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Königin Margot. Zweiter Band

Alexandre Dumas (der Ältere): Königin Margot. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleKönigin Margot. Zweiter Band
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
printrunDritte Auflage
translatorManfred Freiherr v. Pillerstorff
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida755e5cc
created20070203
modified20171227
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Die Folterung mit dem spanischen Stiefel

Erst in seinem neuen Gewahrsam und erst als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, begann Coconas, nun sich selbst überlassen und weil ihn der Kampf mit den Richtern und der Zorn gegen René nicht mehr in Anspruch nahm, seinen traurigen Gedanken nachzuhängen.

»Mir scheint,« so sagte er sich, »daß die Sache die schlechteste Wendung nimmt und daß es Zeit wäre, ein wenig in diese Kapelle hineinzuschauen. Ich befürchte ein Todesurteil, denn unstreitig beschäftigen sie sich gegenwärtig damit, uns zum Tode zu verurteilen. Ich befürchte namentlich Todesurteile, wenn sie mit Ausschluß der Öffentlichkeit in einem derartigen Schloß und vor derartig scheußlichen Menschen, wie sie mich umgaben, beschlossen und verkündet werden sollen. Man will uns also ganz ernstlich um einen Kopf kürzer machen, hm, hm! ... Ich muß also auf das zurückkommen, was ich bereits erwogen habe: es ist Zeit, in die Kapelle zu kommen.«

Den halblaut vor sich hingesprochenen Worten folgte eine Stille, und diese Stille wurde plötzlich durch einen dumpfen Schrei unterbrochen, einen erstickten und schauerlichen Schrei, der nichts Menschenähnliches an sich hatte. Der Schrei schien durch die dicken Mauern zu dringen, schien die eisernen Gitterstangen in Schwingungen zu versetzen.

Coconas schauderte unwillkürlich, obwohl er so tapfer war, daß seine Unerschrockenheit eher dem Selbsterhaltungstrieb eines wilden Tieres glich. Er blieb unbeweglich sitzen, blieb an der Stelle, wo er den Klageschrei vernommen hatte, und zweifelte nicht daran, daß ein derartiger Schrei nicht von einem menschlichen Wesen ausgestoßen sein könnte. Er hielt ihn für das Heulen des Windes, der durch die Bäume fuhr oder für eines der vielen Geräusche der Nacht, wie sie zwischen den unbekannten zwei Welten hinauf oder hinabdringen, zwischen denen sich unsere Erde dreht. Dann aber drang eine zweite, noch schmerzlichere, noch heftigere und herzergreifendere Klage an das Ohr Coconas, und diesmal unterschied dieser nicht nur sehr deutlich den Ausdruck des Schmerzes durch eine menschliche Stimme, sondern er glaubte auch in dieser Stimme La Mole zu erkennen.

Bei diesen Tönen vergaß der Piemontese, daß er durch zwei Türen, durch drei Eisengitter und durch eine Mauer von mindestens zwölf Fuß Stärke eingeschlossen war. Er stürzte mit seinem ganzen Körpergewicht auf diese Mauer los, als ob er sie so umwerfen könnte, als ob er fliegen müßte, um dem unglücklichen Opfer Hilfe zu bringen.

»Man erwürgt also hier!« schrie er und rannte an die Mauer an, die er gar nicht hatte sehen wollen, fiel vom Stoß erschüttert auf eine steinerne Bank und sank entkräftet nieder.

Das war alles.

»Oh, sie haben ihn getötet!« murmelte er. »Das ist abscheulich! Aber man kann sich hier nicht verteidigen ... nichts ... nichts ... nicht eine einzige Waffe!«

Er streckte die Hände um sich aus.

»Ah, dieser Eisenring,« rief er, »den reiße ich heraus und weh demjenigen, der sich mir nähert!«

Coconas erhob sich, packte den Ring und lockerte ihn mit einem einzigen Ruck so sehr, daß ihn eine zweite gleiche Kraftanstrengung sicherlich vollends herausgerissen hätte.

In dem Augenblick aber öffnete sich eine Tür, und das Licht zweier Fackeln erleuchtete den Raum des Gefängnisses.

»Kommen Sie, mein Herr!« sagte die gleiche schnarrende Stimme, die ihm schon einmal so besonders unangenehm gewesen und die, um sich drei Stockwerke tiefer hören zu lassen, keineswegs an Reiz gewonnen hatte. »Kommen Sie, mein Herr, der Gerichtshof erwartet Sie!«

»Gut!« sagte Coconas und ließ den Ring los. »Es wird mir das Urteil verkündet werden, ist es nicht so?«

»Ja, mein Herr!«

»Oh! ich atme auf. Gehen wir also!« meinte er.

Er folgte dem Gerichtsdiener, der mit seinem schwarzen Stock in der Hand steif vor ihm herging.

Trotz seiner im ersten Augenblick zum Ausdruck gebrachten Genugtuung warf Coconas im Gehen unruhige Blicke nach links und nach rechts, nach vorwärts und nach rückwärts.

»Oh, oh!« murmelte er. »Ich sehe den braven Aufseher nirgends, ich muß gestehen, daß mir seine Anwesenheit angenehm wäre.«

Man trat in den Saal, den die Richter gerade verlassen hatten und in dem sich nur ein Mann befand, den Coconas als den Generalstaatsanwalt erkannte. Der hatte mehrere Male in den Lauf der Verhandlung eingegriffen und immer mit einer nicht zu übersehenden Gehässigkeit.

Tatsächlich war das der Mann, dem Katharina bald brieflich, bald persönlich mit Nachdruck anempfohlen hatte, den Gang des Verfahrens entsprechend zu beeinflussen.

Ein hochgehobener Vorhang gewährte Einblick in den Hintergrund des Raumes, der im Dunkeln lag, doch der Anblick des beleuchteten Teiles war schon schrecklich genug, daß Coconas Beine darob versagten und er ausrufen mußte: »Oh, mein Gott!«

Dieser Schreckensruf Coconas hatte wirklich alle Berechtigung für sich.

Der Anblick war tatsächlich einer der abscheulichsten. Der Saal, der während der Verhandlung durch den Vorhang abgesperrt war, schien der Vorraum der Hölle zu sein.

Im Vordergrund stand ein Holzblock, um den einige Seile geschlungen waren, darüber hingen Rollen und andere Vorrichtungen für Folterungen. Etwas abseits stand ein glühendes Kohlenbecken, dessen rötlicher Schein auf alle andern herumstehenden Gegenstände fiel. Zwischen diesem und Coconas standen noch Leute, von denen nur die Schattenrisse zu bemerken waren. Bei einer der Säulen, die das Deckengewölbe stützten, lehnte, unbeweglich wie eine Statue, ein Mann, der einen Strick in den Händen hielt.

Man hätte glauben können, daß er ebenso aus Stein gehauen wäre, als die Säule, an die er sich lehnte. An den Wänden oberhalb der Sandsteinbänke hingen zwischen Eisenringen Ketten und blitzende Waffen.

»Oh,« murmelte Coconas, »die Folterkammer, schon vorbereitet und in Erwartung des Dulders! Was bedeutet das?«

»Auf die Knie, Marc-Hannibal Coconas!« rief eine Stimme, die den Edelmann veranlaßte, seinen Kopf etwas zu heben. »Auf die Knie, um das Urteil zu vernehmen, das gegen Sie ergangen ist!«

Es war eine jener Aufforderungen, auf die die ganze Persönlichkeit Hannibals triebmäßig eingehen mußte.

Trotz dieser Bereitwilligkeit aber legten zwei Männer so urplötzlich und so gewichtig ihre Hände auf die Schultern des Edelmannes, daß er mit beiden Knien auf den Fußboden niedersank.

Dieselbe Stimme ertönte wieder: »Urteil, gefällt in der Gerichtssitzung auf der Festung zu Vincennes, wider den Marc-Hannibal von Coconas, angeklagt und überwiesen eines Majestätsverbrechens, eines Giftmordversuches, der Teufelskunst und Zauberei gegen die Person des Königs, des Verbrechens der Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates, wie denn auch, durch verderbliche Ratschläge einen Prinzen von königlichem Geblüt zum Aufruhr verleitet zu haben ...«

Auf alle angedichteten Beschuldigungen schüttelte Coconas den Kopf nach einem Taktmaß, wie es ungelehrige Schüler zu tun pflegen.

Der Richter fuhr fort: »In Verfolg dessen wird besagter Marc-Hannibal von Coconas in das Staatsgefängnis auf dem Platz Saint-Jean-en-Grève abgeführt, um dortselbst enthauptet zu werden. Seine Güter werden eingezogen, seine Wälder bis auf die Höhe von sechs Fuß abgeholzt, seine Schlösser dem Erdboden gleichgemacht werden und ein in die Höhe ragender Pfahl mit einem Lederschild, auf dem das Verbrechen und die Strafe vermerkt sind ...«

»Was mein Haupt anbelangt,« rief Coconas dazwischen, »so glaube ich gerne daran, daß man es mir abschlagen wird, denn es befindet sich ja in Frankreich und ist daher schwer gefährdet. Doch alle Sägen und alle Beile dieses sehr christlichen Königreiches sollen sich hüten, das hochstämmige Holz meiner Wälder oder meine Schlösser anzufressen!«

»Ruhe!« gebot der Richter und setzte fort: »Außerdem wird besagter Coconas ...«

»Wie?« unterbrach Coconas abermals, »es soll nach der Enthauptung noch etwas mit mir geschehen? Oh, oh! Das scheint mir aber ein besonders strenges Urteil zu sein?«

»Nein, mein Herr,« sagte der Richter, »vor ...«

Und er setzte fort: »Und wird außerdem besagter Coconas vor dem Vollzug des Todesurteiles einer außerordentlichen Folterung unterzogen werden, das ist der Folterung mit den ›zehn Winkeln‹.«

Coconas sprang auf und warf einen funkelnden und niederschmetternden Blick auf den Richter.

»Und zu welchem Zweck?« schrie er und fand für die Unzahl der Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten, keine anderen Worte, als diese harmlose Frage.

Tatsächlich warf diese Folterung die ganzen Hoffnungen Coconas über den Haufen, denn jetzt würde er erst nach der Folter in die Kapelle gebracht werden und nach der Folterung starb man sehr häufig. Und je tapferer und je mutvoller man die Folter ertrug, desto sicherer war auch der Tod, denn so mußte man ja jedes Eingeständnis als Feigheit betrachten. Solange man aber nichts eingestand, dauerte die Folterung fort und nicht nur das, sie wurde auch noch mit stärkeren Mitteln fortgesetzt.

Der Richter schenkte es sich, Coconas eine Antwort zu geben, die Fortsetzung der Urteilsschrift besorgte die Antwort selbst und so schloß er: »Damit er gezwungen werde, seine Mitverschwörer, Geheimbünde und Machenschaften bis in alle Einzelheiten einzugestehen.«

»Verdammt!« schrie Coconas, »das nenne ich eine Gemeinheit! Das nenne ich noch ganz anders als Gemeinheit, das nenne ich eine Niederträchtigkeit!«

An die Zornausbrüche der Opfer, an den Zorn wie an stille Duldung, die ihn in Tränen verwandelt, gewöhnt, machte der unempfindliche Richter nur eine einzige Handbewegung.

Coconas wurde bei den Schultern und bei den Füßen ergriffen, wurde zu Boden geworfen, wurde weggetragen und schließlich auf eine Folterbank gelegt und gefesselt, bevor er überhaupt noch sehen konnte, wer ihm so Gewalt angetan hatte.

»Ihr Elenden!« heulte er und rüttelte derartig tobsüchtig an der Bank und an dem Gerüst, daß seine Peiniger zurückwichen. »Ihr Elenden, foltert mich, zermalmt mich, zerteilt mich in Stücke und ihr werdet nichts erfahren, das schwöre ich euch! Ah, ihr glaubt, daß man mit ein paar Stückchen Holz, mit ein paar Stückchen Eisen einen Edelmann meines Namens zum Reden zwingen kann? Geht doch, geht, ich biete euch Trotz!«

»Bereiten Sie sich zum Schreiben vor, Gerichtsschreiber!« befahl der Richter.

»Ja, bereite dich vor,« brüllte Coconas, »und wenn du das alles aufschreiben wirst, was ich euch allen zu sagen habe, ihr schändlichen Henker, dann wirst du genug zu tun bekommen! Schreibe nur, schreibe!«

»Wollen Sie jetzt noch Enthüllungen machen?« fragte der Richter mit seiner gleichen ruhigen Stimme.

»Nein, nicht ein Wort! Hol euch der Teufel!«

»Sie können es sich noch während der Vorbereitungen überlegen, mein Herr. Vorwärts, Meister, bringen Sie die spanischen Stiefel an.«

Auf diese Worte hin löste sich der Mann, der bisher mit dem Strick in der Hand unbeweglich dagestanden war, von der Säule und näherte sich mit langsamen Schritten Coconas, der sich seinerseits ein wenig herumdrehte, um ihm eine Fratze zu schneiden.

Es war Meister Caboche, der Henker des Pariser Obergerichtes.

Ein schmerzliches Erstaunen malte sich auf den Zügen Coconas, der nun, statt zu schreien und sich zu bewegen, ganz still liegen blieb und seine Augen von dem Gesicht des längst vergessenen Freundes, der in einem solchen Augenblick wieder vor ihn hintreten mußte, nicht abwenden konnte.

Ohne daß ein einziger Muskel in seinem Gesicht zuckte und so, als ob er Coconas niemals und nirgends anderswo gesehen hätte, als auf diesem Holzbock, schob Caboche zwei Bretter zwischen dessen Beine, legte dann zwei andere Bretter an die äußere Seite der Schenkel und verschnürte alles mit dem Strick, den er in den Händen hatte.

Das war das Verfahren, das man damals spanische Stiefel nannte.

Für die gewöhnliche Folterung trieb man sechs breite Holzkeile zwischen die Bretter, die durch die Spreizung die Haut und das Fleisch abscheuerten.

Für die außerordentliche Folterung aber wurden zehn Holzkeile verwendet, und dann wurde nicht nur das Fleisch zwischen den Brettern wundgerieben, sondern es krachten und splitterten auch die Knochen.

Die einleitenden Vorbereitungen waren beendigt und Meister Caboche senkte die Spitze des ersten Holzkeiles zwischen die Bretter. Auf einem Fuß kniend, den Schlägel in der Hand, sah er den Richter erwartungsvoll an.

»Wollen Sie jetzt noch sprechen?« fragte dieser den Angeklagten.

»Nein!« lautete die entschlossene Antwort Coconas, obgleich er fühlte, wie der Schweiß an seiner Stirne perlte, wie seine Haare sich sträubten.

»Dann also, vorwärts!« gebot der Richter. »Den ersten Keil, wie gewöhnlich!«

Caboche erhob seinen Arm mit dem wuchtigen Schlägel und versetzte dem Keil einen fürchterlichen Schlag. Ein dumpfer Ton hallte auf.

Der Holzbock erzitterte.

Nach diesem ersten Schlag auf den Keil, der selbst den Hartnäckigsten ein Stöhnen zu entringen pflegte, ließ Coconas nicht die geringste Klage hören.

Ja, es geschah sogar noch mehr: ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf seinen Gesichtszügen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf Caboche, der gerade den Arm wieder erhoben hatte und der sich, halb gegen den Richter gewendet, anschickte, einen neuerlichen Schlag auf den Keil zu führen.

»Was hatten Sie für eine Absicht, als Sie sich im Walde versteckten?« fragte der Richter.

»Wir wollten uns in den Schatten setzen,« erwiderte Coconas.

»Weiter!« befahl der Richter Caboche.

Der Henker schlug zum zweiten Mal, so daß abermals ein dumpfer Ton durch den Raum hallte.

Wie beim ersten Schlag, so verzog auch jetzt Coconas keine Miene, und unaufhörlich war sein Blick mit dem gleichen Ausdruck auf den Henker gerichtet.

Der Richter runzelte die Brauen.

»Das ist wohl ein hartgesottener Christenmensch!« murmelte er. »Ist der Keil bis an sein Ende eingedrungen, Meister?«

Caboche beugte sich vor, um nachzusehen. Während er sich aber über Coconas neigte, flüsterte er ganz leise: »So schreien Sie doch. Sie Unglücksmensch!«

Dann richtete er sich wieder auf und sagte: »Bis an sein Ende, mein Herr!«

»Den zweiten Keil, wie gewöhnlich!« befahl der Richter kühl.

Die wenigen Worte Caboches hatten Coconas vollkommen aufgeklärt. Der brave Henker war im Begriff, seinem Freund den größten Dienst zu leisten, den ein Henker einem Edelmann zu leisten imstande war.

Er ersparte ihm damit mehr als nur die Schmerzen, er ersparte ihm damit die Schmach irgendeines rettenden Eingeständnisses. Statt Eichenkeile zwischen die Bretter zu treiben, schlug er ihm Keile aus geschmeidigem Leder zwischen die Beine, deren Oberfläche gerade nur sichtbar mit Holz überdeckt war. Durch diese schonungsvolle Behandlung bewirkte Caboche aber noch mehr: er erhielt Coconas die Kraft, um allenfalls der Hinrichtung entgehen zu können.

»Ah, braver, braver Caboche!« murmelte der Piemontese. »Sei nur unbesorgt, ich werde schon schreien, wenn du es verlangst und wenn du nicht zufrieden sein wirst, bist du wirklich ein schwer zu befriedigender Mensch!«

Während dieser Zeit hatte der Henker einen zweiten, noch stärkeren Keil mit seinem Ende zwischen die Bretter gesteckt.

»Vorwärts!« sagte der Richter.

Nach diesem Wort schlug Caboche so kräftig zu, als ob es sich darum handle, mit einem Schlag das ganze Festungswerk von Vincennes zu sprengen.

»Ah! ah! hu! hu!« schrie Coconas in den verschiedensten Tönen. »Himmeldonnerwetter! Sie zerbrechen mir ja die Knochen, geben Sie doch acht!«

»Ah!« meinte der Richter lächelnd, »der zweite Keil tut seine Schuldigkeit, ich wunderte mich schon selbst!«

Coconas schnaufte, wie ein Blasbalg in der Schmiede.

»Was taten Sie also im Wald?« wiederholte der Richter.

»Eh, verdammt! Ich sagte es Ihnen schon, ich wollte frische Luft schöpfen.«

»Weiter!« befahl der Richter.

»Gestehen Sie etwas ein!« flüsterte Caboche Coconas ins Ohr.

»Was?«

»Was Sie nur wollen, aber irgend etwas müssen Sie eingestehen.«

Und er schlug nochmals darauf los, nicht minder kräftig als das erste Mal.

Coconas schrie so kräftig, daß er zu ersticken glaubte.

»Oh! la, la!« rief er. »Was wollen Sie wissen, mein Herr? Auf wessen Befehl ich im Wald war?«

»Ja, mein Herr!«

»Auf Befehl des Herzogs von Alençon!«

»Schreiben Sie,« befahl der Richter.

»Wenn mir ein Verbrechen zur Last gelegt wird, weil ich dem König von Navarra eine Falle stellte, so war ich ja doch nur eine Mittelsperson, mein Herr, ich gehorchte meinem Herrn!«

Der Gerichtsschreiber schickte sich an zu schreiben.

»Oh, du hast mich verraten, du Blaßgesicht!« murmelte der Gefolterte. »Warte nur, warte nur!«

Und nun erzählte er vom Besuch des Herzogs beim König von Navarra, erwähnte die Zusammenkünfte des Herrn von Mouy mit Alençon, erzählte die Geschichte vom roten Mantel, heulte auf, als er sich an alles erinnerte und ließ sich von Zeit zu Zeit einen Schlag mit dem Hammer gefallen.

Schließlich gab er so deutliche Erklärungen ab, erhob gegen den Herzog von Alençon wahrheitsgetreue, unbestreitbare und fürchterliche Anschuldigungen, brachte die Aussagen mit der zunehmenden Heftigkeit der Schmerzen so gut in Übereinstimmung, schnitt Gesichter, errötete und klagte in so verschiedenen Tonarten, daß der Richter selbst davor zurückschreckte, derart bloßstellende Einzelheiten aus dem Leben eines Sohnes des Königshauses von Frankreich beurkunden zu lassen.

»Nun also, so laß ich es mir gefallen!« sagte Caboche. »Das ist einmal ein Edelmann, der sich nicht alles zweimal sagen läßt und dem Gerichtsschreiber keine Schwierigkeiten macht. Jesus, du mein Gott!« fügte er leise bei, »was wäre nicht schon alles geschehen, wenn die Keile nicht aus Leder, sondern aus Holz wären.«

Dann wurde der letzte außerordentliche Keil Coconas in Gnaden erlassen. Doch ohne diesen zu rechnen, hatte er doch die Wirkung von neun anderen über sich ergehen lassen müssen, die wohl im andern Falle genügt hätten, ihm die Beine zu zermalmen.

Der Richter ließ auf Grund der Aussagen Coconas die gemilderte Behandlung zuteil werden und zog sich zurück.

Der Angeklagte blieb allein mit Caboche.

»Nun?« fragte dieser. »Wie geht es uns, mein lieber Herr?«

»Ah, mein Freund, mein braver Freund, mein lieber Caboche! Sei überzeugt, daß ich dir mein ganzes Leben lang Dank wissen werde für das, was du mir eben getan!«

»Teufel! Sie haben wohl recht, mein Herr, denn wenn man ahnen würde, was ich für Sie getan, dann würde wohl ich bald Ihren Platz auf dem Holzbock einnehmen müssen, und man würde mich nicht schonen, wie ich Sie geschont habe!«

»Aber wieso ist dir dieser großartige Gedanke gekommen?«

»Das kam so,« sagte Caboche, und dabei wickelte er die Beine Coconas in blutbefleckte Leintücher ein, »ich wußte, daß Sie verhaftet worden waren, ich wußte, daß ein Gerichtsverfahren gegen Sie eingeleitet worden war und daß die Königin Katharina unbedingt Ihren Tod wollte. Ich erriet, daß man die peinlichen Fragen an Sie stellen wird und habe daher meine Vorbereitungen getroffen.«

»Und Sie setzten sich solcher Gefahr aus?«

»Mein Herr,« sagte Caboche, »Sie sind der einzige Edelmann, der mir jemals die Hand gereicht hat, und schließlich hat man, wenn man auch nur ein Henker ist, ein Gedächtnis und auch ein Herz und vielleicht hat man es gerade darum, weil man ein Henker ist! Sie werden sehen, wie ich morgen meinen Dienst tadellos versehen werde!«

»Morgen?« fragte Coconas.

»Ohne Zweifel, morgen!«

»Was für einen Dienst?«

Caboche sah Coconas erstaunt an.

»Wie? Sie fragen: was für einen Dienst? Haben Sie denn das Urteil vergessen?«

»Ja, richtig, ja, das Urteil!« sagte Coconas. »Das hatte ich vergessen.«

Tatsache war, daß es Coconas nicht vergessen hatte, daß er aber nicht daran dachte.

Das, woran er dachte, war die Kapelle, war das unter dem geweihten Tuch versteckte Dolchmesser, waren Henriette und die Königin, war die Sakristeitür, waren die an der Waldgrenze bereitgehaltenen Pferde. Das, woran er dachte, war die Freiheit, war der Ritt in das offene Gelände, war die Sicherheit außerhalb der Grenzen Frankreichs.

»Und jetzt,« erklärte Caboche, »handelt es sich darum, Sie geschickt von dem Holzbock auf die Tragbahre zu bringen. Vergessen Sie nicht, daß Sie für alle Welt, selbst für meine Gehilfen, gebrochene Knochen haben und daß Sie bei jeder Bewegung einen Schrei auszustoßen haben.«

»Au weh!« rief Coconas, als er sah, daß zwei Gehilfen eine Tragbahre zu ihm hinstellten.

»Also, also, nur ein klein wenig Mut!« sprach ihm Caboche zu. »Wenn Sie schon jetzt schreien, was wird denn dann erst später werden?«

»Mein lieber Caboche,« bat Coconas, »ich flehe Sie an, lassen Sie mich nicht von Ihren sehr achtbaren Helfershelfern berühren. Die haben doch sicherlich nicht so eine leichte Hand, wie Sie!«

»Stellen Sie die Tragbahre neben den Holzbock hin!« befahl Caboche.

Die zwei Gehilfen gehorchten. Meister Caboche nahm Coconas in seine Arme, wie er es mit einem Kind getan hätte, und legte ihn sanft auf das Traggestell nieder. Doch trotz aller Vorsicht stieß Coconas verzweifelte Schreie aus.

Dann erschien der brave Aufseher mit einer Laterne.

»In die Kapelle!« sagte er.

Die Träger machten sich auf den Weg, nachdem Coconas Caboche zum zweitenmal die Hand gedrückt hatte.

Der erste Händedruck hatte dem Piemontesen zu viel eingebracht, als daß er in dieser Beziehung noch irgendwelche Schwierigkeiten hätte machen wollen.

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