jagd teilgenommen haben!«

»Ja, es ist wahr, Henriot,« sagte der König; »doch was willst du noch mehr? Man behauptet, daß du dich gegen uns verschwörst!«

»Gegen wen?«

»Gegen mich also!«

»Sire, wenn ich mich gegen Sie verschworen hätte, dann hätte ich doch nur den Dingen freien Lauf lassen müssen ... als sich Ihr Pferd wegen seines zerschmetterten Beines nicht mehr erheben konnte, als der wütende Keiler auf Eure Majestät losging.«

»Eh, Tod und Teufel! Wissen Sie, daß er recht hat, liebe Mutter?«

»Also wer war denn in dieser Nacht in Ihrer Wohnung?«

»Madame,« erwiderte Heinrich, »in einer Zeit, in der so wenig Menschen für sich selbst einstehen können, kann ich unmöglich für andere einstehen. Ich habe meine Wohnung um sieben Uhr abends verlassen. Um zehn Uhr hat mich mein Bruder Karl mit sich genommen und ich bin die ganze Nacht über mit ihm zusammen gewesen. Ich konnte doch nicht zu gleicher Zeit bei Seiner Majestät sein und wissen, was sich in meiner Wohnung ereignet hat.«

»Aber,« meinte Katharina, »es ist deshalb nicht weniger richtig, daß einer Ihrer Leute zwei Gardesoldaten Seiner Majestät getötet und Herrn von Maurevel verwundet hat.«

»Einer meiner Leute? Wer war dieser Mann? Nennen Sie mir ihn, Madame!«

»Alle Welt beschuldigt den Herrn von La Mole.«

»Herr von La Mole gehört nicht zu mir, Madame. Herr von La Mole steht in Diensten des Herzogs von Alençon, dem er von Ihrer Tochter anempfohlen wurde.«

»Also war es endlich Herr von La Mole, der bei dir war, Henriot?« fragte Karl.

»Wie soll ich das wissen, Sire? Ich sage nicht ja, und ich sage nicht nein ... Herr von La Mole ist ein sehr braver Untergebener, ist der Königin von Navarra ergeben und bringt mir öfters Botschaften, entweder von Margarete, der er für die Anempfehlung dankbar ist, oder vom Herzog selbst. Ich kann daher nicht sagen, daß der Mann nicht Herr von La Mole gewesen ist...«

»Er war es,« sagte Katharina, »man hat seinen roten Mantel erkannt.«

»Herr von La Mole besitzt also einen roten Mantel?«

»Ja!«

»Und der Mann, der meine zwei Soldaten und Herrn von Maurevel so schön hergerichtet hat ...«

»Hatte einen roten Mantel?« fragte Heinrich.

»Ganz richtig!« erwiderte Karl.

»Da habe ich nichts weiter zu sagen,« erklärte der Bearner.

»Hingegen scheint es mir, daß es wohl angezeigter gewesen wäre, statt meiner, der ich nicht zu Hause gewesen bin, diesen Herrn von La Mole zu befragen, der, wie Sie sagen, in meiner Wohnung gewesen sein soll. Nur möchte ich hierbei Eure Majestät auf etwas aufmerksam machen.«

»Auf was denn?« »Wenn ich mich angesichts eines von meinem König unterfertigten Befehles der Verhaftung widersetzt hätte, dann wäre ich schuldig geworden und würde jede mögliche Bestrafung verdienen. Doch ich war es ja nicht, sondern ein Unbekannter, auf den sich der Befehl in keiner Weise erstreckte. Man wollte ihn ungerechterweise verhaften, er hat sich gewehrt, zu gut sogar, doch trotzdem war er im vollen Recht!«

»Immerhin ...,«, murmelte Katharina.

»Madame,« fragte Heinrich, »enthielt dieser Befehl meine Verhaftung?«

»Ja, Seine Majestät selbst hat den Befehl unterschrieben!«

»Enthielt er aber auch außerdem die Verfügung, den zu verhaften, den man allenfalls an meiner Stelle in der Wohnung vorfinden würde?«

»Nein,« erwiderte Katharina.

»Nun,« erklärte Heinrich, »wofern man nicht nachweisen kann, daß ich mich verschwöre und daß der genannte Mann sich mit mir verschworen hat, ist der Mann auch unschuldig!«

Dann wandte sich Heinrich an Karl den Neunten: »Sire, ich werde den Louvre nicht verlassen. Ich bin sogar bereit, mich auf ein bloßes Wort Eurer Majestät sofort in das Staatsgefängnis zu begeben, das Eure Majestät mir anzuweisen die Gnade haben wird. Doch in Erwartung eines Gegenbeweises bleibt mir das Recht, mich treuergebenen Diener, Untertan und Bruder Eurer Majestät nennen zu dürfen.«

Und mit einer Würde, die man an ihm noch nicht beobachtet hatte, grüßte Heinrich den König und zog sich zurück.

»Bravo, Henriot!« rief Karl, als sich Heinrich entfernt hatte.

»Bravo! weil er uns geschlagen hat?« sagte Katharina.

»Warum soll ich ihm nicht Beifall zollen? Wenn wir miteinander fechten und er mich berührt, rufe ich ihm da nicht auch ein Bravo zu? Liebe Mutter, Sie tun Unrecht daran, diesen braven Kerl in der Art zu verdächtigen!«

»Mein Sohn,« antwortete Katharina und preßte die Hand des Königs, »ich verdächtige ihn nicht, doch ich fürchte ihn!«

»Sie sind trotzdem im Unrecht, liebe Mutter. Henriot ist mein Freund, und er sagte es auch ganz richtig: wenn er sich gegen mich verschworen hätte, hätte er einfach den Keiler sein Werk vollenden lassen können.«

»Ja, damit der Herzog von Anjou, sein persönlicher Gegner, König von Frankreich hätte werden sollen!«

»Liebe Mutter, es bleibt sich gleich, was Heinrich für einen Beweggrund gehabt hat, um mir das Leben zu retten, doch Tatsache bleibt, daß er es mir gerettet hat, und Tod allen Teufeln, ich will nicht, daß man ihm Ungelegenheiten bereitet! Was dagegen den Herrn von La Mole anbetrifft ... nun gut! Ich werde mich mit meinem Bruder Alençon besprechen, bei dem er im Dienst ist.«

Es waren verabschiedende Worte, die der König zu seiner Mutter sprach. Sie zog sich zurück und versuchte ihren haltlosen Verdächtigungen eine gewisse, bestimmtere Richtung zu geben.

Dieser Herr von La Mole war viel zu unbedeutend, als daß er ihren Zwecken irgendwie hätte dienlich sein können. Als sie in ihr Zimmer trat, fand Katharina ihre Tochter, die auf sie gewartet hatte.

»Ah! Sie sind es, Margarete?« sagte sie. »Ich habe gestern abend vergeblich nach Ihnen geschickt.«

»Ich weiß es, Madame, aber ich war ausgegangen.«

»Und heute morgen?«

»Heute morgen komme ich her, um Eurer Majestät zu sagen, daß Eure Majestät im Begriffe sind, eine große Ungerechtigkeit zu begehen.«

»Was für eine?«

»Sie werden den Grafen von La Mole festnehmen lassen!«

»Sie irren sich, meine Tochter, ich lasse niemand festnehmen, der König läßt verhaften und nicht ich!«

»Spielen wir nicht mit Worten, Madame, wenn es sich um so ernste Dinge handelt! Man wird Herrn von La Mole verhaften, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich!«

»Weil er beschuldigt wird, heute nacht im Zimmer des Königs von Navarra zwei Gardesoldaten getötet und Herrn von Maurevel verwundet zu haben?«

»Das ist tatsächlich das Verbrechen, das man ihm zuschreibt.«

»Mit Unrecht schreibt man es ihm zu, Madame,« sagte Margarete.

»Herr von La Mole ist nicht der Schuldige.«

»Herr von La Mole ist daran unschuldig?« fragte Katharina und machte fast einen Sprung vor Freude, denn sie ahnte, daß durch die Worte Margaretes einiges Licht in die Sache kommen würde.

»Nein,« wiederholte Margarete, »er ist nicht schuldig, er kann es auch nicht sein, weil er ja gar nicht beim König war.«

»Wo war er also?«

»Bei mir, Madame!«

»Bei Ihnen!«

»Ja, bei mir!«

Diese Eröffnung einer Tochter des königlichen Hauses Frankreich hätte sonst Katharina zu einem niederschmetternden Blick veranlassen müssen, jetzt begnügte sie sich aber bloß damit, ihre Hände ineinander zu verschlingen.

»Und ...,« sagte sie nach kurzem Stillschweigen, »wenn man nun Herrn von La Mole verhaftet, wenn man ihn verhört...«.

»Dann wird er sagen, wo er gewesen ist und mit wem er gewesen ist, liebe Mutter!« erwiderte Margarete, obwohl sie innerlich vom Gegenteil überzeugt war.

»Da die Sache so steht, pflichte ich Ihnen bei, meine Tochter, Herr von La Mole darf nicht festgenommen werden.«

Margarete erschrak, denn es kam ihr vor, als ob in dem Ton, in dem ihre Mutter diese letzten Worte sprach, irgendein heimlicher und furchtbarer Sinn verborgen wäre. Doch konnte sie nichts mehr hinzufügen, denn ihre Bitte war ihr ja gewährt worden.

»Wenn es daher nicht Herr von La Mole gewesen ist, der bei Ihrem Gemahl war, dann muß es jemand anderes gewesen sein?«

Margarete schwieg.

»Kennen Sie diesen anderen?« fragte Katharina. »Nein, liebe Mutter!« antwortete Margarete mit unsicherer Stimme.

»Nun, vertrauen Sie sich doch nicht nur zur Hälfte an!«

»Ich wiederhole noch einmal, daß ich ihn nicht kenne!« sagte Margarete zum zweitenmal und erbleichte unwillkürlich.

»Gut, gut!« meinte Katharina mit gleichgültiger Miene.

»Man wird sich schon erkundigen. Gehen Sie, meine Tochter, beruhigen Sie sich, Ihre Mutter wird über Ihre Ehre wachen!«

Margarete ging aus dem Zimmer.

»Ah!« sagte sich Katharina, »man verbündet sich also! Heinrich und Margarete sind im Einverständnis miteinander: wenn die Gattin nur schweigsam bleibt, der Gatte macht beide Augen zu! Ihr seid ja recht, recht geschickt, meine Kinder, glaubt, daß ihr auch mächtig genug seid; doch eure ganze Macht liegt in eurer Eintracht und eure Bündnisse werde ich sprengen, eines nach dem andern! Auch wird ein Tag kommen, an dem Maurevel schreiben oder auch sprechen kann, er wird nur ein Wort zu sagen brauchen, sechs Buchstaben zu schreiben haben und man wird alles wissen. Allerdings wird bis zu diesem Zeitpunkt der Schuldige in Sicherheit sein. Am besten wird es noch sein, alle sofort zu entzweien!«

Und kraft dieser Entschließung, begab sich Katharina abermals in die Wohnung ihres Sohnes, den sie im Gespräche mit Alençon antraf.

»Ah!« rief Karl aus und zog die Brauen zusammen, »Sie sind es, meine Mutter?« »Warum sagten Sie nicht: ›Schon wieder!‹, das Wort lag Ihnen ja auf der Zunge!«

»Das, was in mir ein Gedanke bleibt, das gehört mir allein, Madame,« sagte der König in einem groben Ton, der ihm manchmal, auch Katharina gegenüber, eigen war. »Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie rasch!«

»Nun also: Sie hatten recht, mein Sohn,« sagte Katharina zu Karl, »und Sie hatten unrecht, Alençon!«

»In welcher Beziehung?« fragten beide zugleich.

»Es war nicht Herr von La Mole, der beim König von Navarra anwesend gewesen ist.«

»Ach!« rief Franz aus und wechselte die Farbe.

»Wer war es?« fragte Karl.

»Wir wissen es noch nicht, doch wir werden es sofort erfahren, wenn Maurevel ein Wort wird sprechen können. So lassen wir vorläufig diese Angelegenheit, die sich bald aufklären wird, und kommen wir auf Herrn von La Mole zurück.«

»Was wollen Sie mit diesem Herrn von La Mole, liebe Mutter, da er also nicht beim König von Navarra gewesen ist?«

»Nein, er war nicht beim König, aber er war bei ... der Königin!«

»Bei der Königin!« rief Karl und brach in ein überreiztes Gelächter aus.

»Bei ... der Königin!« murmelte Alençon und wurde blaß, wie ein Toter.

»Aber nein, nein!« meinte Karl. »Guise hat mir doch gesagt, daß er der Sänfte der Königin begegnet wäre.«

»Das ist eben das, Margarete hat ein Haus in der Stadt.«

»Straße Cloche-Percée!« rief der König.

»Oh, oh! Das ist zu stark!« sagte der Herzog von Alençon und krallte die Nägel in seine Brust, »und sie hat mir ihn noch dazu anempfohlen!«

»Da fällt mir aber ein,« meinte der König und hielt einen Augenblick inne, »daß er es also war, der sich heute nacht gegen uns verteidigte, der mir einen silbernen Wasserkrug auf den Kopf geworfen hat, der Elende!«

»Ja, der Elende!« wiederholte Franz von Alençon.

»Sie haben recht, meine Kinder,« sagte Katharina, anscheinend ohne den Gefühlsausdruck ihrer Söhne zu verstehen, »Sie haben recht, denn wenn dieser Edelmann nur ein Wort ausplaudert, dann ist das ärgerliche Aufsehen fertig. Eine Tochter des königlichen Hauses bloßzustellen, das könnte man doch nur in einem Augenblick der Sinnlosigkeit tun!«

»Oder einer Einbildung!« sagte Franz von Alençon.

»Zweifellos, zweifellos,« bestätigte der König, »doch wir können die Angelegenheit auch nicht einem Richter abtreten, zumal wenn Henriot nicht die Absicht hat, als Kläger aufzutreten.«

»Mein Sohn,« erklärte Katharina und legte eine Hand auf die Schulter Karls, und zwar in einer so bezeichnenden Art, daß der König ihren Worten volle Aufmerksamkeit schenken mußte, »hören Sie genau auf meine Worte. Es liegt ein Verbrechen vor, und es kann ein öffentliches Ärgernis daraus entstehen. Doch nicht mit Richtern und Henkern pflegt man derlei Majestätsverbrechen zu bestrafen. Wenn Sie einfache Edelleute wären, dann hätte ich Ihnen ja weiter keinen Rat zu geben, denn Sie sind beide tapfer genug. Doch Sie sind Prinzen, Sie können nicht Ihre Degen mit dem Degen eines Krautjunkers kreuzen, daher denken Sie darüber nach, wie Sie sich als Prinzen für diese Schmach rächen werden!«

»Tod und tausend Teufel!« rief Karl. »So ist es und ich werde darüber nachsinnen.«

»Und ich werde Ihnen dabei helfen!« schrie Franz von Alençon.

»Ich hingegen,« erklärte Katharina, »ich ziehe mich nun zurück, doch ich lasse Ihnen dies hier zur Verfügung, damit ich auch meinen Teil geleistet habe.« Und nach diesen Worten löste sie eine schwarze Seidenschnur von ihren Hüften, die dreimal um ihren Leib gewunden war und deren mit Quasten beschwerte Enden bis an ihre Knie herabhingen. Dann warf sie den seidenen Strick vor die Füße der beiden Prinzen.

»Ah, ah, ich verstehe!« sagte Karl.

»Dieser seidene Strick ...,« bemerkte Alençon und hob ihn vom Boden auf.

»Ist Strafe und Stillschweigen zugleich!« sagte Katharina hochfahrend. »Doch,« fügte sie bei, »wäre es nicht schlecht, auch Heinrich in die ganze Sache einzuweihen.«

Hierauf verließ sie das Zimmer.

»Bei Gott!« rief Alençon, »nichts leichter als das, und wenn Heinrich erfahren wird, daß seine Frau ihn betrügt...! Nun, mein Bruder, haben Sie den Rat unserer Mutter zur Kenntnis genommen?«

»Ganz und gar stimme ich ihm zu,« meinte Karl, der keinen Augenblick daran zweifelte, daß er tausend Dolche in das Herz seines Bruders stieß, »die Sache wird Margarete gegen den Strich gehen, wird aber Henriot umsomehr befriedigen.«

Dann rief er einen Offizier der Garde herbei und befahl ihm, den König von Navarra zu holen. Plötzlich besann er sich jedoch anders.

»Nein, nein!« sagte er. »Ich werde selbst zu ihm hinaufgehen. Du, Alençon, wirst den Herzog von Anjou und den Herzog von Guise benachrichtigen!«

Er verließ nach diesen Worten seine Wohnung und stieg die kleine Wendeltreppe hinauf, die in das zweite Stockwerk führte und nicht weit von der Eingangstür des Königs von Navarra in den Gang mündete.

Rachepläne

Heinrich hatte die Zeit nach dem von ihm so gut durchgehaltenen Verhör ausgenützt und war zu Frau von Sauve gelaufen. Bei ihr hatte er Orthon vorgefunden, der sich von seiner Ohnmacht vollständig erholt hatte. Doch Orthon konnte nichts weiter berichten, als daß die Männer in die Wohnung eingedrungen waren und daß der Führer der Einbrecher ihm mit dem Degenknauf einen Hieb auf den Kopf versetzt hatte, der die Betäubung zur Folge hatte. Seinetwegen brauchte man sich nicht zu beunruhigen, Katharina hatte ihn in seiner Bewußtlosigkeit gesehen und hatte ihn für tot gehalten.

Als er dann in der Zwischenzeit, nach Abgang der Königin-Mutter und vor Ankunft des Kapitäns, der mit der Räumung des Platzes betraut worden war, seine Sinne wiedererlangt hatte, hatte er sich zu Frau von Sauve geflüchtet.

Heinrich bat Frau von Sauve, den jungen Mann so lange bei sich zu behalten, bis er irgendwelche Nachrichten von Herrn von Mouy erhalten hätte. Auf jeden Fall müßte jener aus seinem Zufluchtsort eine briefliche Mitteilung machen. Dann sollte Orthon Mouy die Antwort überbringen und anstatt nur auf einen ergebenen Menschen zählen zu dürfen, hätte Heinrich dann ihrer zwei.

Diesen Plan hatte er ins Auge gefaßt. Er ging in seinem Zimmer grübelnd auf und ab, als sich plötzlich die Tür öffnete und der König erschien.

»Eure Majestät!« rief Heinrich und ging Karl entgegen.

»Ja, ich selbst ...! Wahrhaftig, Henriot, du bist ein ausgezeichneter Mensch, und ich fühle, daß ich dich von Tag zu Tag lieber habe.«

»Sire,« erwiderte Heinrich, »Eure Majestät tun mir zu viel Ehre an!«

»Du hast nur einen Fehler, Henriot!«

»Welchen? Den, den mir Eure Majestät schon einige Male vorgeworfen haben, daß ich der Hetzjagd vor der Beizjagd den Vorzug gebe?«

»Nein, nein, ich spreche nicht von diesem Fehler, Henriot, sondern meine einen ganz anderen.«

»Wollen Eure Majestät sich erklären,« sagte Heinrich, der am Lächeln Karls bemerkte, daß er guter Laune war, »ich werde es dann versuchen, meinen Fehler gutzumachen.«

»Wenn man über so gute Augen verfügt, wie du, dann ist es ein Fehler, gewisse Dinge nicht klarer zu sehen.«

»Bah! Sollte ich wirklich kurzsichtig sein, Sire?«

»Mehr als das, Henriot, mehr als das! Du bist sogar blind!«

»Ah, wirklich?« erwiderte der Bearner. »Doch sollte ich nicht nur dann blind sein, wenn ich meine Augen schließe?«

»Ja natürlich! Das bist du wohl imstande, doch werde ich dir dann auf jeden Fall die Augen öffnen.«

»Gott sagte: es werde Licht und es ward Licht! Eure Majestät sind der Vertreter Gottes auf dieser Welt, Eure Majestät können demnach das auf der Erde tun, was Gott im Himmel tat ... darum höre ich zu!«

»Als Guise gestern abend sagte, daß deine Frau, von einem Höfling begleitet, bei ihm vorübergekommen war, wolltest du es nicht glauben.«

»Sire,« meinte Heinrich, »wie hätte ich glauben sollen, daß die Schwester Eurer Majestät eine solche Unvorsichtigkeit begehen könne?«

»Als er dann behauptete, daß deine Frau in die Straße Cloche-Percee gegangen ist, wolltest du es gleichfalls nicht glauben.«

»Wie sollte ich annehmen können, daß eine französische Königstochter ihren Ruf derart auf das Spiel setzt?«

»Hast du, als wir das Haus in der Straße Cloche-Percée belagerten und ich einen Silberkrug auf den Kopf, Anjou eine Kompottschüssel und Guise einen Schweinsschinken ins Gesicht bekam, zwei Frauen und zwei Männer bemerkt?«

»Ich habe gar nichts gesehen, Sire. Eure Majestät dürften sich erinnern, daß ich den Pförtner ausgeforscht habe.«

»Ja, aber potz Kuckuck, ich habe sie gesehen!«

»Ah, wenn Eure Majestät sie gesehen haben, dann ist das eine andere Sache!«

»Also, ich habe zwei Männer und zwei Frauen gesehen. Und nun weiß ich, ohne zu zweifeln, daß eine dieser Frauen Margot gewesen ist und daß einer der zwei Männer Herr von La Mole war!«

»Eh, wenn aber La Mole in der Straße Cloche-Percée gewesen ist, konnte er doch unmöglich hier gewesen sein.«

»Nein, nein! Er war eben nicht hier. Doch es ist nicht mehr davon die Rede, wer hier gewesen ist, und man wird das zeitig genug erfahren, wenn einmal dieser Dummkopf von Maurevel den Mund aufmachen oder schreiben kann, sondern es handelt sich darum, daß Margot dich hintergeht.«

»Bah!« meinte Heinrich. »Glauben Sie doch nicht an Verleumdungen!«

»Wenn ich dir schon sagte, daß du mehr als kurzsichtig bist, daß du blind bist, Tod und Teufel, dann glaube mir schon einmal, du Starrkopf! Ich sage dir, daß Margot dich betrügt und daß wir heute abend den Gegenstand ihrer Neigung erwürgen werden.«

Heinrich sprang überrascht zurück und sah seinen Schwager verblüfft an.

»Du ärgerst dich darüber nicht zu sehr, Heinrich, gib es doch zu! Margot wird zwar ein Geschrei erheben, wie hunderttausend Krähen, aber, meiner Treu, das ist dann um so schlechter! Ich will nicht, daß man dich unglücklich macht. Mag meinetwegen Condé durch den Herzog von Anjou betrogen werden, ich lasse mir dafür kein Auge herausschlagen, Condé ist mein Feind. Du aber, du bist mein Bruder, du bist mehr, als mein Bruder, du bist mein Freund!«

»Doch, Sire ...«

»Auch will ich nicht, daß man dich belästigt, will nicht, daß man dich zum besten hält! Schon lange genug dienst du diesen gezierten Süßlingen, die aus der Provinz kommen, um unsere Brosamen aufzulesen und unseren Frauen den Hof zu machen, als Zielscheibe! Sie sollen nur kommen oder vielmehr, sie sollen nur wiederkommen, potztausend! Man hat dich betrogen, Henriot, das kann jedem Menschen widerfahren, aber ich schwöre dir, daß dir eine vollkommene Genugtuung zuteil werden wird, daß man morgen sagen wird: Donner und Hagel, es scheint, daß der König Karl seinen Bruder Henriot sehr gerne haben muß, weil er in dieser Nacht veranlaßt hat, daß diesem Herrn von La Mole die Zunge auf sehr komische Art aus dem Halse heraushängt.«

»Bedenken wir, Sire, ist diese Angelegenheit wirklich schon eine beschlossene Sache?«

»Beschlossen, bestimmt und festgesetzt! Der Höfling wird nicht viel Zeit haben, sich zu beklagen. Wir werden die Angelegenheit unter uns erledigen, das heißt, nur ich, Anjou, Alençon und Guise werden dabei sein, ein König, zwei Königssöhne und ein selbstherrlicher Prinz, ohne dich zu rechnen.«

»Warum ... ohne auf mich zu rechnen?«

»Ja, weil du auch dabei sein wirst!«

»Ich!«

»Ja, du! Erdolche mir diesen Kerl auf königliche Art, während wir ihn erwürgen!«

»Sire,« antwortete Heinrich, »Ihre Güte beschämt mich ... doch woher wissen Sie das so bestimmt?«

»Eh, zum Teufel! Es scheint, daß sich dieser komische Kauz damit gebrüstet hat. Er besucht sie bald im Louvre, bald in der Straße Cloche-Percée. Sie machen Verse miteinander, ich möchte gerne Verse von einem Höfling, wie er einer ist, zu Gesicht bekommen. Hirtenlieder dichten sie, sprechen über Bion und Moschos, üben sich im Wechselgang des Daphnis und Corydon. Ach, bringe mir nur wenigstens einen anständigen Dolch für den Kerl mit!«

»Sire,« meinte Heinrich, »wenn ich überlege ...«

»Was denn?«

»Eure Majestät werden verstehen, daß ich an dieser Unternehmung nicht teilnehmen kann. Persönlich dabei zu sein, würde sich, wie mir scheint, doch nicht schicken. Ich bin an der Sache schon zu sehr beteiligt, als daß man mein Eingreifen nicht als Roheit beurteilen müßte. Eure Majestät rächen die Ehre Ihrer Schwester an einem Lassen, der sich gebrüstet und meine Frau verleumdet hat, nichts ist einfacher, und Margarete, die ich für unschuldig halte, ist dadurch auch keinesfalls entehrt. Wenn ich hingegen an der Unternehmung teilhabe, dann sieht die Sache anders aus. Meine Teilnahme macht aus einer Rechtshandlung eine Tat der Rache, das sieht dann nicht nach Vollstreckung eines Urteiles, sondern nach einem Mord aus, Und schließlich wird meine Frau nicht nur verleumdet sein, sondern sie wird auch für schuldig gehalten werden.«

»Teufel noch einmal, Heinrich, deine Rede ist Gold, und ich sagte es eben früher meiner Mutter, daß du den Verstand eines Dämons hast!«

Und Karl betrachtete wohlgefällig seinen Schwager, der sich verbeugte, um sich für dieses Lob zu bedanken.

»Nichtsdestoweniger,« fügte Karl bei, »wirst du doch froh sein, daß man dich von dem Höfling befreit.«

»Alles was Eure Majestät tun, ist wohlgetan!« sagte der König von Navarra.

»Also gut, gut! Lasse mich deine Angelegenheit in Ordnung bringen und sei überzeugt, daß sie darum nicht schlechter erledigt werden wird.«

»Ich verlasse mich auf Sie, Sire!« sagte Heinrich.

»Um welche Stunde besucht er gewöhnlich deine Frau?«

»Aber ich glaube, so gegen neun Uhr abends.«

»Und wann geht er weg?«

»Bevor ich komme, denn ich finde ihn niemals!«

»Gegen ...?«

»Gegen elf Uhr.«

»Gut! Begib dich heute erst gegen zwölf Uhr hinab, die Sache wird dann schon erledigt sein.«

Nachdem Karl Heinrichs Hand herzlich gedrückt und ihm nochmals Versicherungen seiner Freundschaft gegeben hatte, ging er davon und pfiff seine geliebte Jagdweise.

»Himmel und Hölle!« fluchte der Bearner und folgte Karl mit den Blicken. »Ich würde mich arg täuschen, wenn nicht alle diese Teufeleien wieder von der Königin-Mutter ausgehen! Wahrhaftig, sie erfindet alles Mögliche, um mich und meine Frau auseinanderzubringen... eine so reizende Ehe!«

Und Heinrich lachte, wie er eben nur lachen konnte, wenn er allein war und niemand ihn hören konnte.

Gegen sieben Uhr abends desselben Tages, als die geschilderten Ereignisse bereits der Vergangenheit angehörten, kämmte sich ein hübscher junger Mann, der gerade ein Bad genommen hatte, mit Wohlgefallen vor einem Spiegel im Louvre, ging dann auf und ab und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin.

An seiner Seite schlief oder streckte sich vielmehr auf einem Bette ein zweiter junger Mann.

Der eine von beiden war La Mole, der tagsüber so viele beschäftigt hatte und vielleicht noch beschäftigte, ohne daß er selbst eine Ahnung davon hatte, der andere war sein Genosse Coconas.

Tatsächlich hatte sich dieses ganze große Gewitter um La Mole entladen, ohne daß er das Grollen des Donners oder das Leuchten der Blitze gesehen. Er war um drei Uhr früh nach Hause gekommen, hatte sich niedergelegt und war bis drei Uhr nachmittags liegen geblieben, halb schlafend, halb träumend. In diesem halbwachen Zustand baute er feste und sichere Schlösser auf dem unsicheren Sandboden, den man auch Zukunft nennt. Dann hatte er sich erhoben, hatte eine Stunde in einer Badeanstalt verbracht, war darauf zu Meister La Hurière essen gegangen und wieder in den Louvre zurückgekehrt, um sich für den gewohnten Besuch bei der Königin umzukleiden.

»Und du sagst also, daß du gegessen hast?« fragte Coconas gähnend.

»Ja, meiner Treu, und noch dazu mit größtem Appetit.«

»Warum hast du mich nicht mitgenommen, selbstsüchtiger Mensch?«

»Du schliefst so fest, daß ich dich nicht wecken wollte. Doch weißt du, du wirst eben nachtmahlen, statt zu Mittag zu essen und vergiß vor allem nicht den Meister La Hurière nach dem Tischwein aus Anjou zu fragen, den er dieser Tage wieder erhalten hat.«

»Ist er gut?«

»Bestelle dir nur einen, mehr brauche ich nicht zu sagen.«

»Wohin gehst du?«

»Ich?« sagte La Mole erstaunt, daß sein Freund ihn darum befragte. »Wohin ich gehe? Zur Königin, um ihr meine Aufwartung zu machen.

»Halt! Was würdest du dazu sagen, wenn ich in unser kleines Haus in der Straße Cloche-Percée essen gehen würde, ich könnte die Überbleibsel von gestern zu mir nehmen, und da gab es auch einen gewissen Wein von Alicante dort, der besonders kräftigend wirkt.«

»Das wäre unvorsichtig, Freund Hannibal, namentlich nach den Ereignissen der letzten Nacht! Übrigens, hat man uns auch nicht das Wort abgenommen, daß wir nicht allein in das Haus zurückkehren dürften? Bitte, reiche mir meinen Mantel herüber!«

»Ja, meiner Treu, das ist wahr!« sagte Coconas. »Darauf hatte ich ganz vergessen ... aber, wo zum Teufel ist denn dein Mantel? ... Ah, da ist er ja!«

»Nein, du reichst mir ja den schwarzen, ich bitte dich um den roten Mantel! Die Königin sieht mich lieber im roten!«

»Ah, Teufel, suche nun selbst, ich kann ihn nicht finden!« rief Coconas und sah sich noch nach allen Seiten um.

»Wie, du kannst ihn nicht finden? Ja, wo ist er denn?«

»Du wirst ihn verkauft haben.«

»Wozu denn? Mir bleiben immer noch sechs Taler.«

»So nimm dir meinen Mantel!« »Was nicht noch? ... einen gelben Mantel zu einem grünen Wams, ich würde aussehen wie ein Papagei!«

»Meiner Treu!, du bist ein schwieriger Mensch. Mach also, was du willst!«

In dem Augenblick, gerade als La Mole, nachdem er alles drunter und drüber geworfen hatte, heftige Ausfälle auf die Diebe unternahm, die sich bis in den Louvre hineinwagten, erschien ein Page des Herzogs von Alençon mit dem begehrten und kostbaren Mantel auf dem Arm.

»Ah!« rief La Mole, »da ist er endlich!«

»Ihr Mantel, mein Herr!« sagte der Page, »ja? Der gnädige Herr ließ ihn nämlich holen, um eine Wette auszutragen, die bezüglich des Farbentones dieses Mantels abgeschlossen worden war.«

»Oh!« meinte La Mole, »ich fragte nur nach ihm, weil ich ausgehen wollte, aber wenn Seine Hoheit ihn noch zu behalten wünscht ...«

»Nein, Herr Graf, die Sache ist erledigt.«

Der Page verschwand und La Mole hing sich den Mantel um.

»Nun also, zu was hast du dich entschlossen?« fragte er den Freund.

»Ich weiß gar nichts!«

»Werde ich dich am Abend hier wiederfinden?«

»Wie soll ich dir das jetzt schon sagen?«

»Du weißt nicht, was du innerhalb der nächsten zwei Stunden tun wirst?«

»Ich weiß wohl, was ich tun werde, doch ich weiß nicht, wie man über mich verfügen wird?«

»Die Herzogin von Nevers?«

»Nein, der Herzog von Alençon.«

»Tatsächlich bemerke ich schon seit einiger Zeit, daß er sich besonders freundlich gegen dich benimmt.«

»Aber ja!« meinte Coconas.

»Dein Glück ist also gemacht!« sagte lachend La Mole.

»Puh!« machte Coconas, »... ein jüngster Sohn!« »Ach, er hat den großen Wunsch, der älteste Sohn zu werden. Vielleicht wird der Himmel zu seinen Gunsten ein Wunder vollbringen! Du weißt also nicht, wo du heute abend sein wirst?« »Nein.« »Zum Teufel! Also ... vielmehr adieu!« »Dieser La Mole ist schrecklich,« sagte sich Coconas, »er will immer nur von einem wissen, wo man sein wird! Weiß man es denn selbst? Übrigens glaube ich, daß ich große Lust zum Schlafen habe!« Und er drehte sich auf die andere Seite um. La Mole hingegen nahm seinen Weg zu den Gemächern der Königin. Im bekannten Gang stieß er mit dem Herzog von Alençon zusammen. »Ah! Sie sind es, Herr von La Mole?« sagte der Prinz. »Jawohl, gnädigster Herr!« erwiderte La Mole ehrerbietig grüßend. »Entfernen Sie sich aus dem Louvre?« »Nein, Eure Hoheit! Ich will Ihrer Majestät, der Königin von Navarra, meine Huldigung darbringen.« »Um welche Stunde werden Sie sie wieder verlassen, Herr von La Mole?« »Haben Eure Hoheit etwaige Befehle für mich?« »Augenblicklich nicht, doch ich möchte Sie heute abend noch sprechen.« »Um welche Stunde?« »Zwischen neun und zehn Uhr.« »Ich werde die Ehre haben, mich um diese Zeit bei Eurer Hoheit zu melden.« »Gut, ich rechne auf Sie!« La Mole grüßte und setzte seinen Weg fort. »Dieser Herzog,« sagte er sich, »sieht manchmal wie ein Toter aus! Das ist doch recht merkwürdig.« Er klopfte an die Tür der Königin an. Gillonne, die seine Ankunft scheinbar schon erwartet hatte, öffnete und führte ihn zur Königin hin.

Margarete schien mit einer Arbeit beschäftigt zu sein, die ermüdend war. Ein Papier, auf dem viel durchgestrichene Zeilen zu sehen waren, und ein Band Isokrates lagen vor ihr auf dem Tische. Sie gab La Mole ein Zeichen, damit er sie in Ruhe einen angefangenen Abschnitt fertig übersetzen ließe. Als sie dann die Arbeit beendigt hatte, warf sie die Feder weg und lud den jungen Mann ein, sich neben sie hinzusetzen.

La Mole strahlte vor Freude. Er war noch nie so hübsch und noch nie so lustig gewesen wie heute.

»Griechisch!« rief er aus und sah in das Buch hinein. »Eine Rede des Isokrates! Was wollen Sie damit? Oh, oh! Auf dem Papier lese ich ja Latein: ad Sarmatirae legatos reginae Margaritae concio! Sie wollen also die Barbaren in lateinischer Sprache anreden?«

»Das werde ich wohl müssen, da sie nicht französisch verstehen.«

»Wie können Sie aber schon die Antwort zusammenstellen, bevor Sie die Anrede der Gesandten kennen?«

»Eine eitlere Frau als ich, würde Ihnen glauben machen, daß es sich um eine Stegreifdichtung handelt. Doch für Sie, mein Hyazinth, wende ich derlei Täuschungen nicht an: man hat mir einfach die Anrede der Gesandten im voraus übermittelt und ich antworte darauf.«

»Ist die Ankunft der Abgesandten schon so bald zu erwarten?«

»Mehr als das: sie sind heute früh schon angekommen!«

»Das weiß aber niemand.«

»Sie sind unerkannt angekommen. Ihr feierlicher Einzug ist, wie ich glaube, erst für übermorgen bestimmt. Übrigens, Sie werden alles erwarten können,« fügte Margarete mit einer gewissen Befriedigung hinzu, die aber nicht ganz von Gelehrtendünkel frei war, »was ich da heute gearbeitet habe, ist ganz nach Art eines Cicero ausgefallen. Doch lassen wir diese Nichtigkeiten und reden wir lieber von Ihren Abenteuern.«

»Von meinen Abenteuern?«

»Ja.«

»Was soll ich denn erlebt haben?«

»Ah! Sie können sich jetzt gut auf den Biederen spielen, ich finde Sie aber trotzdem ein wenig blaß aussehend.«

»Vielleicht deshalb, weil ich zu viel geschlafen habe, ich muß mich allerdings ganz untertänigst hierzu bekennen.«

»Also, also, keine Prahlereien! Ich weiß alles!«

»Wollen Sie doch die Güte haben, schönste Perle, mich über alles genau zu unterrichten, denn ich selbst habe nicht die geringste Ahnung.«

»Antworten Sie mir aufrichtig! Was hat Sie die Königin-Mutter gefragt?«

»Die Königin-Mutter mich? Hatte sie mir denn etwas zu sagen?«

»Wie? Sie haben sie gar nicht gesehen?«

»Nein.«

»Und den König Karl?«

»Auch nicht!«

»Den König von Navarra?«

»Ebenfalls nicht!«

»Doch den Herzog von Alençon haben Sie gesehen?«

»Ja, gerade als ich hierher kam, ich traf ihn auf dem Gange.«

»Was hat er Ihnen gesagt?«

»Daß er mir zwischen neun und zehn Uhr abends einige Aufträge zu erteilen hätte.«

»Nichts anderes?«

»Nein, sonst nichts!«

»Das ist doch merkwürdig!«

»Was finden Sie daran Merkwürdiges, sagen Sie mir es doch?«

»Ich finde es merkwürdig, daß Sie sonst gar nichts gehört haben.«

»Sollte sich etwas Besonderes ereignet haben?«

»Unglücklicher, während des ganzen Tages schwebten Sie über einem Abgrund!«

»Ich?«

»Ja, Sie!«

»Aus welchem Grund?«

»Hören Sie: Herr von Mouy, der heute nacht im Zimmer des Königs von Navarra, den man verhaften wollte, überrascht wurde, hat drei Männer getötet und hat sich dann geflüchtet. Von ihm wurde aber nichts anderes hierbei erkannt, als sein kirschroter Mantel!«

»Nun und?«

»Nun, der rote Mantel, der mich schon einmal irregeführt hat, hat jetzt auch die anderen getäuscht. Sie wurden verdächtigt und sogar für schuldig befunden, den dreifachen Mord verübt zu haben. Heute morgen wollte man Sie verhaften, Sie vor Gericht stellen und wer weiß, vielleicht auch schon verurteilen! Sie hätten wohl kaum, um sich zu retten, gesagt, wo Sie gestern abend gewesen sind, nicht wahr?«

»Sagen, wo ich gewesen bin?« rief La Mole aus. »Sie bloßstellen? Sie, meine schönste Majestät? Oh! Da dachten Sie wohl richtig ... ich würde singend sterben, um diesen schönen Augen eine Träne zu ersparen!«

»Leider, leider, mein armer Freund, meine Augen müßten trotzdem weinen!«

»Doch wie hat sich dieses drohende Gewitter zusammengebraut?«

»Erraten Sie nichts?«

»Wie kann ich etwas erraten?«

»Es gab doch nur eine einzige Möglichkeit, um den Beweis zu erbringen, daß Sie nicht im Zimmer des Königs von Navarra gewesen sind.«

»Welche?«

»Sie hätten gestehen müssen, wo Sie tatsächlich gewesen sind.«

»Und?«

»Das habe ich nun selbst gestanden!«

»Wem?«

»Meiner Mutter!«

»Die Königin Katharina ...«

»Die Königin Katharina weiß, daß Sie mein Geliebter sind!«

»Oh, Madame, da Sie solches für mich getan, können Sie von Ihrem ergebenen Diener alles, alles verlangen! Ach, wahrhaftig, Margarete, das war groß und hochherzig gehandelt! Mein Leben gehört Ihnen, Margarete!«

»Das hoffe ich! Denn ich habe es denen entrissen, die mir es nehmen wollten, doch jetzt sind Sie gerettet!«

»Durch Sie,« rief der junge Mann, »durch meine einzig geliebte Königin!«

In dem Augenblick ließ sie ein heftiger Lärm zusammenfahren. La Mole, von einer unbestimmten Angst ergriffen, warf sich nach rückwärts, Margarete stieß einen Schreckensruf aus und blickte mit starren Augen auf eine zerschmetterte Scheibe des Fensters.

Ein Kieselstein von der Größe eines Hühnereis war durch das Glas geworfen worden und rollte noch auf dem Fußboden.

Auch La Mole bemerkte die zerbrochene Fensterscheibe und erkannte nun die Ursache des Lärmes.

»Wer ist der Unverschämte?« schrie er und stürzte auf das Fenster zu.

»Einen Augenblick nur!« rief Margarete. »An dem Stein ist, wie mir scheint, etwas befestigt.«

»Man könnte glauben, daß es ein Stück Papier ist,« sagte La Mole.

Margarete ging auf das seltsame Wurfgeschoß zu, bückte sich und löste ein schmales Blatt Papier vom Stein, das, gefaltet wie ein enges Band, die Mitte des Kiesels umhüllte.

Dieses Papier wurde mittels eines Bindfadens am Stein festgehalten, der sich durch die zerbrochene Fensterscheibe schlängelte.

Margarete entfaltete den Brief und las.

»Unglücklicher!« rief sie La Mole zu.

Sie reichte ihm das Stück Papier hin. Bleich, aufrecht und unbeweglich, wie eine Marmorstatue etwa, die den Schrecken darstellen soll, nahm La Mole das Papier entgegen.

Mit ängstlichem Herzen und in Vorahnung eines furchtbaren Schmerzes las er die Worte: »Man erwartet Herrn von La Mole mit langen Stoßdegen im Gang, der zur Wohnung des Herzogs von Alençon führt. Vielleicht wäre es ihm lieber, durch dieses Fenster ins Freie zu gelangen, um sich Herrn von Mouy auf seiner Reise nach Mantes zuzugesellen ...«

»Eh!« sagte La Mole, nachdem er gelesen hatte und wieder ruhig geworden war, »sind diese langen Degen länger als meine Degen?«

»Nein, es sind aber vielleicht zehn gegen einen!«

»Und wer ist der Freund, der Ihnen die Nachricht schickt?«

Margarete nahm das Papier aus der Hand des jungen Mannes und betrachtete die Schrift mit brennenden Blicken.

»Die Schrift des Königs von Navarra!« rief sie. »Wenn er warnt, dann ist die Gefahr sicher im Anzug. Fliehen Sie, La Mole, fliehen Sie, ich bitte Sie darum!«

»Wie wollen Sie nur, daß ich fliehe?« fragte La Mole.

»Aber durch das Fenster; spricht man in dem Brief nicht von diesem Fenster?«

»Befehlen Sie, meine Königin, und ich werde gehorsam durch dieses Fenster hinabspringen, wenn ich mich unten auch zwanzigmal zerschmettern sollte!«

»Warten Sie, warten Sie einen Augenblick, es kommt mir vor, als ob diese Schnur ein Gewicht vertragen würde!«

»Sehen wir uns das an,« sagte La Mole.

Und beide zogen die Schnur durch das Fenster und bemerkten mit unsäglicher Freude, daß an ihrem Ende eine aus Roßhaar und Seide verfertigte Strickleiter festgebunden war.

»Ah, Sie sind gerettet!« rief Margarete.

»Das ist wie ein Wunder Gottes!«

»Nein, das ist eine hochherzige Handlung des Königs von Navarra!«

»Wenn das aber im Gegenteil nur eine Falle sein sollte?« fragte La Mole. »Wenn die Leiter unter meinen Füßen zerreißen sollte? ... Madame, haben Sie heute nicht Ihre Neigung für mich eingestanden?«

Margarete, deren augenblickliche Freude wieder einem Schmerz gewichen war, wurde bleich wie eine Sterbende.

»Sie haben recht,« sagte sie, »das ist nicht unmöglich!«

Nach diesen Worten ging sie auf die Tür zu.

»Was wollen Sie tun?« rief La Mole.

»Ich werde mich selbst davon überzeugen, ob man uns auf dem Gang erwartet!«

»Niemals, niemals! Sie könnten ihrer Wut zum Opfer fallen!«

»Was sollen die einer Tochter des Königshauses antun? Ich bin Frau und Prinzessin königlichen Geblütes, ich bin zweifach unverletzlich!«

Die Königin sprach diese Worte mit solcher Würde, daß La Mole wirklich überzeugt wurde und einsah, daß dieser königlichen Frau nichts geschehen könne, daß er sie nach ihrem eigenen Willen handeln lassen müsse.

Margarete ließ La Mole unter der Obhut Gillonnes zurück. Seinem Scharfsinn sollte es überlassen bleiben je nach Umständen zu fliehen oder ihre Rückkehr zu erwarten. Dann begab sie sich in den Gang, von dem eine Abzweigung in eine Bibliothek und in mehrere Empfangsräume führte, der aber in seiner langen Fortsetzung bei der Wohnung des Königs, der Königin-Mutter und bei jener kleinen, geheimen Stiege ausmündete, auf der man zu den Gemächern des Herzogs von Alençon und des Königs von Navarra hinaufsteigen konnte. Obwohl es kaum neun Uhr abends war, waren doch schon alle Lichter verlöscht und der ganze Gang lag mit Ausnahme eines schwachen Lichtscheins, der aus der Abzweigung kam, in vollständiger Dunkelheit. Festen Schrittes schritt die Königin von Navarra vorwärts, doch kaum war sie beim letzten Drittel des Ganges angelangt, als sie ein Stimmgeflüster vernahm, das sich unheimlich und schaurig anhörte, weil man bestrebt war, jeden verständlicheren Ton möglichst zu unterdrücken. Gleich darauf aber hörte das Geräusch auf, als ob ein wirksamer Befehl Schweigen geboten hätte, alles lag wieder still und finster da, denn auch der dünne Lichtschein schien sich mit einemmal verringert zu haben. Margarete setzte ihren Weg fort und ging der Gefahr, wenn eine solche vorhanden war, gerade entgegen. Anscheinend blieb sie ruhig, obgleich ihre geballten Hände eine heftige Gemütserregung verrieten. In dem Maß, als sie sich dem Ende des Ganges näherte, verdoppelte sich förmlich die unheimliche Stille. Ein Schatten, der dem Umriß einer vorgestreckten Hand glich, verdunkelte einen unsicheren und zitternden Lichtschein. Gerade bei der Abzweigung des Ganges trat plötzlich ein Mann zwei Schritte vor, entfernte den Schirm von einem vergoldeten Handleuchter und während er vor sich hinleuchtete, schrie er: »Da ist er!«

Margarete stand, Angesicht zu Angesicht, ihrem Bruder Karl gegenüber. Hinter ihm stand der Herzog von Alençon mit einem seidenen Strick in der Hand. Im dunklen Hintergrund waren noch zwei aufrecht stehende Schatten bemerkbar, Seite an Seite und nur gerade vom Widerschein ihrer blanken, in Bereitschaft gehaltenen Degenklingen beleuchtet.

Mit einem einzigen Blick erfaßte Margarete die ganze Lage. Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und gab dem König Karl lächelnd zur Antwort: »Sire, Sie wollten wohl sagen: da ist sie.«

Karl wich einen Schritt zurück. Alle anderen blieben unbeweglich stehen.

»Du, Margot?« sagte er. »Wohin gehst du zu dieser Stunde?«

»Zu dieser Stunde? Ist es denn so spät?«

»Ich frage dich, wohin du gehst?«

»Ich will ein Buch suchen, eine Rede Ciceros, das ich bei unserer Mutter vergessen zu haben glaube.«

»So ganz ohne Licht?«

»Ich dachte, daß der Gang noch beleuchtet wäre.«

»Du kommst aus deiner Wohnung?«

»Ja.«

»Was machst du heute abend?«

»Ich bereite mich zu einer Rede für die polnischen Abgesandten vor. Findet denn morgen nicht eine Beratung statt, und ist es nicht bestimmt worden, daß jeder seine Rede Eurer Majestät zu unterbreiten hat?«

»Hilft dir nicht jemand bei dieser Arbeit?«

Margarete nahm sich zusammen.

»Ja, mein Bruder,« erwiderte sie, »Herr von La Mole, er ist sehr gelehrt.«

»So gelehrt,« unterbrach der Herzog von Alençon, »daß ich ihn gebeten habe, nach Beendigung seiner Arbeit mit Ihnen, liebe Schwester, auch mich aufzusuchen und mir an die Hand zu gehen, da ich doch nicht über so viel Wissen verfüge wie Sie!«

»Und Sie erwarten ihn jetzt?« fragte Margarete harmlos.

»Ja!« antwortete Alençon mit Ungeduld.

Unter solchen Umständen werde ich ihn herschicken, mein Bruder, denn wir sind eigentlich schon fertig.«

»Und Ihr Buch?« fragte Karl.

»Ich werde es von Gillonne holen lassen.«

Die zwei Brüder gaben sich ein heimliches Zeichen.

»Gehen Sie,« sagte Karl, »wir werden unsere Streifung fortsetzen.«

»Streifung?« fragte Margarete. »Wen suchen Sie denn?«

»Den kleinen roten Mann,« antwortete Karl. »Wissen Sie denn nicht, daß im alten Louvre ein kleiner roter Mann umgeht? Mein Bruder Alençon behauptet, ihn gesehen zu haben und wir wollen ihn finden.«

»Glück auf die Jagd!« sagte Margarete.

Sie zog sich zurück und blickte sich dann noch einmal um. An der Mauer des Ganges standen die vier Schatten beieinander und schienen sich zu beraten.

In einer Sekunde schon stand sie an der Tür ihrer Wohnung, »Öffne, Gillonne, öffne!« rief sie.

Gillonne gehorchte sofort.

Margarete stürzte in ihre Zimmer und fand La Mole, der sie ruhig und entschlossen mit gezogenem Degen erwartete.

»Fliehen Sie,« rief sie, »fliehen Sie, ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren! Sie erwarten Sie im Gang, um Sie zu ermorden!«

»Sie befehlen es?« fragte La Mole.

»Ich will es! Wir müssen uns trennen, um uns bald wiederzusehen!«

Während der Abwesenheit Margaretes hatte La Mole die Strickleiter am Fenstergitter befestigt. Jetzt schwang er sich über die Brüstung hinüber. Doch bevor er den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter setzte, küßte er noch zärtlich die Hand der Königin.

»Wenn diese Strickleiter eine Falle sein sollte und ich für Sie sterbe, Margarete, dann erinnern Sie sich Ihres Versprechens!«

»Das ist kein Versprechen, La Mole, das ist ein Schwur! Fürchten Sie nichts, adieu!«

Ermutigt ließ sich nun La Mole hinab, er glitt eher an der Leiter hinunter, als daß er die Sprossen benützte.

In dem Augenblick wurde an die Tür geklopft.

Margarete verfolgte La Mole auf seiner gefahrvollen Reise noch mit den Augen und verließ erst das Fenster, bis sie sicher war, daß seine Füße den Erdboden berührt hatten.

»Madame,« rief Gillonne, »Madame!«

»Was gibt es?«

»Der König klopft an die Tür!«

»Öffnen Sie!«

Gillonne befolgte den Befehl.

In ungeduldiger Erwartung standen die vier Prinzen auf der Türschwelle.

Karl trat als erster ein.

Margarete kam ihm mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen.

Rasch warf der König einen Blick im Zimmer herum.

»Was suchen Sie, mein Bruder?« fragte Margarete.

»Aber ... ich suche ... ich suche ... eh! Teufel, ich suche den Herrn von La Mole!« rief der König.

»Herrn von La Mole?«

»Ja, wo ist er denn?«

Margarete nahm ihren Bruder bei der Hand und führte ihn an das Fenster.

In diesem Augenblick entfernten sich gerade zwei Reiter in scharfem Galopp vom Louvre und erreichten den Holzturm. Der eine von ihnen löste eine Schärpe von seinem Leib und ließ den weißen Atlas flattern, das war ein Abschiedsgruß für Margarete. Die zwei Reiter waren La Mole und Orthon.

Margarete zeigte Karl die fliehenden Reiter.

»Nun,« fragte der König, »was soll das heißen?«

»Das soll heißen,« erwiderte Margarete, »daß der Herzog von Alençon seinen Strick nunmehr ruhig in die Tasche stecken kann, daß auch der Herzog von Anjou und der Herzog von Guise ihre Degen versorgen können, weil ja doch Herr von La Mole heute nacht gewiß nicht durch den Gang gehen wird!«

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