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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Schweiß und Blut

Einige Tage nach diesem grauenvollen Ereignis, das wir gerade erzählt haben, das heißt am dreißigsten Mai des Jahres 1574, hörte man, als sich der ganze Hof mittlerweile in Vincennes versammelt hatte, im Zimmer des Königs plötzlich einen großen Lärm. Während des Balles nämlich, den Karl am Todestag der beiden jungen Leute gegeben hatte, war er kränker denn je zusammengebrochen und hatte sich dann auf Anordnung der Ärzte nach Vincennes, also auf das Land begeben müssen, um dort ein wenig bessere Luft zu schöpfen.

Es war acht Uhr morgens. Eine kleine Gruppe von Hofleuten unterhielt sich im Vorzimmer gerade sehr anregend, als plötzlich ein Schrei ertönte, und die Amme des Königs tränenden Auges auf der Türschwelle erschien, um in den Ruf auszubrechen: »Hilfe dem König! Hilfe dem König!«

»Geht es denn Seiner Majestät schlechter?« fragte der Kapitän von Nancey, den der König bekanntlich dem Dienste Katharinas vollständig entzogen und seiner Person zugeteilt hatte.

»Oh, was für ein Blut, was für ein Blut!« rief die Amme. »Die Ärzte, holen Sie die Ärzte!«

Mazille und Ambrosius Paré wechselten sich im Dienst des allerhöchsten Kranken stets ab. Ambrosius Paré aber, an dem gerade die Reihe war, hatte gesehen, wie der König einschlief und hatte sich diesen Schlummer zunutze gemacht, um für wenige Augenblicke aus dem Zimmer zu gehen.

Mittlerweile war beim König ein starker Schweißausbruch eingetreten. Weil auch eine Erschlaffung der Kapillargefäße stattgefunden hatte, war gleichzeitig Blutaustritt aus der Haut hervorgerufen worden. Der blutige Schweiß hatte die Amme erschreckt. Sie konnte diese seltsame Erscheinung nicht begreifen und sagte, da sie, wie erinnerlich, Protestantin war, dem König unaufhörlich, daß das am Tage des Heiligen Bartholomäus vergossene Blut der Hugenotten jetzt sein eigenes Blut heraufbeschwöre.

Man lief nach allen Seiten auseinander, denn der Arzt konnte nicht weit sein und man mußte ihm irgendwo begegnen.

Das Vorzimmer des Königs blieb also leer, jeder hatte großen Eifer an den Tag legen wollen, den verlangten Arzt selbst zu suchen.

Da öffnete sich eine Tür und Katharina erschien. Sie ging rasch durch das Vorzimmer und trat lebhaft in das Zimmer ihres Sohnes ein.

Karl hatte sich rücklings auf sein Bett geworfen, sein Auge war erloschen, seine Brust bewegte sich heftig auf und nieder. Rötlicher Schweiß floß von seinem Körper herab und an den Fingern der ausgespreizten Hand, die aus dem Bette heraushing, pendelten flüssige Rubine.

Der Anblick war schauerlich.

Trotzdem richtete sich Karl, als er den Lärm der Schritte seiner Mutter hörte, auf, als ob er ihr Eintreten erkannt hätte.

»Verzeihung, Madame,« seufzte er und sah dabei seine Mutter an, »ich möchte gerne in Ruh und Frieden sterben!«

»Sterben, mein Sohn?« lautete die Antwort. »Sterben wegen eines nur vorübergehenden Anfalles dieses heimtückischen Übels? Wollen Sie uns mit diesen Worten in Trostlosigkeit versetzen?«

»Ich sage Ihnen, Madame, daß ich fühle, wie meine Seele entflieht. Ich sage Ihnen, Madame, daß der Tod kommt, der Tod aller Teufel! ... Ich fühle, was ich fühle und ich weiß, was ich sage!«

»Sire,« erwiderte die Königin, »Ihre Einbildung ist Ihre größte Krankheit. Seit der wohlverdienten Hinrichtung der zwei Zauberer, dieser zwei Mörder, die sich Coconas und La Mole nannten, müssen sich Ihre körperlichen Leiden verringert haben. Nur das seelische Leiden dauert noch fort, und wenn ich mit Ihnen nur zehn Minuten reden könnte, würde ich Ihnen beweisen ...«

»Amme,« rief Karl, »halte Wache bei der Tür und daß mir niemand hereinkommt! Die Königin Katharina von Medici wünscht mit ihrem vielgeliebten Sohn, Karl dem Neunten, zu reden.«

Die Amme gehorchte.

»Übrigens,« meinte Karl, »muß eine Aussprache erfolgen, heute oder morgen müßte es dazu kommen, und darum ist es besser heute als morgen! Denn morgen könnte es wohl auch schon zu spät sein. Aber eine dritte Person muß bei unserer Unterredung zugegen sein!«

»Und warum denn?«

»Weil, wie ich Ihnen schon gesagt habe, der Tod im Anzug ist,« sagte Karl mit einer beängstigenden Feierlichkeit, »weil er in jedem Augenblick, genau so wie Sie, bleich und stumm und ohne sich vorher anmelden zu lassen, in dieses Zimmer treten kann. Da ich heute Nacht meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung gebracht habe, wird es auch an der Zeit sein, jetzt an die Angelegenheiten des Reiches zu denken.«

»Wer ist die Person, die Sie zu sehen wünschen?« fragte Katharina.

»Meinen Bruder wünsche ich bei mir zu sehen! Lassen Sie ihn rufen, Madame!«

»Sire,« erwiderte die Königin, »ich bemerke mit großer Freude, daß die Verleumdungen, die weit mehr durch Haß erzeugt als durch Folterschmerzen erpreßt worden sind, allmählich aus Ihrem Gedächtnis entschwinden und hoffentlich auch bald aus Ihrem Herzen geschwunden sein werden. Amme,« rief Katharina, »Amme!«

Die brave Frau, die draußen gewacht hatte, öffnete die Tür.

»Amme, auf Befehl meines Sohnes ist dem Herrn von Nancey, sobald er da sein wird, zu melden, daß der Herzog von Alençon zum König zu kommen hat.«

Als die brave Frau zur Ausführung des Befehles wieder enteilen wollte, hielt Karl sie mit einem Zeichen zurück.

»Ich sagte: meinen Bruder, Madame!«

Die Augen Katharinas erweiterten sich, wie die Augen einer in Wut geratenden Tigerin. Aber Karl hob gebieterisch seine Hand.

»Meinen Bruder Heinrich will ich haben, denn Heinrich allein ist mein Bruder! ... Nicht der Heinrich, der dort irgendwo König ist, sondern der gefangene Heinrich. Er soll meinen letzten Willen wissen!«

Angesichts der fürchterlichen Willensäußerung ihres Sohnes und infolge ihres Hasses gegen den Bearner, geriet die Florentinerin ganz aus ihrer sonst zur Schau getragenen Fassung und ungewöhnlich kühn und heftig rief sie die Worte: »Und ich, ich werde, wenn Sie, wie Sie sagen, schon am Rande des Grabes stehen, niemand und sicherlich schon keinem Fremden mein Recht abtreten, in Ihrer letzten Stunde an Ihrer Seite zu weilen, denn das ist mein Recht als Königin und als Mutter!«

»Madame,« sagte Karl, »noch bin ich König, noch befehle ich! Ich sage Ihnen, daß ich meinen Bruder Heinrich zu sprechen wünsche, Madame, und Sie rufen nicht meinen Kapitän der Garde? ... Tausend Teufel! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich noch genug bei Kräften bin, um mir ihn selbst zu holen.« Er machte eine Bewegung, als wolle er aus dem Bett springen. Bei dieser Gelegenheit wurde sein Körper teilweise sichtbar, der sich in einem so bemitleidenswerten Zustand befand, wie etwa der Körper Christi nach der Geißelung.

»Sire,« schrie Katharina und hielt ihn zurück, »Sie tun uns ja allen bitteres Unrecht an! Sie vergessen die Beschimpfungen, die unserer Familie angetan worden sind, Sie schmähen so unser Blut! Nur ein Sohn des Königshauses darf an dem Totenbett des Königs von Frankreich knien! Und was mich betrifft, so ist mir mein Platz von der Natur angewiesen, wenn er mir nicht schon nach Sitte und Herkommen gebührt ... darum bleibe ich!«

»In welcher Eigenschaft bleiben Sie also, Madame?« fragte Karl der Neunte.

»In meiner Eigenschaft als Mutter!«

»Sie sind nicht meine Mutter mehr, Madame, und Sie sind es ebensowenig als der Herzog von Alençon mein Bruder ist!«

»Sie sprechen im Fieberwahn, mein Herr!« rief Katharina. »Seit wann ist die, die das Leben gibt, nicht die Mutter dessen, dem sie es gegeben hat?«

»Seit diese unnatürliche Mutter, Madame, das wieder nimmt, was sie gegeben hat!« antwortete Karl und trocknete sich blutigen Schaum von den Lippen ab.

»Was wollen Sie damit sagen, Karl?« fragte Katharina und sah ihren Sohn mit erstaunten Augen an, »ich verstehe Sie nicht!«

»Sie werden mich gleich verstehen, Madame!«

Karl fuhr mit der Hand unter sein Kopfkissen und zog einen silbernen Schlüssel heraus.

»Nehmen Sie diesen Schlüssel, Madame, und öffnen Sie meinen Reisekoffer. Er enthält mehrere Papiere, die für mich sprechen werden.«

Der König streckte seine Hand gegen einen prachtvoll verzierten Koffer aus, an dem gleichfalls ein silbernes Schloß angebracht war und der auf einem sehr sichtbaren Platz des Zimmers Aufstellung gefunden hatte.

Unter dem Einfluß des Übergewichtes, das Karl über sie erlangt hatte, folgte Katharina, begab sich mit langsamen Schritten zum Koffer, öffnete ihn und warf einen Blick in sein Inneres hinein. Plötzlich aber wich sie zurück, als ob sie in den Fächern des Koffers ein schlafendes Reptil entdeckt hätte.

»Nun,« fragte Karl, der sie nicht aus den Augen verloren hatte, »was gibt es denn im Koffer, das Sie so sehr erschreckt hat, Madame?«

»Nichts,« lautete die Antwort.

»Also dann langen Sie mit Ihrer Hand hinein, Madame, und nehmen Sie das Buch heraus. Es muß sich ein Buch dort befinden, nicht wahr?« sagte Karl lächelnd und dabei erbleichend – ein Gesichtsausdruck, der bei ihm viel furchtbarer wirkte, als die ärgste Drohung eines anderen.

»Ja,« stammelte Katharina.

»Ein Jagdbuch, ist es nicht so?«

»Ja.«

»Nehmen Sie es heraus und bringen Sie es mir her.«

Trotz ihrer Selbstbeherrschung erbleichte Katharina und zitterte am ganzen Körper, als sie ihre Hand nach dem Buche ausstreckte.

»Schicksalsfügung!« murmelte sie und ergriff den Band.

»Gut,« sagte Karl, »hören Sie jetzt: Dieses Jagdbuch ... ich war ja verrückt... ich liebte die Jagd über alles ... dieses Jagdbuch habe ich zu eifrig gelesen ... verstehen Sie, Madame?«

Katharina ließ einen dumpfen Jammerlaut hören.

»Ja, es war eine Schwäche!« fügte Karl hinzu. »Verbrennen Sie das Buch, Madame, man soll die Schwächen eines Königs nicht kennen!«

Katharina näherte sich dem glühenden Kamin und ließ das Buch mitten auf den Rost fallen. Dann blieb sie stumm und unbeweglich dabeistehen und betrachtete mit glanzlosen Äugen die bläulichen Flammen, die die vergifteten Blätter verzehrten.

Je mehr das Buch verbrannte, um so stärker schwebte auch ein scharfer Geruch im Zimmer.

Bald war es zu Asche geworden.

»Und jetzt lassen Sie mir meinen Bruder rufen, Madame!« gebot Karl mit unwiderstehlicher Hoheit.

Vom Schrecken gelähmt, niedergeschmettert durch die vielfache Gemütserregung, die selbst ihr Scharfsinn nicht ganz begreifen und die ihre übermenschliche Kraft nicht meistern konnte, tat Katharina einen Schritt nach vorwärts und wollte reden.

Die Mutter hatte Gewissensbisse, die Königin empfand Schrecken, die Giftmischerin wurde von neuerlichem Haß erfüllt.

Das letzte Gefühl beherrschte alle anderen.

»Verflucht sei er!« schrie sie und stürzte aus dem Zimmer. »Er triumphiert, er kommt ans Ziel, ja, verflucht, verflucht sei er!«

»Da hören Sie, hören Sie, mein Bruder Heinrich!« rief Karl seiner Mutter nach. »Bruder Heinrich, mit dem ich sofort über die Regierung des Königreiches Rücksprache pflegen möchte!«

Fast im nächsten Augenblick trat Meister Ambrosius Paré aus der gegenüberliegenden Tür in das Zimmer. Er blieb auf der Schwelle stehen und sog den lauchartigen Geruch ein, der im Zimmer verbreitet war.

»Wer hat denn hier Arsenik verbrannt?« fragte er.

»Ich!« erwiderte Karl.

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